Eins gegen Eins

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Immer am Ball – das Fußball-Blog. Mal spielen wir Doppelpass, mal kommen wir gut in die Zweikämpfe, und mal suchen wir allein den Abschluss.

Proletarierer aller Stadien, vereinigt Euch! Oder: Wer liest den "Kicker"?

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Lange Zeit stand Fußball im Ruf eines Unterschichtensports. Die Arbeiter gingen ins Stadion, die Angestellten hingegen und die Beamten nicht. Das gilt...

Lange Zeit stand Fußball im Ruf eines Unterschichtensports. Die Arbeiter gingen ins Stadion, die Angestellten hingegen und die Beamten nicht. Das gilt zwar inzwischen als ein Mythos. In den Anfängen des Fußballs war er durchaus ein Bürgersport, der über Gymnasien und mittels kosmopolitischer Kreise mit Englandfaible sich verbreitete. Erst in den zwanziger Jahren „proletarisierte“ sich die Zuschauerschaft, wobei die sogenannten Arbeitersportvereine wie Schalke 04 oder Borussia Dortmund auch damals erhebliche Anteile an Fans aus der Mittelschicht hatten und schon damals der „Kumpel“ als Spieler und Fan nicht nur Wirklichkeit, sondern auch Markenpflege war. Immerhin aber rümpften viele Gebildete lange die Nase und die Intellektuellen gaben lange nicht zu, ins Stadion zu gehen.

Das hat sich geändert. Eine Studie Kölner Soziologen hat sich jetzt der Leserrschaft des „Kickers“ angenommen, um die Frage zu beantworten, wie aus dem Arbeitersport ein alle Schichten erreichendes Phänomen wurde (Oliver Fürtje, Jörg Hagenath: „Der Fußball und seine Entproletarisierung. Zum sozialstrukturellen Wandel der Kickerleserschaft von 1954 bis 2005“, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 63. Jg. 2011, S. 279-300). Liegt es daran, dass sich der Fußball zum „Showsport“ verwandelt hat, oder liegt es am sozialen Aufstieg vieler Deutschen, die gewissermaßen den Fußball als Präferenz über die Stationen ihren Karrieren hinweg mitgenommen haben? Hat der Fußball sich also neue Schichten erschlossen, oder sind die Schichten, die sich für ihn begeistern, einfach wohlhabender und gebildeter geworden?

1954, im Jahr der ersten Erhebung, kam knapp die Hälfte der Kicker-Leser aus der Arbeiterschaft. Mehr als drei Viertel der Leser hatten einen niedrigen Bildungsabschluss und ein niedriges Einkommen, Abitur hatten nur 4,5 Prozent. Nach 1970 hatte sich das schon deutlich verschoben: Zehn Prozent der Kicker-Leser haben Abitur, weniger als ein Drittel waren Arbeiter. Heute liegt der Anteil der Leser mit Abitur bei etwa 14 Prozent, wobei die Gruppe der Nicht-Berufstätigen (fast 29 Prozent) auch Schüler einschließt, die das Abitur noch machen werden. Angestellte machen ein Viertel der Leser aus, Arbeiter ein Drittel, Beamte und Selbständige mehr als 12 Prozent.

Vergleicht man diese Zahlen mit der Struktur der Gesamtbevölkeung, so zeigt sich, dass zwar nach wie vor überproportional viele Arbeiter den Kicker lesen, aber ihr Anteil an der Leserschaft ähnlich zurückgegangen ist wie ihr Anteil an der Bevölkerung. In der Bildungsverteilung entspricht die Kicker-Leserschaft im Zeitablauf sogar recht genau derjenigen aller Deutschen. Berücksichtigen muss man dabei allerdings, dass die Kicker-Leser so gut wie ausschließlich Männer sind und auch Personen unter 25 Jahren deutlich überrepräsentiert sind.

Der Schluss, den die Autoren aus ihren Berechnungen ziehen: Schon lange vor der Epoche des Fußballs als Showsport war das Interesse am Fußball nicht exklusiv proletarisch. Was sich gegenüber 1954 vor allem geändert hat ist der inzwischen hohe Anteil an Nicht-Berufstätigen unter den Lesern des Kickers. Fußball ist also, was seine besonders interessierten Fans angeht, vor allem jünger geworden. Zugleich folgt die interessierte Anhängerschaft in ihrer Struktur dem Wohlstandsaufstieg der Gesamtbevölkerung und den entsprechenden Umschichtungen. Ob der Übergang zum Spektakel die Zusammensetzung des Publikums geändert hat, bleibt eine offene Frage. Die Kicker-Leserschaft ist seit den 80er Jahren, anders als das Stadionpublikum, nicht gewachsen. Dafür gibt es jetzt Fußballmagazine für Abiturienten wie „Elf Freunde“, und es gibt die SportBild, die den Kicker als größte Sportzeitschrift in Deutschland abgelöst hat.

Vermutlich hängt die relative Zuwendung von gutverdienenenden Kreisen mit hohem Bildungsabschluss zum Fußball auch noch an etwas ganz anderem: Man ist ganz allgemein nicht mehr so streng, was die Art der Freizeitverwendung angeht. Weder Popkonzerte noch Kriminalromane, Comics oder Hollywoodfilme gelten als kulturell verdächtig. Im Gegenteil bemüht sich gerade der kulturbeflissene Teil der Bevölkerung immer mehr um ein ausgeglichenes Verhältnis zu allen möglichen Produktionen. Die Oper, die Bildungsklassiker der Literatur, die Antike – sie alle haben an Vorab-Heiligkeit verloren. Also gibt es auch keinen Grund, den Fußball als Beispiel für ein niederrangiges Vergnügen niederrangiger Kreise zu bezeichnen. Gegen Fußball hat fast niemand mehr etwas. Sicher, es gibt noch Leute, die finden das Interesse insbesondere der Medien daran übertrieben. Von Zeit zu Zeit bekommne wir auch solche Leserbriefe. Wer wollte ihnen widersprechen? Es gibt Wichtigeres. Allerdings gibt es auch Wichtigeres als die Lage des deutschen Romans, englische Hochzeiten, die Goldene Löwenpalme von Venedig und Cannes oder die Philosophie Martin Heideggers.

