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Hochzeit und ihr Gegengewicht: Der Ehering

08.06.2011, 10:07 Uhr  ·  Das einzige, was bei einer Hochzeit feststeht, ist der Ehering. Alles andere ist eine Stilfrage, die sich im größten Aufwand für das kleinste Detail beantwortet. Kein Wunder also, dass den Menschen geraten wird, nur einmal vor den Altar zu treten.

Von

“Die Hochzeit währte acht Tage lang,
und die Hunde saßen mit bei Tische
und machten große Augen.”
Hans Christian Andersen

Wenn die Hochzeitsplanung Fahrt aufnimmt, werden Ästheten zu Athleten. Jedem Detail ist aufgetragen, den Stil des Paares zu vermitteln, von der zwei- bis vierblättrigen Einladung auf Büttenpapier bis zum gebeizten Lachs beim Katerfrühstück. Wein bleibt nicht Wein, sondern hat mit dem Vorsatz Hochzeits-Wein aus delikater Rebe gepresst zu sein. Doch über Geschmack lässt sich am besten streiten, und so wird die Weinauswahl gewiss zur Feuertaufe, spätestens für Schwiegereltern. Eine Serviette ist plötzlich kein Textil mehr, um mit starken Nerven den Soßenfleck vom wasserscheuen Seidenkleid zu heben. Es ist die Hochzeits-Serviette, die farblich zu den Gambas, dem Blumenschmuck und der Wandfarbe passen muss. Das Gefährt, welches das junge Glück von der Kirche zum Empfang fahren soll, wird zum heiligen Unterboden, auf den sich das frisch vermählte Paar als erstes platzieren wird. Identität und Präsentation sollen zusammenfinden und so stellt sich einer mit vollem Ernst der Frage: Sind wir eher eine Kutsche, eine Trecker-Schaufel oder ein Cabrio?

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Wie gut, dass es ein Detail gibt, das dem Übermaß an geschmückter Festlichkeit lässig die Waage hält: der Ehering. Gold, schlicht, immer gleich. Von modischer Abwandlung verschont, erhält er sich stets dieselbe Form und Wirkung: Diese Person hat bei einem „so gut wie verheiratet” nicht haltgemacht. Neurotischem Besserwissen zum Trotz, in Fernsehen und Literatur marktschreierisch vorgetragen, hat sich der Wunsch durchgesetzt, dass aus dem ‚ich’ ein ‚wir’ werden soll.  Erklären kann ich mir das nicht. Wie sagt man wohl dazu, wenn Liebe dieses Stadium erreicht? Wenn man in der Kunst vor einem Werk steht, das sich der Ratio nicht erschließt, die Wirkung dennoch deutlich spürbar ist, räuspert man sich hoheitsvoll und befindet: Es funktioniert.

Wie es zwischen den beiden nach der Hochzeit funktionieren wird, ist trotz aller guten Vorboten für niemanden vorhersehbar; zwischen Verlobung und Heirat allerdings zweitrangig. Darüber muss man sich vorab Gedanken gemacht haben. Jetzt bleibt dafür keine Zeit mehr. Die Gästeliste muss aufgesetzt werden und zwar in vier Sektionen. Dabei hat die Verlobungsanzeige die höchste Auflage, als nächstes die Hochzeitsanzeige, der Polterabend kommt an dritter Stelle, zuletzt im kleinen Kreis – relativ gesehen – der  eigentliche Hauptabend.

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Das Gästeranking wird angeführt von der Familie, danach folgen die liebsten Freunde mit Anhang, dann die allgemeinen Freunde. Abgerundet wird die Aufstellung mit Gegeneinladungen. Man möchte schließlich nicht unhöflich sein, doch nicht an der eigenen Hochzeit! Doch mit Blick auf Budget und Platz wird schnell klar: es muss radikal gestrichen werden. Die Liste sollte demnach niemals an Dritte gereicht werden, schon gar nicht an die verschwiegene Familie.  

Wie an keinem zweiten Tag entlädt sich die anrührende Bedeutung der Liebe zweier Menschen nicht nur auf Dinge, sondern auf alle Beteiligten. Eine Mutter wird zur Bräutigam- bzw. Brautmutter und darf demnach unverhohlen höchsten Aufwand bei Schneiderin und Hutmacher betreiben. Beim Schmuck fällt auf: Je schmaler die glitzernden Reihen an Armband oder Ohrring, desto echter. Die Väter öffnen vor dem Dîner ehrfürchtig die Schatulle, in der das Bundesverdienstkreuz oder ein verliehener Orden auf Samtkissen ruht. Mit feierlichem Ernst stecken sie die Auszeichnung an ihr Revers, derweil sie einmal noch in Ruhe ihre Hochzeitsrede durchdenken. Konnten sie die besten Worte dafür finden, was sie ihrem Kind mit auf dem Weg geben wollen? Nicht im Zwiegespräch und im Vertrauen, sondern diesmal vor allen Gästen, sodass des Vaters Anliegen auch in Freunden und Verwandten weiter wirkt?

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Es scheint den Gästen erlaubt, an diesem Tag unverheiratete Geschwister unverblümt zu fragen: „Und, wann ist es bei dir soweit?”  Wer würde es außerhalb dieses traditionsbefeuerten Szenarios wagen, derart in die Fundamentale zu gehen? Im normalen Leben beteuern Singles ihr Überglück in der reinen Gegenwart. Selbst zufriedene Paare wiegeln lieber ab, zu übermächtig ist die Vorstellung, selbst vor den Altar zu treten. Doch bei einer Hochzeit, gerade wenn sie am Anfang der Saison gehalten wird, durchfährt es den Gast, wenn der Pastor spricht, der Mensch sei nicht dafür gemacht, allein zu bleiben.

Die Präsenz aufrichtiger Liebesversprechen stößt einen Single ins Grübeln. Mit welchen Zutaten sollte er sich den Partner backen, um es selbst zur perfekten Hochzeit zu bringen? Heimlich beäugen Paare mit kritischer Neugier das Präsent für die Gäste, die Häppchen beim Empfang, die Distanz zwischen Bar und Tanzfläche. Ob sie es wohl genauso machen würden?

Aber zugeben möchte das natürlich keiner. Erstmal.

 
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