Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Reisezeit frisst Lebenszeit: Am Gepäckband

| 35 Lesermeinungen

Wer reist, begibt sich in die Willkür höherer Mächte. Was kann man schon dagegen tun, wenn der Pilot fehlt oder das Gepäck verloren geht. Doch je kleiner der Einfluss, desto größer der Ehrgeiz: Es gibt immer Schlupflöcher, um dreißig Sekunden aufzuholen.

Die Masse kennt ihr Tempo: Es macht keinen Unterschied, dass die Stewardess am Gate mit beiden Armen in der Luft abwinkt. Es gäbe noch keinen Piloten für unsere Maschine. Man wisse nicht, wann der Mann mit dem Kerosin kommt. Oder, wann der Computer die Klospülung der Maschine wieder in seiner Programmiersprache akzeptiert. Das ist der Menge aber egal: Einmal initiiert, wächst die Schlange in weniger als dreißig Sekunden auf mehrere Meter an. Sie wird immer länger und länger und drängt stetig nach vorne. Man ist schließlich nicht umsonst von der Bank aufgestanden.

Einer fängt immer an. Mit Blick auf die Uhr – schon zehn Minuten überfällig – steht er auf und stellt sich direkt vor den Schalter am Gate. Denn wenn er als erster an seinen Sitzplatz kommt, dann kann er auch als erster seinen Koffer in den Kabinenschrank hebe, und hat garantiert Platz genug direkt über seinem Sitz. Nun muss er sich nicht durch das halbe Flugzeug quetschen und Stauraum für seinen Koffer suchen. Mit seiner Strategie geht er kein Risiko ein, Zeit zu verlieren, bis beim Aussteigen die Menge an ihm vorbeigestampft ist, damit er erst dann fünf Reihen hinter sich seine Tasche abholen kann. Als erster aus dem Flugzeug heißt, als erster durch die Passkontrolle und als erster am Taxistand. Als erster an der Hotelrezeption, als erster am Buffet, als erster im Bett.

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Zumindest wenn man annimmt, dass nur eine Flugzeugstür geöffnet wird. Zumindest wenn man annimmt, dass nicht drei Busse hintereinander weg die Passagiere zum Gebäude fahren. Dann wäre seine Kalkulation dahin und die anderen würden gleichziehen. Aber er tut, was ihm übrigbleibt und steht felsenfest als erster vor dem Ticketautomat, auch wenn der noch nicht einmal eingeschaltet ist.

Reisezeit frisst Lebenszeit. Darin sind sich alle einig. Sein Recht auf effiziente Wegbeschreitung gibt man auf, sobald man die Einstiegskarte in der Hand hält. Ab diesem Moment sind wir Reisende höheren Mächten schutzlos ausgeliefert. Was soll man schon dagegen tun, wenn der Slot für den Abflug verstreicht, weil nur ein Passagier es nicht rechtzeitig zum Gate schafft, und nun anderthalb Stunden bis zur nächsten Startzeit vergehen. Direkt lynchen, natürlich – zum Zeitvertreib.

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Doch es gibt Schlupflöcher. Und ich meine nicht den Online-Check-in oder den Online-Check-in-mit-Gepäck oder den Online-Check-in-mit-Gepäck-aber-ohne-Frau-und-Kinder. Das kann jeder. Ein Schlupfloch gibt es am Gepäckband. Ganz vorne muss man stehen, direkt hinter den Gummilappen. Dort, wo zuallererst die Koffer raus glitschen. Warum sich diesen Vorsprung entgehen lassen? Bis der Koffer einmal die Arena halb umrundet hat und womöglich ein entgleister Fremder die Tasche aufhebt und prüft, ob es nicht die eigene sein könnte? Schon wieder wären dreißig Sekunden verloren! Nein, es gibt nur eine vernünftige Position am Gepäckband. Aber andere sind genauso schlau. Deswegen muss man schnell aus dem Flugzeug raus kommen, ist doch klar.

Mag sein, dass man die Prozedur auf dem Weg in die Ferien noch gut durchsteht. Verspätung? Gepäck weg? Vom Taxifahrer im fremden Land um vierzig Euro betrogen? Die Nerven halten das aus. Endlich Urli.

Anders dagegen auf der Rückreise. Je voller der Flughafen auf der Ferieninsel, desto mehr verwandelt sich ein jeder in einen Ordnungshüter. Keiner darf überholen, findet der erste und repariert die aufgesprungene Gurthalterung. Der nächste wird zum Platzanweiser, dass es ja keiner wagt, die Diskretionslinie zu überschreiten. Auch eine allzu gerne an sich gerissene Position ist die der Gepäckkontrolleure. Kommen endlich die neuen Plastikschalen, um die Tasche in die Durchleuchtung zu schieben, sieht sich die Sicherheitsbeamtin aufs ärgste bedrängt. Als sie die Schalen auf die Ablage stellen will, stößt die gierige Menge sie um, schnell sind alle Schalen vergeben. Wer übrig bleibt, muss auf die nächste Runde warten. Das alles begleitet ein Chor aus wüsten Beschimpfungen an den Vordermann, den Hintermann, den Ehemann.

