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Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Echtheit ist überschätzt: Frauenmagazine

| 67 Lesermeinungen

In Frauenmagazinen geht es um Mode, Diättips und Prominente. Manche Menschen machen den Fehler, von diesen Themen auf die Interessenslage der Durchschnittsfrau zu schließen, aber das ist fatal. Und darum geht es auch nicht. Es geht auch nicht um "echte" Frauen und um solche, die nur Dekoration sind. Es geht ganz einfach um Originalität und um Kunst. Und darum, daß Künstlichkeit gar nichts schlechtes ist. Wenn wir jetzt bitte einmal den Opfer-Stempel wieder einpacken und nicht weiter über Gewichtsprobleme diskutieren könnten? Danke.

Liebe Leser – ausnahmsweise einmal meine ich das wirklich in dieser maskulinen Form – das ist jetzt so ein Frauen-Ding. Das kommt paradoxerweise daher in Verbund mit Schokolade und Cappuccino, also all den guten Dingen, die verhindern, daß man jemals so aussieht wie die Kleiderständer, die darin abgebildet sind, wenn es sich nicht gerade um die Brigitte handelt, die ja nun keine Kleiderständer abbilden will sondern „echte“ Frauen, was auch immer das sein mag. Das Ding, um das es geht, heißt „Frauenzeitschrift“ und führt immer wieder zu Mißverständnissen. Allerdings nicht dadurch, daß es nicht echt ist, sondern daß Leute glauben, daß es echt sein müsse, damit es niemand aus Versehen mit der Wirklichkeit verwechselt. Und falls doch, daß es dann wenigstens keinen Schaden anrichtet.

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Es gibt das Ding namens Frauenzeitschrift in den seltsamsten Varianten: Mit Stars und ohne Stars, mit Mode und ohne Mode und in allen Kombinationen dazwischen. Die mit Stars und Mode haben den schlechtesten Ruf, die ohne Stars und ohne Mode den besten, weil manchmal Leute glauben, daß die deshalb am „echtesten“ sind. Meiner Meinung nach ist das von vorneherein das falsche Kriterium, denn Magazine sind nicht echt, sie sind höchstens unterhaltend. Niemand, der auch nur halbwegs bei Trost ist, informiert sich allen Ernstes in einer Frauenzeitschrift, das sind vermutlich Menschen, die Britney Spears für eine ernstzunehmende Künstlerin halten, und zwar nicht auf so eine popironische Weise, sondern wirklich.

Frauenmagazine sind Popcorn fürs Hirn. Im plattesten aller Fälle sind sie das, was blöde Actionreißer (Transformers 2, 2 Fast 2 Furious usw.) für Männer sind. Man denkt lieber nicht genau drüber nach, warum man sich das antut, und gerade die Denkvermeidung ist das Erholsame daran. Man will das auch nicht rechtfertigen müssen. Berieseln reicht, danke der Nachfrage. Wenn ich denken will, les ich ein Buch. Vermutlich ist das der Grund, warum halbwegs intelligent gemachte Frauenmagazine immer wieder am Markt scheitern: Nicht, weil Frauen keine intelligente Unterhaltung wollen. Sondern, weil sie dann vermutlich nicht nach einem Magazin greifen, bei dem ein Model auf dem Cover ist. Oder eine „echte“ Frau, die aber auch nur ihres Aussehens wegen abgebildet ist und nicht, weil sie eine Mikrochipfabrik leitet.

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Man sollte daher nicht versuchen, sich dem Phänomen Frau über den Zeitschriftenmarkt und seine Produkte zu nähern. Man sollte nicht vor den Modezeitschriften stehenbleiben, darin herumblättern und dem Trugschluß verfallen, außer an Sommerkleidern, Rezepten für Mangold und Heidi Klum sei die moderne Frau an wenig interessiert. Oh doch, das ist sie. Sie greift dann eben zu einem Buch oder einer Fachzeitschrift. Frauenmagazine gibt es deshalb, weil Frauen es schaffen, völlig bewußt etwas sinnloses zu tun, ohne dabei irgendeine Art von Relevanz vortäuschen zu müssen. Für Männer muß ja jede Briefmarkensammlung mindestens kulturhistorischen Wert haben.

