Eins gegen Eins

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Immer am Ball – das Fußball-Blog. Mal spielen wir Doppelpass, mal kommen wir gut in die Zweikämpfe, und mal suchen wir allein den Abschluss.

Slomka, Funkel, Hecking, Gerstner – und andere taumelnde Trainer

Es war vermutlich keine gute Idee, Mirko Slomka zu holen, zumal der allmächtige Präsident Kind nun erzählt, dass er gelegentlich mit Hans Meyer telefoniere,...

Es war vermutlich keine gute Idee, Mirko Slomka zu holen, zumal der allmächtige Präsident Kind nun erzählt, dass er gelegentlich mit Hans Meyer telefoniere, der auch bei der Nachfolge von Andreas Bergmann schon erste Wahl gewesen sei. Der Hörgeräte-Hersteller wird nicht zurückscheuen, auch Slomka zu feuern, da mag Manager Schmadtke hervorpressen, was er will; er wird schon schweigen, wenn er seinen Job behalten will, er ist ja schließlich auch für die Transfers verantwortlich und hätte mehr Grund, die Spieler zu beschimpfen als Slomka, dessen Verbalattacke wie ein sehr frühes Eingeständnis eigener Hilflosigkeit wirkt.

Hertha BSC dagegen täte sich schwerer, Friedhelm Funkel zu feuern – nicht nur, weil er sich in seinen Methoden bestätigt fühlen darf, sondern weil kein Geld da ist. Dass Funkels Team am Sonntag gewonnen hat, räumt nicht den Vorwurf nicht aus der Welt, Funkel habe durch seine Aufstellung und Taktik Punkte verschenkt – außer bei den 3:0-Siegen in Hannover und Freiburg, also gegen zwei nicht bloß taumelnde, sondern stürzende Teams, mit denen verglichen die Stagnation der Hertha unter Funkel als Stabilisierung erscheint.

Und es mag schon sein, dass der Nürnberger Kader die größte Substanz hat von denen, die da unten stehen, dass ein Punkt gegen die Bayern psychologische Wunder tut und die Mannschaft sich eher konsolidieren kann als ihre Konkurrenten. Dennoch zeigen diese drei Beispiele, dass Trainerwechsel letztlich ungedeckte Wechsel sind, erst recht, wenn auf dem Markt nur Fachkräfte zu haben sind, denen die Vermeidung des Abstiegs mit Müh und Not noch zuzutrauen ist, nicht aber die perspektivische Entwicklung eines Teams, das einen Neuanfang sucht nachdem es monatelang über dem Abgrund geschwebt hat.

Womöglich erklärt auch die Arbeitsmarktsituation, weshalb es in Köln und Freiburg noch eher ruhig zuzugehen scheint. Zvonimir Soldo war im Grunde der erste Wackelkandidat der Saison – und ist immer noch in Köln. Robin Dutt darf im Freiburger Klima, in dem Terminator-Techniken und andere drastische Lösungsmodelle noch nie beliebt waren, weitermachen, obwohl der Zustand seiner Mannschaft anderswo schon hysterische Reaktionen im Umfeld und in der Presse ausgelöst hätte.

Ob das nun hilft, ob die Ruhe, zumindest die Abschottung aller Diskussionen gegenüber der Außenwelt die Arbeit befördert, wird man erst am Ende wissen – wobei der Begriff Wissen in diesem Feld ein Euphemismus ist, denn so wenig die angenommene Verbesserung durch einen Trainerwechsel mehr ist als ein prekärer Erfahrungswert, so wenig muss das Festhalten am Trainer die Ursache für einen Abstieg gewesen sein.

Bild zu: Slomka, Funkel, Hecking, Gerstner - und andere taumelnde Trainer

Auch in Bielefeld schwillt das sporadische Pfeifen nun zum weithin hörbaren Summen an, und es ist immerhin so laut geworden, dass der in die Schusslinie geratene Trainer Thomas Gerstner in die Mikrofone sagte: „Fakt ist, dass der Aufstieg ein Muss ist.“ Das ist eine halsbrecherische Konstruktion, fast schon philosophischen Ausmaßes, weil der Mangel an aufstiegsentscheidenden Fakten wie Punktekonto und Tabellenplatz ersetzt wird durch den zum Zwang umgedeuteten Wunsch und weil dieser Zwang sich nicht so sehr aus der fußballerischen Substanz, sondern aus dem finanziellen Desaster der Arminia ergibt, die von mehr als 15 Millionen Euro Verbindlichkeiten stranguliert wird. Der Philosoph Hegel hätte hier vom „leeren Sollen“ gesprochen, weil dahinter die „Abtrennung der Wirklichkeit von der Idee“ steckt.

Ich habe die Mannschaft in dieser Saison nie trainieren sehen, insofern kann ich von Gerstners Ideen nur etwas ahnen, doch in der Wirklichkeit kann etwas nicht stimmen, wenn nach mehr als zwanzig Spielen im 4-1-4-1 ein Systemwechsel auf 4-2-3-1 schon zu Überforderung und Ineffektivität führt und wenn die erneute Umstellung dann auch keinen Erfolg bringt. Das legt den Schluss nahe, dass die Mannschaft jene Flexibilität nicht systematisch einstudiert, zu der sie auf Grund ihres recht breiten und durchaus aufstiegstauglichen Kaders in der Lage sein müsste.

Kein Anhänger wird bestreiten, dass die große Siegesserie der Hinrunde oft mehr von Glück als von Glanz gekennzeichnet war; doch erklärt das inzwischen ausbleibende Glück keinesfalls die immer sichtbarer werdenden spielerischen Unzulänglichkeiten: das dürftige Aufbauspiel, die zunehmende Entschleunigung beim Umschalten nach einer Balleroberung, die fehlende Ballsicherheit. Ich bin gespannt, wie der bisher so selbstsicher wirkende Gerstner die Mannschaft am Sonntag auf- und einstellen wird. Nach dem Duisburg-Spiel wirkte er sehr blass, am Millerntor könnte er noch bleicher dastehen, auch wenn die Arminia es sich in ihrer finanziellen Not kaum wird leisten können, Gerstner in die Wüste zu schicken.

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