Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Kunstschön vorm Spiegel: Lockenwickler

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Mit der ondulierten Frisur starb ein ganzes Arsenal an Hilfsmitteln: Trockenhauben, Haarnadeln und natürlich der Lockenwickler. Der richtig brutale, der in die Kopfhaut piekt und daran erinnert, daß es ohne Leid keine Schönheit geben kann. Doch das ist vorbei. Wir sind heute alle naturschön. Oder tun zumindest so.

Vermutlich sind die Punks schuld. Zumindest glaubt das die kulturwissenschaftliche Modeforschung, die der Auffassung ist, daß die Dekonstruktion der Frisur mit dem Iro begann. Jedenfalls hatte das zur Folge, daß irgendwann in den Achtzigern die Dame von Welt aufhörte, ihre Frisur zu ondulieren, und damit ein ganzes Arsenal an Accessoires dem Vergessen anheim gab: Lockenwickler und Trockenhaube, Haarnadel und Frisierumhang. Jüngeren und männlichen Lesern muß man vermutlich ohnehin erklären, was genau da passiert ist. Es fällt ja einigermaßen schwer, sich vorzustellen, daß eine Frisur einst nur als akzeptabel galt, wenn sie aussah und sich anfühlte wie in Beton gegossen.

Bild zu: Kunstschön vorm Spiegel: Lockenwickler

Gehen wir es also kulturhistorisch an. Es wurde jahrzehnte-, achwas, jahrhundertelang gewellt und gebauscht und gekringelt, in unterschiedlichste Modeformen gelegt, mal naß, mal trocken, mal enger anliegend, mal höher toupiert. Es wurde aber fast immer befestigt was das Zeug hielt, und Haare standen gefälligst nicht vom Kopf ab, sondern lagen in Reih und Glied. Die Dauerwelle war unverzichtbar, die Stützwelle Mindestmaß. Ich kenne die Tortur noch aus eigener familiärer Anschauung, wenngleich nicht eigener Anwendung: Waschen, Festiger, Aufrollen. Und zwar nicht auf irgendeinen weichen Wellnessblödsinn, sondern auf verschieden große Drahtrollen mit stacheligen Pfeifenputzern im Inneren, deren Borsten sich in die Kopfhaut piekten. Feststecken mit Nadeln, die sich ebenfalls in die Kopfhaut piekten. Schönheit war ohne Leiden nicht zu bekommen. Dann entweder lufttrocknen mit Tuch darüber (die klassische Hausfrauenfrisur in the Making) oder mit Trockenhaube. Ein elastischer Schlauch führte vom aufgeblähten, durchlöcherten Heißluftkissen zum Fön, der eigens über einen Plastikhalter verfügte, damit er sicher auf dem Tisch stand. Dabei Strümpfe stopfen oder Kreuzworträtsel. Dann Auskämmen, toupieren, mit Haarspray fixieren. Dazu einen Frisierumhang um die Schulter, aus pastellfarbenem Plastik mit Nylonspitzenborte. Gewaschen wurde so zweimal pro Woche, nicht häufiger.

Auf diese Weise erreichte die Generation unserer Mütter und Großmütter den Betonlook, bei dem keine Strähne auf die Idee gekommen wäre, ein Eigenleben zu entwickeln. Sie hatten keine Haare, sie hatten eine Frisur, ein feuchtigkeitsempfindliches Gesamtkonzept für den Kopf, das nach morgendlicher Herrichtung verlangte. Ob die Haare dabei gesund blieben, war nicht so wichtig. Die Heimdauerwelle hieß zwar Kräuterwelle, aber sie stank so erbärmlich, daß das Bad nach Anwendung zwei Tage gelüftet werden mußte. Heute ist ja alles Aloe Vera und Pfirsichduft, damals noch echte Chemie. Von Poly, da denkt man den -ester gleich schon mit.

Die Frisuren der Mütter bedeuteten nicht nur eine von uns abweichende Toleranzschwelle im Ertragen von Leid und Bereitschaft zur aufwendigen Zeremonie, sondern auch eine andere Grenzziehung zwischen Natur und Kultur. Es war jahrzehntelang vollkommen klar, daß das gepflegte Aussehen Zeit kostete und mit Mühe verbunden war. Es war etwas künstliches, das Frauen mit geheimnisvollen Mitteln und Maßnahmen erreichten. Es entstand in einer Zeit, die Toilette hieß, vorm Schminktisch oder vorm Allibert mit Klappspiegel verbracht wurde und das Herstellen einer angemessenen äußerlichen Erscheinung zum Ziel hatte. Diese Zeit gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch Duschen, der Rest passiert irgendwie außenrum zwischen Schiebetür und Wasserhahn. Wash & go. Schnell und praktisch, jeden Morgen im Vorübergehen. Und alle tun so, als koste es kein bißchen Zeit, Fassade zu richten, Augenbrauen zu zupfen und gegen all das zu kämpfen, was an Körpern keinen Platz haben soll. Weil wir alle so tun, als seien wir natürlich blond und natürlich epiliert, natürlich hornhautfrei mit natürlich wallender Mähne. Alles Natur, wie unser Naturshampoo mit natürlichem Pfirsichduft.

