Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Den Winter wegignorieren: Der Heizpilz

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Das Straßencafé ist jetzt ganzjährig geöffnet. Möglich macht es der Heizpilz, der unter Sonnenschirmen und Plastikzelten brennt und für einen immerhin provisorischen Sommer sorgt. Dort loungt der moderne Großstadtmensch auf tiefen Sofas zwischen Decken und Kissen und ignoriert bei einem Glas Latte den Winter weg.

Wir sind alle so durchmediterranisiert, wir essen nur noch Pasta statt Nudeln mit Pesto statt Soße, wir sitzen mit Espresso auf der Piazza statt mit Filterkaffee auf der Sonnenterrasse und entkalken den Wasserkocher mit Balsamico. Ja, wir hier in Deutschland arbeiten hart an unserem Dolce Vita, wir schauen alle böse an, die noch Gnotschi sagen und Lambortschini, keine Frage, und die ganz Schlauen unter uns kennen sogar alle richtigen Pluralformen. Eigentlich sind wir innerlich schon richtige Italiener, so leicht und entspannt und temperamentvoll, und wenn einer uns blöd kommt, dann beschimpfen wir ihn: Du bist so typisch deutsch, sagen wir, und dann geht er in die Ecke und schämt sich.

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Nur eine Kleinigkeit, die hält uns noch ab vom korrektestmöglichen Italienersein, die sorgt dafür, daß wir uns öfter als geplant in rustikale Gaststuben mit Butzenscheibenimitat zurückziehen, um Gänsekeulen mit Rotkraut zu essen, und das ist unser wirklich beschissenes Wetter hier im Norden. Damit können wir uns einfach nicht abfinden. Schauen Sie nur einmal nach draußen: Es nieselt, es ist kalt, seit Tagen läßt sich die Sonne nicht blicken. Hinten am Horizont ragt der Schornstein des Heizkraftwerkes empor und bläst entweder eine dunkelgraue Wolke in den hellgrauen Himmel oder eine hellgraue Wolke in den dunkelgrauen Himmel. Und so geht das monatelang. Da wird einem mental einiges abverlangt.

Aber zum Glück sind wir Deutschen nicht umsonst bekannt und gerühmt als Nation der Techniker und Tüftler, als Heimat der fortgeschrittenen Ingenieurskunst. Es gibt nichts, was wir nicht mit Stahl und ein paar Schrauben lösen könnten. Und wenn das Wetter uns querkommt, dann kontern wir mit Heizpilzen. 

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Diese flüssiggasbetriebenen stationären Strahlungsheizungen, offiziell als Terrassenstrahler bezeichnet, verbrauchen ja leider Unmengen an Energie. Pro Stunde frißt so ein Ding ein knappes Kilo Gas und verursacht dem Wirt Kosten von etwa 1,50 Euro, die er allerdings wieder einnimmt: Sein Lokal wird ja durch die Mitbenutzung der Straße locker doppelt so groß. Die wirtschaftliche Bilanz geht also in Ordnung, die klimatische nicht ganz: Bei mehrstündiger Betriebszeit pro Tag stößt so ein Pilz aufs Jahr gerechnet soviel Kohlendioxid aus wie ein durchschnittlicher Mittelklassewagen, nämlich etwa vier Tonnen. Deshalb hat der Heizpilz nicht nur Freunde, es gibt auch immer wieder Bestrebungen, ihn gänzlich zu verbieten. Aber er hält sich hartnäckig, denn in Sachen Dolce Vita kennen wir keinen Spaß. Vor allem Raucher wissen ihn zu schätzen, wenn sie, aus der Gaststube vertrieben, draußen am Stehtisch Nikotin nachladen müssen.

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Der Heizpilz zieht aber noch anderes nach sich, denn er verändert die Bedingungen, unter denen Straßencafés arbeiten, grundlegend. Zum Beispiel vermehren sich die sogenannten Einhausungen drastisch, das sind zeltartige Anbauten aus meist transparentem Plastik, die sich nun plötzlich jeder Metzger leistet, damit die werte Kundschaft in angenehm temperiertem Umfeld die Worscht zu sich nehmen kann. Eine Art Verlängerung des Geschäftes in den öffentlichen Raum hinein.