Es ist schon oft gesagt worden, aber so ziemlich jedes dieser Frauenmagazine gibt Versprechungen in Sachen Diätwunder, und gerade jetzt im Frühjahr häuft es sich wieder. Erstaunlicherweise sind das auch oft die Magazine mit den echten Frauen drin, die ganz abgehobenen Modeblätter kennen keine Diät. Die kennen nur Kunstausstellungen und Fotografen und ab und zu eine Schmuckdesignerin. Da kann man sich nun fragen, wer da nun welches Frauenbild propagiert und welches davon das frauenfeindlichere ist, aber ich habe mich von den Hochglanzmagazinen eigentlich noch nie mißachtet gefühlt. Ich fühle mich eher von Diättips mißachtet. 

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Manchmal fühle ich mich auch vom Feuilleton mißachtet, wenn darin Gräben aufgerissen werden zwischen einer verstaubten, männlichen, akademisch legitimierten alten Schule und der jungen, weiblichen, autodidaktisch hochbegabten neuen Generation, wie es jüngst wieder Iris Radisch vorexerzierte. Da werden dann Lager gebildet, die es nicht gibt, denn wo gehöre ich hin, als zwar akademisch ausgebildete, wenngleich eindeutig weibliche und jüngere, aber halt nur Bloggerin, die trotz Jugend und Weiblichkeit einfach keine solidarischen Gefühle für die „begabte junge Frau“ Hegemann ausbilden möchte? Und „diejenigen, die auf sie einschlagen“, verteidigen die wirklich „mehr als ihre schöne alte Männerwelt, in der nur brave und hübsche, schlanke junge Frauen im Dekor herumstehen dürfen“?

Da haben wirs schon wieder, der Ruf nach der echten Frau, die nicht schlank oder hübsch ist, sondern irgendwas anderes, im Zweifelsfall eben: begabt. Muß man dauernd über Gewicht reden? Ist man nichtmal im Feuilleton davor verschont, wo die Autorinnen jetzt wohl auch keine Models mehr sind, sondern richtige Frauen? Die Debatte auf diese Ebene zu ziehen, das fällt auch nur einer Frau ein, seufzte ich vergangene Woche angesichts des Aufmacherartikels. Ein Artikel, der ein Täter/Opfer-Rolle herbeikonstruiert, wo man hunderte anderer Täter/Opfer-Rollen konstruieren möchte. Anstatt der Frau als Underdog böte sich da eventuell die des Bloggers als marginalisiertem Medienweltbewohner an. Ich glaube jedenfalls nicht, daß man weiterkommt, wenn man Hegemann einen Opfer-Zettel an die Stirn klebt und sagt, ach je, sie ist halt nicht hübsch genug. Ich habe jedenfalls noch nie gehört, daß je ein Mann gefordert hätte, in der Werbung sollten gefälligst mehr echte Männer mit Bauch, Brille und Unterhaltszahlungen zu sehen sein und nicht dauernd diese alerten, dynamischen Anzugträger mit Fertigbauvilla und Trophywife, die sich den Audi aus der Portokasse leisten können. Es ist ja nicht so, daß nur auf die Hälfte der Menschheit Druck ausgeübt würde, und man kann auch mal aufhören, so zu tun, als wäre das so. 

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Liebe Leser, Sie sehen also, es ist alles nicht so einfach. Ich bewundere viele Frauen für ihre Leistungen. Ich bin der Meinung, daß Virginia Woolf die halbe literarische Männeravantgarde an die Wand geschrieben hat, ich habe, wenn ich mal drüber nachdenke, mehr bevorzugte Fotografinnen als Fotografen und freue mich, wenn morgen der neue Geniestreich von Joanna Newsom auf den Musikmarkt kommt. Allerdings messe ich sie künstlerisch alle an dem, was sie schaffen. Und daran, was sie nicht schaffen. AL Kennedy ist auch keine Schönheit, aber eine der besten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Zadie Smith ist eine Schönheit und auch eine der besten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Beide sind vermutlich echt. Keine ist ein Opfer, keine ist Dekor. Dafür sind sie ja viel zu klug.

Ich lese also weiterhin guten Gewissens Hochglanzmagazine und esse dazu Schokolade und weigere mich, mich deswegen irgendwie schlecht zu fühlen, weil ich echten Magazinfrauen keine Chance gebe. Ich will die völlig abgehobene Seidenraschelwelt, die mit mir nichts zu tun hat, ich will Make-up sehen, mit dem ich mich nicht auf die Straße tauen würde, und ich will um Himmels Willen keine Diättips. Ich will nicht von echten Frauen irgendwelche Büromode vorgeführt bekommen, ich will nicht verbessert werden, ich will nicht, daß mir irgendjemand Ratschläge gibt. Authentizität ist überschätzt, Originalität ist unterschätzt. Und mit dieser ästhetischen Forderung entlasse ich Sie alle aus meinen Fiebergedanken ins Wochenende. Falls es Ihnen zu wirr war, schieben Sie es auf meine Erkältung. Ich gehe jetzt die Vogue lesen.

