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Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Als die Ruinen noch Schlösser waren: Ein Märchenbuch

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Wer durch Ruinen alter Schlösser streift, merkt schnell: Sie sind nicht tot, nur weil sie verlassen wurden. Überall finden sich Spuren von ehemaligen Bewohnern, die gehörig durch die Räume spuken. Zumindest in meiner Phantasie.

Wann waren Sie zum letzten Mal in einem Schloss oder etwas, das daran erinnert?  In Mecklenburg-Vorpommern gibt es unzählige verwahrloste Herrenhäuser und Schlösser. „Sleeping Beauties“ werden sie genannt. Ihre ehemaligen Besitzer haben es aus dem Zweiten Weltkrieg oder der Gefangenschaft nicht mehr zurück geschafft oder waren vor der russischen Armee geflohen. Nachkommen, die sich von dem alten Familienbesitz angesprochen fühlen könnten, sind meistens in ihren neuen Existenzen unwiederbringlich verwurzelt. Sie aufzugeben, würde nur neue Wunden reißen.

Wie bei Waisenkindern findet sich längst nicht für jedes Schloss unter Dornröschenfluch ein passender Kümmerer, der seine Liebe und sein Geld investiert. Backstein für Backstein, Dachpfanne für Dachpfanne; Jahr für Jahr im Aufbau mit ganzer Kraft und jeden Zweifel ignorierend. Bis die Fassaden im alten Schwung wieder restauriert sind, der Wildwuchs im Park gezähmt und die Weiden sich nach dem Entwurf von Landschaftsarchitekt Lenné wieder über Forellenteiche beugen. Bis Schimmel und Schwamm aus den Mauern gekrochen sind und weiße Deckfarbe Schicht für Schicht von der Renaissance-Malerei abgetragen ist.

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Immer wird es mir fünf Grad kälter, wenn ich durch eine falsche Eingangstür aus Aluminium trete. Es riecht nach feuchtem Stein, vielleicht neigen sich die Reste einer Treppe in die Eingangshalle hinein. Holzvertäfelung und PVC-Boden, Kreuzgewölbe und Plastikfenster. Mag das Schloss zwar verlassen sein, tot ist es noch lange nicht: in den Zimmerecken, an den Wänden, im Keller und auch auf dem Dachboden – überall haben seine Bewohner Spuren hinterlassen.

Zum Beispiel finde ich zerknüllt und schon leicht angenagt im Mittelzimmer einen spitzen Hut aus rotem Samt mit breiter Krempe. Der Rest eines Kostüms, Made in Taiwan, wie das Etikett verrät. Anscheinend wurde hier vor nur wenigen Jahren Mittelalter gespielt, etwa so:

„…und als sie so saßen im zaubernden Kreis, stieß ein kalter Hauch in ihre Adern. Auf einen Schlag spürten alle die fremde Macht. Doch als sie gerade die letzten Sätze der verstaubten Handschrift laut lesen wollten, hörten sie draußen den machtvollen Motor von Jörgs Range Rover. Ihr Guru hatte sie entdeckt. Wie konnte das sein, wenn doch nur sie fünf von dem Schriftstück wussten, dass ihnen die letzte Dimension öffnen würde? Einer unter ihnen musste ein Verräter sein. Doch jetzt war es zu spät. Jörg wuchtete seinen schweren Körper gegen die Tür, deren Flügel mit jedem Mal weiter auseinander sprangen. Durch den Schlitz stießen die Hunde ihren fletschenden Atem…“

 

Das Mittelzimmer durchschritten, gleitet mein Blick hinaus in den Garten. Dort lehnt eine windschiefe Hütte aus morschen Brettern gar nicht weit vom Haupthaus an eine dicke Eiche. Wer die wohl gebaut hat?

