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Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Lässigkeit ist eine Tugend: Das Handyklingeln

| 29 Lesermeinungen

Alles können, aber zackig: Wer Ideen vorantreibt, dem geht es oft nicht schnell genug. Doch Flexibilität hat ihre Grenzen und so schlägt Wille in Wut um. Was bleibt einem noch übrig?

Hat mein Handy gerade endlich geklingelt? Blick auf den Apparat: Nein, hat es nicht. Aber ich hab es doch gehört. Wieso steht dann kein Anruf in Abwesenheit auf dem Display? Da, schon wieder, etwas undeutlich zwar, aber genau so hört es sich an. Aber es war schon wieder kein echter Anruf. Ich verstehe das nicht. Jetzt war ich doch ganz sicher nicht abwesend, schließlich liegt das Ding in meiner Hand und hätte zumindest vibrieren müssen. Ist es etwa kaputt? Na bravo, wenn mein Handy jetzt vor seiner Programmierung kapituliert, dann raste ich aus. Schon wieder höre ich meinen Klingelton und endlich kapiere ich mehr: Das Lied im Radio greift drei Töne aus meiner Handymelodie auf, – ein ordinärer Fall von Phantomklingeln.

Er hat also immer noch nicht zurückgerufen. Es ärgert mich. Ich brauche dringend eine Antwort. Ich will es jetzt wissen, – und nicht erst drei Phasen später, wenn ich mich schon längst wieder den nächsten Themen widme. Ich muss jetzt wissen, ob er mir den Auftrag absegnet. Sonst kann ich nicht weiter planen und die nächsten 148 Mails losschicken, damit X weiß, wann sie sich mit Y treffen soll, damit Z ein Foto von den beiden machen kann. Die Dinge müssen angeschoben werden, mit Nachdruck, gute Planung braucht schließlich ihren Vorlauf. Aber nein, Monsieur hat Besseres zu tun, als sich um das Projekt zu sorgen.

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Fünfzehn Telefonate mit Zu- und Nichtzuständigen, zwanzig Antworten per Mail, – darunter drei Abwesenheits-Notizen, und zwei Stunden später habe ich die Antwort auf mein Drängen: Es läuft alles ganz anders als gedacht. Z braucht nun gar nicht mehr informiert werden, wo sich X und Y treffen, weil Y gar nicht in der Stadt ankommt, sondern noch zwei Tage länger im Ausland verweilt. Im Endeffekt ist das allerdings vollkommen egal, weil Y schon drei hoch aufgelöste Fotos von ihr und X an mich geschickt hat.

Da hätte ich mir die drei Stress-Schübe ja sparen können, – diese Flexibilität, meine Nerven! Fein, die Lösung war näher als erwartet, mein Projekt läuft zügiger Richtung Endphase als zuvor. Trotzdem, Ventil meiner Stresswut bleibt weiterhin Monsieur. Er war wirklich keine große Hilfe. Schön auch, wenn er jetzt anruft, und sich vom Verlauf der Dinge unterrichten lässt. Manchmal ist Wut eine Lösung, schließlich zwingt sie einen, frei heraus zu sagen, was man denkt, – manchmal nicht. Ach, es gibt so herrlich viele Situationen, in denen Stress-Wut und Lässigkeit miteinander ringen.

 

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Was sich allein aus dem Komplex „Mobilität“ ableiten lässt:

In welchem Parkhaus-Stockwerk habe ich mein Auto geparkt, wenn weder auf P1 noch auf P2? Ich muss los!

Wo ist mein Autoschlüssel? So viele Plätze gibt es doch auf einer einzigen Tankstelle gar nicht, an denen man sein Schlüsselbund ablegen kann.

Warum wurde in Behörden-Deutschland immer noch keine Einpark-Prüfung für SUV-Fahrer eingeführt? Für alles haben sie Zeit diese Verkehrs-Beamten, nur nicht für Gerechtigkeit: ‚Jedem Auto nur ein Parkplatz‘ , – ich könnte demonstrieren gehen.

Schön auch, was sich aus dem Bereich „Kommunikation“ einem reibungslosen Ablauf entgegen stellt:

Glaubt diese Seele am anderen Ende der Service-Hotline wirklich, dass das Internet für mich ein reiner Zeitvertreib sei, und ich deswegen diverse Second-Level-Support-Abteilungen durch telefonieren könnte, bis mir einer verrät, wie ich meine Easy(!)box zum Laufen bringe? Nein, ich will nicht zu meinen Nachbarn gehen und deren Festnetz-Apparat ausleihen, um damit die Funktionsfähigkeit meines Routers zu prüfen. Ich habe gar kein Festnetz und will auch keins!

