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Pommernregen beim Storchennest

18.07.2012, 08:53 Uhr  ·  Bei Regen könnte man keine erholsamen Ferien machen? Wer das denkt, hat wohl noch nie einen Hunde-Tag eingelegt, an dem man sich von einem Körbchen ins andere kuschelt. Und zwischendurch gibt es die Reha-Injektion aus rein natürlichen Inhaltsstoffen.

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Zurzeit hat es Mecklenburg-Vorpommern nicht leicht, sein Standortmarketing “Urlaubsland” zu verteidigen. Jedenfalls nicht, wenn man mit der standardisierten Katalogvorstellung “Sonnenbrand, tropfendes Eis am Stiel, Sand im Portemonnaie” an die Sache ran geht. Es regnet nämlich. Jeden Tag. Zumindest nicht den ganzen Tag. Aber manchmal auch das. Plitschplatsch prasselt es in die Pfützen, plitschplatsch: Socken nass. Dummerweise ist es schon der zweite Sommer in Folge. Im letzten Jahr stieg der See sogar bis kurz vor unsere Terrasse an. So schlimm ist es dieses Jahr nicht, – noch nicht. Aber das ist wohl nur ein schwacher Trost für den, der die Hoffnung aufgeben und lieber Lana Del Rey in die Sommerdepression folgen möchte.

Bild zu: Pommernregen beim Storchennest

Allerdings greifen die übrigen mecklenburgischen Parameter auf dem Weg zur Tiefenentspannung trotzdem. Wenn sie nicht sogar durch den Regen noch deutlicher hervorstechen.

Während die Welt hinter dem Nieselregen verschwindet, erlebt der Urlauber die Ausdehnung der Zeit. Das ist ein bekanntes Phänomen; schon Bismarck riet beim Weltuntergang nach Mecklenburg zu ziehen, schließlich passiere hier alles fünfzig Jahre später.

Hier verliert das Diktat des Aktivismus seine Wirkung. Mit bestem Gewissen legt man gerade bei Regen einen Hunde-Tag ein, an dem man sich bloß von einem Körbchen ins andere kuschelt: Langes Frühstück bis drei, kurzer Ausflug zum Supermarkt gepaart mit kleiner Schlössertour, danach Tee und Kekse im Sofa mit gutem Buch. Mittagsschlaf zwischen sechs und acht. Aperitif um neun, Dinner um zehn, Nachtisch um Mitternacht. Danach elf Stunden Schlaf in dunkler Ruhe. So verrinnen zwei Tage wie zwei Wochen.

Bild zu: Pommernregen beim Storchennest

Verabreden braucht man sich in Mecklenburg nicht. Man hat nämlich schon mehrere Dates. Man ist verabredet mit dem Storchenpaar, das mit seinen roten Schnäbeln bis zehn Meter vorm Haus im grünen Gras stochert. Stundenlang kann man ihnen dabei zusehen. Es stört sie ja keiner, regnet doch. Stört sie aber auch bei gutem Wetter keiner, sonst hätten sie hier gar nicht erst das Wagenrad bezogen.

Sprengt die Sonne zwischendurch die Wolkentürme und verspricht eine trockene Stunde, trifft man sich beim Spaziergang mit dem großen Feldhasen, der durch die Ackerfurche im Stoppelfeld hoppelt. Zwei Kraniche tanzen dazu auf runden Strohballen. Nur der Rehbock will nichts aufführen, dafür hat er keine Zeit, er ist den duftenden Ricken auf den Fersen.

Bild zu: Pommernregen beim Storchennest

Nach dem Regen jagt auf dem Spaziergang eine Reha-Injektion ins Blut. Aufnahmestation: Nase. Die sensorische Reise beginnt mit Tannengrün. Nächster Halt: honiger Blütennektar. Transit: moorige Erde. Ankunft: Erntekorn.

Die Reise ist visuell gepaart mit rotem Mohn im sich bis zum Horizont streckenden Gold aus reifem Getreide. Mit vollen Blätterreben an meterdicken Baumstämmen. Mit zu Wohnhäusern umfunktionierten Scheunen. Mit Pferden im Garten. Mit mahnenden Schlossruinen und restaurierter Backsteingotik.

Bild zu: Pommernregen beim Storchennest
Nirgends kann sich der Städter an störenden Merkmalen seines Alltags verhakeln. Nicht mal das Handy findet hier Empfang. Warum sollte man auch telefonieren und sich rausreißen lassen aus dem wohligen Mantel des Ganz-bei-sich-Seins? Reicht doch, dass am Ende der Ferien die eigenen Batterien bis zum Überlaufen voll sind. Und man verwundert ist, wenn man mit Tatendrang zurück ins Leben hüpft. Plötzlich kann man die urbane Hektik wieder gut vertragen. Als hätte sie einem sogar etwas gefehlt. Wer hätte das gedacht?

 

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