Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Musik zum Mitnehmen: Der Walkman und die Folgen

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Musikabspielgeräte mit Kopfhörer gibt es seit 1979, und sie sind eine wirklich gute Erfindung. Niemand wird belästigt, weder die Außenwelt mit fragwürdigen Klangereignissen noch man selbst mit dem Geschwätz der Außenwelt. Sie wirken beruhigend und machen tote Zeit lebendig. Warum nur erfindet die Industrie Handys mit Lautsprecher, damit uns die Jugend wieder mit ihrem Geplärre beschallen kann? Es war doch 30 Jahre lang alles so friedlich.

Ich weiß nicht genau, wie ich ohne Walkman meine Jugend überstanden hätte. Eigentlich müßte ich schon längst taub sein, sooft wie ich man mich und meine Altersgenossen vor den drastischen Spätfolgen warnte, aber ich höre bis heute ausgezeichnet. Spätfolgen traten dann ganz andere auf. Spätfolgen wie die, daß ich Musik bis heute eigentlich nur dann ungestört hören kann, wenn ich alleine bin. Ich fühle mich am wohlsten, wenn keiner hinschaut oder hinhört. Ich in meiner Blase, und ich muß mir keine Gedanken machen, daß sich irgendjemand belästigt fühlt. Wunderbar.

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Für die meisten Jugendlichen ist Musik Abgrenzung zur Umgebung und Anschluß zur Peergroup, sie ist ziemlich wichtig in Sachen Grüppchenbildung und Identifikation, ähnlich wie später der Beruf. Was machen Sie so? fragen sich Erwachsene auf Parties, Was hörst du so? fragen sich junge Menschen. Damit weiß man noch nicht alles, hat aber einen validen Anhaltspunkt, wie das Gegenüber einzuschätzen ist. Gleichzeitig zieht Musik eine Linie zur vorangehenden Generation, denn wenn das Elternhaus mit René Kollo und dem Naabtal-Duo beschallt wird, bleibt nur die Flucht – ob nach vorn oder hinten. (Und wenn die Eltern coolere Musik hören, ist das trotzdem egal, denn Abgrenzung muß sein.)

Es gibt für den Jugendlichen dann zwei Möglichkeiten des Auslebens: Laut und offensiv, mit Ghettoblaster oder Plärrhandy, vorzugsweise im öffentlichen Raum und gern auch störend. Und introvertiert, mit Ohrstöpseln, unbemerkt von der Umgebung, hinter dem Haarvorhang mit dem Hintergrund verschmelzend. Beides ist möglich, beides wirkt mehr oder weniger charakter- und geschmacksbildend.

Ich hatte einen häßlichen, sehr uncoolen Siemens-Walkman in lila und weiß, der auch nicht viel taugte, aber in unserer Familie gab es nun einmal alle Elektrogeräte aus dem Werksverkauf der Frankfurter Siemens-Niederlassung, da mußte ich durch. Das war jedenfalls immer noch besser, als dauernd blöde Kommentare zu kassieren, was man da wieder für ein unkultiviertes Zeugs hört. Der lilaweiße Plastikklotz half mir auch im Urlaub, während ich auf der Poolliege herumlungerte, und reinigte die Ohren von der volksmusikalischen Dauerbeschallung vom Vorabend. Die Ärzte eigneten sich dafür hervorragend. („Sind das wirklich Ärzte?“ – Nein, Mama.“ – „Hätte ja sein können.“ – „Guck dir die doch mal an.“) Der Kopfhörer war noch mit Drahtbügel und Schaumstoffpuffeln, die irgendwann ausleierten, und der Bügel hatte unbedingt leicht nach hinten versetzt aufgesetzt zu werden, alles andere war uncool. Später kamen die Stöpsel, dann war wiederum alles andere uncool. Inzwischen gehen ja nur noch weiße Ohrstöpsel, alles andere ist uncool, oder richtig dicke Kopfhörer, das sind die Auskenner, die auf alle anderen herabblicken und sie zwar nicht uncool finden, aber irgendwie leidenschaftslos und konsumistisch.

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Ob Sony wohl ahnte, was der Walkman auslösen würde? 1979 kam das tragbare Kassettenabspielgerät auf den Markt, und die vielen toten Wartezeiten an der Bushaltestelle waren plötzlich viel weniger tot. Zumindest für die meisten Heranwachsenden und ein paar Berufsjugendliche, denn kaum jemand über vierzig hätte sich mit Kopfhörern in der Öffentlichkeit gezeigt. Das hat sich mittlerweile gründlich geändert, an der Taunusanlage steigt kaum noch ein unverkabelter Anzugträger in die S-Bahn, alle mit weißen Schnüren überm Revers und diesem nach innen gerichteten Blick. Die sind alle damit aufgewachsen, daß Musik tragbar ist, mitnehmbar, Zeitvertreib für Zwischendurch.

