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Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Die Schüssel und das Pendel: Im Esoterikladen

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Wunderdinge gibt es in Esoterikläden zu beschauen. Auf den ersten Blick hat keines davon einen ersichtlichen Nutzen, aber man bekommt dann erklärt, daß man mit diesen Dingen die nichtdingliche Welt in den Griff bekommt: Energien, Strahlen, Schwingungen. Das alles klingt absurd, verkauft sich aber wie geschnitten Brot und dauernd gibt es was Neues: Kennen Sie eigentlich ihr Krafttier?

Nehmen Sie an, Sie sind zu einem Geburtstag eingeladen, es gibt Wein und Würstchen und Kartoffelsalat und einiges anderes, sie stellen sich auf einen geruhsamen Abend ein, und neben Ihnen am Büfett packt jemand ein Pendel aus, ein silbernes spitzes Ding an einer Kette, und läßt es über der Schüssel mit dem Kartoffelsalat schwingen, nickt dann kurz, packt das Pendel weg und schlägt sich mit dem Löffel eine Portion auf den Teller. Was tun Sie?

Ich habe vermutlich sehr konsterniert geschaut. Denn ich bekam sofort eine Erklärung geliefert: Das Pendel, so führte die Person aus, sagt mir, ob der Kartoffelsalat gut für mich ist. Ich notierte das geistig in mein imaginäres Notizbuch surrealer Sätze und bemühte mich, mir nichts anmerken zu lassen. Ah ja, meinte ich, und nahm mir auch Kartoffelsalat, zwar unausgependelt, aber wird schon hinhauen, dachte ich. Bislang war Kartoffelsalat immer gut für mich, und Empirie ist ja auch was wert.

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Die Welt der Esoteriker ist geheimnisvoll. Sie lesen Bücher mit violetten verschwommenen Umschlagmotiven und erhoffen sich dadurch Zugang zu einer Welt, die Ungläubige wie ich rundheraus abstreiten. Sie dekorieren ihre Wohnung mit Salzkristallampen, Kraftpyramiden, Mondkalendern und dem unvermeidlichen indianischen Traumfänger, bekochen ihren Hund ayurvedisch und kennen die Farbe ihrer Aura. Meistens qualmt irgendwo ein Räucherzeugs, das wahlweise Kreativität fördert oder Elfen besänftigt. Manchmal glauben sie auch an wirre Methoden, die sie alternative Medizin nennen und gehen nicht zum Arzt, dann wird es regelmäßig tragisch.

Mit Büchern, Dienstleistungen und Klimbim werden deutschlandweit jedes Jahr schätzungsweise 10 Milliarden Euro umgesetzt. Es gibt kriselndere Branchen. Denn neben den eingefleischten Allroundesoterikern gibt es eine erschreckend hohe Dunkelziffer eigentlich völlig normaler Menschen, die einem dann in dunklen Momenten etwas von Strahlen und Energien erzählen. Zwei Drittel aller Deutschen glauben an Schutzengel, deshalb bilden die mittlerweile eine eigene Unterabteilung im Eso-Buchladen. Satte 56 Prozent glauben an Wunder. Alternative Heilmethoden stehen auch hoch im Kurs: Man fragt nichtsahnend, ob jemand eine Salbe gegen Insektenstiche dabei habe und bekommt Globuli angeboten. Und wenn man sagt, danke, aber ich glaube nicht daran, wird einem erklärt, daß das Kronenchakra vermutlich irgendwie verstopft sei, was aber, na gottseidank, durch Bach-Büten therapiert werden kann.

Wissen Sie eigentlich, was Bach-Blüten sind? Ich mußte auch erst nachschauen: Erfunden wurde das von einem englischen Arzt in den Dreißigern, der glaubte, jede Krankheit sei ein Konflikt zwischen der unsterblichen Seele und der Persönlichkeit, und jeder Schieflage ordnete er intuitiv, man könnte auch sagen: willkürlich, eine Pflanze zu. Diese Pflanzen werden in Wasser gelegt oder gekocht, damit sie ihre ureigensten Schwingungen übertragen, dann wird das schwingende Wasser mit noch mehr Wasser verdünnt, weil es dann immer stärker schwingt, und als sogenannte „Essenz“ teuer in Apotheken verkauft. Ganz ähnlich wie Homöopathie also, nur daß die Bachblüten entgegengesetzt zum Konflikt schwingen und die homöopathischen Essenzen in Gleichtakt. Gegen mein verstopftes Kronenchakra wäre weißblühende Kastanie zu empfehlen. Vielleicht, denke ich, hilft dann aber auch ein ausgedehnter Besuch im Biergarten des Vertrauens, vielleicht schwingt die Kastanie auch so zu mir hinüber. Schwing, Kastanie, schwing!

