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Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

To do or not to do: Der Notizzettel

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Ich wollte doch gerade...was war es noch? Wie ein Blitzschlag fällt es einem wieder ein, gerne in den unpassensten Momenten. Gegengift ist die To-do-Liste, doch die hält mehr Chaos aus, als man vermuten würde.

Zu einem erfolgreichen Tag, an dem man mit belohnender Zufriedenheit die Bürotür hinter sich zuzieht, die Praxis abschließt oder das Schloss um den Bauzaun zuknipst, gehört es, sich aller diestäglichen Aufgaben entledigt zu haben. Damit es einem eben nicht beim Abendessen mit Freunden siedend heiß vom Rücken an, den Hals hindurch bis in die Ohren schießt: Habe ich xy den Fragenkatalog zurückgeschickt? Yz das Memo bestätigt, nachweislich, schriftlich, zur Absicherung gegen alle Eventualitäten? Aus mangelnder Handlungsfähigkeit zwinge ich das To-do in die „überprüfe-ich-später-unbedingt“-Ecke. Es bleibt dort aber nicht. Vier Gesprächsthemen später, in einem kurzen Moment ohne ‚play and record‘ schwimmt es wieder an die Oberfläche des Bewusstseins, aber diesmal trickreicher als beim ersten Mal. Statt „Prüf-das-Memo“ heißt es jetzt: Erinnere dich! An was, verrät es nicht.

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Die Bestellung aus der Apotheke abholen, drängelt es aus der Zu-erinnern-Ecke. Aber doch erst übermorgen, weist der Kalender streng den ungeduldigen Apotheken-Abholschein zurück in die Warteschlange. Es war was anderes, mischt sich die innere Uhr ein, etwas, das schon gewesen ist! Demnach in jedem Fall unwiderruflich, stichelt die Uhr weiter, möglicherweise mit phänomenal verstrickter Auswirkung. Blödsinn, sagt der Verstand. Niemals hätte ich einen so logischen Schritt übergangen. Ich komme schließlich von der Sorte ‚gesunder Menschen-V‘. Und so streiten sich die beiden um mein Gewissen, und ob man’s glaubt oder nicht, ich beginne zu vermissen, was meinen Tag zusammenhält; aber früher Ruhe zu geben hat, als ich: meine To-do-Liste.

Irgendwann habe ich angefangen, für meine Aufstellungen wahren Ehrgeiz zu  entwickeln, indem ich nicht nur eine, sondern gleich drei Listen angelegt habe. Ich erkläre Ihnen auch, warum.

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Sagen wir einmal, man nimmt sich vor, wieder ein Standardwerk der Literatur zu lesen. So ein durchgeistigtes Schwergewicht wie Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ zum Beispiel – ich sagte ja, ohne Ehrgeiz spiele ich nicht. Immerhin geben achtzig Prozent aller Kenner zu, dass sie die Wirren von der Hauptfigur Ulrich nicht bis zur letzten Seite verfolgt, sondern im letzten Drittel aufgegeben haben. Im Grunde erlaubt die Literaturgeschichte das Abbrechen, Musil hat den Roman selbst nicht fertig gebracht. Die Lektüre ist viel mehr Genuss als Zwang, dennoch kommt der Punkt, da will man Strecke machen. Nur zwei Kapitel am Stück von 161 küren noch keinen Gewinner. Konzentration. Aber was tun, wenn sich Musils

„ein mögliches Erlebnis oder eine mögliche Wahrheit sind nicht gleich wirklichem Erlebnis und wirklicher Wahrheit weniger dem Werte des Wirklichseins, sondern sie haben, wenigstens nach Ansicht ihrer Anhänger, etwas sehr Göttliches in sich, ein Feuer, einen Flug, einen Bauwillen und bewußten Utopismus, der die Wirklichkeit nicht scheut, wohl aber als Aufgabe und Erfindung behandelt.“

nach einer halben Stunde Lektüre in gedachter Lautschrift so buchstabiert:

