Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Beige Wuchtbrumme: Das Sofa

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Das Sofa ist das wichtigste Möbel der modernen Wohnung. Hier kommt der Arbeitnehmer des Abends zu sich selbst, und alles, was er braucht, steht eine Armlänge weit auf dem zugehörigen Sofatisch. In letzter Zeit jedoch wird die klassische Polstergarnitur zunehmend von etwas verdrängt, was sich Sitzlandschaft nennt.

Meine Nachbarin ist verzweifelt. „Ich will ein Sofa kaufen“, klagt sie. Nun renne sie von Möbelmarkt zu Möbelmarkt, aber alles, was es dort gebe, seien diese modernen Sitzlandschaften oder voluminöse Wuchtbrummen mit Armlehnen von einem guten halben Meter Breite. Weil sie meine Nachbarin ist, wohnt sie auch in einem dieser kleinen Arbeiterhäuschen mit ihren kleinen Zimmerchen, die in diesem Viertel üblich sind. Und außer dem Sofa sollte auch noch etwas anderes ins Zimmer passen, unter anderem sie selbst.

Bild zu: Beige Wuchtbrumme: Das Sofa

Irgendwann einmal begann das Sofa seine Karriere als zierliches Bänkchen. Dann durchlief es eine Evolution in die Breite und Tiefe, bis es zu der Polsterschlucht wurde, die es heute ist und an der so mancher Möbelpacker in engen Treppenhäusern schon verzweifelte. Denn in Möbelkatalogen gibt es keine Altbauwohnungen, keine Fachwerkhäuser und auch nicht die kleinen Ziegelhäuser, in denen um die Jahrhundertwende die Fabrikarbeiter hausten. In jenen Zeiten hatten Möbel noch die angenehme Angewohnheit, sich umstandslos zerlegen zu lassen. Die heutigen Plüschbrocken sind meistens aus einem Guß und lassen sich nur unter Gewaltanwendung auseinandernehmen. Sie umformen den gesamten Körper von der Sohle bis zum Hinterkopf vollständig mit meist fürchterlich gemustertem Stoff, der auf die ein oder andere Art ins Beige spielt. 

In den meisten Wohnungen nimmt die sogenannte Polstergarnitur den zentralen Platz ein. Üblicherweise steht sie direkt vor der Glotze, mit dem Sofatisch parallel davor, denn dort fällt der beruflich beanspruchte Mensch in Ganzkörperstarre. Der Tisch dient als Chipsabladefläche in bequemer Reichweite, aber gern auch als Eßtisch, Fußablage und, ganz wichtig, Platz für die Berieselungsaccessoires: Fernsehzeitung und Fernbedienung. In früheren Zeiten, also in den Wohnungen unserer Großmütter, war der Sofatisch mit einer Tischdecke und einer dicken Wachskerze auf einem schmiedeeisernen Kerzenhalter versehen, mitunter auch mit einer Schale, mittlerweile wird er meist rein zweckmäßig und dabei großflächig belegt. Die klassische, lockere Anordnung mit zwei passenden Sesseln (plus Beduinen-Ledersitzkissen) ist auch ein wenig in Bedrängnis geraten, denn Sessel stehen gern in der Bildfläche herum. Mittlerweile darf das Arrangement über Eck als durchgesetzt gelten, das einen ungehinderten Blick zum Fernseher erlaubt.

Eine interessante Wandlung hat die Sofadecke durchgemacht. Früher diente sie dazu, das Möbel zu schonen, und befand sich auf den Polstern. Man mußte sich einigermaßen diszipliniert hinsetzen, weil sie sonst verrutschte und Falten schlug. Die Füße gehörten im Übrigen auf den Boden. Inzwischen liegt sie meist lose herum und wartet darauf, Füße zu wärmen. Unbedingt dazu gehört auch das Sofakissen. Die dicken Samtkissen, die mit dem Handkantenschlag der geübten Hausfrau die korrekten Stehzipfel verpaßt bekommen, sind selten geworden. Mittlerweile sind die Sofas oft so tief, daß eine Kissenschicht vor der Rückenlehne nötig geworden ist, um sich überhaupt irgendwo anlehnen zu können.

