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Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Privates ganz öffentlich: Die Schublade

| 34 Lesermeinungen

Wer neu einrichtet, geht ins Möbelhaus. Oder auch, wer nur mal nach neuen Vorhängen schauen möchte. Einmal durch die Eingangshalle gelaufen und gewappnet mit Mini-Bleistift, Block und Lineal aus Papier, da schnappt die Falle zu.

Woher kommt es eigentlich, dass  sich der Mensch im Möbelhaus benimmt, als wäre er Zuhause? Und zwar in einem solchen Möbelhausel, das konzipiert ist, damit man einen Wohnraum nach dem anderen durchlebt und nicht bloß anzuschaut. Man zieht vorbei am Saisonbezug der jahrelang bewährten Stühle- und Sofaecken, vorbei an Schlafzimmervarianten bis hinein ins Kinderbadezimmer.

Hier kommt es dann soweit, dass er tut, als stünde er in der eigene Küche zwischen Tür und Angel – und wirft dem anderen vor: „Nie machst du die Schubladen richtig zu. Es ist immer dasselbe, ich komme in die Küche und sie sind offen. Ohne Grund, ohne Anlass. Keiner außer mir macht sie hinter sich zu, immer bleibt es an mir hängen, jedes Mal.“

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Mag sein, dass dieser angeheizte Ton zuhause möglich ist, bitte. Normalerweise bleiben diese Küchengespräche aber dort. Woanders benimmt man sich. Doch in dieser Zuhause-Kulissenwelt geschieht etwas mit uns, dass unser Bild von Öffentlichkeit verschwimmt. Die Imagination geht voran, so gleitet jeder in seine private Welt. Kein Wunder eigentlich: Stellen Sie sich vor, sie stehen vor diesem Sessel in blau-grün-grau-karierten Karo-Muster und müssen aus dem Kopf heraus entscheiden, ob er zu den Glasuntersetzern auf Ihrem empfindlichen Wohnzimmer-Holztisch passt, oder nicht. Während Sie das tun, sind sie schon auf halbem Weg nach Hause.

Unser Paar steht also mit seinem latenten Schubladenproblem in der Abteilung Einbauküche. Die Frau überlegt laut, ob man nicht sowieso langsam anfangen sollte, über eine neue Küche nachzudenken. Ihn stören die Schubladen schließlich enorm. Mittlerweile gehören Schubladen, die sich fast von ganz alleine schließen, zum Standard. Alle neuen Küchen können sowas. Vom Mülleimer bis zum Auszieh-Vorratsschrank. Es schließt fast automatisch, man braucht nur einmal anzustupsen. Die letzten drei bis vier Zentimeter werden magnetisch angezogen. Ihre Probleme wären gelöst.

Vielleicht rechnet der Ehemann jetzt im Kopf die Ausgaben zusammen, vielleicht auch nicht. Er sagt zumindest, sie bräuchten aber eigentlich keine komplette, neue Küche, wenn sie die Küchenschubladen einfach mal richtig zumachen würde. Und so geht das hin und her, alle können zuhören. 

Sie fühlen sich recht heimelig, wieso? Ist die Marketingstrategie so gut aufgegangen? Und wir stecken mitten drin und merken es gar nicht?

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Der Kulturpessimist grummelt: Kein Wunder, immer dasselbe: Bequemlichkeit umgarnt des Menschen Dummheit, bis irgendwann sich keiner mehr wundert, dass ihm die eigenen Ideen ausgehen. Aber am Ende will es wieder niemand gewesen sein.

Der Marketeer findet dagegen, dass die Planung des gesamten Möbelhauses sehr gut  gelungen ist. Wie wunderbar, wenn sich der Kunde so wohl fühlt, dass es ihm wie sein Heim vorkommt. So hat er eine längere Verweildauer und kauft auch mehr. Hier noch ein Packen mit Kleiderbügeln, dort eine neue Matratze. Das Möbelhaus macht eben ein gutes Angebot.

Vielleicht könnte ich zum Ding des Möbelhauses auch die Bratpfanne küren. Denn ich konnte in der Markthalle – das ist dort, wo man endlich nicht mehr an den Einzelstücken vorbei gehen muss und sie nicht an ihrem Platz im Ensemble belassen soll, sondern endlich in den Einkaufswagen packen darf – dort diskutierten Mutter und Tochter über eine Bratpfanne, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Braucht eine vernünftige Bratpfanne einen roten Punkt in der Mitte oder nicht? Ohne roten Thermopunkt kommt der Mutter keine Pfanne ins Haus. Die Tochter hat das noch nicht begriffen. Mutter: beharrlich, Tochter: störrisch. Aber man hat ja die Zeit.

