Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Kapital schlägt Autonomie: Eine Träne

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Jahr für Jahr haben sich die Künstler gegen die Zwangsräumung des Kunsthaus Tacheles gewehrt. Jetzt fahren die ersten Bagger auf und räumen ab. Mancher Querkopf kriegt viel Geld zugesteckt, damit er geht. Aber man darf das Tacheles nicht zerstören, denn es gehört mir!

Wie könnt Ihr es wagen, das Kunsthaus-Tacheles in Berlin zu zerstören. Es gehört mir! – wenn ich dort bin. Es gehört zu mir! – wenn ich meine Prägungen an fünf Fingern abzähle. Und ich, ich bin viele.

„Ich lebe in Singapur und tobte einen Sommer lang durch Berlins Parks ohne Rasenbegrenzung und Ruhestörung – das alles war wie Sirup. Im Tacheles bauen sie den Zucker an.“

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„Ich lebe in Hinterhofingen. Das kommt nach Vorderhofingen und liegt ungefähr vierzig Kilometer weit weg von Hofstadt. Mit dem Bus muss man zweimal umsteigen; das dauert fünfzig Minuten. Aber ich war mal in Berlin und habe im Tacheles Sky Saxon kennengelernt. Den psychedelic Rock’n’Roller Sky Saxon von „Sky Saxon and The Seeds“. Der sang mit all seiner gebliebenen Kraft your pushing too hard on me, what do you want me to be. Er selbst war etwas zu dünn.“

„Und ich bin Anwältin und lebe in London. In einem schönen Apartment in Chelsea. Jeden Tag gehe ich in meinem Kostüm in die Kanzlei. Auf dem Weg dorthin schaue ich in die Galeriefenster, und wann immer ich eine Metallskulptur sehe, zum Beispiel von John Chamberlain, muss ich ans Tacheles denken, an seine Schweißer: die Metallkünstler.“

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„Ich bin Argentinierin in Berlin und habe meinen Liebsten an die Tangobars von Buenos Aires verloren. Er ging, ich blieb. Mein Herz zerschall. Doch in den Nächten trete ich in der Beat Organization auf und wir singen come with the gentle people und stop, look and listen. Tagsüber arbeite ich in einem Schweizer Café, wo man sonntags bruncht. Wir singen ständig im Tacheles.“

„Ich schaue immer mal wieder im Tacheles vorbei, obwohl ich jetzt in Hannover lebe. Dort male. Dort eigene Ausstellungen habe. Wenn ich ins Tacheles komme, bin ich wohl der einzige unter ihnen, der ein sauberes, weißes T-Shirt trägt. (Am liebsten habe ich es gebügelt). Immer, wenn im Tacheles die Alarmglocke schlägt, reise ich an. Meistens komme ich zu spät zur Versammlung, aber ich bin da, wenn die Anwälte kommen und der nahende Einschlag der Bagger gefürchtet wird.“

 

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„Ich bin ein Künstler im Tacheles. Ich kann nicht mehr und mag nicht mehr für das Tacheles kämpfen. Damit es auch diesmal nicht von seinen Feinden zerschlagen wird: von den Fonds, irgendeiner Kapitalgesellschaft oder der Landesbank. Aber ich will noch kämpfen. Und im Grunde meines Herzens weiß ich, ich werde es auch diesmal tun. Damit sie hier nicht alles zerstören, was blüht. Aber es kann doch nicht sein, dass ich alleine das Tacheles retten soll. Es war mir klar, irgendwann würde es soweit sein: Die erste Baggerschaufel beisst in die Objekte auf dem Hinterhof und räumt ab. Gerade war es soweit und traf die zsu-zsu-bar. Im letzten Jahr standen wir noch beisammen, morgens früh um sieben, um acht, um neun Uhr. Bis der Termin begann, den die Zwangsverwaltung angesagt hatte und in Gefolgschaft der Anwälte aufschlug. Wir hatten aber auch Anwälte, zwei, drei sogar. Streiten können wir – hier auf Autonomiegebiet, wo kein Besitz so recht festgelegt ist. Zumindest nicht, dass man ihn auf Papier festhalten könnte.

Gewiss, ich weiß, wer welche Skulptur gemacht hat, wer sich welchen Container zur Galerie umgebaut hat oder eine meterhohe Bar aus Metallbuchstaben. Tatsächlich weiß ich es aber nur aus meinem nächsten Tacheles-Umfeld ganz genau. Da hinten, bei den Sprayern, wusste ich es mal. Aber es hat sich auch schon wieder verändert. Den roten Wohnwagen mit dem Konstrukt aus Schraubenziehern zum Beispiel, den hat Jorgé gemacht.  Der ist schon länger weg. In Australien, glaube ich.

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Aber muss ich wirklich beweisen, was hier genau passiert? Es ist einfach: Wir machen Urban Art. Ich zeige dir gerne fünf Konzepte, wie man die Fläche hinter dem Haus noch bestellen kann mit Kunstwerken, die im Kontext des Umfeldes funktionieren. Es ist ein magisches Dreieck aus Künstlern, Kunstwerk und Stadtleben. Im Grunde soll alles bleiben wie es ist, nur besser. Es fällt mir schwer, es noch deutlicher zu machen: Wir machen hier Kunst. Deswegen kannst du deinen Bagger nicht einfach in meine Skulptur hauen. Und wenn du einen Wert wissen willst, den du verstehst, dann komm vorbei, sprich mich an und ich verrate dir vielleicht den Preis.