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Schwingungen, Energien, Strahlen, Schlacken – unsichtbare Materie ist es, was den Esoteriker umtreibt. All das liegt in Form von Quanten, Tachyonen oder Bioenergie vor, überall schwingt es in den Frequenzen des Kosmos oder irgendwelcher Engel. Die gute Energie rein, die böse raus, was gar nicht so schwer ist, wenn man entsprechend frequenzgetunte Steinchen kauft oder Pyramiden oder Engelkuschelkissen, und ständig werden neue Energien erfunden. Erinnert sich noch jemand an die guten alten Erdstahlen? Die waren in den Achtziger Jahren das heißeste auf dem Sektor, und man hatte sich unbedingt dagegen zu schützen. Sogar in der Hörzu war ein Bericht mit einem aufrüttelnden Diagramm, das zeigte wie die gelblichen Strahlen von Wasseradern ausgehend in der Erde emporradiierten und sich durch Wände und Fundamente fraßen, um den darüber lebenden Menschen das Leben schwer zu machen.

Bekannte meiner Eltern waren einigermaßen hysterisiert, konnten nicht mehr schlafen vor lauter Wasseradern und, noch schlimmer, kreuzende Wasseradern, schickten Wünschelrutengänger durch die Räumlichkeiten, gaben zehntausende Mark dafür aus, das Haus mit Kupferdrähten strahlensicher zu machen und kannten auch sonst alle Tricks: Spiegel unterm Bett und Kamm unterm Schrank sollten der Gattin ein wenig Linderung verschaffen. Doch soweit ich weiß, kämpft die Dame bis heute mit ihrer nervlichen Verfassung, was vermutlich auch daran liegt, daß sie sich Anita nennt, aber leider nur eine Anneliese ist. Eine Anneliese sind, aber mindestens eine Lilith oder Morgana sein wollen ja die meisten Esoterikerinnen, denn Frauen sind besonders anfällig. 43 Prozent glauben an Geistwesen, aber nur 14 Prozent der Männer. 

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Man mag sich nicht recht abfinden mit dem profanen Leben in deutscher Gegenwart, und so werden Anknüpfungspunkte gesucht an ferne Völker und ihre alten Weisheiten, die mindestens einige Jahrtausende auf dem Buckel haben, dann aber irgendwie unter Verschluß gehalten wurden, woran gern mal das Patriarchat an sich schuld ist, und die nun in bunten Büchlein wieder zugänglich gemacht werden und nur darauf warten, mit ihrem Inhalt unsere Leben zu ändern. Kelten, Indianer, Buddhismus haben eigentlich immer Konjunktur, Afrika seltsamerweise nie, und von der geheimen Weisheit der Eskimos hört man auch wenig. Vielleicht werden die aber auch unter Schamanismus allgemein subsummiert. Und dann gibt es natürlich die Crossover: Indianer-Tarot, keltische Mandalas und Aura-Soma-Therapie neuerdings auch mit Erzengeln.

Bei Amazon liegt zur Zeit die Quantenheilung ganz vorn in der esoterischen Topsellerliste: „Wirkt sofort und jeder kann es lernen“ lautet der Untertitel, und das ist ja schon einigermaßen vielversprechend. „Quantenheilung arbeitet mit sanfter Berührung und versetzt das vegetative Nervenssystem spontan und sofort in den Zustand, in dem tiefe Heilprozesse stattfinden: Das Nervensystem schaltet unmittelbar auf Heilung um und kann all das reorganisieren, was nicht optimal funktioniert“, heißt es zum Buch. Ich werde das beim nächsten Schnupfen ausprobieren und einfach mal auf Tiefenheilprozeß umschalten. Man will ja optimal funktionieren.

Oder, Amazon Platz 2, „Das Prinzip: Geheimnis zur Erschaffung der gewünschten Realität“. Hier haben wir wieder alles, was eine anständige Pseudolehre ausmacht: Neueste Erkenntnisse, uralte, vergessene Weisheit, den Schlüssel zu unerschlossenen Macht- und Kraftreserven in uns, die Erkenntnis unseres wahren Ichs, all die Schlüsselreize des Esoterikers. Wer will das nicht? Endlich zum inneren Wesenskern vordringen, endlich das Gehirn mal so richtig ausfahren wie andere den Porsche auf der Autobahn während des WM-Finales?