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67 Lesermeinungen

  1. Sehr gut! So ein Artikel über...
    Sehr gut! So ein Artikel über Frauenzeitungen ist genau das richtige nach einem langen Tag. Dazu ein Stück Schoko, nur kommentieren kann ich nichts. Ich kann mich nicht erinnern, dass letzte Mal eine Frauenzeitschrift gelesen zu haben. Mein Friseur steht da nicht drauf, und beim Zahnarzt gibt es nur Zahnartlektüre.

  2. Aber das es echte Magzine fuer...
    Aber das es echte Magzine fuer Frauen sind, merkt man als Mann ganz schnell.
    Ich lese zum Bespiel gerne die Horoskope. Bei mir stimmen sie nie. Ist ja auch kein Wunder, bin halt keine Frau.

  3. Worst Case: Die...
    Worst Case: Die Seidenraschelwelt des Büromoden-Diätwahn-Mainstreams
    Der wirr warr hat eigentlich mehr mit der unscharfen Definition zu tun was eine Frauenzeitschrift überhaupt sein soll.
    Zur Veranschaulichung von der Einschätzung von Echtheit ein anderes Inhaltsformat: Bei kleinformatigen Schmökern für alle ab achtzehn ist inhaltlicher Aufbau und Handlungsmuster zuordenbar: Der Kern der Handlung ist real und nachvollziehbar, das drum herum um den Kern ist immer sehr konstruiert.
    Bei sogenannten Frauenzeitschriften ist gar nichts klar: Es wird geschrieben, fotografiert und konstruiert was der Markt will; und drum sind anspruchsvolle Themen schwierig. Im Sinne Luhmanns geht es nicht darum mittels einer Frauenzeitschrift zu erfahren, was Leben bietet, sondern es ist eine Wiedergabe und gewisser Maßen auch Handlungsanleitung, was die Masse scheinbar tut oder vielmehr tun soll. Aber anscheinend will niemand zur breiten Masse gehören, aber doch irgendwie „über das Verhalten der anderen“ informiert sein. Es ist alles okay, solange es die Realität der anderen betrifft; aber wenn es die Realität und die Widersprüche des eigenen Lebens auch nur tangiert, so macht sich Unruhe bis zur (absolut legitimen) Verweigerung bemerkbar.
    In Wahrheit sind Magazine mit der abgehobenen Seidenraschelwelt die klügste Alternative zur Bürotussi-Diätwahn-Realität. Die breite Masse der geneigten Leserinnen (also die anderen) mögen sich aber immer vergegenwärtigen, die Make-up-Tips sind nicht wirklich für den Alltag bestimmt. Denn wenn diese klare Trennung zwischen Hochglanzmagazin und Realität ignoriert wird, (zuviele) Frauen sich tatsächlich mit diversen Make-ups wie selbstverständlich auf die Straße trauen, mutiert der ursprüngliche Hochglanz zu billigem Mainstream und die letzten Nischen von Leserinnen-Interessen sind rüber gewandert in die Bürotussimodenfraktion.
    Und die Katze beißt sich so in den Schwanz. Die gute Lektüre zerkracht an der herbei geschrieben wordenen Echtheit.

  4. Liebe Frau Diener, wenn es nur...
    Liebe Frau Diener, wenn es nur die Frauenzeitschriften wären. Auch in Werbeprospekten, die ins Haus flattern z.B.von Möbelhäusern , tritt nun
    „Horst Schlämmer“ mit Frau auf.

  5. Für die Männer gibts dafür...
    Für die Männer gibts dafür iX. c’t und Auto Bild. Schon seltsam, was so ein fehlendes Chromosom für Auswirkungen hat.

