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Jeff Koons und die Juniortüte

04.07.2012, 07:33 Uhr  ·  Unsere Konsumwelt überzieht der Künstler Jeff Koons mit glitzerndem Oberflächenzauber. Im Museum geht das Konzept auf. Aber ist es auch alltagstauglich? - Eine Begegnung.

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„Welches Spielzeug?” Fragt mich der automatische Mensch hinter der Kasse. Dafür bin ich doch zu alt, denke ich, auch wenn ich Pommes & Burger als Kinderportion bestelle. Aber vielen Dank fürs  Kompliment. Dann mal her mit dem Spielzeug. Ist ja umsonst. Sind ja nur fünfhunderttausenddreiundsechzig Kilowatt in die Produktion geflossen. Aber Konsumkritik im Fast-Food Restaurant ist schließlich bigott und ich dafür zu träge. Ist so heiß heute.

Bild zu: Jeff Koons und die Juniortüte

Es fügt sich doch gut zusammen: Trash-Food und fauler Mensch. Kein Bock auf Kochen, kein Bock auf Kauen. Dazu gesellt sich ein dumm vergnügliches Plastikteil. Was soll das Ding überhaupt darstellen? Ich schaue mir die  Figur genauer an: Für ein Gesicht hat es nicht gereicht. Hat bloß ein paar Kratzer, die Mund und Nase im Ganzen sein sollen. Bißchen gruselig. Da waren wohl die Produktionsmaschinen nicht filigran genug eingestellt. Hoffentlich war das der Grund und nicht müde, asiatische Kinderhände.

Ist bestimmt eines dieser Monster, die auf dem Comic-Kanal wahlweise die Welt retten oder zerstören wollen. Das Kind am nächsten Tisch weiß jedenfalls genau, welche Kräfte das Monster hat. Es ballert damit die schmatzenden Gäste im Restaurant ab, mit viel Spucke, die aus seinem Mund spritzt. Langsam wischt sich die Mutter den Sprühregen aus ihrem Gesicht. Ihr selbst, aber nicht dem Kind. Dafür hat sie jetzt eine Fettspur mit Ketchup an der Wange. Aber sie stört es nicht. Ist so heiß heute.

Trivialitäten des Alltags? Nicht relevant für einen Geist, der sich in immer höhere Sphären aufschwingen möchte? Hätte man gerne. Doch Leben tropft lauwarm vom immergleichen Burger. Braucht man nicht die Augen vor verschließen. Wird nicht besser, nur weil alles sich ändert. Wenn man sich nur artig nachhaltig verhält. Wenn man nur an etwas glaubt. Wenn man sich stetig bemüht; – zum Schluss isst du die gleiche lasche Fritte.

Bild zu: Jeff Koons und die Juniortüte

Ist ja ein netter Versuch von Jeff Koons, wenn er versucht uns die banale Konsumwelt schmackhaft zu machen und mit einem Oberflächenzauber überzieht. Gerade machen seine Werke Station in der Frankfurter Schirn und im Liebighaus. Kann jeder hingehen und sich selbst illusionieren lassen. Wenn er Spielzeugfiguren zu großen Skulpturen aufbläst, die so tun, als könnten sie schweben. Als könnte man sie an einer Schnur spazieren führen wie einen Luftballon. Dabei sind sie tonnenschwer. Fast so schwer wie ein Burger im Magen.

Bunter Glanz knistert auf Koons Gemälden in der Schirn wie Geschenkpapier. Oh, wie aufregend, ich kriege ein Geschenk. Ich habe Geburtstag! Christus hat Geburstag! Irgendwer hat immer Geburtstag! Wow, ein Geschenk für mich, das freut mich doch. Jeder freut sich über Geschenke. Danke, liebe Fast-Food-Kette für das tolle Gratis-Geschenk in meiner Junior Tüte, das ich ja gar nicht zahlen musste, – mit Geld, Zeit oder gutem Gewissen.

Doch Koons sieht das nicht so streng. Er will uns etwas anderes zeigen, wenn er mit den Spielzeugfiguren arbeitet, die wir von der Kirmes kennen. In einem großen Luftballonstrauß schweben sie dort als Snoopy und Alf zwischen pinkgestreiften Zebras und natürlich Sponge Bob. Sie wiegen sich im Wind und glitzern in der Sonne. Es riecht nach Zuckerwatte und Eiscreme. Der Glücksmoment im Kinderlachen ist natürlich ein gutes Sujet von Koons. Macht gute Laune.

Bild zu: Jeff Koons und die Juniortüte

Aber Koons treibt es noch weiter. Auch Mystik kann er unterbringen, wenn er im Liebighaus zwei mannshohe grüne Hulks eine schwere Metallglocke an einer Tragebahre schultern lässt. Zwischen antiken Asiatika fließt Spiritualität durch den Raum, als wäre sie das einzig wirksame Hilfsmittel gegen die ewigen Lasten der Menschen, die einen Retter brauchen. Einen Retter, der in jeder Zeit zu finden sein muss. Ein Ideal, eine Wahrheit, die ewige Gültigkeit. Allgegenwärtig bis ins Fast-Food-Restaurant. In unserem Fall ist es der Hulk, sagt Koons.

Und weil Koons sich soviel Mühe gegeben hat, nehme ich anerkennend mein Goldpuder und verstreue es auf die Pommes und die Mayo – es ist ja nicht meine Schuld, dass die Welt häßlich ist. Es ist bloß meine Schuld, wenn sie so bleibt.

 
 
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