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Im Fensterspiegelbild

24.04.2012, 09:58 Uhr  ·  Anders als in einem Spiegel, liefert das eigene Bild in der Fensterscheibe einen Eindruck aus einer wahren Lebenssituation. Was auch immer das sein mag.

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Bei Augenschmerzen vor dem Bildschirm oder für eine kurze kognitive Regeneration: Mein Blick schweift gerne aus dem Fenster. Auch wenn dort nicht viel los ist, denn der Raum vor meinem Bürofenster ist meist menschenleer. Wie ist das bei Ihnen?

Ich kann höchstens die Blätter ansehen, wie sie noch recht zerknautscht vom Stängel runter hängen und Tag für Tag erst ihre Spannung entwickeln. Eine Zeit lang fuhrwerkte auf einem Balkon regelmäßig eine, vielleicht türkische Mama in weiten Gewändern, klopfte ihren Teppich aus oder hing die Wäsche auf. Jetzt wirkt die Wohnung leer und fällt nur noch auf, weil die Balkontür seit ein paar Tagen offensteht. Wurde dort vielleicht frisch gestrichen?

Bild zu: Im Fensterspiegelbild

Sie merken, mein tägliches Blickfeld ist leicht zu überschauen.

Ob meine Aufmerksamkeit am Schreibtisch geschmälert wäre, wenn ich ein lebhafteres Umfeld hätte? Wenn ich auch hinter einer dieser verglasten Fassaden sitzen würde, an denen ich jeden Morgen vorbeigehe und den Leuten bis unter den Schreibtisch gucken kann? Und die andersherum jeden Passanten beglotzen können, bei gesteigerter Attraktivität oder skurriler Aufmachung es beinahe schon müssen?

Wahrscheinlich nicht. Von der Geräuschkulisse abgetrennt gewinnt der Blick durch den Fensterrahmen einen Bildcharakter, der sich peripher dem täglichen Geschehen unterordnet. Wie ein Bild an der Wand, das erst auffällt, wenn es einer abgehängt hat und man gerade noch bemerkt, dass sich etwas verändert haben muss, aber was? Wie sollte man auch, wenn das Drinnen durchwirbelt wird von einbrechenden Informationen, die allesamt auf Einordnung pochen?

Bild zu: Im Fensterspiegelbild

Mit der Dämmerung wandelt sich die Perspektive. Was sich tagsüber nur schemenhaft wie ein falscher Lichteffekt auf der  Fensterfläche abzeichnete, gewinnt im Zuge des abnehmenden Lichts stetig an Kontur, und das bin ich.  

Wäre ich einer dieser modernen Sklaven, die auf unterster Karrierestufe jede Nacht ihren  Rücken vor dem Bildschirm krümmen müssen, könnte man das nächtliche Fensterbild in eine tragische Zukunftsvision kippen lassen: Angespornt vom Verlangen nach Anerkennung und Erfolg verdunkelt sich der Blick für die Welt hinter der Jobmauer. Was bleibt, ist nur man selbst und vielleicht noch die Kollegen, die sich im Großraumbüro ebenso in der Scheibe spiegeln. Wie lange kann man wohl noch auf Familie und Freunde verzichten, sie immer an letzte Stelle der To-do-Liste schieben, bis einen keiner mehr erwartet?

Bild zu: Im Fensterspiegelbild

Davor bin ich dankenswerterweise beschützt. Ab und an jagt mich ein Gedanke nachts aus dem Bett, weil er unbedingt und auf der Stelle formuliert werden möchte. Um nicht vergessen zu werden, lässt er mich nicht wieder einschlafen, bis er seinen Frieden auf dem Papier findet. Aber das macht mir nichts. Das kenne ich schon.

Auch wenn Nachtschichten bei mir sehr selten vorkommen, weiß ich noch, dass ich schmunzeln musste, als ich mich zum ersten Mal an meinem Platz in der Feuilletonredaktion im Fenster entdeckt habe. Denn was genau bildete sich da eigentlich im Fensterspiegelbild ab?

De Feuilletonibus

Er schreibt, doch ein Dichter ist er nicht.
Begleitet anderer Leute Gesten mit instruktivem Kommentar,
doch ein Regisseur wird aus ihm nicht.
Stets lauscht er mit einem Ohr seiner inneren Melodie,
doch ein Komponist steckt in ihm nicht.
Er überbrückt manche Lücke mit klangvollen Phrasen,
aber zum Politiker wird er niemals, nicht.
Sorgsam sammelt, sortiert und poliert er sein Repertoire,
doch auf der Bühne steht er nicht.
Unermüdlich predigt er sein Korrektiv,
doch von der Kanzel spricht er nicht.
Mit intellektueller Formel seziert er den Zeitgeist,
doch Philosoph schimpft er sich nicht.
Er wankt zwischen Ruhm und Missgefälligkeit,
doch als Rockstar funktioniert er wahrlich nicht.
Er verliert sich zwischen Intuition und Begründung,
doch als Künstler kennt man ihn nicht.

Von großer Kenntnis schwer getrübt
wird Wiederholung ihm zum Verdruss,
frisch geweckter Enthusiasmus führt zu Beklemmung,
der Stumpfsinn der schreibenden Masse schürt seine Pein.
Tot sind viele seiner besten Freunde,
sie bilden den Kreis der ewig Wirkenden.
Heimlich glimmt in ihm die Hoffnung,
seinen Platz anerkannt zu bekommen
von denen, die heute sind,
von denen, die kommen;
um dort Verortung zu finden,
wohin ihn sein Selbstbild
bisweilen so schmeichelnd entführt.

 

 
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