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Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Kleine Tropfen, große Wirkung: Das Taufbecken

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Eine Taufe ist schnell über die Bühne gebracht. Sie markiert ja bloß den Anfang der Glaubensbiographie. Was kommt dann? Zählen wir es mal an drei Fingern ab.

Eine Taufe scheint von außen betrachtet recht simpel. Ein bißchen Wasser über den Kopf und fertig ist der jüngste Christ. Der Täufling, immerhin die Festsau, nimmt davon so gut wie nichts wahr. Wie sollte das Baby auch unterscheiden zwischen seiner Taufe und einem gewöhnlichen Montag? Das Kind erschrickt kurz über das plötzliche Nass und döst dann wieder in seine Babywelt ab. Die Taufgesellschaft hört den Reden der Paten zu, gibt sich einer mittelgewichtigen Völlerei hin und erfüllt ihre Pflicht mit dem Taufgeschenk. Dann reisen die Gäste wieder ab und die Spülmaschine schwemmt den Rest Cocktailsauce vom Teller.

Erwachsenentaufe werden nun die Ersten schreien. Dann erst in die christliche Gemeinschaft eintreten, wenn man die Bedeutung verstanden hat. Dann erst, wenn man seine eigene Meinung zum Glauben gebildet hat, statt in eine fremdbestimmte Richtung gewiesen zu werden.

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Doch bis dahin sind Jahrzehnte klanglos verstrichen! Die Glaubensbiographie beginnt indes schon früh:

In den ersten Jahren sind die Entwicklungsschritte gewiss klein bis nicht vorhanden. Die ganze Welt passt in die Gegenwart eines Tages: in ein paar Stunden spielen und motzen, folgen und trotzen. Die Welt ist einfach da und in ihr tausend Dinge, die man anfassen kann und tausend, die unsichtbar sind. Alle Unsichtbaren leben nach dem ersten Kennenlernen gleichberechtigt in der kindlichen Phantasie: Lillifee, Nils Holgerssohn und das Jesus Kind. Die kleine Meerjungfrau, der Weihnachtsmann und Maria, Mutter Gottes. Sie alle passen in die Vorstellungswelt und kein Kind hat jemals die Wahrheit gesprochen, wenn es behauptet, noch nie an den Osterhasen geglaubt zu haben. Es gibt erstmal gar keinen Zweifel daran, dass es den Osterhasen gibt oder die Zahnfee oder den Engel Gabriel.

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Es gibt auch solche, die wollen bei diesem Entwicklungsstand bleiben und halten stur fest an der kindlichen Vorstellung von Gott als altem Mann mit langem, weißen Bart und goldenem Gewand. Wollen keinen Zweifel zulassen. Sollen sie doch machen wie sie wollen, – es braucht sich nicht jeder an den Rätseln göttlicher Morphologie abzuarbeiten. 

Im Rest gärt irgendwann zwischen zwölf und zwanzig Lebensjahren der Zweifel. Der Platz im Kopf reicht bei ersten Philosophie-Übungen nicht für beiderlei Disziplinen und die alte Theodizee-Frage zerschmettert noch das letzte Verständnis für Gott.

Damit nicht genug: Der Glaube scheint fürs Leben nicht gemacht, denn kein Mensch verhält sich im Einklang mit den Tugenden Christi. Es ist keiner zu finden, der sie authentisch verkörpert und gleichzeitig fest im Leben steht. Keiner, der so großmütig ist. Keiner, der einzig auf das Wohl anderer ausgerichtet ist. Keiner, der alles verzeiht. Keiner, der im Glauben Autonomie erlangt, sodass er ihn über das Leben und sich selbst erhaben macht. Keiner, der glasklar erkennt, was richtig, weil es zu Gutem, und was falsch ist, weil es zu Schlechtem führt.

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Bis dann sich demjenigen, der weiter forscht, demjenigen, der in der Kirche Mitglied bleibt, die Frage stellt „Warum gehöre ich eigentlich dazu?”