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Ach, sag ich dann immer, ich hab kein wahres Ich, ich hab mindestens fünf. Und ich will mich nicht für eins entscheiden müssen, wer will sich schon für eins seiner Kinder entscheiden? Man hat sie doch alle lieb. Und Macht und Kraft will ich auch keine. Ich will auch keine Telefongebühren sparen oder mir für unfaßbar wenig Geld einen Fernseher mit Flachbildschirm kaufen. Ich sage gerne nein, ich will meine Ruhe, die sollen mich alle in Frieden lassen, ich will nicht mit dem Universum quatschen, ich quatsche schon viel zu viel unnützes Zeug, ich will meine Träume träumen und nicht mit ihnen arbeiten, ich will nicht meine Wohnung vollrümpeln mit Zimmerspringbrünnchen oder Klimperwindspielen, ich finde trommeln doof und rechte Winkel gut, ich will mich nicht tief erfahren, ich will meine Spiritualität nicht im Alltag leben und auch sonst nirgendwo, ich will kein Orakel bemühen, das mir weiterhilft, ich will mein Baumhoroskop nicht wissen, meine weibliche Urkraft ist mir egal, weil ich häßliche Vorurteile gegen Weibliche-Urkraft-Benutzerinnen habe und deshalb keine sein will. Ich lebe insofern in Einklang mit der Natur, als ich meine Zimmerpflanzen regelmäßig gieße, und meine Heilung findet durch einen Hausarzt und lauter böse Chemie-Medizin statt, ich glaube nämlich an Bakterien und nicht ans Orgon. Ich will, daß meine Krankheitserreger zumindest durch ein Elektronenrastermikroskop sichtbar sind, damit ich weiß, daß es sie gibt.

Außerdem bin ich ein abenteuerlustiger Mensch. Man hat ja heutzutage nur noch wenige Abenteuer, deshalb bewahre ich mir wenigstens das, meinen Kartoffelsalat zu essen, ohne ihn vorher ausgependelt zu haben. Ich glaube ohnehin nicht daran, daß ein Pendel sich ohne äußeren Einfluß bewegt, meine Gedanken lesen kann und darauf eine sinnvolle Antwort weiß. Ja, ich bin ein spiritueller Holzklotz, in meinem Zimmer könnten fünf unglückliche Seelen heulen, ich bekäme davon nichts mit. Aber ich bin wenigstens damit zufrieden, was ich bin.

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84 Lesermeinungen

  1. Oooch Frau Diener! Sie...
    Oooch Frau Diener! Sie könnten sich ja wenigstens mal kostenlos für viel Geld von diesen hellsichtigen Lebensberatern im TV Dinge erzählen, die Sie eh schon wissen oder sich zusammen reimen könnten. Mit Hilfe von Lebensdingenstarotwichtigkarten natürlich.
    Einmal vor langer Zeit habe ich aus Versehen in eine solche Sendung gezappt. Es war köstlich. Meine gleichgute Hälfte und ich sind uns vor lauter Lachen weinend in die Arme gefallen. Da rief eine Dame den Lebensberater an und meinte, er müsse ja wissen wer sie sei, schließlich behaupte er ja von sich, dass er hellsichtig sei. Und sie sei ja hellsichtig und er sei ein Lügner und Scharlatan. Ein Streit, der damit endete, dass er sie aus der Leitung warf und meinte, er müsse sich sowas nicht anhören, er sei ja zum Berater des Jahres 2006 (oder so) gewählt worden. Ganz großes Kino. Jeder Regisseur wäre froh um solche Pointen.

  2. Einen schönen guten Tag Frau...
    Einen schönen guten Tag Frau Diener!
    Der FDP-Vorstand scheint nicht die einzige Parallelwelt zu sein, warum sollte er auch? Vielleicht können Sie mal den Koalitionsvertrag auspendeln lassen, ob da auch ein paar gute vibes drinstecken. Mehr fällt mir dazu nicht ein, und ein schönes Wochenende ohne irgendwelche bösen Geister.
    K.

