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documenta-Experten gesucht! – Das Namensschild

01.08.2012, 10:34 Uhr  ·  Halbzeit in Kassel. Die einen waren schon auf der Kunstausstellung mit Weltruhm, die anderen haben es noch vor. Der Besuch lohnt sich in jedem Fall: Jeder sollte sich nach eigener Manier an der Kunst abarbeiten. Rezeptionsschablone? Fehlanzeige!

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„Sie sehen so offiziell aus”, spricht mich ein liebenswertes Muttchen auf dem Friedrichsplatz in Kassel an und zeigt auf mein gelbes Namensschild. „Können Sie mir sagen, wo ich anfangen soll?” Ich bin allerdings gerade eben auf der documenta angekommen und es ist nicht mal drei Minuten her, dass ich mir das Schild vom Pressestand angeklippt habe. Also klappen wir, wie immer und überall, wenn sich zwei Ortsfremde nach dem Weg fragen, die Karte auf.

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Mit allen Buchstaben des Alphabets sind die Ausstellungsplätze auf der Karte in grauen Kreisen gekennzeichnet, und weil das Alphabet anscheinend nicht ausreichte, gibt es auch Kringel mit „Ä” bis „Ü”, außerdem das von Germanisten heiß geliebte „ß” und sogar ein „Œ” wie in Œvre. Das Kunstwerk hinter dem klangvollen „Œ” befindet sich in der Galeria Kaufhof. „Ah ja”, sagt das Muttchen schlau, „das mache ich dann am Ende. Ist ja Sommerschlussverkauf.” Sie bedankt sich und flitzt zurück zu ihren Freundinnen gleichen Alters. Ich bezweifle und bewundere zugleich ihren Aktivismus. Mir scheint der Besuch auf der documenta wenig kompromissfähig: Entweder documenta oder alles andere. Beiderlei ist nicht zu bewältigen. Aber Menschen in Gummi-Sandalen mit angepasstem Fußbett und atmungsaktiven Pluderhosen sollte man nicht unterschätzen.

Auch meine Freundin und mich packt der Aktivismus. Von „A” bis „Ü” – wir wollen alles sehen. Als hätte die Kuratorin genau diese Ungeduld erwartet und drosseln wollen, stehen wir in der documenta-Halle zuerst vor abgedeckten Zeichnungen von Gustav Metzger. Will man sich eine anschauen, muss man den abgegriffenen Flanell-Lappen anheben oder sich hinter die Schulter von einem Fleißigen stellen, der die Arbeit übernimmt. Oder man lässt es bleiben, – wir haben doch keine Zeit! Wir legen es nicht auf Entschleunigung an, wir wollen Achterbahn! Wir wollen Farben, wollen Drohungen, wollen Abgründe und den Olymp und zwischendurch Latte Macchiatto.

Wie zum Trost für den zurückhaltenden Empfang in Grau mit noch mehr Grau (auf meterhohen Architektur-Zeichnungen von Juli Mehretu) knallt endlich Farbe von allen Seiten im Bilderraum von Yan Lei. Selbstgemalte Kopien von Dürer bis Warhol zwischen asiatischem Fotorealismus umreißen den multikulturellen Kosmos der Kunst, die nicht weniger will, als die ganze Welt zu umarmen.

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Allerdings kuriert anschließend die zentrale Halle den Farbenrausch. Thomas Bayrles acht mal dreizehn Meter große Fotomontage von einem Flugzeug aus unzählig vielen kleinen Flugzeugen schluckt die bunte Welt mit einem Happen. Stattdessen: Bedrohung aus der Luft. Wir fliehen vor dem assoziativen Gewaltakt, den auch die Installation mit summenden Auto-Motoren nebendran nicht als technologischen Dialog abmildern kann.

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Wir fliehen ins Raumkino von Nalini Malani, in dem Scheinwerfer durch vier große, buntbemalte Zylinder hindurch Schattenspiele an die Wände projizieren. Wie Kinder, die Unterschlupf in einer Höhle gefunden haben, setzen wir uns auf den Boden und lassen uns von bewegten Figuren, wie man sie aus indischen Tempeln kennt, auf einen düsteren Ausflug in die Weltenseele entführen.

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Wieder an der frischen Luft, will erneut ein anderer Besucher von mir wissen, was er sich als nächstes anschauen sollte. Wie ein König zeige ich mit großer Geste auf die Karlsaue, die man von hier aus nur in Ausschnitten durch die Bäume sehen kann. „Überall und alles, Sie können es gar nicht verpassen.” Sage es nicht böswillig, sondern bloß, weil ich die vielen Zelte der letzten documenta erinnere. Vor der Orangerie angekommen wird im Gegensatz dazu deutlich: Hier wird gegeizt. Diesmal muss man die Kunst suchen. Sie hüpft einem nicht aus allen Augenwinkeln entgegen. Der gesamte Platz vor der Orangerie wurde an bloß zwei Objekte verschenkt, die ich als überzüchtete Weiterentwicklungen der Idee eines englischen Gartens verstehe: In den Rasen ist ein mit Roggenähren umpflanzter rechteckiger Tümpel eingelassen. Außerdem bäumt sich ein grasüberwachsener Hügel auf, unter dem ein Abfallhaufen schlummert. Landeier wie ich eins bin lassen sich von dieser manierierten Dramatisierung landläufiger Naturprozesse nur schwer beeindrucken.

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Meiner Freundin geht es kaum anders. Sie schimpft. Dafür sei sie nicht nach Kassel gereist und rümpft die Nase. Ich gebe ihr mein Namensschild. Kritiker vor! Sie schimpft über das Beduinen-Zelt, das leider an diesem Tag geschlossen hat. Sie schimpft über die langen Wege, die es uns unmöglich machen, alles zu sehen, was sich in den Ecken der weitläufigen Karlsaue versteckt. Wir haben tatsächlich keine Zeit, sondern einen Zug zurückzunehmen.

Aber am allermeisten schimpft sie, als wir das Museum Fridericianum betreten und das ganze Erdgeschoss leersteht. Das ist für sie der Gipfel der Dekadenz: der Ausdruck einer Gesellschaft, die das Nichts über jegliche Ziele, Werte, ja sogar über die Schönheit stellt. Ich steuere dagegen: Das könnte man doch auch als Gegenentwurf für unsere medial überschwemmte Welt bewerten. Als Abkehr von illusionierenden Oberflächen und eine Sehnsucht nach neuen Projektionsflächen!

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Meine Freundin will davon nichts hören. Wie ein Zeuge im Gerichtssaal zeigt sie mit dem Finger auf einen Glaskasten. In dem Glaskasten ist das einzige wahrnehmbare Kunstwerk im ganzen Erdgeschoss: Es ist ein fünfseitiger Brief, den der Künstler Kai Althoff der documenta-Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev geschrieben hat. Er erklärt darin, warum er bei der documenta nicht teilnehmen möchte.

Reine Selbst-Beweihräucherung lautet das Urteil meiner Freundin. Ich kann das nicht widerlegen und will es auch nicht. Mir gefällt die Diagnose. Zum Abschied schenke ich ihr mein Presseschild. Sie freut sich und will es zu ihren anderen Medaillen hängen. Ich grinse. Einen Altar fürs Ego bauen sich anscheinend nicht nur documenta-Kuratorinnen.

 

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