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Sven Voss und die Frage "Wozu eigentlich ZDF-Sportstudio?"

08.04.2012, 14:43 Uhr

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Das ZDF-Sportstudio würde sich selbst gewiss als “Institution” bezeichnen, was nach offizieller Redensart heißt, dass es unersetzlich ist. Doch worin ist es unersetzlich? Nach der gestrigen Sendung kann diese Frage aus gegebenem Anlass gestellt werden. Denn die Art, wie in ihr “nachgefragt” und “analysiert” wurde, war aberwitzig. Über die Ausrede, die man der “Sportschau” für ihre Phrasen und Ahnungslosigkeiten durchgehen lassen mag, dass sie nämlich vor allem Berichtspflichten hat und die Kommentare nur Beiwerk sind, verfügt das Sportstudio nicht. Wenn es auf Sendung geht, sind alle Ergebnisse längst bekannt und die meisten Tore längst berichtet.

Wie aber kann es dann zu so etwas kommen wie dem Gespräch, das Moderator Sven Voss mit Kölns Torhüter Michael Rensing führte? Schon kurz nach der ersten brillanten Frage (kurz gefasst: ein Punkt ist ein Punkt, aber drei wären doch besser gewesen, also sind – “wenn man genauer hinschaut” – zwei verschenkt worden, oder?) teilt Rensing mit, das Problem der Mannschaft sei, dass sich oft nicht alle am Abwehrverhalten (“einige gehen vorne drauf, andere bleiben dahinter, deswegen entstehen Räume”) beteiligten, was im Trainingslager angesprochen worden sei und darum jetzt gegen Bremen auch schon besser funktioniert habe.

Darauf Voss, dessen Kernkompetenz dem Vernehmen nach Wintersport ist: “Ist das zu risikoreich vielleicht für so’n Abstiegskandidaten, um(!) in den letzten sechs Spielen so’n komplexes System zu spielen?” Ja, genau, den Bällen nachsetzen ist einfach zu risikoreich. Zwei Viererketten auch. Kann man sich so schwer merken, dass man da nicht einfach stehenbleiben darf, wenn der Ball verlorengeht. Der höfliche Rensing erwidert, so komplex sei das gar nicht, und er verweist auf Gladbach als Beispiel dafür, wie es gut gemacht werde. In Köln hingegen hätten nicht immer alle mitgemacht. 

Nun aber der Rodelexperte Voss: Sei das Kölner Spiel nicht ein bisschen leicht ausrechenbar, wenn man wisse, am Ende suchten die Spieler sowieso Podolski, der habe ja schon 17 Tore geschossen. “Dann stell ich den zu”. Er, Voss, stellt den dann zu. Gewiss, so wie er oder man Reuss (15 Tore) oder Pizarro (16 Tore) dann eben zustellt. Darum hat Podolski ja auch schon 17 Tore geschossen, weil das so einfach ist, den zuzustellen. Und darum sind Gladbach und Bremen mit ihren ebenfalls dominanten Angreifern ja so weit oben in der Tabelle, weil man für das Zustellen ja bekanntlich ein, zwei Extraverteidiger bekommt, damit die Zusteller nicht andernorts fehlen. So einfach ist Fussball.

Aber war das Kölner Spiel nicht soeben noch “zu schlicht”? Und kurz davor “zu komplex”? Hinten zu komplex, vorne zu schlicht? Wobei hinten und vorne natürlich zusammenhängen, nur nicht im Kopf von Sven Voss, dem Skisprungkenner? Hallo, ist im Analyseoberstübchen denn noch jemand wach? Oder redet es sich ohne Gedanken nur um so leichter daher?

Apropos Denken: Michael Rensing sprach von “ein paar Kandidaten”, die sich nicht die Gedanken über das System des Trainers und ihre Aufgabe darin machten, oder dazu nicht in der Lage seien. “Aha”, sagte Voss, der sich im Frauenfußball auskennen soll, “die gibt’s in Köln?”. Nein, versetzte Rensing ganz ernst, generell, nicht in Köln. Und der Moderator war zufrieden. Na, ja, nachsetzen – etwa auch beim Thema Novakovic, der immerhin der zweite Stürmer ist und auf der Tribüne saß – wäre ja auch ein zu riskoreiches Verhalten vielleicht für so’n Abstiegskandidaten in der, ja wievielten Kommentatorenliga eigentlich?