Was ist eine hübsche Frage ist, viel hübscher als „Warum bin ich davon ausgeschlossen?”

Der Katholitk prüft also seine mystischen Fähigkeiten in den Wunderwäldern der Heiligen, der Protestant seinen abstrakten Purismus. Beide grübeln sie, wie die metaphysische Kraft Gottes ebenso lebendig sein kann.

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Bis sich die Pforten öffnen. Bis man erkennt, dass Gott immer dort zu finden ist, wenn die gesamte Schönheit allen Lebens in einer losen Geste steckt.

Ein Beispiel? Wenn Mann und Frau, die sich als Liebe des Lebens gefunden haben, mit ihrem Kind vorm Taufbecken stehen – ihm also den christlichen Weg empfehlen – und ein älteres Geschwisterchen dem kleinen Wonneproppen vorsichtig die Haare abtrocknet.

Ach, es sieht so simpel aus!

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40 Lesermeinungen

  1. Warum gehöre ich dazu?
    Warum...

    Warum gehöre ich dazu?
    Warum gehöre ich zu einer Gemeinschaft, die den Ruf nach der Finanztransaktionssteuer im Kichenboten abdruckt?
    Zum Teil ist es ein erlernter Genuß, wie herber Wein oder Roquefort. Zum Teil aber auch das Erlebnis, daß Glaube, Inhalte, Gemeinde, Menschen da waren, als ich sie brauchte.
    Alleine Glauben, ist wohl schwerer, als in der Gemeinschaft glauben.
    wo da zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich unter ihnen Spricht der Herr.

  2. Grazie...
    Grazie

  3. Endlich mal ein sinnvolles...
    Endlich mal ein sinnvolles Thema.
    Das mit der Erwachsenentaufe ist wieder so ein Fetisch amoklaufender Pseudorationalisten, die nicht wahrhaben wollen, dass die Menschen nun mal in Gemeinschaft leben, und dass Glaube, Moral, Gewissen etc. nur dort ihren Sinn erhalten können und a priori keiner “rationalen Wahl” unterliegen.
    .
    Aber werden wir nicht abstrakt sondern bleiben schön materiell:
    Gibt es eigentlich auch Wiedertaufbecken?

  4. Und es war zu der Zeit als...
    Und es war zu der Zeit als meine Schwester wohl 1 Jahr alt wurde und ihre Taufe stand an.
    Meine Eltern sprachen mit dem Pfarrer um den Termin. Es sollte der Freitag vor Ostern sein. Aber an Karfreitag tauft man nicht, sprach der Pfarrer. Aber dann haben alle Gäste Zeit und können kommen. Um Gottes Willen, sei´s drum, und die Taufe geschah. So viel aus der Familienchronik.
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    An meine eigene Taufe kann ich mich nicht mehr erinnern.
    Aber zur Taufe im Säuglingsalter, also in Form der rituellen Reinigung, kommt wohl tatsächlich die Bestätigung des Glaubens, die dann ganz sicher sehr individuell ausfällt. Wenn es denn Zeit wird sich mal wieder zu „waschen“.
    Und dann kann man sich die Frage stellen, wie gestaltet man diese Katharsis. (Wenn alles rund läuft stell ich mir die Frage eher selten) Und wann ist sie zu Ende. Mir fällt dazu die Zahl 7 in Verbindung mit Jahren ein. Abschreckend? Es können auch 6 Tage sein und dann der Sabbat.
    Na ja, ich hab die Erfahrung gemacht, dass nur wenn ich meine Motive mit besten, oder reinen Gewissen vertreten kann, dann auch richtig gut bin. Und so auch die Folgen aushalten konnte.
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    Wie nennt man das? Gegenspieler, Gegner oder gar Feinde. Wie begegnet man diesen im Alltag am besten? Als guter Christ, wenn diese wahrscheinlich auch getauft sind. Mit christlich fundiertem moralischem Wettrüsten – nein danke.
    Ich bin ja gespannt was noch so auf mich zukommt. Und dann sage ich mir Rückblickend zum Trost, dass ich ja jetzt nicht da wäre ohne die eine oder andere entbehrenswerte Erfahrung. Ich meine so alternative Ersatzreligionen im Erwachsenenalter. Es kommt doch immer darauf an, ob man so ein Aufnahmeritual bestätigt oder eben nicht.
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    Jetzt sollte hier eigentlich ein Link zu götz alsmann eine blaue stunde stehen. Gibt es aber leider nicht auf YouTube.

