Home
Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Was die Welt im Schauspiel Frankfurt zusammenhält

| 39 Lesermeinungen

Einen Faustmarathon sollte jeder mal mitmachen. Das Frankfurter Schauspiel zeigt sich großzügig mit seinem Publikum und gewährt eine lange Pause. Die braucht man auch, - im besten Sinne.

„Fluch allem!
Fluch vor allem der Geduld!

Es gehört zum Erfahrungskanon eines heranwachsenden Bildungsbürgers, sich einmal Goethes „Faust I. & Faust II“ in einem Stück zu geben. So würde es zumindest mein alter Philosophie-Lehrer ausdrücken. Seine Mundwinkel würden sich dabei spöttisch kräuseln, indes in seinen Augen Sehnsucht schimmern.

Auch ich habe mir Karten für die Vorstellung im Schauspiel Frankfurt besorgt. Nicht nur, um mitreden zu können; vielmehr von der Lust getrieben, dass ich, die folgsame Christin, mich an dem Stück hemmungslos ergötzen werde.

Vorab werde ich beim Smalltalk von ehemaligen Faust-Marathon-Zuschauern gewarnt: Dem ersten Teil habe man noch gut folgen können. Beim Zweiten sei man verloren gegangen. Manche in der Pause gar geflüchtet.

Auch ich habe bei der Lektüre von Faust II. im Deutsch-LK aufgegeben. Immerhin wurde dieser in der Klausur vom Lehrer nicht abgefragt, – mit Ankündigung und voller Gnade.

Auch das Schauspiel Frankfurt ist gnädig mit seinem Faust-Publikum. Zwischen dem ersten und dem zweiten Teil dauert die Pause ganze drei Stunden. Man kann schlendern, etwas essen gehen und dabei auf Reset drücken. Was gut tut, denn Faust II. ist eine unabhängige Produktion mit neuem Regisseur und neuen Schauspielern.

Bild zu: Was die Welt im Schauspiel Frankfurt zusammenhält

Hätte ich das vorab gewusst,
hätte ich mich, mit noch mehr
Applaus, von Alexander Scheer,
dem Mephisto im Faust I.
verabschiedet.
Hätte, hätte,
hätte.

Im Ersten Teil poltern die Geister, die Faust rief, von großen Bildschirmen herab. Drogen-Spritzen gleiten über ein Firmament aus geometrischen Videscreens. Pop-Lieder werden von Elektrogitarren begleitet. Der Osterspaziergang wurde vorab als Kunstfilm gedreht: Im gleichen Kostüm wie auf der Bühne sieht man Faust (Marc Oliver Schulze) und seinen Diener Wagner (Mathis Reinhardt) durch die Straßen Frankfurts flanieren. Derweil Faust seine innere Zerrissenheit offenbart: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.“

Ich fühle mich auf Anhieb wohl in der crossmedialen Bildsprache von Regisseur Stefan Pucher. Meine Sitznachbarn, ein spießbürgerlich gereiftes Ehepaar, an dem Loriot große Freude gehabt hätte, dagegen ganz und gar nicht: mit säuerlich angespitzen Lippen folgen sie dem Schauspiel.

Bild zu: Was die Welt im Schauspiel Frankfurt zusammenhält

In der Pause motzen sie mich an. Was ich denn die ganze Zeit mit meinem Telefon mache? Das wäre unerhört. Ich gestehe, ich habe mich schlecht benommen. Ich habe während der Vorstellung auf meinen digitalen Notizzettel im Smartphone Sätze getippt, die mir gefallen haben. Und sogar – ich werde es dem Priester beichten – Fotos gemacht. So etwas aber gehört sich nicht im Theater.

Ich versuche mich zu verteidigen. „Ich bin Blogger“, sage ich.
Als das nichts hilft, behaupte ich, dass ich aus der Vorstellung live twittere. Doch die ehrenwerten Theatergänger, die gewiss in einem, von Udo Jürgens besungenen ehrenwerten Haus leben, brabbeln nur: „Blogger? Was soll das sein?“ Liebe Blogger, kennen Sie dies Leid? Was sind wir doch noch für Kuriositäten im realen Leben!
Dennoch, ganz so einfach lasse ich die Oldies nicht davonkommen.
„Ich kann Ihren Punkt nicht nachvollziehen“, argumentiere ich. „Bei all den riesigen Bildschirmen auf der Bühne, können Sie sich doch nicht ernsthaft von meinem Mini-Bildschirm gestört fühlen!?“

Doch keine Gnade für die unerzogene Jugend! Wir einigen uns wortlos auf gegenseitige Ignoranz. Dennoch kann ich, bei jedem Beinumschlagen oder Zurechtsetzen im Sessel, ein scharfes Luftholen von rechts hören.

Bild zu: Was die Welt im Schauspiel Frankfurt zusammenhält
Beim Zweiten Teil, eine Inszenierung von Günter Krämer, hätte ich noch viel lieber fotografiert als im Ersten. Oder, besser: gemalt! In Öl auf großer Leinwand.
Im Hintergrund: die Zelte der Occupy-Bewegung, bewacht von einem patrouillierenden Polizisten mit echtem Schäferhund.
(Echte Tiere müssen in der Theaterwelt gerade hoch im Kurs stehen. Auch in Faust I. spielte ein echter Pudel mit.)
Davor also eine Bühnenzeile für die Geigerin, welche der Szene mit ihrem Instrument einen tinnitusartigen Ton unterschiebt. Davor dann … himmel, was war es noch … hätte ich doch ein Foto machen können…; vorne am Bühnenrand jedenfalls vollendet das Bild eine Stuhlreihe mit den Schauspielern, die am endgültigen Urteil über die Menschheit feilen. Ganz wunderbar.