Wer dieser Tage über die Frankfurter Freßgass flaniert, sucht vergeblich nach Ladenfronten: Ein Zelt nach dem nächsten wuchert die Straße zu und zeigt sein häßliches Plastikgesicht, darin sitzen dick eingepackt die Gäste auf Caféhausmobiliar nicht richtig drinnen und nicht richtig draußen, sondern in einer Art sehr großem Windfang und halten sich am Macchiatoglas fest. Die Wärmeverteilung darin stellt sich nämlich leicht lagerfeuerhaft dar: Von hinten oder oben rösten die Heizstrahler, während die andere Körperhälfte der Kälte anheimfällt. Die gut durchgewärmte Gaststube scheint offenbar weniger attraktiv als die archaische Heizsituation am Gaspilz. Aber man ist halt doch irgendwie draußen auf der Piazza, auch im Winter, und schaut durch Plastikfolie den dahineilenden Passanten nach. Dolce Vita: Was muß, das muß.

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Die richtig modernen urbanen Gastronomieangebote in der Innenstadt sind da noch konsequenter und räumen ihre Sommergarnituren gar nicht mehr weg. Was einst temporär die Straßen bemöbelte ist nun Dauerzustand, nach draußen verlegte Gaststuben ohne Ladenmiete. Die Sonnenschirme bleiben auch gleich stehen und bekommen eine neue Aufgabe zugewiesen: Sie halten jetzt notdürftig die Wärme unten. Gerade hat auf der Zeil der neue Cafépavillion eröffnet und mitten im November die Bänke auf dem hölzernen Terrassenboden abgestellt, Heizstrahler drübergehängt, paßt. Und Sitzbänke, breit und tief und gepolstert, gruppieren sich um couchtischartige Abstellflächen.

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Denn die neue Dauerhaftigkeit wirkt sich auch auf die Sitzgelegenheiten selbst aus: Nicht mehr die zierlichen Draht- oder Rattanmöbelchen von einst, die sich so leicht wegtragen lassen, stehen vor den Cafés, nein: Es wird geloungt, bis der Körper in die Kompletthorizontale gerutscht ist. Breite Sofas, so schwer, daß ein Mann sie nicht alleine heben kann, bilden rechtwinklige Sitzinseln. Darauf liegen dicke Koltern bereit wie bei Oma am Fernsehsessel, Werbekuschelkissen von Zigarettenmarken, das Ganze an flachen Tischen, an denen man nicht essen kann, aber gerade noch halb liegend die Latte drauf abstellen. Dort sitzt man nicht, dort fläzt man zwischen Stehaschenbecher und Buchsbaumkugel und tut so, als wäre noch nicht Winter, als wäre einfach nie Winter. Winter wollen wir nämlich nicht, der ist so typisch deutsch. Geh in die Ecke, kalte Jahreszeit, und schäm dich.

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65 Lesermeinungen

  1. Die normative Vorgabe für...
    Die normative Vorgabe für Biedersinn unterliegt auch in D beständig dem
    Wandel. Nun gibt man sich eben ein wenig mediterran.
    Kurios die Heizpilze, die Tradition der frühen Kioske (Pilzform) in die Gegen-
    wart rettend.
    Bella Figura auf der Piazza hinter Klarsichtfolie verpackt, … schmunzel.
    Aber wollen wir hoffen, daß es so bleibt, die eine oder andere liebens-
    werte italienische Firma lebt davon.

  2. Von den Heizpilzen leben...
    Von den Heizpilzen leben einige Berliner Firmen, soweit ich weiß. Wie liebenswert die sind, kann ich nicht sagen.

  3. Eine dieser Berliner Firmen...
    Eine dieser Berliner Firmen überlegte sogar recht kratzbürstig zu reagieren,
    falls der liebe Mitbewerber die geschütze Bezeichnung Heizpilz weiter ver-
    wendete (http://www.faz.net/s/RubC5406E1142284FB6BB79CE581A20766E/
    Doc~EF85BFCA0DE8A4274BF7C21C4A96D39F1~ATpl~Ecommon~Scontent.html).
    Eine vielleicht sogar vornehme Option mediterrane Wärme in kälteren
    Gegenden zu bewahren scheint das italienische Kürschnerhandwerk
    bereitzuhalten.
    Wage das aber gar nicht weiter auszubreiten, verheddert sich doch der
    werte gelegentliche Begleiter schon gar arg stilvoll in diesem pelzigen
    Thema.

