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Eins gegen Eins

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Von (A)merell bis Z(wanziger) – eine Lose-lose-Situation

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Keine Sorge, hier wird nicht noch einmal im Detail resümiert, was bis heute in der sogenannten Schiedsrichter-Affäre geschah, allein schon, weil man gar...

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Keine Sorge, hier wird nicht noch einmal im Detail resümiert, was bis heute in der sogenannten Schiedsrichter-Affäre geschah, allein schon, weil man gar nicht sicher sein darf, ob nach Veröffentlichung des Textes nicht schon die nächste Enthüllung publik geworden ist. Und es ist auch nicht der Ort, der Frage nachzugehen, warum das Thema sexuelle Belästigung auf einmal wieder aus allen möglichen gesellschaftlichen Sektoren ins Zentrum gerückt ist. Die Wiederkehr des Verdrängten hat keinen Fahrplan, sie hat allenfalls mediale Konjunkturen.

Dies ist eine vorläufige Bilanz – und diese Bilanz ist ein Desaster. Wenn auch noch kein Ende abzusehen ist, so ist doch jetzt schon klar, dass es in dieser Sache nur Verlierer gibt, mögen die sich auch für Punktsieger halten.

Von A bis Z eine Lose-lose-Situation:

Manfred Amerell bewertet die außergerichtliche Einigung mit dem DFB als Erfolg. Das ist ungefähr so, als hätte Joachim Löw das Spiel gegen Argentinien als einen Sieg bewertet. Der Ex-Schiedsrichter und Ex-Funktionär mag ja demnächst klagen; vorerst muss er sich gefallen lassen, dass man ihn als jemanden bezeichnet, der junge Kollegen sexuell belästigt hat. Neben dem eigenen Ruf hat er den Ruf der DFB-Schiedsrichter beschädigt, deren Image nach den Wettskandalen ohnehin schon ramponiert genug ist. Und komme bloß keiner mit der Floskel von den schwarzen Schafen und dem Vorschlag, nicht von einem auf alle zu schließen. Ob Amerell in seinem Hauptberuf als Hotelier Schaden erleiden wird, muss man sehen. Wer will schon in Augsburg übernachten?

Der DFB, siehe auch Zwanziger, Theo, ist zwar nicht sein Laden, der Laden des Präsidenten, aber als oberster Repräsentant nützt oder schadet dieser mit jeder seiner Aktionen immer auch dem Verband. Einem Verband, der bis heute nicht ganz in der modernen Welt angekommen ist, weil er als Hybrid aus deutschem Vereinswesen (e.V.), Bürokratie, Gerontokratie, Politikfilz und Wirtschaftsunternehmen so etwas wie „corporate governance“ und strukturelle Transparenz nicht kennt. Man kann ja vieles gegen Jürgen Klinsmann sagen, aber ohne seinen Reformeifer steckte der DFB noch immer in der Ära Neuberger, in die er sowieso ständig  zurückzufallen droht. Das beweist allein die Tatsache, dass eine Doppelspitze Beckenbauer/Niersbach als Zwanziger-Nachfolgerin vereinzelt für denkbar oder wünschenswert gehalten wird. Da hat der Kaiser schon Recht, wenn er sagt, mit 65 sei er für den Job noch nicht alt genug, und er ist auch klug genug zu sehen, dass das Image des größten Einzelsportverbandes der Welt nach dieser Affäre unwiderruflich beschädigt sein wird.

Michael Kempter hat den Stein ins Rollen gebracht. Und er hat, bevor er Volker Roth, den Vorsitzenden des Schiedsrichter-Ausschusses, in Salzgitter aufsuchte, ganz offensichtlich zu wenig darüber nachgedacht, welche Mails und Sms‘ er über die Jahre abgeetzt hat. Sollte er auch noch selber Schiedsrichterkollegen sexuell belästigt haben, wäre sein Schritt blanke Dummheit, vulgo: Kamikaze. Und wenn er den Bayern schon mal das Ausscheiden aus der Champions League wünschte, kann man auch bezweifeln, dass er begriffen hat, was Unparteiischer, das Synonym für Schiedsrichter, bedeutet. Ein Erst-oder Zweit- oder Drittligaspiel wird der Mann bestimmt nicht mehr pfeifen, und es ist schon ziemlich unbegreiflich, dass man ihn noch zu Wochenbeginn eingeteilt hatte, obwohl jeder wusste, wie die Fans von Union ihn in Berlin empfangen und jede Entscheidung gegen ihre Mannschaft quittiert hätten. Wo die Bank, in der er als Kundenberater tätig ist und die ihm seit seinen öffentlichen Äußerungen den Publikumsverkehr erspart hat, ihn künftig einsetzen wird, muss man sehen.

