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Schau Sternschnuppen nach und sei wunschvoll glücklich

29.02.2012, 15:45 Uhr  ·  Was tut man nicht alles: Kerzen ausblasen, Glocken läuten, Münzen werfen. Alles für einen Wunsch, der sich auf den ersten Blick als Defizit äußert. Aber tatsächlich ist schon einiges gewonnen, wenn der Wunsch erstmal da ist. Man weiß dann immerhin, was man will.

Von

Bild zu: Schau Sternschnuppen nach und sei wunschvoll glücklich

(von Andrea Diener)

Ich komme mir gerade sehr blöd vor, sagte der Herr, der vor mir lief.

Egal, sagte ich, lauf weiter.

Er lief weiter, ich lief weiter, wir alle liefen weiter, siebenmal um den Steinbrocken herum und kamen uns sehr blöd vor.

Dazu muß man wissen, daß es sich bei unserer Gruppe um eine Pressereisegruppe handelte und wir uns in Ägypten befanden. Genauer gesagt befanden wir uns in der Nähe von Luxor und dort im Karnak- Tempel. Das ist der, in dem bei Agatha Christies “Tod auf dem Nil” die Brocken runterstürzen. Es stürzte bei uns netterweise nichts und niemand, Mubarak war ja schon, und so liefen wir ganz friedlich hindurch, bis wir zu einem steinernen Skarabäus gelangten, der auf einem Sockel stand. Wenn man siebenmal um diesen Skarabäus herumläuft, wurde uns bedeutet, geht ein Wunsch in Erfüllung.

Ein bißchen blöd kam ich mir auch vor, aber egal. Wünsche hat man ja immer, und man tut nahezu alles, um sie in die Realität zu überführen. Man wirft Geldstücke in Brunnen, man spendet Kerzen in Kirchen, man läutet Glocken (in Kirchen auf Inseln, die man nur mit dem Ruderboot erreicht, mindestens) oder berührt irgendwas abgewetztes, was schon tausende vor uns berührt haben. Man schreibt auf Zettel oder knotet Schleifen an Bäume oder bläst Kerzen auf dem Geburtstagskuchen aus. Man schaut Sternschnuppen nach und denkt ganz feste daran, an das, was in Erfüllung gehen soll. Und von ferne besehen kann man die Märchenfee nicht von der Marienerscheinung unterscheiden, die sich vermutlich nirgendwo phänomenologisch so nahe kommen wie auf dem weiten Flur unserer unerfüllten Sehnsüchte. Bitte mach, daß es wahr wird. Bitte mach, daß es gut wird. Egal, wer da zuhört, vielleicht auch niemand.

Aber sagt euren Wunsch niemandem weiter. Der Wunsch ist ein zartes, zu schützendes Ding, ein Vogel, der nicht flügge ist, er darf nicht aus dem Nest herausfallen respektive aus dem Kopf, das würde ihn umbringen, so nackt und klein wie er ist. Denn zu groß dürfen Wünsche nicht werden, das lehrt uns das Märchen „Der Fischer und seine Frau”, dann kehren sich die Wünsche gegen uns und werden plötzlich pädagogisch. Ein bisschen Glück, gern, aber irgendwann ist Schluß. Ein kleiner Vogel, kein Straußenei, so geht die Märchenlogik, und die Wunschlogik richtet sich danach aus. Es gibt für Wünsche vor allem Märchenkategorien, denn manchmal braucht es Wunder, damit sie wahr werden. Manchmal auch nicht, aber wunderbar ist es dann trotzdem.

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In unseren Alltagsleben gibt es ziemlich viel unzielgerichtete Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation und ein bisschen Verzweiflung am Status Quo, aber nur wenige richtige, ausformulierte Wünsche. Wer sich etwas wünscht, der ist schon einen Schritt weiter, der hat die Phase der Nörgelei hinter sich gelassen und hat erkannt, was ihm fehlt. Mit etwas Glück ist es ein erfüllbarer Wunsch, der anderen nicht schadet. Dann sollte man ihn sich unbedingt wünschen, sollte in einer Sommernacht auf dem Feldberg liegen, wenn es wieder aus den Plejaden Kometen regnet und die Sternschnuppendichte ihren Jahreshöchstwert erreicht. Sollte dem Kometenschweif nachschauen, wie er über dem nächtlichen Wald verglüht und fest an den Wunsch denken, nicht lang und breit darüber reden, sondern ihn behüten vor der kalten Außenwelt.

Ob man daran glaubt, an den ganzen Zauber der Münzen und kleinen Opfergaben und Mühen, die man eingeht, das ist im Übrigen egal. Wenn sich so ein Wunschgedanke erst einmal im Kopf festgesetzt hat, wird er von ganz allein immer größer, er lenkt unseren Blick und unsere Handlungen und sorgt dafür, dass wir das Richtige tun wie ein friedlicher, gutmütiger Parasit. Wir tragen ihn in uns herum und hoffen das Beste. Und wissen den zuständigen Heiligen oder den schönen Ort oder ganz allgemein das Universum auf unserer Seite, Verbündete kann man immer brauchen, egal wie abstrakt sie sein mögen.

Wirtschaft ist ja auch zu fünfzig Prozent Psychologie, das sagte schon Ludwig Erhard, und trotzdem gründen wir ganze Staaten darauf. Mit Wünschen ist es genauso, und wir gründen ganze Leben darauf, auf diesen kleinen, fragilen Gespinsten. Suchen wir ihnen einen besonders schönen Ort aus, tun wir etwas mit Bedacht, konzentrieren wir uns, schließen kurz die Augen und halten die Klappe. Laufen wir halt siebenmal um einen steinernen Skarabäus herum. Rudern wir über den See, um die Inselkirchenwunschglocke zu läuten, egal, wer sie hört. Wir wissen jetzt immerhin, was wir wollen, und wir wollen es sehr. Und soll keiner sagen, wir hätten nicht alles getan.

 

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Redakteurin im Reiseblatt der F.A.Z.