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Charity im Alltag: Die Spendensammeldose

31.12.2009, 13:45 Uhr  ·  Jemand hält Ihnen eine Spendensammeldose unter die Nase – wie verhalten Sie sich? Das kommt natürlich darauf an. Ja sicher. Aber worauf? Und wenn es dauernd auf irgendwas ankommt, kommt man kaum noch dazu, überhaupt mal jemandem etwas zu geben.

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Zum alljährlichen Fest der Liebe zirkuliert ja immer eine Menge Geld. Diejenigen Glücklichen unter uns, die noch ein richtiges Angestelltenverhältnis haben, bekommen Weihnachtsgeld, alle anderen geben zumindest einiges aus, um ihre Lieben zu beschenken. Die Jüngeren unter uns, die die Familie besucht haben, bekamen von den Eltern ein paar Scheine zugesteckt, die nun sicherlich nicht im Sparschein landen, sondern unters Volk gebracht werden. Im besten Fall helfen sie, den sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz eines qualifizierten Werktätigen sowie eines innenstadtnahen Fachhändlers zu erhalten, im schlimmsten Fall subventionieren sie Sweatshops in weit entfernten Ländern und eine Konsumhölle in einem Betonquader auf der grünen Wiese.

Und während man so mitten im schönsten Erwerben begriffen ist, flankieren den Weg: Tierschützer mit Spendendose, zwei Männer mit Zirkuspony und Spendendose, ein junger Mann, der auf einer Gitarre spielt und etwas Russisches dazu singt mit Spendendose, eine Horde Punks mit Hunden und ein alter Mann mit Rollstuhl und Spendendose und der freundliche Bettler von der Schillerstraße mit Pappbecher. 

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In Städten bitten immer viele Menschen um eine milde Gabe, die meisten von ihnen kennt man auch, aber um Weihnachten herum sind es gleich doppelt so viele. Zur Weihnachtszeit trudelten auch immer die Bettelbriefe ein mit den mundgemalten Postkarten darin und Anschreiben, auf denen einen großäugig Kinder aus weit entfernten Ländern anschauten. Zeitungen veranstalten Spendenaktionen, Gemeinden veranstalten Spendenaktionen, Geschäfte, Friseure und Tierheime veranstalten Spendenaktionen.

In meiner Familie herrschte keine besonders freigiebige Mentalität, und so wurden diese Briefe, wie auch die vielen Spendendosen am Rande der Zeil, so weit als möglich ignoriert. Man kaufte vielleicht einen Strohstern auf dem Weihnachtsbasar der Gemeinde, aber wenn die Sternsinger läuteten, stellte man sich tot. Ein Reflex übrigens, der mir bis heute eigen ist. Aber ist es denn wirklich so, daß Menschen zu Weihnachten freigiebiger werden? Ist die Bereitschaft, etwas abzugeben, gerade dann größer, wenn man ohnehin schon hunderte Euro für Geschenke rausgehauen hat? Vielleicht verschieben sich dann die Relationen, und ein, zwei Euro werden leichter verschmerzt.

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Wie halte ich es denn mit der Wohltätigkeit, für die es natürlich auch schon einen häßlichen neudeutschen Begriff gibt – Charity? Das leitet sich von der Caritas her, der christlichen Tugend der Nächstenliebe, klingt aber, in englischer Form, schon wieder nach wohlorganisierter, sauberer, von toupierten Gattinnen in Chanelkostümen durchgeführter Alibiveranstaltung. Ungefähr das, was früher einmal mit der Vorsilbe “Benefiz” versehen war und meistens im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Eine irgendwie muffige Angelegenheit, bei der Geld gesammelt wird, das dann in dunklen Kanälen versickert, man hört ja so viel schlechtes.

Ich für meinen Teil mißtraue auch den meisten Wohltätigkeitsorganisationen. Vielleicht bin ich da irgendwie zu desinteressiert, aber ich habe nie für die üblichen kirchlichen Missionen in Schwellenländern gespendet. Ich weiß nicht, was die dort machen, ich kann das nicht nachprüfen, und ich weiß auch nicht, ob das an der Lage der Menschen dort wirklich etwas verbessert. Bis zu meiner Aufklärung beschränke ich mich auf lokale Wohltäter, dort kann ich jederzeit hinspazieren und schauen, was mit dem Geld geschieht. Ich tu es nicht, aber ich könnte. Was natürlich auch völlig irrational ist.

Genauso irrational wie der Anspruch, daß spenden irgendwie zeitgemäß und sexy zu sein hat, um das positive Verkaufsadjektiv Nummer eins mal wieder zu strapazieren. Nichts ist weniger sexy als das Leid und die Armut anderer Menschen, also sollte man sich vielleicht einfach mal nicht so haben und die ein oder andere Überweisung klarmachen. Spendenquittung nicht vergessen, kann man ja von der Steuer absetzen.

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Es ist alles nicht so einfach, denn sogar in Sachen Wohltätigkeit herrscht die übliche popkulturelle Etikettierung und Einsortierung. Man sollte es zum Beispiel nicht übertreiben, sonst bezeichnen einen andere noch als Gutmensch. Insofern sollte man zwar Gutes tun, aber möglichst nicht darüber reden, um keinen moralischen Druck zu verbreiten. Oder nur mit denen reden, bei denen man sich sicher sein kann, daß man ihnen auf Augenhöhe begegnet. 

Und man, also ich, brauche einen Plan. Ich habe mir daher einen, wie immer völlig irrationalen, Wohltätigkeitsplan zurechtgelegt: Ich spende für kulturelle Einrichtungen, indem ich mich niemals auf meinen blöden Presseausweis berufe. Ich spende auf der Straße immer dann, wenn Frauen mich freundlich fragen, seien es Punkmädchen oder obdachlose Frauen. Freundlich ist natürlich subjektiv, aber egal. Ich spende immer für den netten Bettler an der Schillerstraße, den mit dem weißen Rauschebart, also nur für freischaffende, selbständige Bettler und immer dann, wenn ich gerade ein besonders großes Trinkgeld bekommen habe. Das hat weder Sinn noch Plan, führt aber immerhin dazu, daß ich überhaupt etwas spende, denn mit Mißtrauen kann man sich aus so gut wie jeder Spendensituation herausreden und am Ende bekommt niemand, der in Not ist, überhaupt je etwas. Das kann ja auch keiner wollen.

 

Veröffentlicht unter: öffentliches ding

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Redakteurin im Reiseblatt der F.A.Z.