Das ist nur ein Beispiel, nur ein Schlaglicht auf die Art, wie in Deutschland Sportmoderatoren sich auf ihre Tätigkeit vorbereiten. Und dafür, wieviel sie von der Sache verstehen, über die sie angeblich berichten und die sie mitunter sogar zu analysieren behaupten. Nein, sie wollen gar nicht berichten oder etwas verstehen, sie wollen nur die Zeit rumkriegen, dabei gut aussehen, nicht Schalke 05 gesagt haben und auch niemandem wehtun, nicht einmal dem eigenen Kopf, den sie sich darum auch niemals über etwas zerbrechen.

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (7)
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0 Bankster2 13.04.2012, 15:53 Uhr

... super! Genau so ist es....

... super! Genau so ist es. Übrigens: Schon mal die Nachrichten im Ersten und anschließend im ZDF hintereinander geschaut? Oder umgekenrt? Kann mir dann jemand sagen, wieso wir da zwei fette Redaktionen durchfüttern müssen - nicht nur die Themen, sondern sogar das Bildmaterial ist regelmäßig identisch!

0 jkaube 13.04.2012, 03:39 Uhr

@kohli2703: So denkt das...

@kohli2703: So denkt das Fernsehen leider nicht. Man macht das, was alle machen, am besten auf ARD und ZDF gleichzeitig. Und selbst wenn man erst um 22.45 auf Sendung geht, soll es auf keinen Fall eine Marktnische sein. Als das Privatfernsehen eingeführt wurde, hieß es noch, jetzt könnten die Öffentlichen anspruchsvoller werden. Seitdem ist im Sport so ziemlich alles, was auf interessanten Beobachtungen beruht, abgeschafft worden und die Devise lautet "more of the same".

0 jkaube 13.04.2012, 03:35 Uhr

@Sportchef_12: Herzlichen Dank...

@Sportchef_12: Herzlichen Dank für den Buchtipp, das besorge ich mir.

0 jkaube 13.04.2012, 03:34 Uhr

@paddyrules: Pardon, komme...

@paddyrules: Pardon, komme erst jetzt wieder zum Schreiben. Stimme Ihnen in völlig zu, vor allem was die Unterschiede zu England, aber auch anderen Sportnationen angeht. Man könnte es sich in Spanien schlecht vorstellen, dass dieselben Leute Fußball kommentieren und dann noch eine Schlagergala moderieren oder mit Filmsternchen auf dem Sofa sitzen. Die sogenannten Ko-Kommentatoren (Kahn, Netzer etc.) werden meistens nicht nach fachlichen Kriterien ausgewählt, sondern nach Showgesichtspunkten. Und es gibt das ständige Bemühen, die hohen Summen, die man für den Fussball ausgegeben hat, durch die Produktion von Superstimmung zu rechtfertigen. Bloss keine Sachlichkeit also, scheint die Devise, man hat Angst, analytisches Herangehen führe zu Langeweile. Ich hatte vor Jahren mal an der Universität Münster eine Diskussion mit Steffen Simon, bei der er zu verstehen gab, die Zuschauer würden durch alles andere als das, was das Fernsehen - damals ging es um die Sportschau - derzeit mache, überfordert werden.

0 kohli2703 10.04.2012, 12:53 Uhr

Zunächst einmal ein "+1" für...

Zunächst einmal ein "+1" für den langen aber allzu treffenden Beitrag von Paddyrules (FORZA SGE! ;-). Dem gibt es nicht viel hinzu zu fügen. Das Sportstudio ist im Grunde ja nur noch ein Fußballstudio, in dem anderen Sportarten so gut wie überhaupt nicht mehr vorkommen. Dabei wäre hier doch gerade die Chance, etwas anderes anzubieten, als das, was der geneigte Fußballfan zuvor schon ausreichend gesehen hat - auch ohne Sky oder LIGA total Abo.

0 Sportchef_12 09.04.2012, 13:55 Uhr

Ein wunderbarer Beitrag, der...

