Home
Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Du sollst nicht falschen Götzen zollen – Die Geldklammer

| 48 Lesermeinungen

Über Geld und Hektar spricht man nicht, dachte ich. In der Finanzstadt Frankfurt scheinen andere Regeln zu gelten: Man tanzt recht ungeniert ums goldene Kalb und vergisst im Workaholic-Wahn, wie Lebenswert sich noch errechnen ließe. Doch vielleicht können sie nichts dafür, vielleicht ist es nur Excel-Fieber, was in die Köpfe steigt.

„Grün, grün, grün sind alle meine Scheine. Grün und etwas gelb ist alles, was ich hab.“ Natürlich bin ich die einzige im Restaurant, die den Singsang von leblosen Gegenständen hört. Welches hochanständige Mädchen ließe sich schon von einer prall gefüllten Geldklammer anträllern? Oder begibt sich überhaupt in ein Umfeld, das solche Protzerei zulässt?  Auf dem Finanzplatz Frankfurt ist es jedoch schwer, dem zu entkommen. Denn der Besitzer der Klammer merkt nicht, dass im Stillen nur ein Urteil über ihn fällt, höchstens noch begleitet von einer hochgezogenen Augenbraue: hundsordinär. Es hilft ihm nicht, dass er seinen Kleiderschrank nach Vorgabe des Coffeetable-Buchs „Der Gentleman“ ausstaffiert. Auch nicht, dass sein Nadelstreifenanzug, Marke tailor-made, keine einzige Beule am Rücken oder unter den Achseln wirft, er statt des Friseurs einen Coiffeur aufsucht oder seine Socken, dreifarbig gestreift, eine farblich harmonische Einheit mit dem Einstecktuch bilden.  

So steht er also zu später Stunde, bereits recht angefüllt mit Champagnowski, am Tisch von drei jungen Frauen und versucht, die Identität stiftende Klammer vor sich her wedelnd, eine Übernahme einzuleiten. Tatsächlich zieht er seinen ersten Satz, der über Befruchtung oder sofortigen Mord eines Gesprächs entscheidet, zielsicher aus der untersten Schublade: „Darf ich Ihre Rechnung bezahlen?“

Bild zu: Du sollst nicht falschen Götzen zollen - Die Geldklammer

Merkt er nicht, wie sich graue Erbärmlichkeit über die polierten Manschettenknöpfe legt? Ist ihm noch zu helfen?  Mit Manieren zumindest, oder um das Niveau zu steigern: geistiger Eleganz oder charmanter Genialität? Zeitgleich mit unserer andauernden Kunst- und Kulturblüte gilt sprachliche Raffinesse und das Spiel mit Erwartungen doch als Voraussetzung! Zumindest um mich zu beeindrucken. Die Variationen gekonnter Selbstdarstellung liegen greifbar auf der Straße, doch er weiß nur Geld aufzuheben. Welch‘ sonderbare Ausgeburt spült die Finanzmetropole hier an. Einen aus unzähligen Akteuren, die sich zweiundzwanzig Stunden an sechseinhalb Tagen der Woche in den verglasten Banktürmen verschanzen. Von denen in der Nacht nur ein Licht zu sehen ist, das ein Quadrat von Hunderten im Turm erhellt. Vielleicht sollte es nicht wundern, dass der Umgang mit Menschen vor dem Glas, die über die Straßen wie Ameisen kriechen, recht sonderbar zu werden droht.

Zur mitleidvollen Verteidigung könnte die Diagnose vielleicht Excel-Fieber lauten, das die Empfangswellen der natürlichen Empathie stört. Wenn,

ƒ(selbstwert) = ( S / K * selbstwert) + [Resonanz] Applaus der Kollegen beim Prahlen am nächsten Tag im Büro!$A$1 

wobei:

S = Anzahl der Scheine in der Geldklammer

K = Karrierelevel auf der Visitenkarte

– wie sollte sich in diese Gleichung noch Sensibilität für anderer Menschen Bedürfnisse mischen? Die eigenen haben sich im Zuge der Isolation längst zu Rudimenten zurückgebildet. Wir haben doch keine Zeit. Schnell, schnell, bevor das Smartphone wieder blinkt, müssen elementare Bedürfnisse befriedigt werden. Eine Beziehung aufgebaut, ausgekostet, wieder abgebrochen werden; immer rastlos, immer den peitschenden Mammon im Rücken. Nicht auszudenken, was ein geringerer Bonus für gesellschaftliche Rückschritte mit sich brächte. All die Verpflichtungen, Versicherungen und Veranstaltungen – sie lasten so schwer.

Bild zu: Du sollst nicht falschen Götzen zollen - Die Geldklammer

Natürlich denkt dieser Herr nicht daran, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit zwei der drei Freundinnen sogleich in einen inneren Konflikt stürzt. Von Zeit zu Zeit, oder öfter, lebt jede über ihre Verhältnisse. Niemand möchte immer absagen, wenn vorgeblich besser verdienende Freunde sich einen schönen Abend machen wollen. Vorbei sind die studentischen Zeiten, in denen das monatliche Budget aus Wechsel, BAföG und Mini-Job einen überschwänglichen Lebenswandel ausgeschlossen haben und eine Absage mit der Begründung „das ist mir zu teuer“ kaum ausgesprochen werden musste. Es war ja allen klar. Jetzt wird es jedoch zum Störfaktor und nur mit Mühe toleriert, falls überhaupt vorgetragen. Vor allem dann nicht, wenn sich größere Gruppen zum geselligen Zusammenkommen in guten, und damit immer auch überteuerten Restaurants treffen. Alle trinken, mancher isst zwei oder drei Gänge und dann wird die Rechnung der Bequemlichkeit halber durch alle Anwesenden geteilt. Mehrere solcher Abende im Monat und der Kontoauszug wird selbst zur Quittung.

