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Fasten für den Selbstbetrug: Das Marzipan

20.04.2011, 04:00 Uhr  ·  Außerhalb von streng katholischen Kreisen zügelt die Fastenzeit unseren Appetit nur periphär. Verwöhnt wie wir es sind, spart keiner freiwillig am Genuss. Außer notorische Selbstkontrolleure vielleicht. Der Rest hat eine gute Ausrede. Kostprobe gefällig?

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„Ein voller Bauch diskutiert leicht über das Fasten.”
Hieronymus: Epistulae 58,2

Ich faste Marzipan, denn ich verabscheue Marzipan. Ex negativo lassen sich die vierzig Tage von Karneval bis Ostern recht angenehm überstehen. Bei anderen laufen die Versuche zu fasten meistens auf Süßigkeiten, Zigaretten oder Alkohol hinaus. Da kann ich mithalten: ich faste ja schon, wie gesagt, Marzipan, außerdem Pall Mall-Menthol und Sambuca. Ob das für eine leichtere Seele reicht?

Sollte man, statt der Selbstkasteiung, nicht vielmehr dankbar sein, dass die schönen Speisen und Getränke überhaupt bereitstehen? Üppiger als täglich Brot? Verschmähen ist doch die wahre Sünde.

In unserer ökonomischen Situation ist die Fastenzeit gar unverantwortlich! Verzicht ist gleich Verlust der Binnenwirtschaft. Konsum gehört stetig gefördert, niemals gebremst. Das sichert den Grundstock, auf den sich Deutschland verlassen können muss. Denn alle Leute wollen mehr, mehr, mehr – solange sich diese Erde dreht. Sparen tut nur, wer nichts mehr hat.

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Gerade der spontane Bedarf an Chips, Bitter-Schokolade oder Gelatine-Erdbeeren fördert den letzten Hüter des Einzelhandels: die Trinkhalle. Auch das schielende Muttchen hinter dem Schiebefenster soll bedacht sein. In ihrer Schaufenster-Vitrine reiht sich ein Hochprozentiger an den nächsten. Die zähflüssigen Liköre müssen besonders beliebt sein, scheinen gar unverzichtbar außerhalb der gesetzlichen Öffnungszeiten, am Feiertag oder Sonntagmittags.

Doch es gibt auch solche, die fasten aus purem Ehrgeiz. Der Anlass kommt ihnen gerade recht, damit sie ihre zwanghafte Selbstkontrolle ohne Ächtung ausleben dürfen. Eigentlich haben sie nur darauf gewartet, die nächste Diät unter anderen Namen zu halten. Diät ist was für Unzufriedene, Fasten dagegen gut fürs Seelenheil. Ungebremst laben sie sich an ihrem starken Willen und legen narzisstische Beweise vor, dass sie ihrem Verlangen überlegen sind. So wächst ungeniert Erhabenheit gegenüber schwachen Hedonisten.

„Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler. Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten.” Sagte Jesus Christus in seiner Bergpredigt. Ja bitte, behalten Sie es für sich und schauen dazu nur recht hübsch drein! Dann stört es mich auch nicht.

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Ich habe eine schöne Frau sagen hören, sie wüsste gar nicht, was sie so stark beeinträchtigen würde, dass sie es fasten müsste. Das ‚a’ in fasten zog dabei in eine hohe Tonlage, sodass es wie ein empörter Japser klang. Die grazile Hand, mit echtem Schmuck beringt, wedelte dazu ein wenig hektisch in der Luft. Schnell nippte sie an ihrem Glas. Zweimal noch nachgehakt, überlegte sie, einem gehauchten Geständnis gleich: Alkohol dürfte es nicht sein. Dann bräuchte man ja gar nicht mehr unter Leute gehen.

Recht hat sie. Zweimal nüchtern gewesen unter lallenden Freunden, ist einmal zu viel. Demnach führt das Fasten direkt in die Isolation. Wem sei damit geholfen? Die Kette reiht sich logisch weiter auf: am Samstagabend wird natürlich die Schokolade in drei Sorten auf den Couchtisch gepackt. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Auch Verzicht kann nicht uns retten, denn die Versuchung schlägt umso stärker zu, bleibt ein Laster ignoriert. Niemals kann man dreimal zu einer angenehmen Sache ‚nein’ sagen. Beim ersten Mal weicht die Moral, dann der Stolz, dann hält nichts mehr dagegen.

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Auch wenn Entsagung mich in den letzten vierzig Tagen nicht erhellte, so glimmt doch ein anderes Licht der Freude langsam in mir auf. Nicht vorausblickend auf ein lang entsagtes Stück Schokolade oder süßen Rauch nach der zweiten Zigarette, wenn er betörend in die Lungen strömt. Nein, es ist vielmehr eine rein österliche Freude: Dass alles, was vergeht, durch Jesus Christus wieder entsteht.

Er (…)spricht mit süßen Lippen:
lasset fahren, liebe Brüder,
was Euch quält,
was Euch fehlt;
ich bringe alles wieder.

So textete Paul Gerhardt 1653 in dem Kirchenlied „Fröhlich soll mein Herze springen”. Das Lied gehört zwar in die Weihnachtszeit, aber wer will das schon so eng sehen?

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter: Verzicht, Wein, Ostern, Fasten, Bier, Enthaltsamkeit, Alkohol

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