Das Prinzip änderte sich nicht, nur die Form. Erst der bunte Plastikklotz, dann immer kleiner und technischer aussehende Geräte, schließlich Discmen und Minidisc-Spieler, dann im Jahr 2001 der iPod als Kulminationspunkt des digitalen Zeitalters, der die Form aller MP3-Geräte definierte wie einst der Walkman seine kassettenbasierten Nachfolger. Das Praktische ist, daß man nicht einmal mehr Medien dafür braucht. Wie oft hab ich mit dem Bleistift Kassetten zum Ende gespult, um kostbare Batterie zu sparen, wie oft gab es Bandsalat oder ausgenudelte Tonträger begannen zu leiern. Und diese holprigen Anfänge von Liedern, die aus dem Radio aufgenommen wurden, und man hat nicht rechtzeitig auf den Aufnahmeknopf gedrückt, und am Ende redet der Moderator rein, den man dafür hätte schlagen können. Was hatte ich Aggressionen auf Radiomoderatoren. Doch das Geholper und Geblubber wurde zum Bestandteil eines Stückes, zumindest für einen selbst. War ja auch egal, für den Eigenbedarf reichte es.

Wildes Sharing gab es schon immer, die Tauschbörse hieß Schulhof, das Angebot war zwar nicht üppig, aber man versorgte sich so. Das ist heute nicht anders, nur illegaler geworden. Angesichts der liebevoll zusammengestellten Mixtapes meiner Jugendzeit, möglichst mit selbstgestaltetem Einlagepapier, wäre keiner auf die Idee gekommen, von Produktpiraterie zu sprechen. Mit was hätten wir sonst auch unsere Walkmen gefüttert? Vinyl für zu Hause, Kassette für unterwegs, alles lag in zwei Versionen vor. Und so, wie heute Playlisten zusammengeklickt werden, wurden Kassetten für besondere Anlässe zusammengestellt und gern auch mal verschenkt.

Die Qualität war allzuoft mies, aber das Gerät prima. Heute ist es ja eher umgekehrt, wenn kristallklare Audiodaten aus blechernen Handylautsprechern scheppern und den jugendlichen Besitzer in eine eigene Klangsphäre hüllen, die die Umgebung auf Abstand hält. Der Abstand ist wichtig, der Unwillen, angesprochen zu werden, in Kommunikation treten zu müssen oder der Kommunikation der Mitmenschen ausgesetzt zu sein. Es ist vielleicht kein Zufall, daß der iPod gerade in einer Zeit populär wurde, als die Menschheit begann, intime Telefongespräche in öffentliche Verkehrsmittel zu verlagern. Akustische Verstöpselung ist da reine Notwehr.

Es gibt nur eins, was noch besser ist: Auto mit CD-Spieler. Und laut mitsingen.

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37 Lesermeinungen

  1. Liebe Frau Diener, beim...
    Liebe Frau Diener, beim Walkman und seiner Nachfolger geht’s mir wie beim Fernsehen (Sie erinnern sich). Ich hatte mal ein schönes Gerät mit Radio fürs Flugzeug, aber das wurde mir im ersten Hotel geklaut. Aber Ihr Text ist schön und lustig, besonders weil er aufschlussreich zwischen Interiour-Monologue, Zeit-Produkt-Schiene und der Soziopsychologie von Jugendheit oszilliert. Plötzlich verstehe ich Manches. Thank’s.

  2. Bei mir wurde nicht das...
    Bei mir wurde nicht das Gelaber eines Moderators Teil eines Liedes, sondern etwas ganz anderes: Ich nahm damals Runaway train von Soul asylum aus MTV auf. Und irgendwo am Ende des Videoclips schreit kurz ein Baby, was zu den Bildern passte. Kein schöner Laut, aber irgendwie auch zu der Musik passend. Heute noch kommt es mir vor, als ob ich das Baby an der entsprechenden Stelle hörte, auch wenn ich natürlich inzwischen eine ganz andere Aufnahme habe…

  3. Mein erster Walkman 1984 war...
    Mein erster Walkman 1984 war von Aiwa. Die Firma gibts glaube ich gar nicht mehr…
    Das iPod-shuffle (ein Werbegeschenk) liegt bei mir weitestgehend unbenutzt in der Schreibtischschublade herum. Ist wohl meinem Bedürfnis zur Abgrenzung gegenüber den von Ihnen beschriebenen weiß-verkabelten, Rucksack-behängten Anzugträgern geschuldet.

