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Pilgerfahrt nach Lourdes: Die Orthese

05.06.2012, 11:00 Uhr  ·  Eine Woche übernimmt der Malteser-Pilger die Verantwortung für ein behindertes Kind. Spielt, füttert und singt mit ihm; die Freude des Kindes darüber ist seine Belohnung. Wie funktioniert also diese über die Wand gespielte Glückserfahrung?

Von

“Es ist nämlich so, dass unsere Psychen uns belohnen,
wenn wir leben, was als Potenz in uns angelegt ist.”
Joachim Gauck

Trägt Orthesen, steht im Pflegebuch über das behinderte Kind, das ich auf der Pilgerfahrt nach Lourdes betreuen werde. Hilfe, was sind Orthesen? Ich kenne nur Prothesen. Meiner Freundin neben mir flattern die Nerven noch viel stärker, – ihr Kind ist Epileptiker. Damit nicht genug: Es sitzt im Rollstuhl und wird über eine Magensonde ernährt. Immer wieder von vorne studiert sie das dünne Heftchen mit Tipps und Pflegeanweisungen, die von Betreuern aus dem Kinderheim detailliert zusammengetragen wurden. „Den hatte ich im letzten Jahr auch”, schaut ihr einer über die Schulter. „Das ist das fröhlichste Kind, das ich kenne!” Irritiert blickt sie ihn an. Noch passen diese gegensätzlichen Informationen nicht zusammen. „Als ich das Heft zum ersten Mal gelesen habe, ist mir auch der Angstschweiß ausgebrochen.”  Erleichterung glättet ihre Stirn, sie ist nicht allein.

Bild zu: Pilgerfahrt nach Lourdes: Die Orthese

Am Bahnhof warten wir auf die Ankunft der Kinder. Unsere Jungs sind schon dabei, den Zug zu beladen mit Gepäck, Medikamenten, Spielzeug, tausenden Windeln und Hipp-Brei.
Die schweifenden Blicke der Passanten bleiben an uns hängen. An blau-weiß gestreiften Kleidern mit vorgebundenen Schürzen. An einer Gruppe Frauen im Alter von zwanzig bis vierzig Jahren. An altmodisch gekleideten Krankenschwestern mit wallendem Haar und Augen, die schwarz umtuscht sind und vom Kajalstrich betont.

Im ersten Kinderbus kommt das Pflegekind meiner Freundin an. Eine Laderampe liefert ihn in seinem Rollstuhl auf dem Asphalt ab. Seine Arme zappeln und strecken sich nach den vielen Menschen, die um ihn stehen. Sie greifen nach seinen Händen und sagen ihm fröhlich „Hallo, hallo”. Ganz ungebremst jedweder Erwartung, dass er ein Hallo zurück sagen könnte. Er spricht nicht. Er lacht. Mit verschränkten Armen und rätselndem Blick auf ihr Kind läuft meine Freundin neben der Betreuerin aus dem Heim zum Warteraum im Bahnhof.

Eine Viertelstunde später wird auch mein Kind vorgefahren. „Kannst schon mal mit ihr vorgehen zum Sammelplatz. Das schafft sie!” Sagt die Betreuerin und drückt mir zwei kleine Patschen in die Hände. Auf Bauchnabelhöhe schaukelt vor mir ein hübsch frisierter Kopf von links nach rechts. „Aber die Orthesen? Brauchen wir die nicht?” „Die hat sie schon an”, erklärt die Erfahrene und zeigt auf die Füße des Mädchens. Ich sehe nur zwei Sandalen mit Klettverschluss an schmerzhaft weit nach außen gedrehten Füßen. Wieder ein hilfesuchender Blick zur Helferin, doch die hebt schon das nächste Kind aus dem Auto. Sie hat gesagt, dass wir das Stück laufen können; ich vertraue ihr und lasse tausend Fragen offen.

Bild zu: Pilgerfahrt nach Lourdes: Die Orthese

Ich halte beide Hände und laufe rückwärts los, doch statt eines Schritts lässt sie nur ihren Oberkörper nach vorne fallen. Ich richte sie wieder auf und rede ihr zu. Von den letzten Fahrten weiß ich, dass die Kinder zwar abwesend wirken, aber dennoch viel von ihrem Umfeld mitkriegen. Weswegen man auch niemals über ihre Köpfe hinweg über sie reden darf. Ich spreche mit meinem Mädchen und ziehe ein wenig an ihren Armen. Das hilft, wir wackeln los. Auf der Hälfte der Strecke bleibt sie stehen, will sich auf den Boden fallen lassen, doch ich richte sie wieder auf. „Wir schaffen es. Es ist nicht mehr weit. Du kannst mir vertrauen!” Sage ich mit fester Stimme und tatsächlich schiebt sie eines ihrer steifen Beine nach vorne. Woher kommt bitte diese Sicherheit? Vor zwei Minuten noch stand ich ratlos vor dem Kind wie vor einer Autopanne.

Aber wir laufen gemeinsam bis in den Warteraum. Umgeben von dreißig anderen Kindern mit allerlei körperlichen und geistigen Bürden warten wir auf den Reisesegen des Priesters, der die Gruppe begleiten wird. Beim „Lied für die Sonne, die strahlende Schwester” bricht bereits mein Tränenstaudamm, – er wird sich erst nach der Fahrt wieder aufbauen.

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Vorher lassen sich die Tränen der stummen Ergriffenheit nicht runterschlucken. Nicht bei den Prozessionen, in denen wir in einem langen Zug und von Gebeten und Chorälen begleitet in die Kirche einziehen. Nicht bei den Bädern im Lourdes-Wasser, das Wunder vollbringen soll. Nicht an der Grotte, an der dem Kind Bernadette vor über hundert Jahren erst die Heilige Mutter Gottes erschienen ist und auf diese Begegnung hin sich Lourdes zum Wallfahrtsort entwickelte.

Auch meine Freundin hat sich ihrem Kind schon ganz zugewandt. Sie kniet vor dem Rollstuhl, spielt mit der zitternden Hand ihres Jungens und singt vor einem Gesicht, das strahlt und gluckst.

Warum dann Tränen? Bestimmt sind es die Kinder, denen Musik direkt ins Herz zu fliessen scheint: Sie richten sich auf in ihren Stühlen, sie wippen mit den Oberkörpern oder stossen laute Freudenschreie aus. Bestimmt ist es, dass ich – selbst mit meiner Krächzstimme noch – zu denen gehöre, die den Kindern diesen Spaß bereiten. Bestimmt ist es Dankbarkeit, dass ich – was auch immer das Leben für Umstände macht – es wieder geschafft habe, in den Dienst der Freude zu treten. In einen Dienst, den Jesus Christus uns empfohlen hat. Einen Dienst, der den Weg zeigt zum wahren Glück: den Weg zu Gott.

 

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