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Szenen in archaischer Beleuchtung: Die Kerze

17.12.2009, 16:58 Uhr  ·  Ach, wie besinnlich, seufzt die Mutter regelmäßig in der Adventszeit und starrt in die Kerzen. Das Kind widersteht dem unbändigen Drang, in der Kerze zu pulen und der Vater paßt auf, daß es nirgendwo tropft. So geht deutscher Advent, und im Mittelpunkt steht natürlich die Kerze.

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Es gibt Tomatensuppe. Und wenn die Teller nach liebevoller Zubereitung dann dampfend auf dem Tisch stehen und die Suppe bis in den Flur hinaus duftet, folgt bei meinem Gastgeber unweigerlich ein Ritual: Feuerzeug suchen, Licht aus und Kerzen an. Essen ist ein feierlicher Akt, bei frischgekochter Tomatensuppe sowieso, also wird er in feierlicher Beleuchtung zelebriert.

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In Fernsehserien und in Filmen bedeuten Kerzen hingegen etwas ganz anderes. Wenn bei Kerzenlicht gegessen wird, dann nicht deshalb, weil es mal ausnahmsweise keinen Mikrowellenfraß gibt, sondern weil der Einladende ernsthafte romantische Absichten verfolgt. Steht die Kerze auf dem Tisch, wird sich vermutlich demnächst in den Laken gewälzt, oder zumindest thematisiert, warum sich nicht in den Laken gewälzt wird. Manchmal werden auch Schatullen aufgemacht, in denen Ringe stecken. Aber immer wird ein Ziel verfolgt, und das Ziel heißt Balz mit Hoffnung auf Landung beim Weibchen. 

Zum Glück aber gibt es auch noch echte Menschen, und zum Glück gibt es außerdem Weihnachten, da kann man in einigermaßen unverbindlicher Art soviele Kerzen anzünden wie man will. Und zwar immer mehr Lichtlein, erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann den ganzen Baum voll. Wobei viele Familien mittlerweile auf kinder- und katzensichere Elektrokerzen umgeschwenkt sind, die ihnen nicht den Teppichboden volltropfen, und der Baum brennt seitdem auch nicht mehr so oft. Leider fehlt dem elektrischen Licht ein wenig das besinnliche Flackern, und duftneutral ist es auch.

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Aber dafür steht ja die Kerze auf dem Tisch. Bei uns in der Familie gab es eine Kerze, die das ganze Jahr auf dem Tisch stand, ein dickes, verziertes Monstrum in senfgelb mit künstlicher schwarzer Patina, die das Reliefmuster betonen sollte. Sie stand auf dem Kacheltisch genau in der Mitte auf einem schmiedeeisernen Ständer und durfte nie angezündet werden. Der Docht war dick und mit Wachs bedeckt und ich durfte nicht an ihm herumpulen, weil das Wachs sonst abgeplatzt wäre, und ich hätte sonstwas dafür gegeben, sie einmal anzünden zu können, zu sehen, wie das Wachs schmilzt und der Docht endlich schwarz wird und aussieht, wie ein Docht aussehen soll und tut, was ein Docht tun soll, nämlich brennen. 

Aber regelmäßig im Advent mußte die unbrennbare Kerze weichen, die brennbaren Kerzen wurden auf den Tisch gestellt, das waren die des Adventskranzes, und sie wurden in einer ausgeklügelten Reihenfolge angezündet, damit sie möglichst gleichmäßig herunterbrennen. Tropfen durften sie nicht, denn der Adventskranz war keiner aus Tanne, sondern einer aus Zapfen und Eicheln und Bucheckern, den meine Mutter selbst gebastelt hatte, und der durfte nicht voller Wachs kommen. Deshalb durfte man Sonntags, wenn in HR1 das Adventsstündchen lief, nie hastig aufstehen, weil das die Kerzen zum Flackern bringt und flackernde Flammen sind schlecht, denn die lassen die Kerzen unregelmäßig abbrennen und womöglich überlaufen.

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Da saßen wir also und guckten in die Kerzen, stopften uns mit Plätzchen voll und standen, wenn überhaupt, nur sehr sachte vom Sofa auf. Ich unterdrückte den Drang, in den Kerzen zu pulen, oder die unbrennbare Kacheltischkerze anzuzünden, stopfte zur Kompensation noch mehr Plätzchen in mich hinein und wartete darauf, daß doch eine Kerze überlief, denn das verhieß Action im Haushalt. Wir redeten nicht, im Radio sang Rene Kollo das Lied von der Christrose. Die Kerzen brannten ruhig und gleichmäßig, leider. Ach, wie schön besinnlich, seufzte meine Mutter ab und an, die den Nachmittag in der Küche über Teigschüsseln zugebracht hatte. Ich hatte vermutlich meine Lektüre unterbrochen, um mich in die Finsternis zu setzen, mein Vater die Zeitung beiseitegelegt.

Inzwischen schaffe ich es einigermaßen, dem Zwang, in brennenden Kerzen herumzupulen, zu widerstehen. Es gibt Tomatensuppe, und ich konzentriere mich darauf. Die Kerzen brennen, das ist gut, dafür sind sie da. Es sind ganz einfache weiße Tafelkerzen, die mag ich ohnehin am liebsten. Auf dem Weihnachtsmarkt gibt es die seltsamsten Wachsgebilde, die vermutlich nur deshalb Kerzen genannt werden können, weil irgendwo aus ihnen ein Docht herausschaut. Diese Kerzen sind dafür gemacht, in Wohnzimmerschrankwänden herumzustehen, niemals angezündet zu werden und sich in heißen Sommern leicht zu deformieren. Irgendwann kleben sie auf dem Holz fest und gehen nicht mehr ab. Sie bleiben dann dort, bis die Schrankwand auf dem Sperrmüll landet.

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So ist das, Kerzen tropfen und Wachs klebt. Es ist eine archaische Art der Beleuchtung, die, wie alles archaische, Dreck macht, den man nicht haben will, deshalb beschränkt man sie auf besondere Anlässe. Vier Adventssonntage im Jahr schafft der funzelige Lichtkreis eine Höhlenatmosphäre im Wohnzimmer, die gemeinhin als behaglich angesehen wird, dazu einige besondere Anlässe, Ringübergaben und Balz. Eine Tomatensuppe ist den meisten zu wenig. Ob das mehr über des Gastgebers Einstellung zu Kerzen sagt oder über die zu Tomatensuppe, kann ich nicht sagen, nur, daß es, aus seltsamen Gründen plötzlich besser schmeckt, wenn auf dem Tisch die Kerzen brennen.

 

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Redakteurin im Reiseblatt der F.A.Z.