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Sinnigerweise erreicht man den Flughafen drei Stunden vor Abflug. Drei Stunden! Damit wurden schon mal zwei bezahlte Urlaubsstunden geklaut. Doch es wird besser. Unmengen an dunkelbraunrot angelaufenen Menschen stopfen sich in die Laufbahnen. Beim Vordermann lassen sich die Schweißperlen einzeln zählen, der Hintermann atmet aufgestoßene Luft ein. Wir pferchen uns freiwillig in jede entstehende Lücke. Wer Abstand will, wird überholt. Die Gold-Silver-Platin-und-Rubinen-Karte hilft den Privilegierten auch nicht weiter. Ihr Schalter ist nicht besetzt, man braucht jede Kraft in der Hauptreihe. Proletarier aller Länder, freut Euch am urlaubenden Deutschland, denn beim Billigflieger sind alle gleich und keiner gleicher.

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35 Lesermeinungen

  1. Auf welcher Insel waren Sie?...
    Auf welcher Insel waren Sie?

  2. <p>Diese Zeilen geniesse ich...
    Diese Zeilen geniesse ich als Geschäftsreisender mit dem Wissen darum, dass sie schon in wenigen Jahren musealen Wert haben werden. Eine historische Ausnahmesituation geht unwiderruflich zu Ende, in der ausgabewilliges Masseneinkommen auf eine ausgebaute Infrastruktur, Hektarladungen gut erhaltener Gebrauchtflugzeuge und billige Spritpreise traf. Würden es Menschen ernst meinen mit ihrem Vernunftgebrauch, es hätte Billigflieger wie -flüge niemals geben dürfen. So wird es wieder einmal das neben Gewalt einzig wirksame Mittel richten – der Preis.

  3. <p>@Sophie</p>
    <p>Sie Arme!...

    @Sophie
    Sie Arme! Ich fliege fast ausschließlich beruflich und hatte ganz vergessen, welche Umstände das Urlaubsfliegen mit sich bringt. Da hat sich in den letzten zehn Jahren anscheinend nichts verändert. Ich hoffe, dass Sie wenigstens einen Teil Ihrer Erholung über den Flug und Flughafen hinüberretten konnten.

  4. Och, im Grunde habe ich mich...
    Och, im Grunde habe ich mich köstlich amüsiert. Aber liebe Windsbraut, ich hoffe Ihr Urli kommt seit zehn Jahren nicht zu kurz.

  5. <p>Na, dann bin ich ja...
    Na, dann bin ich ja beruhigt. Und ich kann Ihnen versichern, dass auch mein Urli nicht zu kurz kommt. Er teilt sich nur mehr oder weniger zwischen Segelboot (Ostsee) und Skifahren (Alpen) auf.

  6. <p>Liebe Sophie, wieder...
    Liebe Sophie, wieder herrlich pointiert.
    Was freu‘ ich mich schon auf meinen Urlaub, wenn ich mich am Samstag wieder in eine entmündigende Lowcost-Schaukel schwinge und minütlich Wutanfälle unterdrücke…

  7. <p>deshalb muss man das...
    deshalb muss man das Urlauben so verteilen dass nicht zu viel Band dazwischen ist und wenn schon dann hoffentlich mit einer guten Infolektuere von vor Ort da versinkt man gleich in Urlaub pur

  8. <p>Wieder sehr fein...
    Wieder sehr fein beobachtet! Ich mache mir in diesen Situationen so als Psychologe auch immer meine Gedanken…aber vermutlich sind die entsprechenden Studien längst betrieben, die Dissertationen zu sozialpsychologischen Aspekten es Massentourismus längst verfasst.

  9. <p>Mir fällt da nur ein: Gott...
    Mir fällt da nur ein: Gott behüte mich vor Sturm und Wind und vor Deutschen, die auf Reise sind.
    Am übelsten ist das Seniorenvolk in beigen Anoraks, mit Turnschuhen und Duft Nr. 5 vom discounter, die einem im wippenden Gang und mit Ilja Rogoff-Fahne den Wagen auf die Haken schieben, in steter Angst, irgendwas zu verpassen: Nu jehense doch mal vor, junger Mann!
    Wofür aber steht denn Urli?

  10. <p>So die Gegenanekdote: war...
    So die Gegenanekdote: war mit zwei Kleinkindern von denen das eine noch auf meinem Schoss reisen musste aber eigentlich dafür schon zu gross war zur Mittagsschläfchenzeit geflogen und kam dann mit entsprechend verfasstem Nachwuchs an die Gepäckausgabe. Drängte mich durch und blaffte jemanden an – entschuldigte mich dann damit, dass ich leider keinen Nerv mehr hätte: Freundliche Antwort des angrempelten, in örtlicher Mundart: na mit zwee kleenen wär das ja ooch kein Wunder – und nichts für Ungut…

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