Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (14)
 

Konserve für ein Lebensgefühl: Das Jahrbuch

22.05.2012, 08:45 Uhr  ·  Wie unterm Jungbrunnen fühlt man sich, trifft man nur einen alten Bekannten und lässt Vergangenes wieder aufleben. Im Vergleich dazu steht ein Klassentreffen für die Niagarafälle.

Von

Es gibt Menschen, die kann man zehn Jahre lang nicht gesehen haben, und dennoch vom ersten Moment an wieder mit ihnen vertraut sein, als wäre keine Zeit vergangen. Das ist dann eine tolle Sache: Man umarmt sich, plaudert von früher und kann nicht fassen, dass es einem vorkommt, als wäre in den vergangenen zehn Jahren nichts weiter passiert als ein bisschen Leben.

Am besten ist man auf so einen Moment vorbereitet. Ärgerlich, wenn die Chance auf diese Jungdusche verstreicht, nur weil man gerade im Stress ist. Also meistens. Man lieber die Straßenseite frühzeitig gewechselt hätte oder das ausgeschaltete Handy ans Ohr hält, um Ablenkung vorzutäuschen. Die Vorsicht ist berechtigt, denn ein misslungener Smalltalk kann schmerzende Folgen haben: Allzu leicht bricht postpupertäres Unbehagen wieder aus.

Bild zu: Konserve für ein Lebensgefühl: Das Jahrbuch

Viel schöner ist es doch, wenn man den Damaligen im passenden Rahmen trifft und Muße hat für den längsten Smalltalk der Welt: wie auf einem Klassentreffen, auf dem jeder jedem dieselben Fragen stellt. Was machst du? Wo lebst du? Wie liebst du?

Natürlich liefert der Vergleich des Schwarzweiß-Fotos im Jahrbuch mit dem lebendigen Original ein paar Überraschungen: Einer, von dem man sicher war, dass er niemals wieder eine Schule betreten würde, ist heute Lehrer. Der größte Aufreißer der Stufe, mit dem so gut wie jede und jeder schon mal rumgeknutscht hat, ist schon verheiratet. Die selbstvergessene Träumerin, die den Lehrern mit ihrer einzig relevanten Uhrzeit – ihrer inneren – größte Sorge bereitete, führt heute ihr eigenes Unternehmen.

Bild zu: Konserve für ein Lebensgefühl: Das Jahrbuch

Es wird promoviert, manche jagen durch Karrierestufen; darunter mischen sich Kreative, die ihr Künstlerleben niemals gegen einen Krawatten-Job tauschen würden. Viele sind in festen Beziehungen oder haben es mit einem Trauschein noch weiter getrieben. Bestimmt ein Drittel meines Jahrgangs hat schon eigene Kinder. Andere wollen sich für das nächste Treffen ein Baby mieten.

Mich verleitet mein Klassentreffen zu einer Mini-wini-Analyse meiner Generation, Baujahr 1983/84. Schließlich konnte man sich die Klassenkameraden nicht aussuchen wie seine Freunde und Feinde, sondern wurde fremdbestimmt mit ihnen zusammengewürfelt.

Was uns zweifellos antreibt: Gestaltungswille im Beruf und Familie. Also, liebe Sozial-Etikettierer und Werbetexter, korrigiert Euer Klischee von der Maybe-Generation: Wir plätschern nicht seicht durchs System und stranden hilflos in der Mittelmäßigkeit. Nach der aufreibenden Phase der Selbstsuche ab zwanzig, in der Optionen tatsächlich überwältigen und in einen Abgrund führen können, sind wir im Umgang mit unserer persönlichen Freiheit im hohen Maß geschult.

Viel mehr wohl als unsere Elterngeneration, die vor allem erst mal Nein sagte zu Konventionen. Wobei natürlich anerkannt bleibt, dass unsere Freiheit darauf beruht, dass vor uns gründlich aufgeräumt wurde mit den gängigen Vorstellungen von richtig und falsch. Man kann behaupten: Es wurde uns ein leerer Werte-Korb überreicht und wir packen ihn wieder voll, – mit einem pluralistischen Konservatismus. Das verblüfft oder enttäuscht sogar so manchen ewigen 68er. Doch ihre Warnungen vor Spießigkeit verhallen.

Bild zu: Konserve für ein Lebensgefühl: Das Jahrbuch

Denn es gibt eine Medizin, sollten Leitlinien, auch die selbstgewählten, einen zu sehr bedrängen: Es ist das Vergnügen. Um den Zwängen zu entkommen, geht man nicht demonstrieren, sondern tanzen. So wie mit achtzehn. Im Schatten der Nacht entgleist die Moral, aber was macht das schon: Schuld trägt der Rausch. Das kennt doch jeder. Ist entschuldigt. Es zählt am nächsten Tag nicht mehr. Der nächste Tag ist sowieso zu vergessen, schließlich soll er nur schnell vorübergehen und mit ihm Kopfschmerzen und Übelkeit.

Am Montag Morgen schleicht man sich ins Büro mit blauen Streifen unter den Augen, heiserer Stimme und sagt einen Termin lieber ab als zu: Mit Anstrengung nimmt man sein Leben wieder auf und ist doch beseelt, dass sich eigentlich seit dem Abitur gar nicht viel verändert hat. Das man genauso mit den alten Kameraden durch die Nacht toben kann. Dass man immernoch an kleinen Gesten des anderen Gesinnung erkennt. Dass jeder äußere Umstand sich ändern kann, doch was bleibt, sind die Menschen, die man im Herzen trägt.

 

  Weitersagen Kommentieren Empfehlen Drucken
 
Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden