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Blog’s doch! – Der Kommentar

20.06.2012, 09:17 Uhr  ·  Mein Text ist der Anstoß. Dann kommen die Kommentatoren: Sie machen das Tor. Das sei übertrieben? Keineswegs. Denn bloggen ist nicht Einermanns Sache, sondern vielmehr ein Mannschaftssport.

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Am Anfang steht mein Text. Mein Blog. Dafür köcheln die Gedanken wie ein Soßenfond im bunten Allerlei. Das Aroma soll nicht verloren gehen, nur weil sich in diesem Moment keine Verwendung aufdrängt. So sammelt sich unsortiert im köchelnden Wein mein Zorn neben Spott, meine Sehnsucht neben Übersättigung, mein Unwille und meine Anpassung.

„Blog’s doch”, sagt ein Freund zu mir, wenn ich mich in Rage rede, aber die Runde andere Themen hat. Also werden periphere Beobachtungen, aufgelesene Formulierungen und gute Antworten – die im Nachhinein erst einfallen – nicht vergessen: Sie wandern in den Topf.

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Von Tag zu Tag hebe ich den Deckel und schnuppere, ob sich schon ein wenig Relevanz abgesetzt hat. Doch so kann es nicht ewig gehen, schließlich ist der Abgabetermin festgelegt. Himmel sei Dank, sonst würde ich es wahrscheinlich noch schaffen, den Ideenfond zu zerkochen, dass er sauer wird und ungenießbar. Also schöpfe ich am Tag des Schreibens mit möglichst großer Kelle ab, was sich dieses Mal vom Leben absorbieren ließ. Für meine Gäste, meine Kommentatoren.

Auf die ich allerdings auch neidisch werden kann. Schon oft habe ich erlebt, dass Freunde mich auf mein Blog ansprechen, aber dann nicht meinen Text loben, sondern die Kommentare. Das kann einem in den “alten Medien” nicht passieren. Da bleibt man erst einmal im abgesicherten Monolog. Eine Freundin schaffte es sogar mich zu schocken. Sie sagte: „Doch ich lese deine Blogs. Aber nicht immer. Ich schaue erst die Kommentare an, ob es sich lohnt.”  

Wozu mache ich mir denn die Mühe, klage ich heimlich. Aber ich will es mir nicht anmerken lassen. Der Stolz auf meine Kommentatoren verhilft mir im letzten Moment zur richtigen Haltung: Wir sind eine Mannschaft und in einer Mannschaft stellt man sich kein Bein. Also wird sie runtergeschluckt, die olle Missgunst.

Denn selbstverständlich sitze ich voller Spannung vor der Blog-Software und warte auf Kommentare wie auf eine Amazon-Lieferung. Bis zu drei oder vier Tage nach dem Publizieren kann noch ein Neuer in der Liste erscheinen. Dann ebbt es meistens ab. Gegenlesen und freischalten, gegenlesen und freischalten; es ist das Letzte, was ich vorm Einschlafen tue und das Erste nach dem Aufwachen. Manchmal auch in der Nacht. Ich checke die Kommentare wie andere ihre Aktienkurse.

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Es gibt aber auch Kommentatoren, um die ich mir Sorgen mache. Was soll ich tun, wenn eine mir schreibt: “Vielleicht liegt es in den Genen, wenn wir öfter etwas für den Magen jagen als blindwuetig durch die Gegend zu schiessen aus lauter Wut auf alles moegliche.” Wovon wird sie verfolgt? Sollte ich die Polizei rufen?

Andere glaube ich sehr gut zu kennen. Am besten wohl den Doktor aus Amerika , der sich mit weich klingender Seele in den Diskurs einschaltet. Er hat für jeden ein gutes Wort. Im echten Leben kümmert er sich über die Weihnachtstage um seine Patienten, im echten Leben fährt er gerade rückwärts aus seiner Ehe raus.

Es gibt leider auch die faschistischen Spinner. Sie schimpfen aufs Übelste über Frauen, Schwule und Schwarze und scheinen sich überhaupt nicht für den angestoßenen Dialog zu interessieren. Diese Kommentare, liebe Leser, schalte ich nicht frei. Ich bin nicht bereit, solchen Bösartigkeiten eine Plattform zu bieten. Und ich wäre sehr dankbar, das nicht mehr so oft erleben zu müssen. Das dreht einem den Magen um, meistens schon vorm Frühstück.

Doch davon abgesehen ist es eine nette Runde.

Wir analysieren:

“Nun ja, die Endorphine sind wieder da. Ein schönes Regulativ der inneren Unruhe. Alles sieht besser aus. Entspannter. Pasta, pesce e vino schmecken jetzt auch einfach besser.” (von Nico)

 Wir rebellieren:

“Bester Jeeves: Was hielten Sie von einer Schlossbesetzung? Wir müssten uns ja nur ein schönes aussuchen und eventuelle Vorbewohner daraus vertreiben. Und dann das Fallgatter runter und die Pechkessel aufs Feuer…! (Von Kopfgeburt)

Und lassen dennoch Gnade walten:

“(Investment) Banker sind auch nur Menschen und im Durchschnitt nicht weniger oder mehr peinlich als jeder andere Mensch auch. (von Christian)

Wir suchen den Ausweg:

“Ich rate zum Tanz auf dem Vulkan.” (von Realist)

Erklären die Welt:

“Die Schuhe wollte sicher so ein verschlafener Nachläufer noch zum Bundesverteidigungsministerium bringen, weil das doch jetzt alle Anständigen machen, aber dann war der Guttenberg schon weg, und die Dinger wieder nach Haus zu nehmen ist doch zu mühsam.” (Böhmenfürst)

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Loten neue Erden aus:

“Analogkäse? Das ist doch keine Strafe – sondern lediglich ein anderer Entfaltungsraum, oder? (von Järgen Ashkenasi)

Und spüren ungestellte Fragen auf:

“Was ich nie verstanden habe ist, warum die Fee Amarylllis des großen und bösen Zauberers Petrosilius Zwackelmanns Schloß nach dessen Ende einfach wegzaubert – mitsamt Inventar und Bibliothek.” (Von HansMeier555)

Wir dichten:

“Kommt ein Marder geflogen, holt die Sonne ein, fliegt zum Mond und holt den Käse aus dem Krater, fluggs zum Mars und Nase putzen, Marder muss die Flügel stutzen und schon geht es weiter immer heiter auf die Erd zurück, die fliegt auch noch, was für ein Glück! Rosen stehen und Tulpen bleichen, während braune Eichen im Nebel langsam weichen und so weiter und so fort …” (von Oliver-August Lützenich)

Wir mögen es lakonisch:

“Köstlich krankes Zeug.” (Muscat)

Vor allem Ironie:

“Und auch wenn ich nur noch den äußerst günsten SuperPlus tanken kann dank in die Jahre gekommenen motorisierten UNtersatz, so werde ich doch Vollgas geben und ganzen Abteilungen in Flensburg Arbeit beschaffen bis auch der letzte Tropfen Öl auf diesem Planeten in gesundes CO2 verbrannt wurde.” (von Asper)

Wir ärgern uns:

“Ach, Frau von Maltzahn, musste das sein? Flach, Stereotype, ärgerliche Plattheiten. Das Thema sollte man ernsthafter und ohne folkloristische Verklärungen behandeln. Vielleicht kann man langsam zu der Einsicht gelangen, dass Autofahren per se schlecht ist und allenfalls als notwendiges Übel geduldet werden muss.” (Von Roleur)

Und Hinterfragen:

“Dennoch sei die verdutzte Frage gestattet: Was hat das mit Ding und Dinglichkeit zu tun? Kündigt sich da eine unschöne Versachlichung des rätselvollen Phänomens an?” (von Ill ty Diff)

und ziehen vor Gericht:

@ Filou ” … wenn Ironie in der Literatur vom Leser verstanden wird, wieso schaffen wir, die wir und als nicht gerade ungebildet verstehen, es nicht, uns entsprechend auszudruecken? Antwort: Aus purer Selbstüberschätzung. (von Vroni)

Bis wir wieder Frieden schließen:

“Bravo! Zum Schluss des Durcheinanders eine alte Geometrieregel: Parallele Linien kreuzen sich nie, auch nicht in der Unendlichkeit. Das gilt auch fuer Parallelwelten, -kommentare und -diskussionen wie hier. Aber allesamt klug. Bis zum naechsten Bloggefecht, Ihr Wackeren!” (Von Dr. Peter Niemann)

In diesem Sinne, bringe ich dieses Blog auch nicht zu Ende, sondern winke allen Mit-Bloggern – jeder ist ein Blogger, der einen Beitrag ins Internet stellt – nur fröhlich und dankend von meiner Seite des Laptops zu.

 

 
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