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Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Sehnsucht Selbstständigkeit: Die Fußeincrememaschine

| 21 Lesermeinungen

Man braucht nur eine gute Idee und schon könnte man starten: Wie ein dralles Weib den Strohwitwer, lockt Selbstständigkeit den Angestellten und den, der einen neuen Job sucht.

Wer einen Job hat, hält die Füße still, und wer einen sucht, plustert sich auf zur Eier legenden Wollmilchsau. In was für eine tolle Position haben wir  U-30er uns manövriert! Waren die Wünsche für die Zukunft auch vage, eins haben sie stets erfüllt: In der Vorstellung war man immer authentisch. Keiner bleibt einem Wunschbild treu, in dem er sich anpasst oder unterwirft. Keiner wollte das Taschentuch reichen, tagelang warten, bis die Höhergestellten die Güte erweisen zu antworten oder Schuld & Strafe ertragen, wenn die Weltwirtschaftskrise den Chart von letzter Nacht am nächsten Tag schon entwertet. Und man deswegen die Präsentation löschen kann und alles wieder neu machen muss. Dann aber im Stress das falsche Datum stehen geblieben ist, und dieser Fehler die Karrierechancen radikal beschneidet. Wenn Stellen gestrichen werden, kann so eine Unachtsamkeit schon das Beil zum Fallen bringen. So ist das eben, ein laufender Betrieb passt sich nicht an individuelle Stärken und Schwächen an.

Natürlich verwischt die Realität das Ideal, niemand wird zum Träumen eingestellt. Weisheiten wie „Lehrjahre sind keine Herrenjahre”, „Am unteren Ende der Nahrungskette bleiben eben nur kleine Happen”  oder „Seine Sporen muss man sich verdienen” sollen trösten.

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Ich will aber keine Sporen. Wozu sollte ich die brauchen? Ich bin das Pferd.

Doch wie ein Reiter über das viel stärkere Pferd, übernimmt der Ablauf im Unternehmen die Kontrolle über das, was man tut oder besser sein lässt. Domestiziert wird man im Regelwerk. Die Nächsten geiern schon, sie wollen auch einen Platz ergattern. Jeder ist jeden Moment austauschbar. Die Schlange an Überqualifizierten ist lang. Also arrangiert man sich. Besser ist das.

Ist es nicht amüsant, dass man nach Maslowscher Diagnose stets auf Selbstverwirklichung pocht? In der Ausbildung, vor der Familie, den Freunden und dem L(ebens)A(abschnitt)G(efährten)? Doch selbst wenn der Weg dorthin eingeschlagen wurde, die Erfüllung immer unrealistischer wird? Nur verschwindet das Bedürfnis nicht. Es wandelt sich im Alltag bloß in eine Auswegsmöglichkeit. In eine Flucht ins Irgendwo, die zumindest ein Wegkommen garantiert. Was darauf folgt, ist zweitrangig.

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Nach jedem Misserfolg oder was man als solchen deutet, kocht das Auto-Bedürfnis wieder auf, – und schmeckt doch stetig schaler. Bis es irgendwann kippt wie ein See, der keinen Zufluss hat. Es kippt in ein schwammiges „Wenn ich noch mal die Möglichkeit hätte, dann würde ich heute am liebsten dasdasunddas machen.” Wenn überhaupt noch eine Idee von demdemunddem übrig geblieben ist. Also, wie heißt das Zauberwort, um zurückzufinden auf den selbst entworfenen Weg? Selbstständigkeit, und selbstständig kann man sich theoretisch zu jedem Zeitpunkt machen. Man braucht dafür nur eine gute Idee, – und so lockt die Selbstbestimmung wie ein dralles Weib den Strohwitwer.

Wer hat Ideen?

Künstler. Nur verfolgen Künstler keine Ideen, sie liefern sich ihnen aus. Erfolgreiche Fremdanwendung? Unwahrscheinlich.

