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Nach dem Neapel-Spiel: Bayern erklären

19.10.2011, 09:10 Uhr

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Einen Kater kann man auch ohne Alkohol haben. Wie hatten wir uns auf das Spiel gefreut! Eine Woche vorher schon den Tisch reserviert, rechtzeitig aufgetaucht, um die gute, bodenständige Pasta con ragu noch vorm Anpfiff gegessen zu haben. Und die Stimmung in der Bar dello Sport war auch ohne bengalische Feuer mindestens so aufgeladen wie auf dem Bild. Kein Stehplatz mehr frei, volles Haus wie in San Paolo – aber man hätte wissen können, dass es so nicht weitergehen würde. Zum einen, weil so hohe Erwartungen nur dazu da sind, um enttäuscht zu werden; zum anderen, weil Tore in der 2. Minute kaum einem Spiel jemals gut getan haben.

So hatten wir Zeit uns zu fragen, wie die Kunstfrisur des „bomber slovacco”, Marek Hamsik, unbeschadet einen Kopfball überstehen konnte; oder zu diskutieren, ob Ezequiel Lavezzi nun mehr und hässlichere Tattoos hat als zum Beispiel Simon Kjaer vom AS Rom. Neapel blieb harmlos, die Bayern zeigten, dass sie in Raumaufteilung, Passsicherheit und Kombinationsfähigkeit den Napolitanern weit überlegen waren, dass sie auch mt einem blassen Ribéry genug Druck erzeugen können – und dass das dennoch nicht reichen muss, um einem Gegner früh den Knockout zu verpassen.

Das Interessante ist ja die Frage, was fehlte. Man sagt so gern im Sportreporterdeutsch, die einen konnten nicht, die anderen wollten nicht. Wobei der erste Teilsatz leicht nachvollziehbar ist: Napoli hatte einfach nicht die Möglichkeiten, sich vors Bayern-Tor zu kombinieren. Zu viele lange Bälle, zu langsamer und unkonzentrierter Spielaufbau. Schwieriger ist der zweite Teilsatz, weil man ja nicht einfach unterstellen kann, die Bayern hätten nicht siegen wollen. Sie spielten ja Chancen heraus – den Elfmeter lassen wir mal beiseite, weil er nun wirklich nicht gegeben werden musste und der Schiedsrichter ihn, wie die zahlreichen geleben Karten, offenbar nur deshalb gab, weil er an seinem Geburtstag ein bisschen was erleben wollte.

Die Bayern vergaben diese Chancen auch nicht vorsätzlich, allenfalls fahrlässig. Mit anderen Worten: Sie wollten ja ein zweites Tor schießen. Weshalb man den Nachweis mangelnden Willens schuldig bleiben muss. Wie wollte man ihn auch messen, man müsste ja so etwas wie eine kollektive Psyche der Mansnchaft feststellen können? Mit der Behauptung, es habe an der letzten Entschlossenheit gefehlt, erklärt man ja immer nur, dass man eigentlich keine Erklärung hat.

Es gibt angesichts dieser Spielkonstellation nur ein Phänomen, das sich immer wieder, bei Profis wie im Jugendfußball, beobachten und beschreiben, aber nicht schlüssig erklären lässt: Wie überlegene Mannschaften im Verlauf eines Spiels ihre Überlegenheit einbüßen, indem sie sich eher dem Niveau des Gegners anpassen, was allerdings nur dann gilt, wenn der Gegner sich noch wehrt und dagegenhält und nicht, wie am Samstag Hertha BSC, völlig hilflos ist. Woran das liegt, dafür hätte ich gerne mal eine Begründung, die mir nicht mit Willen, Können oder ähnlich vagen Größen kommt.

Wie leicht lässt sich dagegen das 1:1 analysieren, wenn man das Bild unten betrachtet. Neuers Körperhaltung ist so verdreht, dass man genau sieht: Er hätte den Ball mühelos vor Hamsik aufnehmen können, hat aber in Sekundenbruchteilen noch bemerkt, dass der Ball durch Badstubers Berührung die antizipierte Flugbahn nicht vollenden würde, und deshalb versucht, seine linke Hand noch zum Ball zu bringen. Das ist so einfach wie im Physikbuch. Warum es dann zum Sieg nicht gereicht hat, ist wohl eher Metaphysik.

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Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.