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Zurück zum nächsten Meilenstein

10.04.2012, 11:26 Uhr  ·  Das Bewusstsein schiebt das Älterwerden an den Rand der Wahrnehmung. Das sichert wohl die Fähigkeit, für die Zukunft zu leben. Nur in kurzen Momenten erschüttert ein Abgleich mit vergangener Zeit, als hätte man einen Hammer auf den Kopf gekriegt. Will man dann aber zurück? Wenn ja, wo käme man an?

Von

Von Zeit zu Zeit schlägt es wie ein Hammer von innen gegen die Stirn. Einmal heftig: bamm, und tickt und zwickt weiter: bamm bammbamm bamm. Dreißig, fünfunddreißig, oh oh, vierzig Jahre wird man bald. Oder ist es schon geworden, man ist so vieles schon geworden.

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Doch schlägt der Hammer zu, oft auf gewöhnlichen Wegen in Bahn, Bus oder auf dem Fahrrad, dann reißen die Augen auf, und blicken ihr Umfeld an, als täten sie es zum ersten Mal.

Wie kam es dazu? Eben hat doch alles noch gut gepasst.
Doch nun, wie aus einer Hypnose erwacht,
braucht das Ich plötzlich Minuten, um sich zu sortieren.
Bin ich das, die beim Bäcker Vollkornbrötchen statt Croissants kauft?
Bin ich das, die monatlich Miete und Sozialversicherung bezahlt?
Bin ich das, die sich orthopädische Einlagen für ihre Ballerinas besorgt?
Die sich vorm Weckerklingeln überlegt, welche Route zwischen OP-Termin, Büro und Scheuermilch die kürzeste ist?
Die ihre eigene Wohnung zweimal abschließt, bevor sie sie verlässt?
Dann wieder aufschließt, um die Heizung im Bad auszudrehen?
All diesen Handgriffen, die sich ein nachhaltiger Erwachsener aneignet,
schenkt man so wenig Aufmerksamkeit wie dem Gras, das wächst.
Wozu auch? Es sind doch nur die Nebenbeis.

Etwas sanfter trifft der Zeithammer, wenn man seinen Auslöser erkennt. Wie eine Szenerie, der man sich bei Gott nicht mehr zuordnet und froh darüber ist.

Vor einer Woche erst beim Joggen durch den Grüneburgpark hatte ich einen wunderbaren Zeithammer im Kopf, der gar nicht weh tat.

Ich hatte den Stadtpark fast erreicht, da sah ich ein bleiches Mädchen mit roten Augen auf dem Bürgersteig sitzen, das sich an einen Stromkasten lehnte. Vor ihr kniete die Freundin und wischte die schwarzen, tuschgetränkten Tränen von den Wangen. Noch einen guten Freund hatte das heulende Mädchen am Boden: Er stand neben den Beiden und hielt die Fahrräder fest. Ob ich helfen könne, vielleicht einen Krankenwagen rufen, bot ich an, und merkte dabei selbst, dass die höfliche Floskel bestimmt schon veraltet ist. Jeder konnte sich mit seinem Handy selbst einen Krankenwagen rufen. Bestimmt gab es schon eine Krankenwagen-App, so wie die Taxi-App.

„Nein danke, das passt schon”, beschwichtigte die Kümmer-Freundin, deren Finger im Babyspeck versanken, um den Kopf zu stützen. „Sie redet ja noch. Dann braucht man noch keinen Krankenwagen. Erst, wenn sie nicht mehr antworten.”

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Wovon sprach sie bitte? Was war diesem Mädchen passiert? Ich wollte widersprechen. Der Fahrrad-Halter erklärt, „zuviel getrunken”. Trotzdem und erst recht, murmelte ich dagegen.

Auf den letzten zweihundert Metern bis zum Parkeingang kamen mir noch mehr große Kindern entgegen. Die sieht man im Frankfurter Westend selten, hier zählt man dreißig plus. Im Park dann flogen mir die Kopfhörer aus den Ohren. Von einer mehrere hundert Meter breiten Menschengruppe summte und brummte es über die Wiese, auf der sonst fünf Mannschaften gleichzeitig Fußball spielen können, ohne sich in die Quere zu kommen. In kleinen Gruppen standen sie beieinander. In ihrer Mitte Schulranzen und Bierkästen. Neben mir riss ein Mädchen seinen Arm in die Höhe. In der Hand hielt sie eine Sektflasche und jaulte „Abi, Abi, Abi”, und dreieinhalb Töne höher noch mal „Abi, Abi, Abi.”

Die Weißwangige der ersten Begegnung war dem nicht gewachsen gewesen. Damit war sie nicht allein. Vielen ging es ähnlich. Auf den Bänken saßen sie und starrten mit roten Augen in ein Umfeld, das sie nicht mehr scharf stellen konnten. Andere hatten es schon doller getrieben als sie, die ja noch reden konnte. Sie lagen mitten auf der Wiese im biergetränkten Dunst und schliefen. Manche wurden von Freunden links und rechts untergehakt, am Rand des Spektakels an einen Baum gelehnt und dem Rausch überlassen.

Nein, das war ich nun wirklich nicht mehr.

Ich schaute mir die vielen Schüler an und horchte, ob ihre Merkmale mir noch etwas bedeuteten: die Rucksäcke, Anhänger am Reißverschluss, die dicken Turnschuhe. Doch nichts geschah. Fast war ich enttäuscht.

Warum breitete sich bei mir nicht diese verzückte Melancholie aus wie bei den Autorinnen Lisa Seelig und Elena Senft, die in „Wir waren jung und brauchten das Gel” jedes Detail aus dem Schwimmbad bis zum Schulmäppchen festhielten? Als wären sie unverzichtbar, gehörten gar in die Kategorie unwiederbringlich und dürften nicht aus dem Gedächtnis verschwinden.

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Wahrscheinlich, weil die Abiturienten oder was sich da im Park zusammenfand, genauso aussahen, wie wir vor zehn Jahren. Als hätte sich nichts verändert. Als wäre die Erlebniswelt des Abiturienten weiterhin fest in der Hand von H&M und Beck’s.

Auf dem Rückweg sah ich schon vom Weiten den Krankenwagen auf der Straße. Hat die Weißwangige aufgehört zu sprechen? Wussten ihre Freunde nicht, wie sie sonst nach Hause kommen sollten? Glücklich und dankbar kann sie sein, dass sich so gut um sie gekümmert wurde.

Bestimmt macht sie dieses Erlebnis gleich zwei Jahre älter. In fünf Jahren wird sie darüber grinsen. Und in zehn Jahren nicht mehr verstehen, warum der Anblick eines Stromkastens einen Zeithammer in ihrem Kopf auslöst.

 

 

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