„… Tagelang war Iouri über die platt getretenen Äcker geirrt, die dieses Jahr gewiss kein Weizen für Brot hervorbringen werden. Heimlich hatte er in der Nacht wie ein Deserteur sein Bündel geschnürt und war aus dem Lager der Armee geflohen. Die Schreie waren ihm zu laut geworden. Konnten auch Soldaten auf dem siegenden Vormarsch Fahnenflucht begehen? Iouri wusste es nicht, doch er schämte sich. Das menschenleere Dorf war ihm gerade recht gekommen. Niemand da, der ihn etwas fragte, niemand, der ihn zu fürchten brauchte. In fremden Betten wollte er nicht schlafen, also baute er sich eine Hütte. Die angekohlten Balken aus der Scheune taten ihm einen guten Dienst, die Konstruktion hielt Wind und Wasser ab. Er war immer schon ein guter Konstrukteur gewesen, seine Flöße galten als besonders strapazierfähig im Dorf, damals…“

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Der unheimlichste Ort in einer Ruine ist immer der Keller. Schon die ächzende Tür vor den ausgetretenen Stufen, die hinab ins Dunkel führen, gebietet all den Respekt, den ein altes Haus erfordert. Hoffentlich lassen nicht genau in diesem Moment die Batterien meiner Taschenlampe nach!  

„…Berndt-Jochen hasste seine Brüder dafür. Er war der jüngste der älteren Jungen und natürlich triezten sie ihn bis aufs Blut. Seine Schwestern brauchte er nicht um Hilfe rufen, die stickten im zweiten Stock ihre Finger an der Aussteuer wund. Und das Nesthäkchen kam nicht einmal am Hebel an, der die Tür von außen verschloss. Nun saß er also im feuchten Gewölbe zwischen den Fässern fest. Um seine Füße strichen Ratten, ein kalter Tropfen fiel ihm in den Nacken. Doch als er gerade beginnen wollte, sich schrecklich zu fürchten, so wie es sich für großen Jungen überhaupt nicht gehörte, sah er ein kleines Glimmen.

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Wundersam schwirrte es in der Ecke auf und ab. Neugierig ging er zu dem Licht, doch wann immer er es fast greifen konnte, flitzte es an der Wand entlang und schien sogleich wieder auf ihn zu warten. Sein Fuß stieß auf einen Widerstand. War das eine Stufe? Hier, eine Treppe, seit wann? Doch das Glimmen hopste ungetrübt die Stufen hoch, sogleich er also hinterher. Und plötzlich saß vor ihm, nur halb so groß wie sein kleinstes Geschwisterchen, ein Mädchen im weißen Kleid mit langen roten Haaren, und lachte ihn aus…“

So oder so ähnlich könnte es gewesen sein. Und da sie alle schon gestorben sind, so spuken sie noch heute. Zumindest durch meine Phantasie.

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40 Lesermeinungen

  1. <p>Was ich nie verstanden habe...
    Was ich nie verstanden habe ist, warum die Fee Amarylllis des großen und bösen Zauberers Petrosilius Zwackelmanns Schloß nach dessen Ende einfach wegzaubert — mitsamt Inventar und Bibliothek.

  2. Purer Neid!...
    Purer Neid!

  3. Sie hätte selber dort...
    Sie hätte selber dort einziehen können.
    .
    Und Ruinen haben ihren eigenen Reiz, v.a. umgekippte Marmorsäulen. Oder auch von Efeu überwachsene Klostergänge aus Sandstein.
    .
    Vielleicht kann ja die Fakultät Landschaftsarchtitektur an der Uni Rostock oder Greifswald ästhetisch-baumarktliche auch für jüngere Herrensitze Grundsätze einer kostengünstigen und doch tourismusfördernden Endruinierung entwickeln. Das käme Aquarellmalern wie Schulklassen entgegen, die immer neue Fixpunkte und Grillplätze brauchen.

  4. Auch Fledermäuse und...
    Auch Fledermäuse und Eidechsen brauchen ihr Ökotop.

  5. Wie es aussieht geht es...
    Wie es aussieht geht es endlich dem Struktur- und Direktvertrieb an den Kragen.
    Immerhin kehr das Internet das Prinzip Werbung um, von etwas was unsere aufmerksmkeit erwecken will wenn wir anderweitig beschäftigt sind (Fernseh-/Print-/Plakatwerbung), hin zu etwas was wir zielgerichtet und effizient nutzen könnten wenn wir es benötigen.
    Wer abonniert schon einen Jahrgang „Stiftung Warentest“ wenn er einen Vergleichstest über Kaffemaschinen vor einer Kaufentschiedung lesen will.
    Wer kauft den Politikteil der FAZ mit, wenn er nur den Wirtschaftsteil dort lesen will und den Politikteil woanders.