Produkt-Entwickler. Die müssten einen guten Riecher haben, doch die suchen in der Regel gar nicht nach neuen Ideen. Die Schublade quillt schon über mit Konzepten, die längst durchdiskutiert sind. Aber erstmal auf später geschoben wurden. Man hat doch schon genug zu tun.

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Es dürfte eigentlich gar nicht so schwer sein. Im Zeitalter der Verschwendung müssten sich doch genug Nischen auftun. Der Alltag kann gar nicht genug durchgestylt sein. Man könnte ein Kochbuch entwickeln, das Rezepte auf die Außentemperatur abstimmt und nicht bloß auf die Jahreszeit. Wie wäre es mit einer Fußeincrememaschine? Der Mensch wird schließlich immer unselbstständiger. Der demographische Wandel verspricht hierfür ein wachsendes Kundenpotenzial. Dringend braucht man auch einen Stellenmarkt, der sich nach den Vorgaben der Arbeitssuchenden richtet. Das alles bietet man dann mitleidslos auf einem eigens gestarteten Forum an, auf www.my-start-up-fucked-up.de

Auf die Zukunft!

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21 Lesermeinungen

  1. Ich musste gerade feststellen,...
    Ich musste gerade feststellen, es stimmen tatsächlich beide Schreibweisen: selbstständig (mit Doppel-st) wie auch selbständig. Man lernt hier was.

  2. <p>Ja ja, das Leben ist kein...
    Ja ja, das Leben ist kein Ponyhof. Beziehungsweise: “Das Leben ist ne Hühnerleiter, es geht vor lauter Dreck nicht weiter. Und wenn man endlich oben ist, dann fällt man wieder in den Mist.”
    Selbstverfuckingwircklichung? Wann soll man das denn noch machen? Nachts zwischen Zwölf und Mitternacht?
    Ich bin doch froh, wenn trotz gutem Studiumsabschluss der Vorgesetzte des mega hippen Startups, in dem ich Praktikumstechnisch an die Kette gelegt werde, ein müdes Lächeln übrig hat. Augenringe bis an die Zehennägel- die Fußeincrememaschine ist eine gute Idee, so könnten seine Augen auch mal wieder ein bischen Glanz bekommen!
    Ein Pferd bin ich auch nicht mehr. Eher ein klappriges Shetlandpony. Die neigen zu Bissigkeit. Vielleicht sollte ich mich doch mehr anpassen.
    Schönen Tach noch

  3. Frust? Irgendwas...
    Frust? Irgendwas schiefgegangen? Tomorrow is another day!
    Gruß K

  4. <p>Werte Frau Maltzahn,...
    Werte Frau Maltzahn,
    ein schöner Text! Ich glaube aber es handelt sich um die Eier legende Wollmilchsau, mehr Beuys als Milka.

  5. <p>Welche?</p>
    <p>Ihre scheint...

