Eins gegen Eins

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Immer am Ball – das Fußball-Blog. Mal spielen wir Doppelpass, mal kommen wir gut in die Zweikämpfe, und mal suchen wir allein den Abschluss.

Lehmanns Paradox oder: 40 verdreht

Es fällt schwer, Oliver Kahn Recht zu geben, wenn er über ehemalige Kollegen und Konkurrenten spricht - aber es muss einfach mal sein. Lassen wir...

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Es fällt schwer, Oliver Kahn Recht zu geben, wenn er über ehemalige Kollegen und Konkurrenten spricht – aber es muss einfach mal sein. Lassen wir großzügig beiseite, dass Kahn für viele seiner Ausraster, aus denen dieselbe Mischung aus mangelnder Selbstkontrolle und übermäßiger Herablassung sprach wie jetzt bei Jens Lehmann, nicht mal eine gelbe Karte sah; gehen wir auch darüber hinweg, dass Kahn besser zu Lehmann geschwiegen hätte, weil jeder weiß, dass da noch eine Rechnung offen ist. Sein Rat jedoch, Jens Lehmann solle zurücktreten, ist gut und richtig, weil er auch ohne Kahns kleinliche Motive Sinn ergibt. Das Timing wäre zwar nicht mehr optimal, aber immerhin käme Lehmann einem Rausschmiss zuvor, den man ihm bei dem geringsten Verstoß angedroht hat. Klug genug ist er ja eigentlich, um zu begreifen, dass er für sich selbst eine solche Wohlverhaltensgarantie nicht abgeben kann. Aber Klugheit allein reicht hier wohl nicht.

Es ist ja nun nicht leicht, vierzig zu sein und jeden Tag in kurzen Hosen auf dem Platz zu stehen, unter jungen Männern, deren Alltag jenseits des Fußballs mit dem eines Familienvaters wenig bis gar nichts zu tun hat, und bis vor kurzem auch noch mit einem Trainer, der jünger war; sich Regeln und Vorschriften und einem Lebensrhythmus zu unterwerfen, die für Zwanzigjährige erträglich sind, weil sie ihre Karriere noch vor sich haben, die für Mittzwanziger allmählich an Überzeugungskraft verlieren und jenseits der dreißig nur noch mit zusammengebissenen Zähnen zu ertragen sind, wenn man unbedingt noch einen Erfolg oder ein, zwei schöne Jahresgehälter braucht.

Aber niemand hat Lehmann zum Bleiben gezwungen. Sanfter Zwang war dagegen nötig, damit er sich nach der Euro 2008 überhaupt aus der Nationalmannschaft verabschiedete. Hat er keinen Berater, keinen Freund, der ihm erklärt hat, dass es nicht nur beim Absprung, beim Herauslaufen auf den richtigen Sekundenbruchteil ankommt? Man versteht ja, dass er das Einknicken des Vereins vor den VfB-Fans, das Lavieren des Vorstands kritisiert, dass es einem in seinem Alter ziemlich kindisch vorkommt, wie da agiert wird. Hätte er sich aber alles mühelos ersparen können. Hätte sich unter die Kommentatoren, die sogenannten Kolumnisten mischen, die Welt mit seinen Ansichten über den VfB traktieren oder sich das alles für sein Buch aufheben können, das mit einjähriger Verspätung im Mai 2010 erscheinen soll.

Lehmann aber will das Paradox, bis zur äußersten Zuspitzung. Natürlich hat er auf verquere Weise Recht, wenn er die 40.000 Euro für seine Kritik an der Vereinsführung nicht bezahlen will. Denn ein Vorstand, der einen Angestellten (und Wiederholungstäter) für seine Kritik nur mit einer, gemessen am Einkommen, wenig schmerzhaften Geldstrafe bedenkt und die Ahndung seines mannschaftsschädlichen Auftritts in Mainz dem DFB überlässt, anstatt ihn sofort zu suspendieren oder rauszuschmeißen, ist zu schwach, als dass man seine Autorität anerkennen und ihm das Geld überweisen möchte. Man müsste dann allerdings auch, um ein Paradox zu vermeiden, die Konsequenz ziehen und sich ganz aus dem Geltungsbereich dieser schwachen Autorität entfernen. Denn wie jedes Paradox hat auch Lehmanns seine Tücken. Jeder weiß ja, dass im antiken Beispiel Achilles die Schildkröte überholen und ihr nicht unendlich hinterherhecheln wird. Jens Lehmann benimmt sich wie einer, der glaubt, dass der Abstand in diesem Wettrennen infinitesimal wird. Die Realität wird ihn bald einholen.

P.S.: Wie der Sportinformationsdienst um 16.32 Uhr am Donnerstag meldete, hat Lehmann nun doch Abmahnung und Geldstrafe akzeptiert. Bestimmt nicht aus Angst, dass Kerner ihn heute in „Kerner“ danach fragt.  Wohl eher, weil er einfach nicht an Rücktritt denken mag.

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