„Ein mögliches Erlebnis [HAB ICH DIE DVD ZURÜCKGEBRACHT?] oder eine mögliche Wahrheit [WIE TEUER MAG DAS MITTLERWEILE WOHL SEIN?] sind nicht gleich wirklichem Erlebnis und wirklicher weniger dem Werte [SEHR TEUER!] des Wirklichseins, sondern sie haben, wenigstens nach Ansicht ihrer Anhänger [WANN SCHREIBT ER MAL ZURÜCK?] etwas sehr Göttliches in sich, [WIE HÜBSCH ZÜGELLOS MUSIL IST IM GEGENSATZ ZUR HABERMAS’schen KONSENSTHEORIE] ein Feuer, einen Flug, einen Bauwillen und bewußten Utopismus, [KÖNNTE ICH AUS DEM STEGREIF EIN PASSABLES FRÜHSTÜCK SERVIEREN?] der die Wirklichkeit nicht scheut, [WARUM KAUFE ICH EIGENTLICH NIE H-MILCH?] wohl aber als Aufgabe und Erfindung behandelt.“

So geht das nicht! Also greife ich zwei Schreibunterlagen und lege sie neben den 1041-blättrigen Schinken. Eine für Notizen, die dem Lesen zuträglich sind: auf Liste Nr. 1 stehen Zitate mit Seitenangabe für den Formulierungs-Erinnerungskasten oder Überlegungen, die ich bei meinem Kollegen aus dem Geisteswissenschafts-Ressort gegen prüfen will. Liste Nr. 2 sammelt, was dem Lesen abtrünnig ist: die DVD, die Kostenrechnung, die Milch. Einmal sortiert, wirkt es längst nicht mehr so wuchtig, wie wenn man sich mit Musil verheddert.

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Und die dritte Liste, ja, die ist für To-Dos, die aus Wünschen entstehen, und egal bei welcher Tätigkeit aufpoppen können, so was wie: Kühlakkus für den Nacken besorgen, Matratze fürs Büro bestellen, einem Freund/Feind endlich Entschuldigung sagen, Konzept für den Zehn-Jahresplan aufmalen, daraus Papierflieger bauen, et cetera, et cetera.

Mittlerweile führe ich nicht nur diese drei Listen, sondern habe dazu noch einen digitalen Terminkalender im Emailprogramm, zwei im Handy, drei in meinen sozialen Netzwerken, außerdem eine Mutter, vier Chefs und trotzdem Freunde, die mir jedes Jahr neu verzeihen müssen, dass ich ihren Geburtstag vergessen habe. Kann mir kaum erklären, wie das möglich sein kann.

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34 Lesermeinungen

  1. Du hast meinen Geburtstag...
    Du hast meinen Geburtstag vergessen! Shame on you!

  2. Schöner Beitrag. Über...
    Schöner Beitrag. Über Planung, übers Leben, über Notizen, über Listen, über Lesestolz. Leider nicht über den Notizzettel. Kommt das noch?

  3. <p>Lieber Nepomuk, ich...
    Lieber Nepomuk, ich verstehe Sie nicht. Sich tiefgehend mit Papierstrukturen auseinanderzusetzen, überlasse ich der zeitgenössischen Kunst. Da gehört es hin.

  4. <p>Ich kam auch nur bis Seite...
    Ich kam auch nur bis Seite 1018 …
    & – zugegeben – hatte manchmal ähnliche Gedanken beim Lesen.

    Ooops, da hab ich doch wieder den Musil mit Proust velwechsert.
    Bei Musil waren’s bei mir nur 79 Seiten, die waren aber (um auch mal ein Modewort zu gebrauchen:) „spannender“ als der Proust. Jedenfalls in der Erinnerung. Und dafür brauch ich keine Notizzettel; sonst schon. Und zwar überall und viel, von der Küche über’s Büro (da sowieso, diverse Formate!) bis abends im Bett wenn ich lese und etwas fällt mir auf (oder ein, wenn die Lektüre doch nicht so packend ist). Am nächsten Tag wird eingesammelt, erledigt oder verworfen. Wichtiges(?) ist sowieso in der Erinnerungsabteilung des Kopfes, wie die beiden erwähnten nicht Ausgelesenen.