Also. Nun. Nach sechs Stunden Faust. Was ist es, das die Welt im Innersten zusammenhält? Ich habe dazu eine, von großer Kenntnis ungetrübte, These.

Es ist die Zeit.

Die Zeit ist, was Faust I. und II. dramaturgisch zusammenhält. Faust I. beginnt in der Gegenwart des Professor Faust. Der Zweite Teil geht in der Zeit immer weiter zurück. Bis in die Antike. Ja, sogar bis ins Himmelreich. Bis in die Ewigkeit. In Ewigkeit. Amen.
Die Zeit ist, was die erste Inszenierung mit der zweiten zusammenhält. Erst Stefan Puchers Faust I. mit allem Feuerwerk der neuen Medien. Dann Günter Krämers Faust II. mit der akzentuierten Ruhe des klassisch-modernen Theaters.
Die Zeit ist sogar, was mich mit meinen spießigen Sitznachbarn zusammenhält. Sogleich es auf den ersten Blick nach einem Getrennt-Sein ausschaut. Doch immerhin sitzen wir nebeneinander zur selben Zeit im selben Theater.

Die sympathische junge Frau, die eine Einführung zu Faust II. in der Panorama-Bar gehalten hat, versuchte Faust als typisch modernes Phänomen zu beschreiben.
Was gewiss richtig ist. Doch viel relevanter, finde ich, hat Goethe in seiner Tragödie versucht,
den immerwährenden Wahrheiten der Welt auf den Grund zu folgen.
Welche natürlich auch auf die Moderne zutreffen.
q.e.d.
(Und wohl auch in Zukunft wahr sein werden)

Und nun, zu allerletzt, das Ding dieses Blogbeitrags.
Wer weiß es schon, wer ahnt es noch?

Hochaktuell präsentiert, weil crossmedial:

Bild zu: Was die Welt im Schauspiel Frankfurt zusammenhält

 

Mit Verlaub, ein Nachtrag. Sozusagen meine Beute aus der Vorstellung. Echtes Schauspiel-Bühnengeld, in dessen Kreis Faust im Zweiten Teil steht und das Kapital verklagt.

Einen echten Zehner hab ich daneben gelegt. Für den Vergleich.

Bild zu: Was die Welt im Schauspiel Frankfurt zusammenhält

0

39 Lesermeinungen

  1. <p>Werte Sophie, fanden Sie...
    Werte Sophie, fanden Sie den zweiten Teil denn wirklich gut? Ich muss gestehen, dass ich ebenfalls zu den Pausenflüchtlingen gehörte…
    Mich hat vor allem Wolfgang Michael (den ich sonst schätze) mit seinen stereotypen Posen genervt. Dass er nicht so blendend ausschaut wie der Herr Schulze, nun gut, dafür kann er ja nix. Die Mephistos (Scheer und im zweiten Teil Frau Becker) waren der einzige Lichtblick.
    .
    Plus ultra.

  2. Ich denke, Ihre Kritik hat...
    Ich denke, Ihre Kritik hat ihre Berechtigung. Man hört ja auch schon, dass Wolfgang Michael ganz unzufrieden ist und sich anschienend nicht mal mal mehr verbeugen möchte. Dabei muss ich an Philipp Roths „Demütigung“ denken. Kennen Sie die Novelle?
    Mir hat auch nicht alles gefallen. Aber dafür der ganze Tag, die Atmosphäre, immer wieder große Momente in der Vorstellung. Auch im zweiten Teil. Immer mal wieder.

  3. <p>Nein, bisher habe ich nur...
    Nein, bisher habe ich nur ein einziges Buch von Roth gelesen, dass ich eher mittelmäßig fand. Aber wenn Sie meinen, es lohne sich… ich blättere es bei Gelegenheit mal durch.

  4. "Bei all dem Geschrei auf der...
    „Bei all dem Geschrei auf der Bühne ….“

  5. <p>Es handelt von einem reifen...
    Es handelt von einem reifen Schauspieler, der sich nach einer Schmähung seines Talents zurückzieht. Er sucht sich ein Haus auf dem Land. Und fängt eine Affäre mit einer dreißig Jahre jüngeren Frau an. Die zufällig auch noch bi ist.
    Es endet tragisch. Am Schluss nutzt Roth ein Zitat aus Tschechows „Möwe“, in der sich ja der Protagonist erschießt. Am Schluss, als er erkennt, dass ihm einfach kein Talent geschenkt worden war. Dass er sich ganz albern verhalte, während andere Sätze wie „(es)…blinkt eine zerbrochene Flasche auf einem Wehr und ein Mühlrad wirft seine Schatten – und fertig ist die Mondnacht.“
    Ich habe das Buch mit meinen Literaturdamen gelesen.

  6. Und Sie sind wirklich...
    Und Sie sind wirklich katholisch?
    Wie Gretchen?

  7. Literaturdame? Früher hieß...
    Literaturdame? Früher hieß das Buchmammsell.

  8. Alte Säcke und junge Mädels...
    Alte Säcke und junge Mädels scheinen Roths Thema zu sein.
    .
    Literaturdamen?

  9. Meine Literaturdamen sind eine...
    Meine Literaturdamen sind eine Gruppe aus sechs Freundinnen hier in Frankfurt. Um die dreißig, mit unterschiedlichen Berufen und Studien. Man trifft sich alle paar Wochen mit neuer Lektüre. Sehr gute Sache! Lustig, was da so zusammen kommt.

  10. Katholisch bin ich nicht,...
    Katholisch bin ich nicht, sondern evangelisch-lutherisch.
    Aber nach Lourdes fahre ich trotzdem.
    Und nun sage du mir also, wie hälst du’s mit der Konfession?

Kommentare sind deaktiviert.