  4. Interessant, die Spätfolgen...
    Interessant, die Spätfolgen bei Ihnen, die Sie da im ersten Absatz ansprechen. Ich habe was ähnliches bei Filmen. Ich glaube, das muss ich auch mal beschreiben…

  5. Beethoven, Sie können File...
    Beethoven, Sie können File nur alleine gucken? Da bin ich ganz anders gestrickt. In Sachen Film bin ich ein soziales Wesen. Es gibt ja auch Leute, die gern allein ins Kino gehen, und das Prinzip leuchtet mir auch ein. Ich mache es nur seltsamerweise nie.
    .
    Pseudomonas, es gibt auch Platten, die einen Kratzer an einer bestimmten Stelle haben, und wenn man dann dasselbe Stück ohne Kratzer hört, fehlt einem richtig was. Ich hatte das mit einem Lied von Sinead O’Connor, da war der Kratzer so prominent, daß ich ihn immer mitgedacht habe, wenn ich das gleiche Stück im Radio gehört habe. (Aber Musik im Radio mag ich eh nicht, die klingt immer irgendwie so kalt und steril. Vielleicht ist das Einbildung, vielleicht hat das technische Gründe. Ich nehme Erklärungen dankbar entgegen.)

  6. "Laut und offensiv, mit...
    „Laut und offensiv, mit Ghettoblaster oder Plärrhandy, vorzugsweise im öffentlichen Raum und gern auch störend.“
    Kann ich bestätigen, sogar schon für die mittleren fünfziger Jahre: Handy gab’s noch nicht, und der Ghettoblaster war ein Kofferradio (Stereo gab’s noch nicht), das man lässig (cool gab’s auch noch nicht) in der linken Armbeuge trug und man hörte laut plärrend AFN auf Mittelwelle (UKW gab’s noch nicht) mit George Hudaks „Frolic at Five“, jedenfalls in Berlin. Öffentlicher Raum war gaaanz wichtig, auch mal das extra weit geöffnete Hoffenster: seht und hört was ich für’n toller Kerl bin. Heut‘ weiß ich nichtrrecht, soll ich über das laute Techno-boom-boom aus verbeifahrenden Autos der Kopf schütteln, oder an meine Jugend denken? War Elvis & Fats Domino besser als das Zeugs heute? Ich sage ja; aber meine Vorgeneration sagt auch ja zu Hans Albers und Marika Rökk. Tja…

  7. Ich kann sie schon mit Leuten...
    Ich kann sie schon mit Leuten gucken und tue das auch oft und gern. Nur bin ich, Kurzform, schnell genervt und abgelenkt, wenn die anderen Anwesenden Geräusche oder Bemerkungen machen, den Film nebenher gucken. Mit Kopfhörer ist die Beziehung Film-Zuschauer noch etwas inniger und wenn er dann plötzlich fehlt….

  8. Frau Diener,
    ich glaube, die...

    Frau Diener,
    ich glaube, die haben da wirklich soeine Technik im Radio, daß es steril klingt.
    Neulich war eine Sendung auf BR, da haben sie mit ohne ohne Einsatz dieser Technik Musik gespielt, um den Unterschied zu präsentieren.
    An Details erinnere ich mich leider nicht mehr – Fluch der Informationsflut!

  9. Genau. Und wie virtuos wir mit...
    Genau. Und wie virtuos wir mit der Zeit zu einem bestimmten Musikstück zu spulen wussten: vor-zurück-vor-noch-n-Stückchen-zurück-eines-vor-da! Wie routiniertes Einparkieren. Revolutionär waren bei meinem Panasonic a) 2 Kopfhöhreranschlüsse (!) und b) Autoreverse – was für ein Luxus.

  10. Jeeves, ich glaube, das ist...
    Jeeves, ich glaube, das ist eine Konstante und gibt sich nicht viel. Halbstarke sind halbstarke, egal in welchem Zeitalter, sie machen raumgreifende Gesten und freuen sich an dem Krach, den sie produzieren. Ich begegne dem mit Gelassenheit. Ich bemühe mich zumindest. Wenn man allerdings an einer Hofeinfahrt wohnt, wenn im Hinterhof ein Autoradio-Einbaubetrieb ist, lernt man den in den Fahrschulmaterialien sogenannten „Powersound“ zu hassen.
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    Claudio, Autoreverse, da hab ich mich immer mit dem Spulen vertan: Ist vorwärts nun wirklich vorwärts oder gerade etwa rückwärts? Das hat bestimmt das dreidimensionale Vorstellungsvermögen geschult. Solche Denkleistungen verlangt einem ja keiner mehr ab, seit das Musikabspielen appelisiert ist.

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