Bild zu: Privates ganz öffentlich: Die Schublade

Die Frage, ob man überhaupt in ein solches Möbelhaus gehen sollte und sich entsprechend einrichten darf, erübrigt sich. Was soll die exaltierte Sorge vor dem Einerlei? Es lässt sich doch hervorragend kombinieren und Ektop-Sofas passen schließlich überallhin. Also hat sie auch jeder.

Wer könnte nicht durch die Wohnung gehen und Sticker vom Lieferkarton, die mit dem Strichcode und der zwölfstelligen Nummer, auf den Stücken aus dem Möbelhaus verteilen? Einen Aufkleber für jeden Stuhl oder Stuhlkissen, jede Tischdecke und Duschvorhang, wir liefen durch unsere Wohnungen und klebten Sticker.

Aber wenn Sie meinen, die Bratpfanne ist nicht das richtige Ding, können Sie sich ja eines aus Ihrem eigenen gestickerten Möbel- und Accessoirehaufen aussuchen.

Aber dann würde mich interessieren, welches.

 

 

 

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34 Lesermeinungen

  1. "Bequemlichkeit umgarnt des...
    „Bequemlichkeit umgarnt des Menschen Dummheit.“
    Wunderbar und so richtig. Von Ihnen? oder ein Zitat?
    .
    A propos: Weder meine Gattin noch ich lassen Schubladen offen; von dem Problem, so es eins ist, erfahr ich in meinem langen Leben hier das erste Mal.
    (Vielleicht ist auch nur unsere Küche zu eng?)

  2. Von mir. Nach einem längeren...
    Von mir. Nach einem längeren hin und her habe ich mich dann doch für die Formulierung entschieden.Schön,dass genau dieser Satz ihnen aufgefallen ist.

  3. Ist hier von dem Möbelhaus,...
    Ist hier von dem Möbelhaus, sofern man das als Möbelhaus bezeichnen kann, mit den vier Buchstaben aus Schweden die Rede? Kann das gerade nicht rauslesen. Das gehört nämlich zu den Sperrgebieten oder neudeutsch no go`s, wo der Kunde wie der Esel an der Leine geführt wird.
    Der Spruch: Bequemlichkeit…….Dummheit fiel mir auch auf, weil schön formuliert, allerdings sind mir die Ordnungsfanatiker in Haushalten zuwider, wie etwa die, die sich über herumliegende Zeitungen aufregen oder sowas. Und wer sich über offene Schubladen aufregt, oh je, der liebt auch Tischdecken und hat Kissen auf dem Sofa mit ner Falte drin.
    Der Wok eignete sich gut für so ein Gespräch zwischen Mutter und Tochter, zumeist haben die ja auch ein Konvolut an Kochbüchern, können aber nix kochen. Für jedes Rezept n Gerät. Der Wok! auf einer Elektroplatte wurde zu dem Verkaufsschlager schlechthin, ich lach micht tot. Hauptsache Gemüse aus dem Wok. Geil anzuschauen in Verkaufssendern.

  4. Meine Rede....
    Meine Rede.

  5. Werte Sophie,
    falls Sie das...

    Werte Sophie,
    falls Sie das Gespraech wirklich so belauscht haben, vermute ich mal, dem ganzen ging ein perfider Trick der diskutierenden Dame voraus. Naemlich unter dem Vorwand, irgend eine Kleinigkeit mitnehmen zu muessen, hat sie den Gatten dazu gebracht, „schnell noch“ bei IKEA Halt zu machen. Dort ist sie dann wie zufaellig an der Kuechenabteilung (es gibt glaub ich auch Abkuerzungen) vorbei, um dem Mann dann („Hach, sieh mal, das sind diese neuen Schubladen…“) eine neue Kueche schmackhaft zu machen. Darauf folgend, ergaebe dann auch der erste von Ihnen ueberlieferte Satz mehr Sinn.
    @nico: Naja, die Intention der IKEA-Haeuser ist schon offensichtlich, aber wenn man sie erkannt hat, muss man ja nicht auf die Marketing-Tricks reinfallen. Und einem Haendler wuerde ich nicht vorwerfen, viel verkaufen zu wollen. Was mich immer wundert, dass einige Menschen, fast ausschliesslich Damen, tatsaechlich zum VERGNUEGEN in diese Laeden fahren. Wobei ich zugeben muss, mich als Kind und Jugendlicher auch gerne in Computerlaeden rumgetrieben zu haben (um ehrfurchtsvoll auf Metallkisten zu blicken, deren Herzen erstmals dreistellige Megahertzzahlen vorweisen konnten).
    Die Produkte des besagten Hauses sind zwar nicht unbedingt fuer die Ewigkeit, aber haben oft ein recht gutes Preis-Leistungsverhaeltnis (guenstige Massivholzmoebel, aber leider immer eher weiches Nadelholz). Und gerade, wenn man keinen Spass hat in solchen Haeusern, bietet IKEA auch Vorteile. So hab vor einiger Zeit eine komplette Wohnungseinrichtung innerhalb von 45 min zusammengestellt und aufgeladen gehabt (temporaere Wohnung in den USA – da brauch’s auch nicht fuer die Ewigkeit sein) – wo anders ist das so wohl sehr schwierig zu realisieren.
    PS: Das Ding auf dem letzten Bild sieht fuer mich aus wie eine ganz normale Pfanne (okay, mit einem seltsamen roten Punkt), nicht wie ein Wok (hatte mal eine Mitbewohnerin, die einen hatte – die sehen anders aus).

