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Podolskis Ohrfeige, soziologisch betrachtet

04.04.2009, 08:20 Uhr

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Podolski ohrfeigt Ballack, weil der ihn gemaßregelt hatte. Danach spulen beide den offiziellen Text ab: Das sei intern zu besprechen, Konflikte gebe es überall und so weiter. Bierhoff kommentiert, seinem Temperament und seiner Intelligenz entsprechend, die Spieler hätten sich tief in die Augen geschaut und abgeklascht. Danach kommt Zwanziger und findet die Sache erst harmlos, dann harmvoll. Die Spieler hätten schließlich als “Botschafter für Toleranz, Fairness und Gewaltlosigkeit einzutreten”. Andere Kommentatoren diskutieren Ballacks Rolle als Respektsperson. Ballack wiederum meint, dass Podos noch jung sei und viel zu lernen habe, was, wie Matti Lieske in der FTD geschrieben hat, Ballack aber von jedem anderen Spieler denkt.

Soziologisch betrachtet sind Aufregungen wie diese ein Effekt von “Rollenstress”. Wir haben junge Männer, die seit ihrem, sagen wir: 14. Lebensjahr fast nichts anderes machen als Ball zu spielen, mit Hormonüberschüssen, ehrgeizig, hart, irgendwann unglaublich Geld verdienend, immer am Rand eines Karrierendes, ständig beobachtet, ganz auf sich konzentriert, wie in einer durchsichtigen Glocke lebend. Und dann kommt die Außenwelt und möchte, dass sie folgendes auch noch sind: Vorbilder (für friedliches Verhalten!!), Informationsquellen, Autoritäten, kontrollierte Freunde, dienliche Teamspieler, Botschafter, reife Persönlichkeiten. Weder Ballack noch gar Podolski sind so etwas. Dass im Fußball ständig einer unerwachsen handelt und darum auch, wie in Jugendgangs und Mafias, ständig einer vom anderen mehr Respekt verlangt, liegt schlicht daran, dass sie alle nicht erwachsen sein können. Nicht jedenfalls in dem Sinn, dass sie in einem entspannten Verhältnis zu den vielen Rollen stehen könnten, die ihnen zugemutet werden.

Jugendliche haben das gesellschaftliche Privileg, sich nicht noch festlegen zu müssen: Sie haben meistens noch keinen Beruf, sind nicht verheiratet, fehlen entschuldigt in Politik, Religion, Wirtschaft und Moral. Wenn sie sich prügeln, greift zurecht ein eigenes Strafrecht, wenn sie faul sind, sagt man zurecht, das legt sich, wenn sie spinnen, gelten sie zurecht als vielversprechend. Viele Profisportler leben in einem stark verlängerten Jugendstadium, aber man behandelt sie von Zeit zu Zeit als Erwachsene. Und Michael Ballack hat es geschafft, diesen Widerspruch in die Nationalmannschaft selbst hineinzutragen, sich selbst als den Erwachsenen und alle andere als Jugend hinzustellen. Ganz folgerichtig, dass einer der Jugendlichen es mit einer Ohrfeige als Antwort versucht hat.

 

Veröffentlicht unter: Podolski, Löw, Ballack, Zwanziger, Wales

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (2)
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0 hildennet 04.04.2009, 19:30 Uhr

Das sind Fußballer. Der...

Das sind Fußballer. Der Proleten-Sport schlechthin. Die müssen so sein. Das erwarten selbst die smarten Anwälte und Zahnärzte in der Vip Lounge der Fußballstadien. Die gehen doch auch nur dahin, damit sie sich mal so richtig schön daneben benehmen können. Wie sollen diese Jungs auf dem Platz da anders sein. Bei dem Adrenalinspiegel hat man eben nicht alles unter Kontrolle. Mund abputzen. Weitermachen.

0 StephanieRe 04.04.2009, 13:47 Uhr

Ballack als "... Erwachsener"...

Ballack als "... Erwachsener" - kann m a n das nicht nach vielen tele-offbaren Gelegenheiten sehen, dass Ballack sich ständig mit Anbrüllen, Ranzen, Besserwissen, Rumschreien - also seinem Geballacke - völlig ohne freundlich-aufmunternde Noten daneben benimmt; und dass das ja mal einem "Jüngeren", der technisch und tormäßig effektvoll und spieleirsch-zauberisch sich aufführt für mehr als 90 Minuten... - mal aufballlen, pardon: auf-f a l l e n muss....? Nein, noch nicht invisibilisiert...? Jau, dann nützt alles Gesoziologe aunix!

Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton der F.A.Z.