Home
Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Latte aus der Nuckeltülle: Coffee to go

| 151 Lesermeinungen

Wie konnte sich diese Pest namens Coffee to go eigentlich durchsetzen? So ein Kaffeehaus ist doch eigentlich ein angenehmer Ort. Die meisten Zeitgenossen scheinen ihn jedoch fluchtartig verlassen zu wollen und tragen den Kaffee daher in Pappbechern herum. Wenn das Kaffeehaus die moderne Öffentlichkeit geprägt hat, was sagt dann die Pappbecherkultur über unsere Gegenwart aus?

Welches Problem genau hat die Menschheit heutzutage mit der eigentlich so angenehmen Institution des Kaffeehauses? Es ist warm, was gerade im Winter von Vorteil ist, es gibt Torte, an der Wand hängen Zeitungen und der Stuhl ist meist auch gepolstert. Man darf so lange sitzenbleiben wie man will und sogar nachordern. Aber irgendetwas treibt den jungen urbanen Lebensteilnehmer aus den Kaffeehäusern heraus wie den Nestflüchter aus der Bruthöhle. Er lässt sich den Kaffee in einen Pappbecher mit Nuckeltülle abfüllen, auf dem der Hinweis steht, besagter Becher könne unter Umständen heiße Inhalte enthalten, stürzt sich samt Becher hinaus in die im Winter alles andere als lebensfreundliche Umwelt und trinkt seinen heißen Inhalt auf offener Straße.

Eigentlich, sollte man meinen, ist die Republik bereits flächendeckend mit Kaffeemaschinen ausgestattet, sodass man nahezu überall den Koffeinbedarf decken kann. In jedem besseren Büro zischt ein Espressomonstrum mit Milchaufschäumer vor sich hin, in jeder Wohnung steht chromblitzendes Baristagerät, nur die paar hundert Meter dazwischen klafft eine anscheinend entsetzliche Lücke, die durch mobilen Transportkaffee gefüllt werden muss.

Bild zu: Latte aus der Nuckeltülle: Coffee to go

Nun ist es ja so, daß das Kaffeehaus als Ort eine nicht unwesentliche Rolle in der westlichen Kulturgeschichte spielt. Los ging es Mitte des 17. Jahrhunderts in Venedig, 1650 ist das erste Coffee-House in Oxford nachgewiesen, 1652 öffnete das Virginia Coffee-House in London. In den folgenden Jahren verbreitete sich die Idee dort vor allem rund um die Börse und das Parlament und erreichte schließlich andere Städte wie Paris und Wien. Das Kaffeehaus diente als Verabredungsort in geschäftlicher, politischer und privater Angelegenheit und war, das war neu, für alle Stände offen. Hier konnte man mit wenig Geld Zugang zu Nachrichten und Wissen erlangen – wenn man nicht gerade eine Frau war, weshalb diese sich sehr gegen das Kaffeehauswesen wandten. Das Zeug stinkt und macht unfruchtbar, wetterten sie in der „Womens Petition against Coffee“ von 1674. 

Im Traktat „Verteidigung der Kaffeehäuser“ („Coffe-Houses Vindicated“, 1675) führt der Verfasser als Erwiderung gegen die erzürnten Damen allerlei gute Gründe an, warum die überall sprießenden Cafés eine überaus gute Entwicklung sind, und kommt zu dem Schluß: „So daß wir schließlich, in dieser ganzen Angelegenheit, und trotz der müßigen Sarkasmen und der trivialen Ablehnung, derer es ausgesetzt ist, mit nicht weniger Berechtigung denn Klarheit eben jene kurze Charakterisierung eines gut geführten Kaffehauses geben können (unsere Feder sträubt sich, jenen gräßlichen Löchern das Wort zu reden, die sich dieser Bezeichnung bedienen, um die in ihnen praktizierte Ausschweifung zu bemänteln): Daß das Kaffeehaus der Tempel der Gesundheit ist, die Kinderstube der Mäßigung, die Quelle der Sparsamkeit, eine Akademie des höflichen Umgangs und Schule des Einfallsreichtums.“

Bild zu: Latte aus der Nuckeltülle: Coffee to go

Dazu kommt das Postwesen, das sich als „Penny Post“ im Kaffeehaus etablierte, und die Versicherung Lloyds begann als, richtig: Kaffeehaus. Und nicht zu vergessen die guten alten Holzmedien: Die erste Zeitung, der „Spectator„, wurde im Kaffeehaus gelesen und dort auch herausgegeben. All das, was dazu führte, daß Jürgen Habermas nicht weniger als einen Strukturwandel der Öffentlichkeit diagnostizierte und ihn am Kaffeehaus festmachte. Es war ein aufklärerisches Projekt, und in seinem Zentrum stand ein Getränk, das zur Abwechslung mal nicht betrunken machte.

