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Sehnsucht Selbstständigkeit: Die Fußeincrememaschine

13.03.2012, 09:07 Uhr  ·  Man braucht nur eine gute Idee und schon könnte man starten: Wie ein dralles Weib den Strohwitwer, lockt Selbstständigkeit den Angestellten und den, der einen neuen Job sucht.

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Wer einen Job hat, hält die Füße still, und wer einen sucht, plustert sich auf zur Eier legenden Wollmilchsau. In was für eine tolle Position haben wir  U-30er uns manövriert! Waren die Wünsche für die Zukunft auch vage, eins haben sie stets erfüllt: In der Vorstellung war man immer authentisch. Keiner bleibt einem Wunschbild treu, in dem er sich anpasst oder unterwirft. Keiner wollte das Taschentuch reichen, tagelang warten, bis die Höhergestellten die Güte erweisen zu antworten oder Schuld & Strafe ertragen, wenn die Weltwirtschaftskrise den Chart von letzter Nacht am nächsten Tag schon entwertet. Und man deswegen die Präsentation löschen kann und alles wieder neu machen muss. Dann aber im Stress das falsche Datum stehen geblieben ist, und dieser Fehler die Karrierechancen radikal beschneidet. Wenn Stellen gestrichen werden, kann so eine Unachtsamkeit schon das Beil zum Fallen bringen. So ist das eben, ein laufender Betrieb passt sich nicht an individuelle Stärken und Schwächen an.

Natürlich verwischt die Realität das Ideal, niemand wird zum Träumen eingestellt. Weisheiten wie „Lehrjahre sind keine Herrenjahre”, „Am unteren Ende der Nahrungskette bleiben eben nur kleine Happen”  oder „Seine Sporen muss man sich verdienen” sollen trösten.

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Ich will aber keine Sporen. Wozu sollte ich die brauchen? Ich bin das Pferd.

Doch wie ein Reiter über das viel stärkere Pferd, übernimmt der Ablauf im Unternehmen die Kontrolle über das, was man tut oder besser sein lässt. Domestiziert wird man im Regelwerk. Die Nächsten geiern schon, sie wollen auch einen Platz ergattern. Jeder ist jeden Moment austauschbar. Die Schlange an Überqualifizierten ist lang. Also arrangiert man sich. Besser ist das.

Ist es nicht amüsant, dass man nach Maslowscher Diagnose stets auf Selbstverwirklichung pocht? In der Ausbildung, vor der Familie, den Freunden und dem L(ebens)A(abschnitt)G(efährten)? Doch selbst wenn der Weg dorthin eingeschlagen wurde, die Erfüllung immer unrealistischer wird? Nur verschwindet das Bedürfnis nicht. Es wandelt sich im Alltag bloß in eine Auswegsmöglichkeit. In eine Flucht ins Irgendwo, die zumindest ein Wegkommen garantiert. Was darauf folgt, ist zweitrangig.

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Nach jedem Misserfolg oder was man als solchen deutet, kocht das Auto-Bedürfnis wieder auf, – und schmeckt doch stetig schaler. Bis es irgendwann kippt wie ein See, der keinen Zufluss hat. Es kippt in ein schwammiges „Wenn ich noch mal die Möglichkeit hätte, dann würde ich heute am liebsten dasdasunddas machen.” Wenn überhaupt noch eine Idee von demdemunddem übrig geblieben ist. Also, wie heißt das Zauberwort, um zurückzufinden auf den selbst entworfenen Weg? Selbstständigkeit, und selbstständig kann man sich theoretisch zu jedem Zeitpunkt machen. Man braucht dafür nur eine gute Idee, – und so lockt die Selbstbestimmung wie ein dralles Weib den Strohwitwer.

Wer hat Ideen?

Künstler. Nur verfolgen Künstler keine Ideen, sie liefern sich ihnen aus. Erfolgreiche Fremdanwendung? Unwahrscheinlich.

Produkt-Entwickler. Die müssten einen guten Riecher haben, doch die suchen in der Regel gar nicht nach neuen Ideen. Die Schublade quillt schon über mit Konzepten, die längst durchdiskutiert sind. Aber erstmal auf später geschoben wurden. Man hat doch schon genug zu tun.

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Es dürfte eigentlich gar nicht so schwer sein. Im Zeitalter der Verschwendung müssten sich doch genug Nischen auftun. Der Alltag kann gar nicht genug durchgestylt sein. Man könnte ein Kochbuch entwickeln, das Rezepte auf die Außentemperatur abstimmt und nicht bloß auf die Jahreszeit. Wie wäre es mit einer Fußeincrememaschine? Der Mensch wird schließlich immer unselbstständiger. Der demographische Wandel verspricht hierfür ein wachsendes Kundenpotenzial. Dringend braucht man auch einen Stellenmarkt, der sich nach den Vorgaben der Arbeitssuchenden richtet. Das alles bietet man dann mitleidslos auf einem eigens gestarteten Forum an, auf www.my-start-up-fucked-up.de

Auf die Zukunft!

 

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