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7 Lesermeinungen

  1. <p>The winner takes it all....
    The winner takes it all. Vielleicht nicht nur die „zweite Reihe“: In den USA scheint American Football so dominant zu sein, daß selbst die anderen Großen schwächeln. Die finanzielle Situation der NHL-Cubs ist nicht rosig, die gehypedte NBA hat seit Mitte der Neunziger die Hälfte ihrer TV-Zuschauer verloren und Baseball dankt zu jedem Saisonbeginn auf den Knien, daß der NFL-Kalender nicht ausgeweitet wird.
    Oder man denke an England: seit Fußball gesellschaftlich akzeptabler wurde und Rugby professionalisierte, ist Rugby trotz allen medialen Wohlwollens meilenweit im Schatten der Premier League.
    Irgendwann sollte mal jemand eine deutsche/tiefgründigere Variante „Soccernomics“ schreiben. ;)

  2. @derherold:
    Die These von der...

    @derherold:
    Die These von der kulturellen „Allesfresserei“ (cultural omnivores), die von dem amerikanischen Soziologen Peterson vertreten wird – z.B. http://www.pierpaologiglioli.it/web/uploads/Peterson_Kern.pdf – , müsste einmal am Sport durchgespielt werden: Wenn es keine schichtspezifischen Konsummuster gibt, was für die obere Mittelschicht inzwischen gelte, die Bayreuth und Madonna akzeptabel findet, dann konkurrieren auf einmal ganz heterogene Angebote um die relativ knapp bleibende Zeit. Je mehr Sportarten im Prinzip in Betracht kommen, etwa weil es keine Schichtvorurteile mehr gegen sie gibt, desto weniger Publikum entfällt auf jede. In dem Maße, in dem dann das Fernsehen ganz auf Fußball setzt und die Spitzenvereine auch durch neue Stadien und andere Vermarktung sich an alle wenden, wächst der Druck auf die Sportarten der zweiten Reihe noch mehr; zumal wenn, wie bei Basketball, Volleyball, Eishockey – und anders als beim Handball – die Leistungen nicht international mithalten können.

  3. <p>Vielleicht nicht nur...
    Vielleicht nicht nur „wiedergefunden“, sondern auch „behalten“: m.E. waren in den 80igern die Fußball-Zuschauer hauptsächlich proletarische „Kutten“, ein paar Rentner und „15-25 Jahre“ … wobei letztere heute eben auch als „männlich, Abitur, städt. Angestellter, 45 Jahre“ in den Stadien anzutreffen sind. Dagegen hatten die ab den 80igern auftrumpfenden „Mittelschichtssportarten“ wie Basketball, Volleyball, Eishockey ihre Zielgruppe eher in „28 Jahre Bürokaufmann/Sozialversicherungsfachangestellte“ … demzufolge „demographietechnisch“ bis Mitte der 90iger überraschende Zuschauererfolge und kämpfen nunmehr gegen die Bedeutungslosigkeit.

  4. @tberger:
    Das wäre ja gerade...

    @tberger:
    Das wäre ja gerade das Argument der Autoren, dass sich dieser „Bildungsaufstieg“ in den gegenüber 1954 so deutlich veränderten Lesergruppen des Kicker niederschlägt, wenngleich viel an diesem erhöhten Abiturientenanteil auf Frauen bzw. Mädchen zurückgeht und insofern beim Kicker nicht ankommt.

  5. @derherold:
    Der Hinweis auf...

    @derherold:
    Der Hinweis auf das Tennis-Intermezzo und auf die rückläufigen Zuschauerzahlen in den Stadien ist interessant. Vielleicht sind da auch demographische Faktoren im Spiel. Die geburtenstärksten Jahrgänge sind 1980 um die fünfzehn Jahre alt und Anfang der neunziger Jahre mit dem Studium bzw. der Ausbildung fertig. Wenn Tennis die Identifikationsfiguren und den Rang als Staussymbol verliert und Fußball neben den von Ihnen hervorgehobenen Faktoren auch durch stärkere Konkurrenz (von 1991 bis 1996 werden fünf verschiedene Mannschaften deutscher Meister) und durch einen anderen Fußball-Stil attraktiver wird, führt das eventuell zum „Wiedergewinn“ erheblicher Publikumsanteile.

  6. Wobei der Artikel...
    Wobei der Artikel vernachlässigt, dass der Anteil der Abiturienten an der Gesamtbevölkerung 1950 noch 5% betrug, während es heute etwa 45% sind…

  7. "... oder liegt es am sozialen...
    „… oder liegt es am sozialen Aufstieg …“
    Ich glaube „jein“: Man schaue sich einmal die Entwicklung der Zuschauerzahlen in Westeuropa an. Da gibt es in den Profiligen einen nahezu ungebremsten Absturz von den 60igern bis Ende der 80iger – das Hooligan-Problem kann also nicht maßgeblich sein.
    Meine „These“ ist, daß der sozialdemokratische/proletarische Aufsteiger eben nicht „seine Sportart(en)“ Fußball und Boxen mitnahm, sondern bspw. für den Boom von Tennis ab ´80 sorgte. Erst neue Stadien, Sponsoring und Sport als starkes Angebot des Privatfernsehens haben das geändert.

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