    Welche?
    Ihre scheint eher düster zu sein, zumindest Ihre Erwartung davon?
    In den letzten Monaten wurde in der FAS in grossen Artikeln der Systemwechsel gefordert (googeln Sie), der letzte erst diesen Sonntag. Allerdings ohne auch nur Ansätze für eine gangbare Veränderung anzubieten. Es ist ein Gefühl, das aufsteigt, in den Scheitellappen und dort an Worten zerrt und neue Worte fordert, allerdings bisher, ohne sie zu bekommen, es fallen Eines bisHer nur die alten Forderungen ein, die alten Phrasen der ewigen Jugend: “Revolution!”, oder einfach nur das stille Gebet, es möge doch endlich etwas geschehen, “man” (wer auch immer diese “man” ist) solle doch endlich etwas tun. Jedoch, es geht immer so weiter, Wir stolpern so voran, wie die Natur ins DaSein hineingestolpert wurde und Wir mit ihr. Aber da ist dieses Verlangen, dieses stete Verlangen und dieses ebenfalls stete Gefühl der Falschheit dieser Organisiertheit von Lebendigkeit. Nicht von den Genügsamen und nicht von den Wohlhabenden, aber so DaZwischen welkt die Unzufriedenheit dahin. Die Masse durchlebt nur, Fragen stören da nur, das alte Spiel der Natur: gezeugt, abgelebt, aufgelöst. Ein Kettensägenmassaker, der Endlosigkeit. Doch ein Kettenglied ruft “Halt! Was soll das? Muss dieses lausige Spiel denn immer so weiter gehen?” Ein Kettenglied fordert die Stolperei der Natur heraus und fordert Antworten auf Fragen, die die Masse noch stets zurückweist, Weisheit ist nur für Wenige, sagen Sie und das sind Wir nicht, Wir sind VIELE und fragen nicht: Schluss! Sie tun es, Fragen formulieren, aber lassen sie gleich darauf schon wieder in den Schoss fallen. Das Kettenglied ruft Ihnen zu: Fragen Sie weiter. Mir tritt dieses Kettenglied ständig auf den Füssen herum und bohrt mir in die Schläfe, mit einem Lächeln und formt dabei ein Fragezeichen, mit dem Ausruf: Was kannst Du erreichen, ohne zu stolpern? Und ich erkenne, es ist eine Frage ohne Persönlichkeit, eine ohne Zeigefinger, sie geht ALLE an. Ja, dieses System ist …, ja was ist es? Massenhaftes durchleben, weitgehende Freudlosigkeit, nur für Minderbemittelte (auch mit viel Geld) wirklich auszuhalten, aber zu ändern?
    Nein. Die Natur ist nunmal so aufgebaut und irgendwie geht es immer weiter und … es fallen noch endliche Plattheiten und Beruhigungspillen (Ritalin, Kokain, Nikotin …) vom Himmel und wollen nur zwei: Ruhe und Raushalten! Weiter so; fordert die Masse aus dem Bauch und hält die Vergangenheit fest. Das System steht, steht fest, zum durchleben reichts allemal, mehr brauchts nicht, den Rest überlassen Wir der Kunst und die scheisssen Wir inzwischen mit Geld zu, dass Sie das Maul hält, sonst hängen Wir sie an die Wand und jetzt: Ruhe und Weitermachen! Wer noch mal die Systemfrage stellt, wird befördert! Also Frau von Maltzahn, stellen Sie die Systemfrage, aber besser ohne Antworten und Wir dürfen Sie bald als Prinzessin anschreiben.
    Das wäre doch eine Zukunft, oder?

  6. <p>Selbstbestimmung als...
    Selbstbestimmung als Selbstständiger? Funktioniert nicht.
    Selbstdiszipilin funktioniert da schon eher.
    Ansonsten ist alles fast identisch:
    Bist du Angestellter, bezahlt dich dein Chef.
    Bist du Selbständiger, sind die Kunden deine Chefs. Sie bezahlen dir deine Brötchen und sagen, wo es lang geht. Soviel zur Selbstbestimmung. Wes Brot du isst, des Lied du singst.
    .
    Manche Chefs sind toll, manche eigene Kunden sind toll. Manche sind aber auch aus der Hölle. Was bleibt, wenn einem das alles nicht recht ist: das Kloster. Selbst ein Präsident soll da jetzt drin sein.

  7. Lieber Lützenich, wieso...
    Lieber Lützenich, wieso eigentlich etwas dagegen tun? Es ist doch alles bestens,wenn es nur so bleibt wie es ist. Auch mit langweiliger Stagnation muss man sich arrangieren können.

  8. @Vroni: ...und schon ist die...
    @Vroni: …und schon ist die Hackordnung wieder hergestellt.

  9. Wie recht Du doch hast, doch...
    Wie recht Du doch hast, doch meistens bleiben dies alles nur Gedanken. Morgen passiert nämlich schon wieder etwas, womit man nicht gerechnet hat. Daher bleibt nur eine kurzer Moment der Entscheidung: Spring ich oder nicht?

  10. Jetzt wirds gefährlich....
    Jetzt wirds gefährlich.

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