Wir spielen hier nicht nur keep on rocking in the free world ; wir arbeiten hier.

Doch wenn sie anderen Erfolg haben und den Bauplan umsetzen, den sie als Modell präsentiert haben, dann geben wir uns bald nur noch steril die Hände. Wenn das Tacheles fällt, dann fällt der gesamte Komplex. Keine kleinen Bars mehr, die zum Hotspot Berlins werden, in der sich dann die großen Musikkritiker die Drinks in die Hand geben. Keine Konzerte, kein Zirkus, kein Theater, keine Kunst. Aber was kümmert es uns dann noch? Wo anders nehmen sie uns mit Kusshand.

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Aber was ist dann mit der nächsten Generation?“

 

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15 Lesermeinungen

  1. Schöner Bericht, interessante...
    Schöner Bericht, interessante Menschen, da muss ich umbedingt mal hin, bevor die „Ära Tacheles“ untergeht! 🙁

  2. Sorry, ich bin anderer...
    Sorry, ich bin anderer Meinung, was diese Berliner Ruine betrifft.
    Schau ich auf all das verrostete Metall am Tacheles, oder hier auf das unterste Foto, da passt’s wieder:
    „Ich mache Kunst.“ …
    „Hm. Und wer macht sie wieder weg?“

  3. Die Qualität variiert von...
    Die Qualität variiert von einem Künstler zum anderen, wuchert gar, keine Frage. Deswegen ist die Frage danach wohl die falsche Frage, weil es darauf keine einheitliche Anwort gibt. Aber, was ist mit dem Erlebnis Tacheles?

  4. <p>Ich glaube, dass Ökonomie...
    Ich glaube, dass Ökonomie und Autonomie zusammen gehören. Sich insofern bedingen, so könnte sich ja auch keine künstlerische Unanbhängigkeit im Tacheles als solche präsentieren.
    Wenn etwas wegfällt, kommt dafür was Neues. Mit VWL-Deutsch nennt mann das substitution.
    Kunst ist auch ein Trieb und der sucht sich dann schon einen Weg zur Entfaltung.
    Ich war noch nie im Tacheles, aber ich war gestern in Berlin, mein persönliches Touriprogramm. Berliner Weisse, Spreefahrt, Potsdammer Platz, Huboldt-Klotz

  5. <p>Wenn das Tacheles fällt,...
    Wenn das Tacheles fällt, stirbt Unwiederbringliches. Auch ein Teil von mir. Denn wenn ich nach Berlin kam, ging ich auch zum Tacheles und hatte das intensive Erlebnis Tacheles …

  6. <p>Sorry, aber diese Form von...
    Sorry, aber diese Form von Nostalgie teile ich nicht. Den Künstlern wurden im Tacheles tolle Chancen eingeräumt. Mitten auf der Haupttouristenmeile von Berlin konnten Sie ihre Kunst zeigen und sich präsentieren. Um Haus und Gelände haben sie sich nicht gekümmert. Das ganze Gelände ist total verkommen. Überall stinkt es und mittlerweile hat die meiste Kunst nicht einmal mehr die Qualität als der Kartoffeldruck meiner jüngsten Tochter…

  7. <p>Die einzige Gemeinsamkeit,...
    Die einzige Gemeinsamkeit, die gestresste Bankster und bedrohte Künstler haben, ist wahrscheinlich der Umstand das beide zu den gesellschaftlichen Randgruppen gehören. Gefährdeten Banken wird von Seiten der Politik deutlich mehr Unterstützung zuteil als bedrohten Kunsthäusern. Das Banken wichtiger sind ist natürlich klar, aber ausgerechnet in Berlin, wo Touristen noch das meiste Geld haben, einen großen Besuchermagneten in eine weitere Büro-, Shopping-, Loft-Passage zu verwandeln ist nicht wirklich schlau.

  8. <p>Kartoffeldruck ist ne feine...
    Kartoffeldruck ist ne feine Sache, damit fängt es an.

  9. <p>Wir können auch anders -...
    Wir können auch anders – Ich meine nicht den Film von Detlef Buck, sondern das Tacheles. Ich war in den 90er Jahren, wenn ich in Berlin zu tun hatte, öfter da und habe es genossen. Diese andere Welt, eintauchen, einlassen und auch mal seine eigenen Werte von Sauberkeit und sonstigen Alltagsdingen vergessen. Perspektiven erkennen, Standpunkte ändern und diskuttieren ohne ein Follow-Up und Wiedervorlagetermin.
    Es braucht diese Oasen des „anders sein“ als Spiegel dessen, was auch möglich ist, wie Leben auch sein kann. Ich muss so nicht leben, aber eingelassen habe ich mich immer gern.

  10. <p>Ach, der Beitrag ist ganz...
    Ach, der Beitrag ist ganz nett – aber letztlich ist das alles Unsinn. Wer ins Tacheles kommt, sucht das authentische, alternative Berlin und findet nur andere, die das authentische, alternative Berlin suchen. Und ein paar fünftklassige Künstler. Reiseführerromantik halt.
    Diejenigen, die wirklich drin sind, sind nicht im Tacheles. Hipster, die urbane in-crowd, richtige Künstler findet man anderswo. Und damit meine ich nicht nur „Berliner“…Kontakte zu Berlinern schaden natürlich nicht.

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