  6. Ich verweise vor diesem...
    Ich verweise vor diesem Hintergrund auf meinen Artikel zum Thema in den fürhen 1990ern.

  7. Verlassene Herrenhäuser oder...
    Verlassene Herrenhäuser oder Schlösser üben ja eine magische Anziehungskraft auf Vorüberkommende aus „Was mag sich hier wohl…, wer war wohl …, damals, als…“ Unendliches Futter für die Phantasie. Und dann manchmal ein Wunder, so wie etwa Meseberg, das vor 25 Jahren noch ein sozialistischer PVC-Haufen war und heute als Gästehaus der Bundesregierung erstrahlt. Oder Quitzin, ein heruntergekommener Steinhaufen von ehemaligem Jagdschloß, der heute von der Familie bewohnt und auch für Besucher gepflegt wird.
    Aber manchmal wünscht man einem solchen alten Haus auch, daß seine Steine vielleicht doch noch für die Sanierung der Kirchenmauer o.ä. genutzt werden, weil der Anblick des Zerfalls wirklich zu traurig ist.
    Ein Hoch auf all die tapferen Wiedereinrichter, die ja oft nicht nur mit der Mühsal und den Kosten des Neu- und Wiederaufbaus zu kämpfen haben und zudem oft auch noch eine Möglichkeit finden müssen, nicht nur ihren Idealismus, sondern auch ihre Wirtschaftskraft langfristig zu erhalten ( Landwirtschaft? Wie bekommen wir Gäste ins Hotel? Braucht McPommm wirklich noch eine Jagdschule? ) – dazu gibt es ja oft genug auch noch die Ortsansässigen, die den Wiederbezug mit Argusaugen und äußerstem Mißtrauen beobachten…
    Ich freue mich jedenfalls über und für jedes alte Haus, das wieder mit Leben gefüllt werden kann und dessen Geister die befriedigende Aussicht haben, irgendwann auch mal wieder vor Publikum zu wirken 🙂

  8. Wie war, wie war. Sehr schön...
    Wie war, wie war. Sehr schön geschrieben, obgleich die Thematik nun doch eine sehr schmerzliche ist. Zu viele Menschen betrachten diese geschichtsträchtigen Orte als Rendite- und Spekulationsobjekte – ein trauriges Zeugnis für unsere heutige Gesellschaft und ihre Inhalte. Wo bleibt die Begeisterung und Leidenschaft für solche Häuser?

  9. Schön dass Sie mit Ihrem...
    Schön dass Sie mit Ihrem Beitrag den Blick in diese vergessenen, wunderschönen Landschaften öffnen. Wunderbare Uckermark, wunderbares MeckPom. So manche dieser Schlösser ist für einen symbolischen Euro zu erwerben. Alternatives Leben ist dort möglich, wie neulich ein Beitrag in der Printausgabe veranschaulichte. Es wäre wünschenswert, wenn mehr privates, ,,westliches“ Geld dorthin flösse, statt nach Monaco oder nach Florida. Aber vielleicht braucht es dafür doch eine neue ,,nicht-idiotische“ Generation, die Vorurteile ablehnt, die Kultiviertheit neu definiert und dabei das nationale Erbe mit einschliesst.

  10. Puh, gerade noch mal gut...
    Puh, gerade noch mal gut gegangen! Kalter Schweiss trocknet auf erhitzter Haut.
    Meine Familie hatte ebenfalls, in Folge des 2. WK´s, alles verloren. 2-Zimmerwohnung im Westen. Im kleinen, unbeleuchtetem Keller musste ich als Kind Briketts stapeln. Ich war damals 5 Jahre alt und hatte richtig Schiss und immer ein kleines Beil griffbereit stehen. Ich hab´s überlebt, nur mein Bruder, der sich angeschlichen hat, den hätt´ich beinah getroffen. Puuhh.

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