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Auch der Tisch wird nicht mehr geschont, anstatt Biergläsern auf Untersetzern (sonst schimpft Mutti) steht eher die Bierflasche direkt auf dem Tisch. Statt Holz wird Marmor verwendet, verbreitet ist auch immer noch der klassiche rustikale Tisch mit eingelegten Fliesen. Diese haben den Vorteil, unempfindlich und leicht zu reinigen zu sein. Leider sind sie auch brüllend häßlich mit ihren Klumpfüßen. Daher toben sich Möbeldesigner besonders gern an Sofatischen aus und ersinnen technoide Konstrukte aus Stahl, Glas, Holz, Stein und am liebsten gleich allem zusammen. Die stehen dann bei stilistisch ambitionierten Menschen herum, die gern so tun, als benutzten sie das Sofa vorwiegend zu etwas anderem als zum Fernsehen.

Er könne es nicht ertragen, in ein Wohnzimmer zu kommen und ein Sofa mit Sofatisch und zwei Sesseln zu sehen und zu wissen, dass man hier den ganzen Abend festsitzen werde, so ist von Verner Panton überliefert. Er ging also hin und erfand bunte Sitzelemente, auf denen man nicht sitzt, sondern eher herumlümmelt. Moderne Menschen nennen das loungen. Und so werden in den Möbelhäusern heute flexible Sitzlandschaften angeboten, auf denen man prima herumloungen kann, ungefähr so, wie die jungen Menschen in den Katalogen das in ihren Hundert-Quadratmeter-Zimmern vorleben.

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Man hat gern flexible Möbel, auf denen man auch ein mobiles Internet nutzen kann mit dem flexiblen Tarif. Man läßt sich von flexiblen Halogenspots beleuchten und stellt ein flexibles Tischchen daneben. Wenn ein  mobiler Besuch kommt, kann man alles schnell flexibel umbauen, dann lassen sich alle auf den flexiblen Möbeln nieder und unterhalten sich über ihre Mobilität. Leider ist meine Nachbarin kein flexibler, mobiler Mensch. Ich finde das gut, denn dann bleibt sie noch lange meine Nachbarin und bekocht mich mit wunderbaren Dingen. Aber man hat es manchmal nicht leicht in einer Welt, in der man zwischen dem beigen Polstertod und der möbelgewordenen Rastlosigkeit wählen muß.

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60 Lesermeinungen

  1. Nicht das Sofa ist so...
    Nicht das Sofa ist so interessant, sondern der Zustand, in dem es sich befindet; ich meine, mit oder ohne Falten, die Kissen spitz nach oben oder mit Handkantenschlag stilgerecht drapiert. Man kann in der Tat viel Aussagekräftiges über dessen Eigentümer erfahren. Mir bekannt ist das Verhalten eines Freundes, der in steter Sorge wegen der produzierten Falten des von ihm genutzten Sofas inkl. Kissen wegen des kopfschüttelns seiner Frau in Putzteufelfunktion ist.

  2. In den spaeten 60ern gab es...
    In den spaeten 60ern gab es aufblasbare Sessel und Sofas aus Venyl. Tolle Dinger, die nach einer Woche Katzenliebe leise zischend den Geist aufgaben.
    In derselben Zeit probierte man es mit Stuehlen und Chaiselongs aus Wellpappe. Die wiederum waren unbewohnbar und wurden in einer Studentenbude sehr schnell unrestauriebar schmutzig.
    Aber man studiert ja, um spaeter zu wenigstens etwas Geld zu kommen. Leider sind ansehnliche, bequeme Sitzmoebel meist nur im Hochpreissegment zu finden. Da gibt es einen Klassiker mit hochklappbarer Rueckenlehne von Cassina, den beruehmten Lounge Chair von Eames etc.
    Bei Couchtischen greift einen immer noch die schiere Verzweiflung ans Herz. Da gibt es grausame Wahrheiten, bis auf das runde Ding von Eileen Gray. Doch das geht-und ist nicht teurer als die ueblichen Ungetueme.
    Habe ich Hochpreisig gesagt? Das ist relativ. Denn diese Moebel halten sprichwoertlich ein ganzes Leben. Ein ganz kleines bisschen Pflege brauchen sie.

