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Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Beim Catering wird genetworkt: Der Stehtisch

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Nicht nur vor Imbißbuden, auch in Kongreßzentren ist der Stehtisch ein unentbehrliches Möbel. Er ist das artgerechte Umfeld für das Cateringhäppchen und sorgt dafür, daß auch einsame Entscheider mal miteinander reden. Beziehungsweise networken. Beobachtungen von den Medientagen in München.

Seit einigen Jahrmillionen evolutioniert der Mensch vor sich hin. Erst kroch und kletterte er so herum, dann erhob er sich langsam von allen Vieren, nahm eine erst gebückte, dann zunehmend aufrechte Haltung ein, und schließlich, nach rund 6 Millionen Jahren der Entwicklung, war er endlich reif für den Stehtisch. Da steht er nun, und je nachdem, welcher Schicht er angehört, betreibt er dort wahlweise ungesunde Ernährung oder Networking.

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Mensch, was ist aus dir geworden? Hast du an einem schönen, warmen Herbsttag, wenn die Sonne scheint, die Vögel singen und die Blätter sich dem Höhepunkt ihrer Farbpracht zuwenden, wirklich nichts besseres zu tun, als in trockener Luft herumzustehen, vage thailändischen Catering-Blödsinn in dich hineinzuschaufeln, der aus kaltem Gemüse besteht, in das eine Packung Erdnüsse hineingefallen ist, und dabei so zu tun, als seiest du, du beanzugtes Individuum mit dem Schmalzhaar, wahnsinnig wichtig? Kannst du nicht einmal für drei Sekunden dein iPhone ablegen, mußt du da wahlweise hineinplappern oder an den Widgets herumspielen, um dich zu informieren, wie das Wetter ist, wenn ein Blick aus dem Fenster genügte: Wunderschön?

Es sind ja schließlich Medientage in München, sagst du, und wippst, Dynamik vortäuschend, an deinem Stehtisch herum. Da hat man nur zwei Möglichkeiten: Man steht einsam am Tisch und telefoniert, das ist die Entscheider-Rolle, mit dem iPhone als Nabelschnur zwischen dir, ohne den nichts, aber auch gar nichts läuft, und der Firma. Dieser Vorgang habe unbedingt mit bleiern ernstem Blick zu erfolgen, ein autoritäres Stieren gegen Unendlich verstärke die Wirkung. Das sei die wortlose Variante. Dann gebe es noch die anderen, sagst du, die in Grüppchen herumstehen und sich gegenseitig in fremdländischen Begriffen erzählen, wie unfaßbar anspruchvoll ihr Aufgaben sind. Das sei die wortreiche Variante, die gern auch von Frauen gewählt werde, das Analoggruscheln. Ich verstehe, sage ich. 

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Das Catering, so führst du weiter aus, sei überhaupt eigentlich kein Nahrungsmittel, es sei sozusagen ein Ansporn zur sozialen Clusterbildung. Dabei komme nun wieder der Stehtisch ins Spiel, denn ganz grundsätzlich gebe es immer zu wenig von seiner Art. Daher sei man gezwungen, sich zu mehrt um diese Tische zu gruppieren, Entschuldigung, ist hier noch Platz? Wo haben Sie denn die Semmel her? und schon befindet man sich mitten im schönsten Geplauder. Man wird es früher oder später als unhöflich erachten, zu plaudern, ohne sich vorgestellt zu haben mit Name, Firma, Position, gern auch unter Überreichung einer Visitenkarte, die sofort mit Gegenkarte gekontert wird. Die höhere sticht.

Und damit habe man sich das Recht erkauft, bei der nächsten langweiligen Veranstaltung dieser Art den Visitenkarteninhaber anzusprechen: Ach, guten Tag, Sie kenne ich doch? Haben wir nicht damals, in München? Medientage? Auf der Suche nach einer Semmel? Es gehe nämlich, sagt er, einzig darum, gefragt auszusehen, beschäftigt, mit Arbeit praktisch kaum hinterherkommend. Man könne auch am Tisch herumstehen und ein Redemanuskript vorbereiten, das gehe auch, Hauptsache, man tue etwas, was Karriere, Firma, Standort oder zumindest die Wirtschaft ganz allgemein voranbringe. 

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Entschuldigen Sie mich einen Moment, sagt der Entscheider, denn sein iPhone meldet sich schon wieder, und mit abgewandtem Blick und leicht gerunzelter Stirn bellt er elliptisches in sein mobiles Device. Caterer gehen herum und sammeln Gläser ein, am Ende der Stehtischreihe gibt ein Mädchen in rotem T-Shirt einer Firma, die Solutions für irgendwas anbietet, gesponserte Äpfel aus. Am Geländer stehen einige beanzugte Typen in gelöster Körperhaltung herum und schauen hinunter ins Parkett, wo ein paar Messestände aufgebaut sind. Einer repräsentiert den HotSpot Bayern, nicht sehr hot ist es dort, eher gähnend leer. Wahrscheinlich uninteressante Goodies. Hätten die mal besser ein paar Kekse hingelegt, das macht sich auch in Krisenzeiten gut, Kekse gehen immer. Oder wenigstens ein paar Kugelschreiber. Oder Streichhölzer mit einem Spruch darauf: Wir haben die zündenden Ideen. Sowas halt.