  5. <p>I am loving it!Sehr schön...
    I am loving it!Sehr schön auch die Prioritätenliste auf der Buchungsbestätigung: Zucker fürs Hirn und was Feines für den Fuß.
    Das muss reichen. Und ein gutes Frühstück besteht sowieso aus nem Kaffee und ner Zigarette. Warum also die Sorgen?
    Die Sache mit dem Aufschreiben der „to do’s“ sind eine gute Sache.Dumm nur,wenn der innere Schweinehund „mach ich morgen oder so“ wieder dazwischen funkt. Dem könnte man dann mit dem neuen Stiletto einen Tritt in den Allerwertesten verpassen, hätte man nicht den Notizzettel verlegt und sich demnach keine neuen Schuhe gekauft. Oh wie schön, dass ich ein Mädchen bin und niemals vergesse, dass neue Schuhe ein Lebenselixier und Allzweckwaffe sind. Also, zieh Leine, Schweinehund!!!
    Horrido, liebste Sophie!!!

  6. <p>"was Du heute kannst...
    „was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ sagt der Volksmund und hat damit – wie so oft – recht. Würde man diese Weisheit tatsächlich befolgen, könnte man jeden Abend eine taggleiche to-do-Liste wegwerfen oder löschen und „done“ denken.

  7. Fettes Brot und Musil in einem...
    Fettes Brot und Musil in einem Artikel, nicht schlecht. Aber musste der Apostroph bei „To-Do’s“ wirklich sein?

  8. Nein, muss nicht, stimmt....
    Nein, muss nicht, stimmt. Diese to-dos sind aber auch wirklich über alle Maßen auf einen ihnen zugeschriebenen Besitz aus! Unfassbar. Enteignung folgt sogleich!

  9. Vielen Dank!...
    Vielen Dank!

  10. <p>Hat man eigentlich das...
    Hat man eigentlich das eigene Blatt zur Kennntnis genommen, welches – lobenswerterweise – einmal mehr von der Intelligenz und Tatkraft von Frauen schreibt? (Von was sonst?)
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    „1944 in Haifa geboren, studierte Ilana Hammerman an der renommierten Hebräischen Universität in Jerusalem und an der Sorbonne in Paris. Sie promovierte in Bielefeld und unterrichtete dort zwei Jahre lang. Als Cheflektorin des Verlags Am Oved gründete sie die dokumentarische Reihe „Te’ouda“, für die sie unter anderem die Tagebücher von Victor Klemperer und „Am Beispiel meines Bruders“ von Uwe Timm edierte. Sie hat „Also sprach Zarathustra“ von Friedrich Nietzsche ins Hebräische übersetzt, außerdem Bertolt Brecht, Franz Kafka, Christa Wolf und Patrick Süskind. ….
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    Seit Hammerman in der Zeitung „Ha’aretz“ über ihre Aktionen berichtete, bekommt sie öfter Anfragen dieser Art. Nach einem Vortrag kamen mehrere Frauen zu ihr: Sie wollten mitmachen, Psychologinnen, Fotografinnen, Drehbuchautorinnen – Frauen wie Ilana Hammerman, erfolgreich, gebildet, selbständig, an einem Punkt ihres Lebens, an dem ihnen drohende Strafen keine Angst mehr machen. Die meisten Palästinenserinnen kommen aus Dörfern, wenige aus Flüchtlingslagern. „Wir begegnen uns als Frauen, wir sind durstig, einander kennenzulernen.“
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    http://www.faz.net/…/tel-aviv-ein-tag-am-meer-30437604.html
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    Auch die FAZ will, so gesehen, also schon mal via Notizzettel – neuerdings auch schon mal „Favorit“ genannt – exzerpiert und für später „als reminder“ bewahrt sein.

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