  5. Dann ist das Wasser vielleicht...
    Dann ist das Wasser vielleicht etwas trüb? Oder haben Sie den Termin gleich nach der Reinkarnation angesetzt?

  6. Das haben Sie wohl sehr schön...
    Das haben Sie wohl sehr schön beschrieben, was ja nicht überrascht. Mehr überrascht hat mich da HM555, dem ich indes zustimme.
    Manchmal hab ich mit Kindern von Freunden (verschiedner religiöser Herkunft) zu tun, die ganz ohne Religionsunterricht aufgewachsen sind, oft schon in zweiter oder dritter Generation, das ganze biblische Personal, alle die Gleichnisse die wir noch manchmal im Gespräch verwenden, all das ist ihnen unbekannt, ein großer kultureller Bruch. Ethos aber haben sie alle, das geht auch ohne Religion.
    Mit Erwachsenentaufen würden wohl alle Kirchen sehr klein bleiben und das wissen sie auch.

  7. Ohne in die...
    Ohne in die theologisch/religioesen Gruende der Taufe zu gehen, sehe ich so einen Tauf Event als eine schoene Tradition — die besonders in unserer Zeit wo man wenig davon haelt haelt — sehr empfehlenwert ist.
    Ich find es toll, wenn so ein kleiner Wonnepropfen unter Onkeln, Tanten, Eltern, Grosseltern und einem ganzen Clan da vorgefuehrt t wird.
    So ein Paar tropfen des “heiligen Wassers” — nun ja, das ist doch sicherlich nicht viel anders als einige Regentrophen, die ja auch goettlicher Herkunft sein koennen (wenn man nicht zu viel sich mit Meteorologie befasst.) Alles schoen sumbolisch. Ich selbst haette dazu noch erhebende Musik erwuenscht, aber leider war ich zu winzig und kaum sprachlos um etwas zu empfehlen.
    Wenn die suessen Kleinen dann erwachsen, und sich eventuell in Luemel oder Boesewichte verwandelt haben, nun ja dann koennen die ja ihre eigenen Entscheidung machen und tun was sie wollen. That’s life.
    Sie koennen ja dann auch die passenden Buecher lesen die eventuell ihrer neuen Philosopie entsprechen, wie :Christopher Hitchins “God is not Great”, oder Richard Dawkins verschiedenen Buecher die Religion und Deities in Frage Stellen. Die Buechereien sind sicherlich voll von solchen Textenn.
    Der Lebensweg ist nicht aus Beton gemacht, sondern aendert sich ueber Zeit, mit vielen, Schlagloechern, Kurven und Huegeln. Jeder muss dann selbst durch das Leben fahren, mit der Ideologie die ihm oder ihr passt.
    Pax vobiscum

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    Als ungetaufter Heide hätte...

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    Als ungetaufter Heide hätte man mich früher auf den Scheiterhaufen geschickt.
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    So moralisch war die Kirche.
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    Der Vadder