Was hat das nun zu bedeuten, daß gute dreihundert Jahre Kaffeehausgeschichte über Bord geworfen werden, und stattdessen die Epoche des Pappbechers eingeläutet scheint? Zunächst einmal sitzt der Gesprächspartner oft genug nicht gegenüber und schon gar nicht am Nebentisch, sondern am anderen Ende der Leitung im virtuellen Irgendwo. Der Pappbechertrinker ist immer allein unterwegs, gern mit Mobiltelefon, meist geschäftlich beschäftigt tuend. Der öffentliche Raum, den er mit seinem albernen Tall Latte Double Cream Hazelnut Zimtstern Frappucchino zu erobern gedenkt, ist eine Parkbank oder gern auch ein Mäuerchen, das irgendein Stadtplaner mit Platzgestaltung verwechselt hat. Manchmal trinkt er such nicht stationär, sondern legt Wegstrecken zurück, bleibt nicht einmal stehen, die Nuckeltülle erlaubt es ja: Das ist die moderne Aufputsch-Druckbetankung für den Leistungsträger.

Bild zu: Latte aus der Nuckeltülle: Coffee to go

Der Coffee To Go ist die mobile Weiterentwicklung des Stehkaffees, der ja ohnehin schon etwas sehr ambulantes an sich hat. (Vermutlich ist er auch der Tod des Kaffeeautomaten, der Klare Brühe und Milchpulvercappuccino durch ein und dieselbe Tülle jagt, was ja nun wirklich kein Verlust wäre.) Während das Kaffeehaus einen Raum, also etwas innerhäusliches, für die öffentliche Sphäre reklamiert hat, gehen die Kaffeegeher genau umgekehrt vor: Sie tun so, als sei der Platz, also etwas außerhäusliches, privat. Sie setzen sich hin, trinken dort Kaffee und telefonieren mit Mutti. Sie ignorieren das Getöse um sich herum, richten sich in der Öffentlichkeit häuslich ein, und man fragt sich: Haben die eigentlich kein Wohnzimmer? Oder sind die da nur so selten?

Man kann sich einmal die Zeit nehmen, und die Schlipsträger beobachten, wie sie zur Füllstation wanken, die immer mit Hausfrauenjazz beschallt wird, wie sie komplizierte Englisch-Italienische Wortmassenkarambolagen unfallfrei und mit leicht amerikanischem Akzent aussprechen, wie sie jovial nebeneinander herumstehen mit ihren lächerlichen Becherchen mit der Schneeflöckchenbanderole darauf und der Warnung vor heißem Inhalt. Solche Leute erfinden keine Zeitungen. Solche Leute erfinden höchstens Telefone, mit denen man unterwegs fernsehen kann.

0

151 Lesermeinungen

  1. Zum Glück gibt es immer noch...
    Zum Glück gibt es immer noch viele Menschen, die wirklich arglos fragen: Togo? Ist der Kaffee von dort so gut?

  2. Danke für diesen Text!
    Der...

    Danke für diesen Text!
    Der rote Faden Rucksack-SBahn-Pappbecherkaffee fällt mir wie Schuppen von den Augen.
    .
    Das Kafeehaus wird nicht das letzte Gut sein, das unter der sich ausbreitenden Handy-RTL-Weltkompakt-Malle- Gesellschaft leidet!

  3. Julius, das liegt vermutlich...
    Julius, das liegt vermutlich auch an den vielen sehr phantasievollen Schreibweisen, in denen man diese simplen Wörtchen vorfinden kann.
    .
    Ja, Don Ferrando, der moderne Mensch darf keine Rückzugsorte mehr haben. Er ist immer unterwegs, unter Beobachtung, nimmt seine Nahrung am Stehtisch zu sich und den Kaffee im Gehen. Ein grausliges Gesellschaftsbild, aber so ist es. Und viele, viele machen mit.

  4. Sehr schöner Text, danke!...
    Sehr schöner Text, danke! Wobei ich mir nicht verkneifen kann zu sagen, dass man in diesen sogenannten Coffee-Shops ja oft genug auch nicht freiwillig drin bleiben möchte, auch wenn sie einigermaßen guten Kaffee haben. In meiner Gegend werde ich geradezu systematisch in die Zange genommen: Schöne Cafés mit grausamem Kaffee oder recht guter Kaffee in einer Umgebung, die man lieber verläßt. Mit Kaffee. Da drin bleiben würde selbst Habermas die Haare zu Berge stehen lassen…