  6. Belauscht?Sagen wir mal,es ist...
    Belauscht?Sagen wir mal,es ist eine Szene.

  7. Belauscht?Sagen wir mal,es ist...
    Belauscht?Sagen wir mal,es ist eine Szene.

  8. Tja, die...
    Tja, die Anschaffungsdiskussionen hat man eigentlich so ziemlich überall, wo Menschen zu zweit (oder zu mehreren) davorstehen… T.I.M.s Vermutung, daß die Frau dem Mann was schmackhaft machen wollte, teile ich. Die werden womöglich in einiger Zeit noch was größeres kaufen… da es sich um eine etwas aufwendigere Sache handelt, geht man da mehrfach gucken.
    Aber die Gereiztheit des Gesprächs würde ich bei solch größeren Anschaffungen nicht überbewerten, das mag in gereiztem Ton anfangen, aber nach einiger Zeit wird das schon.
    Grausam finde ich nur Nie-Paare, die vor dem Käseregal anfangen lautstark über das zu kochende Abendessen zu diskutieren – nicht „laß uns das noch mitnehmen“, sondern völlig planlos, was überhaupt. Ich wäre jede Wette eingegangen, daß die beiden nie heiraten.

  9. Ich lese diese Schilderung mit...
    Ich lese diese Schilderung mit Interesse, aber der sprichwoertliche Funke will nicht auf mich ueberspringen: Es ist nicht ueberall Tiefgang zu finden, wo Banales stattfindet; Konsumpalaeste sind eben Horte des Banalen.
    Natuerlich gibt es alternative Ebenen im Text: Der Mann stoert sich daran, dasz offene Schubladen vorhanden sind und er unterschwellig Angst hat, in eine gesteckt zu werden. Stete Diskussion der Generationen und Miszverstaendnisse bei selbst klein wirkenden Dingen – man kann sich noch nicht einmal auf den roten Punkt (Zeichen des Wesentlichen?) verstaendigen usf.
    Doch das erinnert dann zu sehr an Psychoanalyse im Mikrokosmos.
    Doch werte Autorin, ich will Ihnen trotzdem gratulieren zu gelungenen Saetzen und Schilderungen und nicht die Freude nehmen an weiteren Eintragungen, die ich woechentlich stets gerne lese!
    Dasz wir eben Wesen des Banalen sind und Banales unser Grundstock – daran koennen wir nichts aendern.

  10. Nein, die umgarnte Dummheit...
    Nein, die umgarnte Dummheit fiel mir nicht auf. Allerdings gehen mir die Ideen auch nicht aus. Dieses, obwohl bereits 1975, nachdem ich zum Studium nach Köln gezogen war, einer meiner ersten Wege zu einer der ersten Filiale dieses Möbelhauses nach Godorf ging, also zu IKEA. Bis heute besuche ich immer und immer wieder Filialen kreuz und quer durch die Republik. Ich bin zufrieden und wenn ich mich wie zu Hause fühle, dann weiß ich: es paßt!
    Liegt wahrscheinlich daran nicht verheiratet zu sein und schon immer Küchenschubladen mit dieser unromantischen – aber dem Text nach Ehen rettende – Einziehilfe zu haben. Küchenplanung ist Männersache und die Problematik erübrigt jedes Ding. Aber was ist ein Ding oder gar das Ding?
    So schrieb ich:
    „Geh nauf zum Ding – des Ding soll ro – sonst läfft dem Ding sei Ding davo!“ – Aha, brauche ich jetzt noch einen roten Punkt?

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