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Gemeinsam ausgeübte Eleganz: Im Ballsaal

04.05.2010, 23:02 Uhr  ·  Selten sind sie geworden, die wirklich feierlichen Anlässe, die Bälle in großer Robe. Viele von ihnen wurden durch informelle Parties oder andere Formen des Zusammenkommens ersetzt, aber für einen Ball gibt es im Grunde keinen Ersatz. Er ist der textile Ernstfall, die größtmögliche Anstrengung in Eleganz, und dabei sogar generationenübergreifend. Eins steht jedenfalls fest: Mit Coolness kommt man dort nicht weit.

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Dem Alltag des gemeinen Mitteleuropäers gebricht es an Eleganz. Und nicht nur dem Alltag: Die Gelegenheiten zum Aufrüschen sind selten geworden, die Rahmen informeller, der Kegelverein in der kleinen Stadt feiert lieber Sommer-Cocktailparties statt Bälle, und der Rest von Büro bis Oper wird mit weißem Hemd oder weißer Bluse absolviert. Oder einem diffusen Kleidungsstück namens “Oberteil”. Paßt immer. Wie praktisch.

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Kein Wunder, daß Modeblogger Scott Schuman (aka. “The Sartorialist”) in Berlin nur eine einzige fotografierenswerte Frau gefunden hat. Einen veritabler Skandal, befand Ulf Poschard unlängst in der Welt. Und der Schuldige ist sogleich ausgemacht: Die Unterschicht sei schuld und die Mittelschicht auch, denn die Oberschicht würde ja gern, traue sich aber nicht mehr angesichts der grassierenden Reichendiskriminierung in diesem Land. “Die Wurschtigkeit im Umgang mit der eigenen Erscheinung ist auch Ergebnis einer Ideologie gleichgeschalteter Scheußlichkeit”, findet Poschardt. “Deren Vertreter machen sich über Menschen mit Hermèstaschen, Yves-Saint-Laurent-Kleidern und -Hüten zunächst lustig, isolieren sie dann als Störenfriede und wollen sie schließlich mit Reichen- und Vermögenssteuer in das Elend der Mittelstandsmode zurückdrängen. Dass sich wohlhabende Bundesbürger von derlei Missgunst verschrecken lassen, ist armselig.”

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Scott Schuman wie wild draufgehalten hätte, wenn mehr Menschen in Berlin Kelly-Bags mit sich herumtrügen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob sich der mißgünstige Mittelständler überhaupt in der Lage sieht, eine echte Kelly-Bag von einer der vielen Nachahmungen zu unterscheiden, die dieser Tage an den Handgelenken kursieren. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Poschardt bewußt ist, wie wenig echte Eleganz mit High-Fashion-Marken und deren gelabelten Insignien zu tun hat, die längst zu hirnlosem Consumerluxus abgesackt sind, den die Zahnarztgattin aus dem Vordertaunus tütenweise in ihren falschgeparkten Cayenne stapelt. Gleichschaltung findet ja nicht nur unten statt.

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Doch verlassen wir Berlin und das bedauernswerte Medienprekariat und begeben uns einmal auf einen Ball, diesen Hort der eleganten und stilvollen körperlichen Betätigung. Auch ich habe selten genug Gelegenheit dazu, und es ist zugegebenermaßen ein etwas exotischer Ball, nämlich der Spring Ball des Frankfurt Scottish Country Dance Club. Irgendeine Art von Sport muß der Mensch ja treiben, und die gemeine Muckibude ist mir ziemlich zuwider, wovon beizeiten noch zu berichten sein wird. Sport also, der in Abendkleidung getrieben wird, mit gediegener Kapelle auf der Bühne, Blumen auf dem Tisch und den ganzen ritualisierten Formen des Aufforderns und Ineinanderrumpelns auf der Tanzfläche.

Von Bällen hört man ja schon als Kind, wenn Aschenputtel dort im schönsten Gewand aufrauscht, dem Prinz das Herz stiehlt und ihm dafür einen Schuh hinterläßt. Man liest davon, wie mysteriöse Mr. Darcys das Sozialleben eines kleinen, britischen Landnests und diverse Frauenherzen durcheinanderbringen. Bälle gehören zu einer diffusen, längst vergangenen Epoche, es umgibt sie die Aura allerhöchster Festlichkeit, und das einzige, was noch mehr Garderobenaufwand verlangt, ist die Krönungszeremonie eines europäischen Monarchen. Im Alltag wird man oft belächelt, wenn man mit Fächer, Blume im Haar und Spitzenhandschuh ausstaffiert durch den Tag stolziert, auf dem Ball ist es normal und sogar praktisch. Der Fächer kühlt, der Handschuh schützt vor der Schweißflosse des Tanzpartners, die Hochsteckfrisur ist die reine Notwehr in Sachen Verzottelung.