  9. Die Frage ist: Ist die...
    Die Frage ist: Ist die Lebendigkeit nüchtern überhaupt erträglich? So wirklich ganz und gar nüchtern. So ganz mythenlos, unbesoffen, unbedrogen, ungesüsst, spielefrei, wunschlos, ohne falsche Vorstellungen, wirklich ganz nüchtern, nackt, farbbrillenlos, mit beruhigten, einfach mitschwingenden Gefühlen, also unaufgeregt, unaufgewühlt, unabhängig, mit allen und vor allem, allen offenen Sinnen und aufgeklärtem Verstand? Sorry, für die vielen Worte, aber Jedes hat bei “nüchtern” einen anderen Inhalt, für Manche ist es lediglich ein Bier, für mich sind es die vielen Worte.
    Ist also die Lebendigkeit nüchtern erträglich?
    Wenn Sie die Kassenberichte der Händler, wenn Sie viele Verbrauchsstatistiken lesen, das Fernseh-/Kino-/Buch-/Magazinprogramm kennen, dann kommen Sie auf den Befund: eigentlich nicht. Die Lebendigkeit ist fast in Gänze, für fast Alle nüchtern unerträglich.
    Ablenkung von der Wirklichkeit ist ein absolutes Muss. Von der Superjacht, dem Dach-Appartement in Manhatten, dem Gerhard Richter an der Wand, dem eigenen Fussball-Verein, bis zum Fusel auf der Zeitungsmatratze unter der MainBrücke ist die Lebendigkeit ohne Gedöns unaushaltbar.
    Lebendigkeit ist ständig besoffen sein.
    Ein US-amerikanischer Präsidentschaftskandidat möchte die Schulden der USA abbauen, indem die Sozialprogramme abgebaut werden. Da ist doch die Frage: welche Sozialprogramme und wieviel ist diesem Kandidaten ein Mensch wert? Und die Europäer haben eine gemeinsame Währung eingeführt, ohne die Grundlagen dafür zu schaffen, einfach so, obwohl es kluge Menschen reichlich gab, die wussten, dass es ohne eine Angleichung der Steuersysteme, der Wirtschaftskraft, gemeinsam Wirtschafts- und Haushaltspolitik, also ohne ein mehr Europa und weniger National unausweichlich in die Krise führt. Nun, wie kommen Wir da wieder heraus? Rezepte gibt es, aber Keines möchte verlieren, weil fast Niemand Europa ist, Europa wohl ein Traum ist, obwohl Europa längst ist.
    Die Wirklichkeit ist wirklich nicht zu ertragen, die Lebendigkeit ist ein schlichtes Schauspiel.
    Bisher ist der Vorhang noch nicht gefallen, Alles starrt auf die Bühne, spielt drauf oder arbeitet im Hintergrund und ab und zu brandet Applaus auf oder es gibt eine Rangelei im Rang, aber bis Jetzt ist noch Keines nach Hause gegangen, nicht mal tot, auch der ist Teil des SchauSpiels.
    Und nun kommt der Bezug zu Ihrem Beitrag Frau von Maltzahn: Ist der Glaube ist das Theater?
    Ich stehe nun am Ausgang und zögere noch und durchdenke die Frage: Ist die Wirklichkeit wirklich nüchtern unerträglich, oder folge ich da nur einer Jahrtausende alten Prägung?
    Vielleicht ist die Lebendigkeit ja erst frei und leicht und gelingend und unbeschwert, wenn alle Verzerrungen, Falschheiten und Wunschvorstellungen, alle Spielereien abgesetzt sind, spielfrei ist?
    Nebenbei: Wenn Sie Gott nicht nur das bisschen Nette und Gute zurechnen, sondern eben auch … dann ist die Theodizee obsolet, lesen Sie die Bibel, Gott vernichtet auch und tötet und ist voller Hass und Selbstgerechtigkeit, neben all der kreativen Intelligenz, der Hilfe, der Zuneigung und der Schönheit.
    Ist Gott nüchtern erträglich, bei all dem Theater?

  10. Das Wundersame der...
    Das Wundersame der Katholikenmesse liegt in Symbolik, Gesang und Mystik und das Tiefrationale der Umsetzung des biblischen Wortes ist die Urstaerke des Protestanten. Der Schismus zwischen beiden ist nicht zu ueberwinden, auszer wir geben die Essenz der jeweiligen Glaubensrichtung auf; wobei natuerlich die Tradition der Gegenwart eben genau diese Essenzaufgabe ist und dadurch laue Christen ins Schwimmen kommen.

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