  3. Nico, ein weiterer Zustand ist...
    Nico, ein weiterer Zustand ist die Bestückung mit Puppen. Ich habe schon bei älteren Damen auf Sofas zu sitzen versucht, wo mir die Plastikgliedmaßen in den verlängerten Rücken stachen. Solche Sofas sind dann weniger Sitz- als vielmehr Ausstellungsfläche.
    .
    Filou, Katzen und Aufblassofas sollten möglichst nicht in der gleichen Wohnung alleine gelassen werden. Aber diese Zeit wollte ja das Sitzen ganz neu erfinden und bescherte uns auch the infamous Sitzsack.

  4. Woher nehmen Sie nur immer...
    Woher nehmen Sie nur immer Ihre Ideen? Ich bin jedes Mal wieder beeindruckt.
    Meine Mutter hat mir vor Jahren einen Zeitungsauschnitt rausgelegt zu einer Sofamanufaktur – wunderbar! Feine, elegante Formen, berauschende Stoffe… ich muß diesen Schnipsel wiederfinden, denn genau so eines möchte ich irgendwann haben. Irgendwann.

  5. Der Sitzsack! Sowas hatte ein...
    Der Sitzsack! Sowas hatte ein Kommilitone. Nach drei Wochen schob er das Ding ratlos von einer Ecke zur anderen. Die Vinylsessel stanken nach Weichmacher, um die ist es nicht Schade gewesen. Pappmoebel gibt es inzwischen wieder, von einer berliner Firma, davon ist manches stilitisch sehr ertraeglich, wenngleich gerade diese Stuecke eine moenchische Anmutung haben. Aber schwarz lackiert, in einem kargen Raum…doch! Die bunten Sachen kommen zwangslaeufig dazu: Buecher, CDs, Freundinnen…

  6. <p><em>Mittlerweile sind die...
    Mittlerweile sind die Sofas oft so tief, daß eine Kissenschicht vor der Rückenlehne nötig geworden ist, um sich überhaupt irgendwo anlehnen zu können.
    Hach, wie wahr. Ich bin zwar – im Gegensatz zur Nachbarin, aber da ich ihre Wohnzimmergrösse kenne, kann ich’s verstehen! – ein Fan der grösseren Sitzmöbel/-landschaften, aber das mit der Sitztiefe ist ein Problem. Ich liebe unsere Ledercouch, die wir beim Schweden um die Ecke erstanden haben, sie ist superbequem und knautschig, aber ich brauche ein dickes Kissen (dunkelroter Samt-Fake ohne Handkantenschlag) um darauf gerade sitzen zu können, sonst muss ich im Schneidersitz und so … auch ganz bequem, aber nicht immer.

  7. Wie ist denn das Sentiment...
    Wie ist denn das Sentiment gegenüber dem Corbusier-Kaffeetisch? Steht bei mir im Altbau mit zwei Barcelona-Stühlen und ansonsten antikem (Edwardian) Interieur. Kein Sofa. (übrigens auch kein Fernseher)

  8. Damenwahl, die Idee kam von...
    Damenwahl, die Idee kam von der Nachbarin frei Haus. Ansonsten klingt Sofamanufaktur schonmal gut. Alles, was nicht nach beigem Polsterbrocken aussieht, ist eine Verbesserung.
    .
    Katy, wer den Platz hat … wohnten wir alle in riesigen Lofts, wär das alles kein Problem. Aber es gibt meines Wissens nach genau ein Möbelhaus, das damit wirbt, Lösungen auch für kleine Zimmer zu haben. Das ist der Schwede. Und dann landet man doch immer da.

  9. Man könnte ganz kurz auch von...
    Man könnte ganz kurz auch von „Infantilisierung“ sprechen. Die (fast immer auf eine Weise) beigen „Sitzlandschaften“ sind die Snoezel-Ecke des modernen Arbeitnehmers. Versinke, verträume, iß, schlafe…

  10. A.Diener- das haben Sie locker...
    A.Diener- das haben Sie locker und nett beschrieben.
    Zum Sofakaufen gehört ein unabhängiger Berater, man sollte das nicht alleine entscheiden.Die Anfälligkeit von vielen Menschen, sich dem Verkäufer anzuvertrauen kann tragisch ausgehen. Es ist viele Jahre her,der Herr wollte
    alles neu und schön-rausgekommen ist der Kacheltisch,die beleuchtete
    Schrankwand und der Sofadreier in Muschelkotzoptik.
    Über Geschmack kann man streiten-dem wollen nur wenige zustimmen.

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