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In prüderen Zeiten war der Tanz eine der wenigen Möglichkeiten, Körperkontakt mit dem anderen Geschlecht zu pflegen. Inzwischen hilft er eher, gegen die grassierende Partycoolness anzukämpfen, die vermutlich auch nichts weiter ist als verkappte Unbeholfenheit und Ausrede dafür, nichts wagen zu müssen. Everyone would prefer not to. Beim Ball muß man ran, denn Eckestehen, Bierflaschehalten und Klugschwätzen gilt nicht als Partizipation. Dabei hilft es, wenn den Tänzen Standardschritte und Figuren zugrundeliegen, das heißt, der Tänzer muß sich nicht auf die Attraktivität seines Ausdrucks verlassen, wie es in vielen Discotheken allabendlich so fürchterlich in die Hose geht. Er muß nur aufpassen, der Partnerin nicht auf die Füße zu treten und kann sich ansonsten auf die Ausführung erlernter Schrittfolgen beschränken. Das kann sehr befreiend sein, erfordert aber minimale Beschäftigung mit den Grundtechniken. Im Falle des Spring Ball auch das handfeste Auswendiglernen komplexer Figuren und schnelles Spicken, bevor es losgeht. Wenn am Ende alle am richtigen Platz sind, ist das Erfolgserlebnis umso größer. 

Im Übrigen sind Bälle eine generationenübergreifende Angelegenheit, bei der Jung und Alt zusammenkommen, das unterscheidet sie von den meisten Parties, die eine eher eng umrissene Zielgruppe haben. Die Party wird in jeder Generation neu erfunden, oder zumindest vermeintlich, die Regeln des Balles dagegen stehen fest. Die Alten kennen sie, die Jungen lernen sie, ein ganzes Handlungsrepertoire: Kichernde Mädchen mit Puderdosen in den Toilettenräumen, Blickkontakte, Verbeugungen, erste Tänze, erschöpfte Pausen, Erfrischungen, Blumen, Schleifen. Und natürlich gibt es auch noch Tanzlisten. Leider eher profane Papierlisten, nicht mehr in Form von Tanzfächern. Ich besitze ein Exemplar vom Flohmarkt, eine junge Dame tanzte im Januar 1911 in Breslau mit ziemlich vielen Herren, die ihr Sinnsprüche, Gedichte oder einfach Grüße hinterließen. Die Schrift wurde eingebrannt mit etwas, was in meiner Jugend Brennpeter hieß, womit man in der Bastelstunde hölzerne Brettchen oder andere Scheußlichkeiten verzieren und der Mutter zum Muttertag schenken konnte. Ob die wohlhabenden Bundesbürger wohl noch Tanzfächer benutzen, wenn sie in Yves-Saint-Laurent-Kleidern ihre festlichen Anlässe begehen? Oder hat die allgemeine Mißgunst sie auch davon schon abgehalten?

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Eleganz, so meine Ansicht, unterscheidet sich nicht groß von anderen Künsten, denn sie entsteht durch den Willen zur Form. Ein kompromißloser Wille. Lässigkeit zählt nicht, Faulheit nicht, Nachlässigkeit nicht. Es ist eine gemeinschaftliche Verabredung, einen Rahmen zu schaffen, in dem nur das formvollendetste gerade gut genug ist. In seiner “Analysis of Beauty” zeigte Hogarth im Jahr 1753 als Plate II eine Tanzszene: “The Country Dance” heißt das Blatt (und hier schließt sich der Kreis aufs Schönste). Von schätzungsweise acht tanzenden Paaren gelingt es nur einem, dabei eine halbwegs gute Figur zu machen, der Rest kämpft mit den Gliedmaßen und Proportionen des eigenen Körpers oder denen des Tanzpartners. Niemand fragt nach dem Preis des Kleides. Die Marke der Schuhe interessiert keinen. Die Maxime des “viel hilft viel” stimmt hier nicht. Es ist ein flüchtig Ding, diese Eleganz, die Hogarth meint und Blogger Scott Schuhman ablichtet, sie läßt sich nicht herbeiwünschen und zwingen schon gar nicht. Man kann versuchen, sich zu verabreden, um sich gemeinsam anzustrengen, das ist der Ball. Man kann es im Privatleben versuchen, welcher Schicht auch immer man angehört. Und manche, das tut mir leid, das so hart sagen zu müssen, haben einfach nicht besonders viel Talent zur Eleganz. Aber auch darin unterscheidet sie sich nicht von anderen Künsten.

 

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Redakteurin im Reiseblatt der F.A.Z.