Er müsse nun weiter, sagt der Entscheider, der mit leichtem Seufzen und Augenrollen das Telefon auf den Tisch legt, als habe es ihn wirklich gestört und nicht, wie es ja eigentlich der Fall ist, in seiner Unersetzlichkeit bestätigt. Das Panel fange gleich an, er müsse noch den Raum suchen, er habe nur schnell einen Happen, so zwischen den Panels, aber er müsse. Er gibt mir die Hand, alles Gute, sagt er. Übersetzt heißt das: Belästigen Sie mich bloß so schnell nicht wieder, und in ein paar Jahren, wenn Sie es geschafft haben, sich zumindest auf eine mittelmäßig wichtige Position hochzuarbeiten und eine vernünftige Visitenkarte vorweisen können, dann können wir ja nochmal so über den Stehtisch hinwegnetworken und schauen, wie wir voneinander profitieren können, das heißt, ich von Ihnen. 

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Da geht er hin, der Getriebene. Die Hostessen können bald nicht mehr stehen, das Standpersonal hat Kopfschmerzen, die runde volle Stunde beginnt und damit die letzten Panels für heute. Wichtige Herren sitzen auf Podien und schwadronieren lauwarmes Zeug über Wachstum und Konsolidierung, Internationalisierung und Regionalisierung, Expansion und Konzentration, Usability und Content, Strategien müssen her, mit Zielgruppen kommuniziert werden, überall Umbruch, überall Diversifizierung.

Die Stehtische, gerade noch umkämpft, verwaisen wieder, die Entscheiderkarawane ist weitergezogen an einen anderen Ort, sitzt irgendwo im Publikum, schaut leicht gelangweilt drein und konsultiert nochmal das Wetterwidget. Schön sein soll es draußen. Bunt und sonnig und warm. Hier herinnen strahlt das Halogen und bläst die Klimaanlage zehnmal umgewälztes in den Raum. Aber man hat ja sein iPhone und eine ziemlich beeindruckende Visitenkarte.

Im Foyer hängt ein Bildschirm, und National Geographic sendet unbeachtet eine Dokumentation über Urmenschen ins Nichts hinein. Ein Australopithecus läuft durchs Unterholz und sammelt Nahrung. Ich schaue auf den Bildschirm, ich schaue hinüber zu den Stehtischen, ich schaue wieder auf den Bildschirm. Tiefe Misanthropie befällt mich. Dann muß ich lachen und lache noch draußen, in der warmen Herbstsonne.

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53 Lesermeinungen

  1. Großartig. Écrasez...
    Großartig. Écrasez l’infâme!

  2. Sehr gut beobachtet und noch...
    Sehr gut beobachtet und noch besser kommentiert. Absolut amüsant und lesenswert!

  3. Und das alles klar aufgeteilt:...
    Und das alles klar aufgeteilt: Unten (zwischen den Ausstellungs-Ständen) das gemeine Fußvolk und oben die Entscheider, deren Firmen dafür mehrere hundert Euro hinblättern.

  4. Sehr schöner Text, wunderbar....
    Sehr schöner Text, wunderbar.

  5. Dankeschön, ihr alle.
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    Elli,...

    Dankeschön, ihr alle.
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    Elli, das ist unfaßbar, was die Eintrittskarten kosten. Ein 1-Tages-Ticket 190 Euro. Für alle 3 Tage sparsame 395 Euro (Schüler & Studenten: 100 Euro).
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    Man muß das einfach nur mal mit der Buchmesse vergleichen: Die teuerste Karte kostet da 72 Euro (das billigste Tagesticket für Privatbesucher 7 Euro), dafür hat man 2 Tage mehr, zehn Hallen voll und auch dauernd Panels. Und die Leute sind besser angezogen.

  6. Ich hasse Stehtische. Meine...
    Ich hasse Stehtische. Meine etikette-beflissene Oma hat immer gesagt: „Ein gebildeter Mensch isst im Sitzen, nicht im Stehen oder Gehen.“ Tja, sie hat aber auch immer gesagt: „Ein anständiger Mensch raucht nur in geschlossenen Räumen. Nur der Bodensatz raucht draußen.“
    Alles ändert sich. Was ein Glück, dass sie das nicht mehr erleben muss, das mit dem Networking, den Stehtischen und den Heizpilzen.

  7. @ A. D. Mein herzliches...
    @ A. D. Mein herzliches Beileid! Umgeben von solchen Leuten und dann nicht einmal etwas Vernünftiges zu essen. Da war es auf der Kaninchenausstellung vielleicht doch besser?

  8. Ju: Heizpilze. Da bringst Du...
    Ju: Heizpilze. Da bringst Du mich auf Ideen. (Meine Oma hat immer im Kaufhaus M. Schneider gegessen, wie alle Omas unserer Region.)
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    Ariadne, wir waren so verzweifelt, wir sind zwischen den Panels auf den Türkenflohmarkt abgehauen. Ich will gebrochenes Deutsch hören! begehrte der Begleiter nach dem ganzen Gesülze, und ich hab erstmal fett Döner. Auch am Stehtisch, aber wenigstens draußen in der Sonne. Und netwörken wollte auch keiner.

  9. Herrlich zu lesen! Und selbst...
    Herrlich zu lesen! Und selbst erfahrene Realität mischt den Grusel in die Erheiterung. Guten Appetit allerseits!

  10. @ A.D. Ich dachte, diese...
    @ A.D. Ich dachte, diese wichtigen Medienmenschen sprechen gebrochenes Deutsch. Oder ist es bei diesen Veranstaltungen nicht üblich diese unsägliche Mischung aus deutschem Geschwafel und pseudo-englischen Fachausdrücken zu verwenden?

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