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Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Einer für alle: Der Frankfurter Bembel

| 16 Lesermeinungen

Wer den Apfelwein-Krug nicht kennt, hält ihn für ein Substitut des röhrenen Hirschen. Dabei ist der Bembel für Frankfurt ein inoffizielles Wahrzeichen und so versammelt sich um ihn, was die Stadt zu bieten hat.

Der Bembel, für alle, die nicht länger in Frankfurt gelebt haben, ist ein altbackener Tonkrug mit blauer Bemalung. Seiner Art nach Steinzeug, wie es in Vitrinenschränken steht. Bei Leuten mit Vitrinenschränken könnte der Bembel auch am rustikal bemalten Bord an einem  eisernen Haken hängen. Wenn man den Bembel nicht besser kennt, kann man annehmen, sein natürliches Umfeld seien gehäkelte Tischdeckchen oder mit der Handkante mittig eingeschlagene Kopfkissen. Seiner Aufmachung nach könnte er ein Substitut für den röhrenden Hirschen sein. 

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Aber in Frankfurt ist das anders. Da ist der Bembel das inoffizielle Wahrzeichen der Stadt und bewirkt ein ähnliches Zusammengehörigkeitsgefühl wie der Eintracht-Aufkleber auf der Kofferraumklappe.

Wer versammelt sich also um den mit Apfelwein gefüllten Krug und wird Teil des Bürgerstolzes auf der Bierbank?

Man trifft in der Äppelwoi-Kneipe auf strafversetzte Kreative, die in Frankfurt der Verlockung des zuverlässigen Kontoeingangs nachgegeben haben: Tausche Bohemian Life gegen Haftpflichtversicherung. Beim Äppler hört man Schauspieler, wie sie sich ihre provinzielle Lage schönreden: Viel weniger Konkurrenz habe man doch hier als in Berlin. Der Durchbruch zum Ruhm rücke spürbar näher. Die Stadt brauche schließlich mehr Botschafter als Sonya Krauss. Hier kriege man tatsächlich Anrufe und nicht ein ewig mitklingendes „Don’t call us, we call you.“

Besuch aus Berlin dagegen erlebt die Runde um den Äppler mit Erstaunen: Ihre Vorstellung von Restrealität wird überschwemmt mit Authentizität. Erzeugen Hippster-Turnschuhe in der Hauptstadt Verächtlichkeit, weil sie wie befohlen von einer irrelevanten Möchtegern-Masse getragen werden, gelten sie dem Berlin-Besuch vorm holzgetäfelten Tresen als Indiz für Vereinbarkeit von Lässigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Als könne man sehr wohl in Kinderschuhen erwachsen werden.

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Die fröhliche Kneipe hält auch die Bridge-Mami aus dem Union-Club für einen guten Ort, um zwei einander vorzustellen. Unter Bridge-Mamis genießt Frankfurt deutschlandweit als Heiratsmarkt ein hohes Ansehen. Klimpernd hievt sie ihre große Ledertasche von der Goethestraße über den Bembel hinweg auf die Sitzbank und lässt sich gleich daneben sinken. Wie toll, dass diesmal alle Zeit hatten. Wie gerne wollte sie doch, dass sich die Beiden kennenlernen, wo sie doch nun in einer Stadt leben. „Tommy, nun sag doch mal, wie geht’s dir denn in deinem neuen Job? Tommy, musst du wissen, arbeitet in einer sehr erfolgreichen Kanzlei. Sophie, du hast doch auch Jura studiert, oder? Nein? Naja, aber Recht ist ja für jeden interessant.“

Tatsächlich reden beim abendlichen Äppler alle erstmal von ihrem Job. Es ist schwer, den Neuankömmling vorzeitig von seinem halbstündigen Monolog abzubringen. Da braucht es eher zwei als einen Bembel, denn die Masse an neuen Eindrücken ist überwältigend. Nun ist man Teil dessen, was andere in der Zeitung lesen. Hat die Transaktion vielleicht sogar mit vorbereitet oder die Unternehmensbewertung an die Presseagentur rausgeschickt. Der Bedeutungstransfer wirkt sofort und so wächst Stolz auf die eigene Leistung linear zu Erschöpfung und Überforderung.