Rainer Koch, als DFB-Vizepräsident zuständig für das Schiedsrichterwesen, hat die Verantwortung für diesen Teilbereich niedergelegt, weil der oberste Schiedsrichter Volker Roth ihm die Informationen in der Causa Amerell/Kempter vorenthalten hat. Das klingt zwar ehrenhaft, lässt aber die Frage nach dem Motiv offen – welches im Grunde nur darin bestehen kann, dass Koch den Konflikt mit Theo Zwanziger vermeiden wollte, wodurch die Ehrenhaftigkeit auch ein wenig kurzatmig wirkt.

Volker Roth, Schiedsrichter-Chef des DFB, mochte, als sich Michael Kempter im Dezember 2009 an ihn wandte, lieber nichts unternehmen. Man sollte annehmen, er sei nicht persönlich haftender Gesellschafter eines Großhandelsunternehmens für Stahl und sanitäre Anlagen, sondern einer Gebäudereinigungsfirma, die Dinge vorzugsweise unter den Teppich kehrt. Alles andere als ein Rücktritt von seinem Ehrenamt wäre eine bodenlose Frechheit.

Franz-Xaver Wack, der die Ehefrau von Manfred Amerell „Spatzl“ nennen darf, hat, ob im eigenen oder im Auftrag des DFB, eher als Anheizer denn als Mittler und Beschwichtiger fungiert, indem er ein Amt usurpierte, das es gar nicht gibt: den Vertrauensmann. Dass der DFB dem Funktionslosen Einsicht in Protokolle gewährte, ist unfassbar – und hätte, angesichts der unklaren Rechts- und Beweislage, bei Wack zu der Einsicht führen müssen, dass man lieber die Finger von solchen Missionen lässt. „Wer alt mit Fürsten wird, lernt vieles, lernt zu vielem schweigen“, hat er mal an den DFB gemailt, in Anspielung auf Amerell,  mit dem er sich überworfen haben soll. Da hat er wohl noch nicht genug gelernt. Mögen jene, die seine Dienste als Zahnarzt in Anspruch nehmen, schmerzfrei bleiben.

Theo Zwanziger scheint der Auffassung zu sein, er könne, immer wenn es heikel wird, mit seinem Rücktritt drohen. Sein besonderes Verständnis des Verhältnisses von Amt und Person macht ihn am Ende womöglich zur Margot Käßmann des deutschen Fußballs. All das Gerede von Bestürzung, persönlicher Betroffenheit und wie diese Befindlichkeitsfloskeln sonst noch lauten, wird ihm nicht helfen, seine taktischen Fehler zu überspielen. Dass man ihn für seinen Einsatz gegen Homophobie und Diskriminierung geehrt hat, hat er offenbar missverstanden. Er hat sich sinn- und erfolglos im Prozess gegen den Journalisten Jens Weinreich verschlissen, er hat im letzten Wettskandal keine souveräne Figur gemacht und bei den Vertragsgesprächen mit Joachim Löw in einem Maße sein persönliches Beleidigtsein kultiviert, welches für den Präsidenten eines Verbandes mit 6,5 Millionen Mitgliedern unakzeptabel ist. Wie er jetzt laviert, brüskiert und schwadroniert, das ist schon einen Rücktritt wert. Man muss allerdings befürchten, dass er Angst hat, Margot Käßmann zu sein.

Bliebe noch, nach diesem unvollständigen Alphabet der Gescheiterten, der deutsche Fußball, der sich organisatorisch zwar vom DFB nicht trennen lässt, aber immer wieder Frauen, Männer und Mannschaften hervorgebracht hat, die in der öffentlichen Wahrnehmung für sich stehen und nicht für einen Verband und dessen Funktionäre, mögen die nun Bierhoff heißen, Mayer-Vorfelder oder eben Zwanziger. Weshalb er auch nicht hier hingehört. Seine Bilanz wird auf dem Platz geschrieben.

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2 Lesermeinungen

  1. @s.fiebrig
    Sie hätten...

    @s.fiebrig
    Sie hätten reagiert wie die Fans des MSV, wie die Fans jedes Clubs, dessen Spiel Kempter zu pfeifen gehabt hätte: Ganz bestimmt nicht freundlich! Mehr muss man wohl nicht sagen.

  2. <p>Da bin ich dann aber doch...
    Da bin ich dann aber doch gespannt. Wie hätten sie denn regiert, die Fans des 1. FC Union Berlin? – Ich gebe zu, dass ich froh bin, dass Kempter nicht pfeift. Aber nur aus dem Grund, dass es ein riesiges Interessse am Referee gegeben hätte und nicht am Spiel an sich.

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