  6. Sorry, dass ich nochmal...
    Sorry, dass ich nochmal stoere, ich hab’s eben nochmal durchgelesen. Lustig, das Maennerbild, dass Sie haben. Es deckt sich keineswegs mit dem Frauenbild, von dem Sie vermuten, das Maenner es so haben-zumindest nicht in meinem Unkulturkreis.
    Im Geiste gehe ich an meinen alten Freunden vorbei, also an Freunden die damals nicht alt, sondern ziemlich jung waren. Ehrlich, wirklich ehrlich: Die Jungs wollten alle nur spielen, das wollen sie immer noch. Selbst ein Studium war Spiel, ernsthaft, weil existentiell, ansonsten aber pendelten die zwischen Kino, Carrerabahn (allerdings verschaemt und nur als Beispiel genannt), Kneipe und gemischtgeschlechtlichen Geselligkeiten hin und her. Ah, jetzt merke ich es, natuerlich, die machten ja auch alle keine Geisteswissenschaft-die machten auf Ingenieur oder Architekt oder Informatik.
    Klar doch, denen waren Frauen zwar nicht richtig egal, die konnten aber schon ein wenig stoeren, wenn man beim Apparatebasteln zusammen sass, die Aschenbecher sich fuellten und die Bierkiste leichter wurde. Manchmal wurde man von einer rennomierten Vereinigung eingeladen. Die Ehre war gross, wie die ratlose Suche nach einem noch funktioniernden Anzug ebenso gross war. Einen Geisteswissenschaftler hatten wir nun doch in der Clique: der baute die Akropolis in beachtenswertem, raumfuellenden Massstab nach. Er wurde dann doch nicht Museumsdirektor, sondern Studienrat.
    Hatten die ein Frauenbild? Gar eins á la Hochglanzmagazin? Ich glaube, dass die es nicht hatten-oder nur diffus. Jedenfalls war es so, dass deren Freundinnen irgendwann entschlossen den Ehestand anstrebten und dabei so taten, als waere es die Idee ihrer Maenner. Nach dem zweiten Kind und der Auszahlung des Bausparvertrages werden die Damen dann zu Vogue oder Elle gegriffen haben (die aergsten zu Gala), um sich irgendwohin zu traeumen. Ihr Traummann steht waehrenddessen auf dem Grundstueck und ueberlegt den Grundriss der kuenftigen Schwimmhalle. Dabei geht es ihm um das Bauen. Seiner Liebsten sagt er, es waere wegen der Kinder. Aber die sind nur vorgeschoben. Maenner wollen spielen. Ganz ernsthaft spielen. Und wenn Frauen glauben zu wissen was Maenner wollen, taeuschen sie sich gewaltig. Kluge Frauen (ganz bloede gibt es selten) wissen das.
    Und wenn Ihnen das jetzt etwas wirr und nach Themaverfehlung aussieht, schieben Sie’s halt auf vier Calvados und den Spass an Ihren Ueberlegungen.
    Noch ein Tempotaschentuch?
    Schnief!

  7. liebe Autorin, danke für...
    liebe Autorin, danke für dieses leichte Plädoyer einen femininen Bewusstseins, welches die Qualität sucht, das andere Durchschaut, auch böse benennt, aber nicht grundsätzlich abwertet und last, but not least, die eigene Person zum relativen Mass für alles Andere macht. Und wenn uns schon das ewig Weibliche hinanzieht (ich meine uns Pferde), dann ist es diese entspannte Dialogfähigkeit deren Ziel wohl immer die Schönheit ist. Übrigens Filou, die Unzuverlässigkeit der Horoskope ist wirklich ärgerlich.

  8. das ist wie im richtigen Leben...
    das ist wie im richtigen Leben da gibt es auch seichte Gewässer

  9. mit den Frauenzeitschriften...
    mit den Frauenzeitschriften oder Einrichtungszeitschriften oder Gartenzeitschriften oder sonstigen bunten Zeitschriften holst du dir nur schöne
    Bilder in Erinnerung die sind schnell aufrufbar und bedürfen nicht des langen lesens und mit Werbeprospekten habe ich ganz zufällig meine Hirn- bzw. Seelenforschung vorangebracht also auch jedes seichte Gewässer führt schließlich in die Tiefen des Ozeans. Und nirgendwo kann ich neue Schmuckkreationen besser studieren als in Vogue und das so nebenbei beim Plasmaspenden was wiederum Kranken zu Gute kommt. Also alles hat seinen Sinn und wenn ich mit einem Mö belprospekt noch Geld verdienen kann, dann
    bin ich nicht mehr von Hartz IV abhängig und ich kann meine drei Kindern die
    Schule oder Ausbildung bieten die ich mir für sie wünsche damit sie dann eines
    Tages die Reisen unternehmen können, die in den bunten Frauenzeitschriften
    angeboten werden. So sieht 10 Jahre Hartz IV Erfahrung aus praktisch angewendet und zum Vertiefen gibts dann wieder die FAZ im Abo was will der
    Mensch noch mehr?

  10. Sehr schöner Artikel. Wer...
    Sehr schöner Artikel. Wer eine Feminismusvorwand hochzieht, um den Plagiatstatbestand nicht sehen zu müssen, hat eindeutig keinen Durchblick.
    Ich wünsche guten Schokoladenappetit.

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