Wie einfach wäre es also, jetzt Geld zu sparen: der Geldklammer und ihrem Halter ein Lächeln vortäuschen, zwanzig Minuten Konversation halten und sich dann zur toilette (bitte französisch ausgesprochen) zurückziehen, derweil der Herr die Rechnung übernimmt. Danach wird sicher eine der zwei Schwankenden, von schwindender Selbstachtung angenagt, auch das Angebot nicht mehr ausschlagen, sich im weißen Stadtjeep nach Hause chauffieren zu lassen.

Bild zu: Du sollst nicht falschen Götzen zollen - Die Geldklammer

In solchen Moment ist Verachtung für sich und andere die einzig rettende Maßnahme; sie stärkt das Rückgrat. (Weiß Gott: „get rich or die trying“ macht selbst den stursten Freigeist ab Dreißig zum Getriebenen) Am Tisch offenbart sich nämlich ungebeten die Biographie des unbeirrten Geldklammer-Trägers: teure Liebe durch glitzernde Geschenke, glamouröse Hochzeit, Kinder mit Ralph Lauren und Burberry ausstaffiert, dann die alle Kontoabbuchungen bei weitem übertreffende Scheidung. Dafür muss am Ende noch Geld übrig sein. Bis zur nächsten Runde. Und immer tiefer gräbt sich die Spirale der monetären Verdammung. Doch jeder findet, was er sucht. Insgeheim spekuliert er wohl darauf, seine Frau in die finanzielle Kneifzange zu nehmen. Genauso wie die Raubkatze, wenn sie im Zuge der Verwöhnung ihre Krallen spitzt und das Portemonnaie auskratzt. Dubai-Style, lass nach!

0

48 Lesermeinungen

  1. <p>Guten Morgen...
    Guten Morgen SvM,
    die Formel leuchtet mir nicht ein, ich schlage stattdessen selbstwert := S^2*K + [Applaus] vor. Warum übrigens Grün als Farbe, der 500er ist nicht grün. Oder wird in F mit ausländischem Blendwerk bezahlt? Ansonsten d’accord. K

  2. Da hab ich wohl wieder etwas...
    Da hab ich wohl wieder etwas bescheiden gedacht: grün für hundert Euro?

  3. Sie haben uns in den...
    Sie haben uns in den gedruckten Medien gebracht! Besonders die Kommentatoren „abf“ und „muscat“, die dort zitiert werden: Großes Lob im Tagesspiegel für „Ding und Dinglichkeit“ vom ehemaligen Deutschlandfunk-Intendanten Ernst Elitz!
    http://www.tagesspiegel.de/medien/zipfelmuetzen-besiegen-tagesthemen/3919552.html

  4. <p>Ist die Geldklammer...
    Ist die Geldklammer wirklich nur ein billiges Statussymbol? Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass aus ihr auch ein sorgsamer Umgang mit Geld spricht. Es ist etwas anderes, wenn man die Scheine sorglos ins Portemonnaie knüllt oder nur mit einer Plastikkarte bezahlt und den Wert hinter den Scheinen nicht mehr sieht.
    Grüße Felix

  5. <p>schön geschrieben...
    schön geschrieben ich hab aber gleich an $ gedacht, denn dort ist es üblicher mit Klammer das Geld zu tragen und soviel ich mich an meine Kassierertätigkeit erinnern kann ist der $gelbgrün die neuen Scheine sind mir noch nicht so geläufig
    und der neue 100Euro Schein ist mehr grün mit ein paar gelben Sternen und hier bei uns ist es doch üblich ein Portemonnaie mitzunehmen (Ausnahmen bestätigen die Regel ich hab weder Portemonnaie noch Klammer hab ja auch fast kein Geld das bisschen passt in den Reisepass)

  6. <p>Wer ist uns? Wir beide? Das...
    Wer ist uns? Wir beide? Das würde meinem Selbstwertgefühl ja mehr auf die Beine helfen als jede Cartier-Geldscheinklammer. 😉 Darf ich die Rechnung bezahlen? Was für ein Freitag!
    Und jetzt im Ernst: Glückwunsch! K

  7. <p>Ich ließ mir sagen, der...
    Ich ließ mir sagen, der Elitz schreibt häufig Kommentare für die Blödzeitung und zwar -leider – in deren Sinne. Das relativiert vielleicht sein Lob im Tagesspiegel?

  8. <p>versuchst du dich über...
    versuchst du dich über einen alten verehrer lustig zu machen, der dir auch noch angeboten hat die rechnung zu bezahlen.
    wäre es nicht schlimmer gewesen hätte er dir nicht angeboten die rechnung zu übernehmen ?

  9. Ich würde sagen, die...
    Ich würde sagen, die Geldklammer ist eher ein Stigma, das sofort schamlose Protzerei erkennen lässt. Genauso wie große Labels auf Gürtelschnallen oder Handtaschen. Schublade auf, Schublade zu.

  10. Inge, Sie sind ja ein...
    Inge, Sie sind ja ein Weltenbummler!

Kommentare sind deaktiviert.