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Gutes tun mit Redezertifikat

31.01.2012, 09:38 Uhr  ·  Wer sich sozial engagiert, im Großen wie im Kleinen, gerät schnell in ein kommunikatives Dilemma. Die Vorwürfen reichen von Profilierung auf Kosten der Benachteiligten bis hinzu Egoismus - ein Lösungsvorschlag.

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Tu Gutes und rede darüber, sagen die Amerikaner. Doch hier tun wir uns schwer damit, wenn einer vor anderen seinen Heiligenschein poliert.

Gewiss sollte man damit vorsichtig sein, man könnte in die Ecke gerückt werden, in der soziales Engagement seinen abstoßendsten Anstrich erhält.

Ich habe mal auf einer Veranstaltung in einem luxuriösen Hotel gearbeitet, die sich gleich zwei gesellschaftliche Ziele auf die Fahne geschrieben hatte: Kunst fördern und die Armut in Afrika bekämpfen. Die ausstellende Künstlerin arbeitete mit Zelten, die sie mit Kleidung,  Magazinausschnitten oder Watch-out-for-HIV-Plakaten benäht hatte. Von diesen Zelten wurden die Besucher in Empfang genommen, dann folgte im Lichtmaschinenwirbel ein über mehrere Räume reichendes Buffet mit Sushi, Austern, Filetsteaks und einem Schokoladenbrunnen in Form eines Männchens inmitten von  tausend Küchlein. Champagner wurde gereicht oder frisch gepresster Erdbeersaft, und an der Bar konnte man zwischen verschiedenen Rum-Jahrgängen wählen.

Bild zu: Gutes tun mit Redezertifikat

Der Kontrast zwischen dem dekadenzgetränkten Szenario und dem prononcierten Zweck erreichte seinen Höhepunkt, als Bildschirme eingeschaltet wurden, die Szenen aus afrikanischen Flüchtlingscamps zeigten. Das Ganze hätte eine Installation sein können, wenn auch eine plakative. Doch es schien keinem aufzufallen.  Alle waren restlos mit dem eigenen Glanz beschäftigt. Natürlich gab es noch einen Spendenaufruf vom Unicef-Delegierten, der eine wenig beachtete Rede hielt. In welchem Missverhältnis die gespendete Summe zu den Kosten allein dieses Abends stehen musste, kann man sich ausmalen.  

Dass auch nur ein einziger Gast den Abend mit dem Bewusstsein erlebt hat, hier an einer Weltverbesserungsveranstaltung teilgenommen zu haben, kann ich mir nicht vorstellen. Wohl eher tauscht man sich darüber aus, dass Dana Schweiger ja viel größer sei als man dachte oder fragt sich, ob Udo Lindenberg eigentlich den ganzen Abend an der Bar verbringt.

Nein, mit solchen Leuten will man nicht verwechselt werden.

Aber lassen wir das schlechteste aller Beispiele beiseite und schauen auf der Skala, die bei Mutter Theresa und ihresgleichen endet, auf das breite Mittelfeld.

Man zahlt Kirchensteuer, kauft den „Straßenträumer” oder wirft dem Bettler zwei Münzen in den Pappbecher. Ein Redebedarf dürfte sich aus diesen kleinen Gesten wohl kaum entwickeln. Wer fester zupacken möchte und von Zeit zu Zeit sein Abendprogramm gegen Armensuppe oder seinen Urlaub für eine Betreuung im Behinderten-Camp eintauscht, gerät schon eher ins kommunikative Dilemma.

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Denn man möchte über die Erfahrungen sprechen, will seine Erlebnisse teilen, will andere begeistern und am besten gleich zum  Mitmachen bewegen. Doch findet man sich bei spitzfindigen Skeptikern auf der Spitze der Debatte – nach höheren Gesellschaftszwängen und Dazu-gehören-wollen-Komplexen – mit einem Egoismusvorwurf konfrontiert: „Das macht man doch nur, um sich selbst besser zu fühlen.” Was stimmt. Wie könnte man den Umweg zur eigenen Gefälligkeit über des Nächsten Benefits leugnen? Doch wie sollen sich seriöse Projekte rumsprechen, wenn die Mund-zu-Mund-Propaganda voller Plomben ist? Wenn man in den Verdacht gerät, sich auf Kosten von Hilfsbedürftigen zu profilieren?

Es muss ein Weg gefunden werden, wie man über gute Taten reden kann, ohne dem Projekt, sich und anderen Schaden zuzufügen.

Sie merken, liebe Leser, es hier fehlt ein regelndes System. Dazu möchte ich einen Vorschlag machen:

Es sollten Redezertifikate ausgegeben werden, mit denen man sich seiner guten Tat rühmen darf. Die Laufzeiten betragen sieben, vierzehn oder 21 Tage. Länger darf es nicht dauern, sonst hört keiner mehr zu.

Die Papiere werden außerdem in aktive und passive Zertifikate unterschieden.

Passive Zertifikate können durch Spenden erworben werden und funktionieren nach der einfachen Formel: ein Euro für einen Tag.

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Aktive Zertifikate erhält man durch allerlei gute Taten:

Für eine siebentägige Laufzeit kauft man seine Zeitung abends im Restaurant, geht dem Pizza-Lieferanten die Hälfte der Stockwerke entgegen, ruft mal wieder die Großeltern an, reicht die noch gültige Fahrkarte weiter, wenn man in der U-Bahn danach gefragt wird, hilft in der Schlange beim Bäcker dem Nachbarn mit achtzig Cent aus oder ruft den Installateur, wenn die Heizung ausfällt und wartet nicht, bis einer der Nachbarn sich erbarmt.

Für eine vierzehntägige Laufzeit geht man dem Pizza-Lieferanten alle Stockwerke entgegen, sortiert seinen Schrank aus und bringt nur, was noch gut ist, in die Kleidersammlung, schreibt den Paten und Patenkindern zum  Geburtstag, meldet einen Stau hinter der Kuppe, kauft dem Bettler an der Ecke endlich mal seine Taschentücher ab, auch wenn man keinen Schnupfen hat oder kocht für die verwitwete, einsame Nachbarin von Zeit zu Zeit ein Abendessen.

Für eine 21-tägige Laufzeit übernimmt man eine Schicht im Monat bei den „Grünen Damen”, sortiert nicht nur den Kleider- , sondern auch den Schuhschrank aus, überwindet die Angst vorm Blutspenden, beantragt einen Organspendeausweis, hält es noch eine halbe Stunde länger auf dem Bürgeramt aus und hilft der Rumänin beim Ausfüllen ihres Antrags oder kocht der verwitweten, einsamen Nachbarin ein Abendessen ohne darin enthaltene Spuren von Nüssen, gegen die sie allergisch ist.

Ach ja, um das Ganze anzukurbeln, darf mit den Zertifikaten natürlich gehandelt werden. Schließlich geht es hier um Aufmerksamkeit für die gute Sache, schließlich sollen noch mehr Menschen darüber reden. Schaden kann das nicht.

 

 

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