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Allein unter Begonien: Das Grab

03.12.2009, 15:52 Uhr  ·  Stein, Laterne, Cotoneaster: Warum haben ausgerechnet Gräber etwas derart trostloses an sich? Da möchte man nicht begraben sein, denkt man sich schaudernd angesichts monströser Granitbrocken und schauderhafter Bronzevasen, und schaut sich nach Alternativen um, wenn es mal soweit sein sollte. Unterdessen beginnen die Hinterbliebenen mit Migrationshintergrund, die deutsche Grablandschaft zu erobern.

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Regelmäßig im Spätherbst, wenn das letzte Blättchen gefallen ist, brach meine Familie zum Nordzipfel unseres Stadtteils auf, denn dort, direkt am Rand des kleinen Wäldchens, liegt der Friedhof. Und dort muß man zum Winter hin etwas tun, was man “Grab machen” nennt. Man tritt also durch das etwas martialische Portal, das irgendwann in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einmal für würdevoll gehalten worden sein muß, durch die Pappelallee, deren Blätter ordnungsliebende Grabpfleger verzweifeln läßt, in hintersten Teil des Friedhofs. Dort, direkt an der unverputzten Ziegelmauer, stand der Grabstein: Schwarz mit Frakturschrift, ein wenig Efeu rankte von hinten her um den Sockel, darauf die Namen der Verwandtschaft meines Großvaters väterlicherseits.

Bild zu: Allein unter Begonien: Das Grab

Ich hatte wenig Bezug zu denen, die dort lagen. Lange verstorbene Großonkel, Urgroßväter und ihre Gattinnen, nie gesehen und nie erlebt, ihre Namen kennt man nur aus den Geschichten, wenn die Großeltern von einer Zeit erzählen, die “früher” heißt. Verwischte Gesichter im Familienalbum, einfache Kleidung, Bärte, große Kinderschar.

Wir waren selten die einzigen dort, die Grab machten. Scharen vorwiegend älterer Damen bewaffnen sich einmal im Jahr mit graugrünen Mooskissen, in denen getrocknete Pflanzenteile stecken, mit winterharten Eriken und Tannenkränzen und ordnen diese sinnfällig auf einem Rechteck an, das mit Cotoneaster und anderem Kriechgrün bewachsen ist. Liebevoll wird ein dunkelschwarzes Feld, für dessen Farbe ein Quadratmeter Moorlandschaft gestorben ist, mit einem Rechen in einen Zustand korrekter Krümelhaftigkeit versetzt, Gräslein werden gezupft und letztes Laub entfernt. Gepflegt und ordentlich soll es aussehen. Schön sollen es die Verstorbenen haben. 

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Einige treiben es besonders weit. Man erzählte sich in Friedhofsgängerkreisen, die Schulze käme dreimal täglich. Das Grab ihrer Familie war stets makellos, kein Blättchen darauf, alle heruntersortiert, kein Unkraut, nichts. Sie hatte ihren eigenen Kies, der besonders sauber war und viel rötlicher als der normale, breitgetretene Wegekies, den breitete sie zu einem exakten Rechteck vor dem Grab aus und rechte ihn dreimal täglich wieder glatt. Im Winter packte sie den Kiesteppich ein und wusch ihn.

Die Schulze war das Extrembeispiel, aber es wurde ja viel getratscht auf dem Friedhof. Wer sein Grab ordentlich hält und wer nachlässig wirkt, wer geschmacklose Gestecke aufstellt und wer die billigen vom Penny, es wurde getratscht, wer nur eine Gärtnerei beauftragt und sich nicht einmal die Mühe macht, sein Grab selbst in der Reihe zu halten und wie lieblos das sei. Es gab eine Menge zu tratschen, wie überall, wo viele alte Frauen mit viel Zeit zusammenkommen, und viel zu urteilen, und nur eins schwebte über dem Tratsch, das war die Friedhofsordnung.

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Trauer, so könnte man angesichts der Friedhöfe denken, ist nichts individuelles, und denen, die hier begraben liegen, wird anhand eines stereotypen Trauerarsenals gedacht, das keine persönlichen Züge zuläßt. Im süddeutschen Raum haben die Toten Gesichter, hier nicht. Hier haben sie nur einen Namen und dürre Lebensdaten, der Rest ist Begonie und Grablaterne. Es bleibt nur die Wahl zwischen Granit und Sandstein, zwischen Efeu und Cotoneaster, zwischen Primeln und Stiefmütterchen. Überall die roten Dauerkerzen, an denen noch der Aufkleber mit dem Barcode klebt. Im Tod, so heißt es, sind wir alle gleich. Es klingt wie eine Drohung. Wir bekommen einen nierenförmigen Stein hingestellt und mit etwas Glück eine Zwergkonifere. 

Die Formensprache der heutigen Sepulchralkultur hängt irgendwo zwischen falschverstandenem Jugendstil und Bronzebrutalismus fest. Immerhin kann man sich in Eintracht-Frankfurt-Urnen einäschern lassen, wahlweise in rot oder schwarz, soviel Auswahl muß sein. Man kann sich zunehmend auch in Ruhewäldern bestatten lassen, die viele Friedhöfe inzwischen anlegen. Dort erinnert ein Stein an einen, ein Grab muß nicht gepflegt werden. Die Menschheit ist eben mobiler geworden, Hinterbliebene ziehen mitunter auch weg, und es ist keiner mehr da, der die Blättchen aufliest. Witwen und Waisen haben mitunter auch andere Lebensinhalte.

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Doch auch bei der guten, alten Grabgestaltung tut sich derzeit einiges. In den neu erschlossenen Arealen macht sich ungewohnte Farbigkeit breit. Hier ruhen die Neuankömmlinge: Polen und Italiener stellen große, bunte Madonnen auf, Plastikblumen und Figürchen aller Art, Marmorengelchen sind besonders beliebt. Wer einen türkischen Namen trägt, bekommt sein Grab mit weißen Steinen eingerahmt, ein Holzschild statt ein Kreuz und viele bunte Blumen. Mit ein wenig Verspätung gleicht sich der Friedhof seinem Stadtteil an. 

Es ist nicht mehr alles braun und beige. Es gibt noch mehr Blumen außer Begonien. Kindergräber dürfen bunt sein und sind gerade dadurch besonders rührend. Es gibt keine DIN-Norm für Trauer, und seitdem die Ordnung ein wenig aufgebrochen ist, die eigentlich die Würde bewahren helfen sollte, haben die Friedhöfe einiges von ihrem sterilen Schrecken verloren. Und an Würde interessanterweise gewonnen. Für einige Unverbesserliche gibt es noch immer viel zu tratschen, aber das ist egal, es gibt wichtigeres.

 

 
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Redakteurin im Reiseblatt der F.A.Z.