Wenn ich extra an meinen Briefkasten schreibe „Keine Werbung“, wieso entwachsen der schmalen Klappe dann Anzeigenblätter über Anzeigenblätter? Damit ich mein sehnsüchtig erwartetes Mini-Päckchen in der Post abholen darf? Wer bitte schenkt mir die Zeit?

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Ach ja, und dann die liebe Existenzsorge, die uns Job-Beginner begleitet:

Was wird aus mir, wenn ich niemals einen dieser unbefristeten Arbeitsverträge bekomme? Was glauben die eigentlich, wer für deren Rente aufkommen soll? Die Griechen etwa, aus Dankbarkeit? Pah, wenn das so weiter geht, ist Deutschland mich los!

Wieso musste ich unbedingt Tomatensuppe vor meinem Vorstellungsgespräch essen?

Einstellungsstopp? Überqualifiziert? Aufnahmeprüfung auf Examensniveau? Hören Sie mal: Es gibt Wissenssparten, mit denen wird man nicht geboren. Die sind auch nicht in öffentlich zugänglichen Publikationen nachzulesen. Wenn ich das schon könnte, was Sie von mir zu erwarten meinen, würde ich meine eigene Bank, meine eigene Kaufhauskette und meinen eigenen Medienkonzern gründen.

Wobei, wenn Existenzangst der Auslöser für Stress-Wut ist, hat der Bewältigungsprozess schon eingesetzt. Kämpft Wut den Zweifel am eigenen Potenzial bereits nieder, – bei jeder Absage ringt er schließlich um Übermacht-, hat der Bewerber schon gute Abwehrkräfte entwickelt. Und kann lässig seine nächsten hundert Bewerbungen in der Welt verteilen.

Was soll ich sagen: Die Mischung macht’s.

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29 Lesermeinungen

  1. Bedenken Sie, ein fehlender...
    Bedenken Sie, ein fehlender Festnetzanschluss könnte Zweifel an Ihrer Seriosität wecken.

  2. I love it....
    I love it.

  3. <p>Ist Flexibilität nicht...
    Ist Flexibilität nicht durch Mobilität ersetzt worden? Und die ist selbstredend alternativlos. Man schläft heute sozusagen mit dem Finger in der Steckdose, liebe Frau von Maltzahn.
    „…Prüfung für SUV-Fahrer…“ ist sehr schön und auch nur angemessen, denn die heutzutage noch unvertretbaren Emissionen werden ja derzeit von Verkehrsministern und Autolobbyisten – bisweilen in Personalunion – in Relation zum zulässigen Gesamtgewicht des Fahrzeugs gesetzt, um diesen Schwachsinn zu rechtfertigen. 13% aller Neufahrzeuge sind schon SUV. Dann ist wohl auch ein LKW-Führerschein die logische Konsequenz, insbesondere, sehe ich die spätgebärenden Bankster-Ehefrauen in den Vorstädten beim Abwurf an Kindertagesstätten.

  4. Lieber Beifahrer, das schreckt...
    Lieber Beifahrer, das schreckt mich natürlich sehr:-)

  5. <p>Unser Leben ist nur noch...
    Unser Leben ist nur noch wie auf Speed und mit Speed erträglich – so kommt es mir des öfteren vor.

  6. SvM, seien Sie doch nicht so....
    SvM, seien Sie doch nicht so. Josef Ackermann hat auch keinen unbefristeten Arbeitsvertrag.

  7. <p>Werbung hat einen...
    Werbung hat einen schlechten Ruf, wie koennen sie dem beikommen? Was kommt bei einem Verschnitt von Louis Defuenee und Mr. Bean raus? Loesung bekommen sie morgen von mir und das Gehalt kann die Werbefirma dann mir bezahlen. Einen schoenen Tag noch und viele Altdamensommersonnenstrahlen.

  8. <p>ilnonno, es gibt Sie noch?...
    ilnonno, es gibt Sie noch?
    .
    Sophie, das vage, das bewegliche, das unvorhersehbare, das ins Nichts hinaushaltende einer befristeten Stellung hat doch existentiellen Reiz! So reift der Mensch – in der sicheren Gewissheit, dass nichts sicher ist.
    .
    Oder so.

  9. <p>Lässigkeit kommt von...
    Lässigkeit kommt von Gelassenheit. Die ist unter 30 fast unmöglich, zwischen 30 und 40 selten – kurz, stellt sich erst mit dem Erwachsenwerden ein. Und dann greift man auch nur noch zum Mobile, wenn es sein MUSS :-).
    Gruss,
    Thorsten Haupts

  10. Aber wir möchten doch auch...
    Aber wir möchten doch auch irgendwann einmal erwachsen werden dürfen, lieber E.R. Langen.

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