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Sehr oft erlebt man in der Kneipe zufällig zusammen gewürfelte Runden. Einer alleine kennt nicht viele in der Stadt, ist vielleicht nur ein Werktags-Frankfurter mit oder ohne eigener  Wohnung. Aber in einer Äppler-Kneipe sind die Tische für große Runden gemacht. Also bringt man gerne jemanden mit in die Runde. Man fragt den Organisator per Email am Dienstag für den am übernächsten Donnerstag reservierten Tisch: Gibt es noch einen Platz für soundso? Kein Problem. Am darauffolgenden Montag sind es schon zwei, die mitkommen wollen. Auch kein Problem. Am Mittwoch wird aber klar, dass man selbst niemals im Leben pünktlich aus dem Büro kommen wird, weil ein Pitch ansteht. Also lässt man die zwei allein zur Verabredung gehen, was sie auch tun. Man hat schließlich zugesagt. Verbindlichkeit wird hoch gehalten in Frankfurt. Schließlich herrscht hohe Fluktuation: Man kommt für einen Job und geht für den nächsten. So bleiben Cliquen offen und Freundschaften jung. Im Notfall kann man sich ja immer noch darüber unterhalten, wie es ist, neu in Frankfurt zu sein, und wie schnell man Anschluss gefunden hat – eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Natürlich sind das nur Auszüge aus dem Frankfurter Pendant zum bayerischen Biergarten. Außerdem trifft man die verrücktesten Fahrradfahrer Deutschlands: Es gibt keine roten Ampeln. Beruflich hoch startende Frauen in heißen Diskussionen über ihr Rollenerlebnis als Frau im Männergeschäft, sprich: Outfit und Schuhe, – inhaltliches unterliegt sowieso der Schweigepflicht. Dann noch Handelsvertreter, die von ihrem Fußweg zwischen Messe und Hauptbahnhof abgekommen sind, Erben aller Alterklassen, übermüdete Banker und Anwälte; Mittdreißigerinnen, die ohne Abitur etwas mit Immobilien machen wollen, am besten aber nur mit einem, der was mit Immobilien macht; Bürger-Aktivisten, die sich gegen Fluglärm und für Occupy einsetzen; Rentner, die sich von der Studiosus-Reisegruppe abgesetzt haben und natürlich asiatische Touristen, die einheitlich Handkäs‘ mit Musik bestellt haben und nicht wissen, was ihnen blüht, – und warum de‘ Frankfurtä des witzisch find. Abä des tut eä, un‘ zwar rischtisch witzisch.

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16 Lesermeinungen

  1. Jura - Kreidezeitalter - an...
    Jura – Kreidezeitalter – an der Hundeschule „Köte(R)-Uni“ in Frankfurt?
    BRaO! oder BRaGO!
    http://barako53.urlto.name/pix/20021002-finger-53-brago-anon.jpg
    http://barako53.urlto.name/pix/20020930-finger-53-brao-anon.jpg
    … 1711 oder 1684 …
    http://barako53.urlto.name/pix/20020530-bgb-1711-anon.jpg
    http://barako53.urlto.name/pix/20020604-finger-1684-1711-anon.jpg
    Ich muß mal die Refrendare fragen die zu Richtern, (Staats-)anwälten etc. …
    http://barako53.urlto.name/pix/20020927-verlegung-examenspruefer-anon.jpg
    .. geprüft werden.
    Gruß
    „PressIDent“

    Ich mag
    „Fein““Cord“-„Anzüge“ / „Hosen“
    wenn sie als
    „Fine“ „Court“ „Houses“ –
    optimal dress for – „Law“-„suit“s
    geschrieben werden.
    http://www.dict.cc/deutsch-englisch/Geldbu%C3%9Fe.html

  2. So hätte dieses Gebäude hier...
    So hätte dieses Gebäude hier (schönes Wetter) …
    http://i-hacked-windows.dynip.name/20120508-1600-ecbint-newpremises.jpg
    … ausgesehen wenn man mich hätte machen lassen …
    http://www.edelstahl-in-bestform.de/shop-1/0999-shaker-cocktail.html
    … den passsend zum TORTEN-STUECK Frankfurter MOMA (Museum für moderne Kunst) hätte ich „THINK about MON_Y“ was zum Thema trinkGELD, BAR wie in BAR-GELD also CASH gemacht.

    ps: wie hieß nochmal der vater bei der familie von frensheserien alf *kopfschüttelnd* von was sich die kreativen alle so inspirieren lassen …
    http://en.wikipedia.org/wiki/SimAnt

  3. <p>RISCHTISCH!!!</p>
    <p>Wann...