  3. Don Nutella, als Existenz ohne...
    Don Nutella, als Existenz ohne Fernseher entgeht mir da wohl einiges. Da finden sich natürlich immer noch viel Irrere ein als die normalen Halbirren, von denen man sonst so umgeben ist. Vor allem nachts auf obskuren Spartenkanälen tun sich wohl die seltsamsten Dinge, hört man. Da ich aber seit meiner Zeit als Telefonmarktforscherin ohnehin gründlich von der Menschheit desillusioniert bin, tu ich mir das eher nicht an.
    .
    Die einzigen Geister, denen ich am Wochenende begegnen will, heißen Talisker und Laphroaig.

  4. Auch wenn ich sicherlich regen...
    Auch wenn ich sicherlich regen Gebrauch vom Fernseher mache, weil er sowieso rumsteht und ich ausnahmsweise zuhause bin: Nachts schlafe ich lieber als diesen vielen merkwürdigen Leuten zuzusehen. Und man kann definitiv ohne TV leben und verpasst nichts. Das habe ich auch mal ein paar Jahre praktiziert.
    &nsbp;
    Sláinte! Momentan mag ich eher die milderen Iren, zumal die nicht so überteuert sind wie die Schotten. Aber das ist ein weites Feld…

  5. Na toll, jetzt hat der einzige...
    Na toll, jetzt hat der einzige HTML-Befehl, von dem ich dachte, dass ich ihn auswendig könnte, nicht funktioniert. Vielelicht sollte ich ofter mal in einem magischen Ritus die Geister der Gedächtnisstütze anrufen. Oder die Schutzengel des Bessermerkens.

  6. (Oder schwarzmagisches gegen...
    (Oder schwarzmagisches gegen die Programmierer dieser, ähm, gewöhnungsbedürftigen Blogsoftware? Ich könnt es Ihnen nicht verdenken.)
    .
    Irgendwie will ich beim Fernsehen immer wegklicken der vorspulen, und es geht nicht.

  7. Eine überm Gemüse pendelnde...
    Eine überm Gemüse pendelnde Dame ist mir neulich beim Aldi begegnet; es gibt halt eine Ratioresistenz bei Frauen (aller Schichten übrigens, manifest wirds aber eher bei älteren, die sich ein paar Freiheiten mehr erlauben dürfen). So viel Dreck, Blech, Stress und Berechnung rundum erwecken halt Sehnsucht nach dem Numinosen. Die Kirchen in denen frau in Ruhe früher ein wenig Weihrauch schnuppern konnte, sind wegen der Kirchenräuber tagsüber versperrt, also räuchert frau zu Hause selber. Die geschäftstüchtigen Ärzte machen mit und verordnen Bachblüten für Katzen und Eigenblutherapie bei Dermatosen, die feinfühligen Ex-Kosmetikerinnen werden Farbberaterin und verorten sich in noblen Reiki-Meisterlinien – was solls: wenn Sie zum Arzt gehen, nützt es auf jeden Fall dem Arzt, ob es auch Ihnen nützen wird muß sich erst erweisen.

  8. Was genau haben Sie denn für...
    Was genau haben Sie denn für böse Vorurteile? Ich finde die Esoterikszene irgendwie beruhigend, so schön bunt und sie gibt mir das schöne Gefühl, egal wie sehr ich spinne, da gibt´s immer noch welche, die sind noch durchgeknallter. Und mein unübertroffener Lieblingssatz aus dem Bereich: „Alles was kommt ist gut, es geht auch wieder.“ Das ist so hilfreich …

  9. Wieso begegnen mir eigentlich...
    Wieso begegnen mir eigentlich solche Leute nie? Bin ich zu ignorant? Vertreibe ich sie mit meinem schlechten Karma oder war es die Aura?
    Sollte mir doch mal ein pendelndes Wesen begegnen, werde ich ihm vorschlagen, den Ritus von AshkEnte auszuprobieren.
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    Ich hab gerne irgendwas nebenher laufen bzw. babbeln, während ich lese oder andere Dinge tue. Das könnte zwar auch das Radio bestens erfüllen, aber irgendwie greife ich dann doch völlig grundlos zur Fernbedienung.

  10. "Zwei Drittel aller Deutschen...
    „Zwei Drittel aller Deutschen glauben an Schutzengel, deshalb bilden die mittlerweile eine eigene Unterabteilung im Eso-Buchladen. Satte 56 Prozent glauben an Wunder.“
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    Das ist nicht wahr, oder? Hallo? 21. Jahrhundert? 300 Jahre Aufklärung?

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