  4. Wegen des Rauchverbotes sind...
    Wegen des Rauchverbotes sind die Zeltvorbauten auch in Italiens Bar mittlerweile weitverbreitet; einige Heizpilze konnte ich dort auch schon ausnachen.
    .
    Was die gespaarte Ladenmiet angeht: ich denke, die Städte lassen sich die Sondernutzung recht üppig bezahlen.
    .
    Ein echtes Problem ist wirklich die richtige Deklination und Artikelverwendung der italienischen Wörter.
    DIE piazza
    DIE dolce vita
    DER latte
    oder eher doch DIE Latte und DAS dolce Vita, weil im Deutschen Milch weiblich und Leben sächlich ist??

  5. Mit dieser Entwicklung ist...
    Mit dieser Entwicklung ist doch allen gedient: Die Raucher müssen nicht frieren und die früher im Winter ab 18.00 ausgestorbenen Innenstädte laden zum flanieren ein. Ausserdem ist der Heizpilz in der Fussgängerzone keine eigentlich deutsche Erfindung, z.B. in Brüssels rue des Bouchers, in Paris und anderen schönen nordlichen Städten sorgt das Gerät für Leben auf der kalten Strasse.

  6. Hinsichtlich der...
    Hinsichtlich der Umweltproblematik reiht sich der Heizpilz doch prima in die entgeistigte Kette zwischen Fernreisefieber & SUV ein. Aber der globale Bildungsbürger von heute weiss ja, es gibt bald die nächste Weltklimakonferenz, mit den ganzen Koryphäen, die auch schon die Wirtschaftskrise so prima gelöst haben….. und alles wird gut.
    .
    In perfektem Zusammenspiel mit dem Heizpilz, stellen die Plastikvorbauten natürlich eine ästhetische Meisterleistung dar. Geben sie doch jedem Strassenbild ein wenig den Flair von Dauersperrmüll und gestalten es so ganz flott zu einer Art Favela.
    Ob von diesem geschmacklichen Fauxpas aber bei den loungigen & chilligen People in diesen Plastikverschlägen noch etwas ankommt, sei aktuell einfach mal dahingestellt.

  7. Auf dem ersten Bild wird mit...
    Auf dem ersten Bild wird mit Infrarot-Heizstrahlern geheizt. Diese werden nicht mit Flüssiggas, sondern mit Strom betrieben. Damit sollte die CO2-Bilanz für den laufenden Betrieb zwar besser sein, allerdings ändert sich nichts an der gefühlten Lagerfeueratmosphäre, die Sie in Ihrem Artikel beschreiben. Ich finde diese sehr unbehaglich und ziehe für einen heißen Tee oder Kaffee vier feste Wände, insbesondere sogenannte „Oma-Cafés“, vor. Bei letzteren handelt es sich um Cafés, die bevorzugt von älteren Damen frequentiert werden. Ihre Anzahl unter den Besuchern ist ein guter Indikator für die Erstklassigkeit der dort verkauften Torten. Je größer ihre Anzahl, desto besser sind die Torten. Keine dieser Damen würde freiwillig unter einem Heizpilz Platz nehmen und die müssen es wissen.

  8. Das ist kein deutsches...
    Das ist kein deutsches Phänomen. In Rom, wo es ja auch kalt werden kann – jedenfalls für römische Verhältnisse – steht vor jeder Bar Heizstrahler. In München übrigens nicht. Hier sollen die Raucher gefälligst frieren…

  9. Ob mit oder ohne Pilz - es ist...
    Ob mit oder ohne Pilz – es ist ohnehin verblüffend, wie viele Angebote es inzwischen für draußen gibt. Das ist nicht nur bei Ihnen im quasimediterranen Frankfurt so oder im schockierend mild klimatisierten Köln, wo ich noch vor zwei Wochen spätabends draußen saß zum Biertrinken. Auch hier im Norden käme man kaum auf die Idee, sich im Spätherbst zu bewegen: Wo man vor zwanzig Jahren noch im Sommer verzweifelt die halbe Stadt nach einer Sitz- und Trinkgelegenheit an der frischen Luft absuchte, stolpert man inzwischen auch im November an fast jeder beliebigen Ecke über reichlich Freiluftgastronomie. (Im Verhältnis zur Einwohnerzahl wohl eine ähnlich drastische Entwicklung wie bei den Fuß- oder Nagelpflegesalons.)

  10. Naja, ob der Heizpilz eine...
    Naja, ob der Heizpilz eine typisch deutsche Erfindung ist wage ich zu bezweifeln. In Paris sind diese Dinger schon seit den späten Neunzigern im Einsatz.

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