    RISCHTISCH!!!
    Wann gibts den Blog über das „Gepflegt ungepflegt“-Sein der (Wahl) Berliner mit seinen modernen Sklavenmärkten (Startups) oder der Anleitung für das korrekte Stärken der Blusenkrägen für Einwohner der schönsten Norddeutschen Hansestadt?

  4. <p>Schön =) </p>
    <p>So schön...

    Schön =)
    So schön locker flockig geschrieben, passend zur Jahreszeit, man sieht förmlich die Tinte aus der Feder fließen, aber das ist ja nicht mehr zeitgemäß oder werte Dichterin?
    einfach schön, etwas aus der Heimat zu hören, aber jetzt geht’s im südbayerischen Exil erstmal an den Isarbiergarten

  5. Vielen Dank, liebe Euterpe....
    Vielen Dank, liebe Euterpe. Und, schöne Metaphern sind immer zeitgemäß, finde ich.

  6. Hallo hallo Manfred. Länger...
    Hallo hallo Manfred. Länger nicht hier getroffen. Gerade bei Ihnen denke ich immer wieder, dass Sie selbst unbedingt auch ein Blog schreiben sollten. Schonmal daran gedacht? Aber natürlich bitte nur, wenn Sie den Dingern als Kommentator erhalten bleiben.

  7. Rote Ampeln sind dem Radfahrer...
    Rote Ampeln sind dem Radfahrer ja mehr eine Empfehlung, doch bitte etwas langsamer und mit Blick nach rechts und links die Straße zu passieren. Wobei, die Zeiten als ich die Bockenheimer Landstraße auf dem Radweg, aber komplett bei Rot abfahren konnte, sind wohl auch vorbei.
    Was habe ich gelitten, als ich nach München zog. Hier gibt es das blödsinnige „Radl-Rambo“-Klischee und die Polizei hat auch nachts um 23:00h bei Regen und Kälte nichts besseres zu tun, als unliebsame Radfahrer anzuhalten, weil diese bei völlig leerer Straßenkreuzung zu früh losfuhren, oder nicht wie vorgeschrieben auf dem (matschigen) Radweg sondern auf der (zwar auch feuchten, aber eben nicht matschigen) Straße.

  8. Der Bembel, ach! Oft besuchte...
    Der Bembel, ach! Oft besuchte ich einen Freund, den das unbarmherzige Schicksal nach Franktfurt verschlug. Wie es sich fuer aeltere Jungs gehoert, muss man Wiedersehen festlich begehen. Stets blieben wir in der Innenstadt haengen. Niemals kamen wir nach Sachsenhausen.
    Ich wollte ja hin, aber er war dagegen. Stattdessen musste ich Henninger trinken. Kennen Sie Henninger? Henninger ist sowas wie Schwedenpunsch fuer Koelschtrinker.
    Einmal, nur einmal lud mich eine Messehostess zum Aeppelwoi. Leider hatte ich eine Verabredung zum…
    …Sie werden es ahnen.
    Was uebrigens ist die Musik beim Handkaes? Klingt irgendwie Eiweissreich und methanverdaechtig. Wissen das die Gruenen?

  9. "Äppelwoi" und "Äppler"- was...
    „Äppelwoi“ und „Äppler“- was ist das? Ich weiß ja nicht wo die Blaublütige verkehrt aber mir als alten Sachsenhäuser und Schobbestecher dreht sich der Magen um, wenn ich einen solchen Schwachsinn lese. Und das auch noch in einer Zeitung, die den Namen meiner Vaterstadt im Titel führt !

  10. Lieber Filou, es liegt klar...
    Lieber Filou, es liegt klar auf der Hand: Sie müssen mal wieder nach Frankfurt kommen!

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