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Einer für alle: Der Frankfurter Bembel

08.05.2012, 11:55 Uhr  ·  Wer den Apfelwein-Krug nicht kennt, hält ihn für ein Substitut des röhrenen Hirschen. Dabei ist der Bembel für Frankfurt ein inoffizielles Wahrzeichen und so versammelt sich um ihn, was die Stadt zu bieten hat.

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Der Bembel, für alle, die nicht länger in Frankfurt gelebt haben, ist ein altbackener Tonkrug mit blauer Bemalung. Seiner Art nach Steinzeug, wie es in Vitrinenschränken steht. Bei Leuten mit Vitrinenschränken könnte der Bembel auch am rustikal bemalten Bord an einem  eisernen Haken hängen. Wenn man den Bembel nicht besser kennt, kann man annehmen, sein natürliches Umfeld seien gehäkelte Tischdeckchen oder mit der Handkante mittig eingeschlagene Kopfkissen. Seiner Aufmachung nach könnte er ein Substitut für den röhrenden Hirschen sein. 

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Aber in Frankfurt ist das anders. Da ist der Bembel das inoffizielle Wahrzeichen der Stadt und bewirkt ein ähnliches Zusammengehörigkeitsgefühl wie der Eintracht-Aufkleber auf der Kofferraumklappe.

Wer versammelt sich also um den mit Apfelwein gefüllten Krug und wird Teil des Bürgerstolzes auf der Bierbank?

Man trifft in der Äppelwoi-Kneipe auf strafversetzte Kreative, die in Frankfurt der Verlockung des zuverlässigen Kontoeingangs nachgegeben haben: Tausche Bohemian Life gegen Haftpflichtversicherung. Beim Äppler hört man Schauspieler, wie sie sich ihre provinzielle Lage schönreden: Viel weniger Konkurrenz habe man doch hier als in Berlin. Der Durchbruch zum Ruhm rücke spürbar näher. Die Stadt brauche schließlich mehr Botschafter als Sonya Krauss. Hier kriege man tatsächlich Anrufe und nicht ein ewig mitklingendes „Don’t call us, we call you.”

Besuch aus Berlin dagegen erlebt die Runde um den Äppler mit Erstaunen: Ihre Vorstellung von Restrealität wird überschwemmt mit Authentizität. Erzeugen Hippster-Turnschuhe in der Hauptstadt Verächtlichkeit, weil sie wie befohlen von einer irrelevanten Möchtegern-Masse getragen werden, gelten sie dem Berlin-Besuch vorm holzgetäfelten Tresen als Indiz für Vereinbarkeit von Lässigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Als könne man sehr wohl in Kinderschuhen erwachsen werden.

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Die fröhliche Kneipe hält auch die Bridge-Mami aus dem Union-Club für einen guten Ort, um zwei einander vorzustellen. Unter Bridge-Mamis genießt Frankfurt deutschlandweit als Heiratsmarkt ein hohes Ansehen. Klimpernd hievt sie ihre große Ledertasche von der Goethestraße über den Bembel hinweg auf die Sitzbank und lässt sich gleich daneben sinken. Wie toll, dass diesmal alle Zeit hatten. Wie gerne wollte sie doch, dass sich die Beiden kennenlernen, wo sie doch nun in einer Stadt leben. „Tommy, nun sag doch mal, wie geht’s dir denn in deinem neuen Job? Tommy, musst du wissen, arbeitet in einer sehr erfolgreichen Kanzlei. Sophie, du hast doch auch Jura studiert, oder? Nein? Naja, aber Recht ist ja für jeden interessant.”

Tatsächlich reden beim abendlichen Äppler alle erstmal von ihrem Job. Es ist schwer, den Neuankömmling vorzeitig von seinem halbstündigen Monolog abzubringen. Da braucht es eher zwei als einen Bembel, denn die Masse an neuen Eindrücken ist überwältigend. Nun ist man Teil dessen, was andere in der Zeitung lesen. Hat die Transaktion vielleicht sogar mit vorbereitet oder die Unternehmensbewertung an die Presseagentur rausgeschickt. Der Bedeutungstransfer wirkt sofort und so wächst Stolz auf die eigene Leistung linear zu Erschöpfung und Überforderung.

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Sehr oft erlebt man in der Kneipe zufällig zusammen gewürfelte Runden. Einer alleine kennt nicht viele in der Stadt, ist vielleicht nur ein Werktags-Frankfurter mit oder ohne eigener  Wohnung. Aber in einer Äppler-Kneipe sind die Tische für große Runden gemacht. Also bringt man gerne jemanden mit in die Runde. Man fragt den Organisator per Email am Dienstag für den am übernächsten Donnerstag reservierten Tisch: Gibt es noch einen Platz für soundso? Kein Problem. Am darauffolgenden Montag sind es schon zwei, die mitkommen wollen. Auch kein Problem. Am Mittwoch wird aber klar, dass man selbst niemals im Leben pünktlich aus dem Büro kommen wird, weil ein Pitch ansteht. Also lässt man die zwei allein zur Verabredung gehen, was sie auch tun. Man hat schließlich zugesagt. Verbindlichkeit wird hoch gehalten in Frankfurt. Schließlich herrscht hohe Fluktuation: Man kommt für einen Job und geht für den nächsten. So bleiben Cliquen offen und Freundschaften jung. Im Notfall kann man sich ja immer noch darüber unterhalten, wie es ist, neu in Frankfurt zu sein, und wie schnell man Anschluss gefunden hat – eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Natürlich sind das nur Auszüge aus dem Frankfurter Pendant zum bayerischen Biergarten. Außerdem trifft man die verrücktesten Fahrradfahrer Deutschlands: Es gibt keine roten Ampeln. Beruflich hoch startende Frauen in heißen Diskussionen über ihr Rollenerlebnis als Frau im Männergeschäft, sprich: Outfit und Schuhe, – inhaltliches unterliegt sowieso der Schweigepflicht. Dann noch Handelsvertreter, die von ihrem Fußweg zwischen Messe und Hauptbahnhof abgekommen sind, Erben aller Alterklassen, übermüdete Banker und Anwälte; Mittdreißigerinnen, die ohne Abitur etwas mit Immobilien machen wollen, am besten aber nur mit einem, der was mit Immobilien macht; Bürger-Aktivisten, die sich gegen Fluglärm und für Occupy einsetzen; Rentner, die sich von der Studiosus-Reisegruppe abgesetzt haben und natürlich asiatische Touristen, die einheitlich Handkäs’ mit Musik bestellt haben und nicht wissen, was ihnen blüht, – und warum de’ Frankfurtä des witzisch find. Abä des tut eä, un’ zwar rischtisch witzisch.

 

 
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