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Und ungefähr an diesem Punkt frage ich mich, ob unsere Mütter und Großmütter nicht zumindest in diesem Belang ehrlicher waren. Wenn man bei sich selbst uns anderen immer einen gewissen Aufwand einkalkuliert, den es braucht, bis man so aussieht wie man aussieht, nimmt das auch Druck weg. Es schafft eine Komfortzone. Es schafft leider auch schreckliche Rentnerdauerwelle in Silbergrau an Sackanorak, aber das ist nur der äußerliche Nebeneffekt. Es geht mir dabei eher um die innere Wirkung der Lockenwickler- und Trockenhaubenzeit, die man sich nimmt, ohne so zu tun, als brauche man sie nicht. Denn natürlich braucht sie jeder. Man verbringt diese Zeit zwar nicht mehr mit den Folterwerkzeugen der Dame von Welt, man pinnt sich keine Drahtrollen mehr mit Haarnadeln auf die Kopfhaut, die anschließend mit Birkenwasser beruhigt werden muß, man ist sich der Strapazen von Fön und Dauerwelle deutlich bewußter. Aber natürlich braucht man die Zeit, und andere brauchen sie auch, und natürlich gibt man sich Mühe und steckt Geld in Pflegemittel und formt und fönt. Das haben die Dame von Welt und der Punk mit dem Iro gemeinsam. Nur die moderne Frau, die soll naturschön sein. Ist sie aber nicht. Sie tut nur so. Und alle wissen es.

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29 Lesermeinungen

  1. Liebe Frau Diener,
    wie schön...

    Liebe Frau Diener,
    wie schön Sie wieder zu lesen.
    Kam der Making-of look mit Lockenwicklern und Tuch darüber nicht aus den USA?
    Am besten das Tuch passend zur Kittelschürze.
    Ach, die 1960er waren in der Rückschau doch nicht allzuschlecht.

  2. danke fuer diese Sitzung habs...
    danke fuer diese Sitzung habs foermlich gerochen aber die Spiesschen sind heute die Matte fuer den Ruecken

  3. Mitte der Achtziger berichtete...
    Mitte der Achtziger berichtete eine Studienkollegin (Mathematikerin) von einem Praktikum bei einer großen deutschen Versicherung: Alle Frauen hatten eine Viertelstunde länger Pause am Tag au Kosten des Arbeitgebers, die sogenannte „Rüstzeit“.

  4. Ein altes Phänomen haargenau...
    Ein altes Phänomen haargenau beobachtet.
    Aber was wäre die Alternative ?
    Die ungepflegten Schlamphaare der Alternativen vielleicht ?
    Nee, dann doch lieber der beschriebene Aufwand, immer der jeweiligen Zeit entsprechend.
    Und um nicht mißverstanden zu werden, das tun die Frauen für sich selbst! Männer bevorzugen meist, auf anderes zu achten.

  5. jemand der sich icke nennt war...
    jemand der sich icke nennt war natürlich jahrelang so naiv zu glauben, die anderen sähen natürlich so schön aus und sich zu wundern, warum man selber mit dem timing nicht hinkommt (selbst so blöde kurze Nägel brauchen ja was verrücktes an Pflege – und wo kommt im Erwachsenenalter die Zeit zum Üben her? Erinnern (entschuldigung, großes s ist kaputt) sie sich an ihre erste Nagellackierung?
    Dank für den Beitrag jedenfalls.

  6. Warum sollten Frauen...
    Warum sollten Frauen überhaupt schön sein? Haben wir nicht alle verinnerlicht, dass das nur der unterwürfige Anpassungsgehorsam an den verachtenswerten Sexismus der Männer ist? Lasst uns den Schönheitswahn brechen und einfach Natur sein! Wahre Schönheit kommt von innen. Wussten Männer schon immer. Und stellten diese mit dem notwendigen Quantum an Bier sicher. Während sie ihren Frauen verständnislos beim Ondulieren zusahen …

  7. Martin Emmerich, das mit der...
    Martin Emmerich, das mit der Rüstzeit ist nahezu unglaublich. Das hab ich noch nie gehört. Allein der Begriff hat so etwas unerwartet martialisches.
    .
    icke, eben, genau, so ging es mir auch. bis ich mal einen Lidstich gerade hinbekommen habe! Andere kommen mit sowas ja anscheinend zur Welt.
    .
    ThorHa, nicht nur Frauen sollen schön sein, Männer gefälligst auch. Das ist meine postfeministische Forderung an die Welt.

  8. ich nutze heute noch meine...
    ich nutze heute noch meine Lockenwickler und anscheinend ist das gleich eine Kopfmassage die Matte heisst Shiva mat und die wirkt sich auch gleichzeitig
    tiefenberuhigend aus (wie bei einem Fakir) denn ich schlafe auf der sofort ein
    ausserdem habe ich dann Zeit etwas zu lesen sobald die Wickler obe sind beim Foenen habe ich dafuer keine Zeit also ich habe gleich zwei Fliegen aufeinmal damit geschlagen

  9. Ja, das unterschreib ich....
    Ja, das unterschreib ich. Männer sollen schön sein. (Selbst wenn ‚Mann‘ nicht schön ist: Was ein dezenter Duft nach Seife/After Shave, saubere Klamotten, gepflegte Zähne, Hände und Füße so alles bewirken können.)

  10. Eitel sind wir Männer auch....
    Eitel sind wir Männer auch. Es darf halt nur nicht nach eitel aussehen. Gepflegt unrasiert sozusagen.

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