  5. Warum trinken Leute dieses...
    Warum trinken Leute dieses Zeug? Vermutlich aus dem gleichen Grund, aus dem sie pseudo-orientalisches Fast Food aus einer Papierserviette essen und sich dabei die Knoblauchsoße (die eigentlich nur den müffelnden Geruch zu alten Fleisches überdecken soll) auf die Jacke kleckern. Oder weshalb sie in Wien (!) zu Starbucks gehen, statt in ein Kaffeehaus. Essen und Trinken beim Stehen und Gehen ist groß in Mode. Besonders schön zu beobachten an einem Samstag in der Innenstadt, überall wird gekaut.
    Aber Frau Diener, möchten Sie wirklich, dass all diese Leute plötzlich die angenehmen Seiten eines schönen Kaffeehauses oder einer Konditorei entdecken? Ich nicht. Da bin ich egoistisch. Ich möchte auch weiterhin in Ruhe den großen Braunen trinken und meine Apfeltorte essen und dabei nicht von irgend einem in sein Handy schnatternden Anzugträger am Nebentisch gestört werden. Der soll ruhig draußen an der frischen Luft bleiben.

  6. Vielen Dank für den...
    Vielen Dank für den interessanten Abriss über die Geschichte des Kaffeehauses. Mag die Kaffeequalität in den Coffee-Shops noch so gut sein, mir schmeckt er schon deshalb nicht weil ich ihn aus dicken Bechern anstatt Kaffeetassen trinken muß, außerdem bin ich eine leidenschaftliche Kuchen- und Tortenesserin, immer nur diese Muffins o.ä , meine Begeisterung hält sich da sehr in Grenzen

  7. Mir fehlt es da an...
    Mir fehlt es da an Gelehrsamkeit. Ist das mit dem Coffee to go und den restlichen Nomadenattributen nun eine Folge der weitgehenden Privatbewirtschaftung des öffentlichen Raumes? Oder sind umgekehrt die To go-Nomaden, die sich überall hinsetzen, bereits die Gegenbewegung, also „Rück-Eroberer“ verlorener Öffentlichkeit? Dann zumindest wär mir das geradezu sympathisch (wenn auch im Winter zu kühl).

  8. Die absolute Kür des...
    Die absolute Kür des To-Go-Wahnsinns ist der „Espresso to go“, der in den einschlägig bekannten Coffeeshops tatsächlich in eigens dafür gefertigten Kleinst-Pappbechern angeboten wird. Diese 25 ml Heißgetränk hat man schon getrunken, bevor man sich in den meist total überfüllten Etablissements zurück zur Tür gekämpft hat. Abgesehen von der Lächerlichkeit mit solch einem Mini-Pappbecher herumzulaufen, ist auch der Inhalt alles andere als befriedigend. Die Qualität des in den To-Go-Kolchosen ausgeschenkten Kaffees ist so mies, dass man sie nur mit ganz viel Sahne, Milchschaum, Sirup und Zucker ertragen kann. Da steht man doch lieber 20 Minuten in der Schlange bei Wacker´s Kaffee (zumindest die Frankfurter)!

  9. Beim Lesen Ihrer Betrachtungen...
    Beim Lesen Ihrer Betrachtungen fiel mir das Café Zimmermann in Leipzig ein, anno 1723 das größte und schönste Kaffeehaus der Stadt. Es lag gleich hinter dem Marktplatz in der Catharinenstraße, damals die vornehmste Straße Leipzigs. Mein Lieblingskomponist hat dort viele Jahre lang allwöchentlich Konzerte gegeben, bei schönem Wetter im Kaffeegarten, bei schlechtem in einem bis zu 150 Personen fassenden Saal. Höfische Tafelmusik nun endlich auch für Normalsterbliche (ich kann nur hoffen, dass auch Frauen in diesen Genuss kamen). Wie gerne wäre ich wenigstens einmal dabei gewesen! Und wie unvorstellbar ist das heute alles!

  10. Beethoven, die dicken, großen...
    Beethoven, die dicken, großen Sessel gehen ja noch. Aber die Selbstbedienung, einer der großen Irrtümer der Gastronomiegeschichte, die fürchterliche Happyhappy-Musik, und das anwesende Volk machen einem den Aufenthalt unmöglich.
    .
    Ariadne, das begreife ich auch nicht. In Österreich bekommt man sogar an der Tanke Illy-Kaffee ausgeschenkt – einer der vielen Gründe, in Österreich zu tanken. Es gibt dort auch eine großartige Würstl-Kultur, die Döner-Kultur hingegen liegt, meinen letzten Informationen zufolge, ziemlich am Boden.
    .
    Einreden lasse ich mir öffentliches Essen und Trinken hingegen beim Erzeugermarkt. Da wird ein temporäres, sehr großes Gasthaus simuliert, es gibt Bierbänke und -tische und den Äppler trinkt man auch standesgemäß aus dem Gerippten, nicht aus Pappe. So geht das nämlich.

Kommentare sind deaktiviert.