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Die Demütigung – Barca triumphiert gegen Real

29.11.2010, 22:57 Uhr

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Kennt man ja: Ein Spiel, auf das man sich freut wie lange nicht mehr auf eines, verhält sich umgekehrt proportional zu den Erwartungen. Selbst wenn es sich um El Clásico handelt. War aber nicht so. Was sich am Montagabend im Camp Nou abspielte, war eine Demonstration: Real zerlegt, Barca nach der 60. Minute eine halbe Stunde lang wie in einem Clip, der zeigt, wie schön Fußball sein kann, wie leicht, wie spielerisch und dabei auch noch effizient..

Natürlich sieht man so etwas in Deutschland nur, wenn man in den (österreichischen) Stream schaut – oder eine Bar dello Sport um die Ecke hat, die über Sky Italia verfügt. Der marode deutsche Sky-Ableger hatte an diesem Abend nur Wiederholungen zu bieten. Kein Wunder, dass niemand mehr abonnieren möchte. In meiner Sportsbar, wo sonst alle für Napoli jubeln, bis der Altbau zittert, waren ausnahmsweise mal so viel Deutsche wie sonst nie. Aber die Italiener waren noch immer in der Mehrzahl. Wie von einem Therapeuten konditioniert, brüllten sie, kaum dass Jose Mourinho im Bild zu sehen war. „Arrabiata” oder „imbecile” gehörten dabei noch zu den harmloseren Invektiven, bevor dann, nach dem 3:0 für Barca, zu der Melodie von „Guantanamera”, ein vielstimmiges „hijo del puto” erklang. So ist das halt, wenn jemand sich narzisstisch gekränkt fühlt.

Ich war noch nie so zerrissen bei einem Clásico wie in diesem Jahr, weil ich das Unmögliche wollte: Dass Barca gewinnt und Khedira und Özil nicht untergehen. Ist halt so etwas eine Quadratur des Kreises. Özil tauchte ab, mied die Zweikämpfe, das Spiel lief einfach an ihm vorbei – dass Mourinho dann nach der Pause Lassana Diarra für ihn brachte, war der perfekte Ausdruck der vollkommenen Hilflosigkeit, weil Diarra noch schlechter spielte, keinen Ball, behaupten oder sinnvoll abspielen konnte. Und man fragt sich dann doch, was diesen Wechsel motiviert hatte, weil er so wirkte, als wolle „the special One” nur noch das 0:2 halten. Khedira durfte durchspielen, sich, wie fast alle Real-Spieler, eine gelbe Karte abholen, er sah beim ersten Tor nicht gut aus und verdiente sich ansonsten insofern ein wenig Anerkennung, als er wenigstens bis zum Ende nicht aufgab.

Mit dem 0:5 war Real noch gut bedient. Man braucht auch gar nicht nachzuerzählen, wer wann wie traf. Was auf dem Platz los war, das zeigte einem die wirklich exzellente Bildregie von Sky Italia. Man fühlte sich wie in einem Familiendrama von Scorsese, man schaute, in einer Serie von reaction shots, in die Gesichter der Madrilenen, ohne Kommentar, man sah die Weltmeister Xabi Alonso und Sergio Ramos, die notorisch gekränkt wirkende Ungläubigkeit eines Cristiano Ronaldo, die den Tränen nahe Fassungslosigkeit eines (schwachen) Iker Casillas – und man konnte aus den Real-Gesichtern ablesen, was und wie Barca spielte. Mit einem Druck und einem Tempo, welche die madrilenische Innenverteidigung, allen voran Pepe, komplett überforderten, mit einer Ball- und Passsicherheit, die nach dem 4:0 in der 58. Minute zur Demütigung von Real wurde.

Und so war es dann ein historisches Match, das man einfach gesehen haben muss. Allein, weil man es nach einer Stunde hätte abpfeifen können, weil alles entschieden war, weil man sich erspart hätte, dass Weltmeister, die sich im Spielertunnel noch umarmt hatten, einander beschimpften und schlugen. Für die beiden Deutschen kann der Clásico zum Trauma werden – und für Jose Mourinho, der seine Mannschaft so atemberaubend schlecht eingestellt hatte, zur Nagelprobe. Denn man würde schon gerne wissen, was er seiner Mannschaft gesagt hat, die in der ersten Halbzeit mit acht oder neun Spielern  zwei dichte Ketten bildete, ohne jemals die Räume für Barca zustellen zu können.

P.S.: Schade eigentlich nur, dass der einzige Unsympath im Barca-Team, David Villa, zwei Tore machte – und Messi keines!

 
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Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.