Ein wunderbarer Beitrag, der den Nagel auf den Kopf trifft. Ich habe das "sportstudio" am vergangenen Samstag auch mal wieder staunend verfolgt. Ich frage mich seit Jahren, ob diese geballte Inkompetenz unter deutschen Sportjournalisten denn keinem auffällt? Der Journalist Simon Grünke hat in seinem Buch "Hofberichterstattung im System Sport - ein expertengestützter Beitrag zur Analyse des Qualitätsproblems im Sportjournalismus" die ganze Thematik exzellent zusammengefasst. Eine sehr empfehlenswerte Arbeit, von der er mehr geben müsste. Ich befürchte allerdings, dass fundierte Kritik an der Sportberichterstattung - vor allem an der im TV - beim gemeinen Fan weiter auf taube Ohren stoßen wird. Das Fan-Volk will diesen Jubeljournalismus. Hier der Link zum Buchtipp: http://www.amazon.de/Hofberichterstattung-System-Sport-expertengest%C3%BCtzter-Qualit%C3%A4tsproblems/dp/3639256425/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1333979429&sr=8-1

1 Paddyrules 08.04.2012, 16:33 Uhr

Lieber Jürgen Kaube, das...

Lieber Jürgen Kaube, das ist ein lange überfälliger, wiel zutreffender Kommentar zum Zustand des deutschen Sport- und speziell des Fußball"journalismus". Die netten Plaudereien im Sportstudio sind der Dankbarkeit ob der Audienz des jeweiligen Gastes geschuldet, längst vergessen die legendären Gesprächsrunden mit Uli Hoeneß und Christoph Daum oder die Kommentare von Michael Palme. Das kommt davon, wenn man in erster Linie "Talker" wie Michael Steinbrecher oder den erwähnten glatt und charakterlos daherkommenden Moderationsroboter Voss zum Sportstudio befördert. Eine Sendung übrigens, deren Spielberichte ich noch immer mit großem Abstand denen bei der Sportschau und vor allem denen bei Sky und Sport1 vorziehe. Alles andere aber, die so genannte 3D-Analyse, die Spielfeldrandinterviews, all das ist derart nichtssagend, dass es nur noch verzichtbar zu nennen ist. Sogar den "Pfiff des Tages", der mitunter Erhellendes hervorbrachte, hat man sich nach dem seinerzeitigen DFB-Maulkorb für Alfons Strigl wieder abgewöhnt.
Die Bayern-Granden haben sich mit Sport1 längst einen eigenen Sportsender geschaffen (die Haus- und Hofberichterstattung dort wird nur noch vom Bayerischen Rundfunk an Demut übertroffen) und Dortmund und Schalke halten sich mit Steffen Simon einen waschechten WDR-Sportchef. Vom erbärmlichen Zustand der Sportberichterstattung beim Hessischen Rundfunk wage ich als Eintrachtfan gar nicht zu sprechen.
Das Grundproblem ist aber, meiner bescheidenen Meinung nach, zweierlei: Erstens gibt es viel zu viel Sendezeit für viel zu wenig Inhalt. Wie da noch aus jedem Blick einer Spielerfrau eine "Story" gesponnen wird, das kann man nur schwer ertragen. Ich schaue Fußball wirklich gern, so gern, dass ich mir heute sogar das spielerisch äußerst begrenzte Pokalhalbfinale der Frauen zwischen dem FFC Frankfurt und dem FCR Duisburg angesehen habe. Doch diese künstliche und gezwungene Überhöhung des Fußballs nützt ihm langfristig nichts eher im Gegenteil.
Zweitens hat, wiederum nur meine Meinung, in Deutschland ohnehin kaum jemand Ahnung von Fußball. Ich meine wirklich Ahnung. Ich nehme mich da selbst nicht aus. Wie gesagt, ich schaue sehr gerne und viel Fußball, aber ob da jetzt gerade von Vierer- auf Dreierkette umgestellt wurde, das würde ich nicht erkennen. Außer Joachim Löw, Jürgen Klopp, Ralf Rangnick und ein paar anderen (eher eine als zwei Handvoll), hat von denen, die sich in Deutschland öffentlich über Fußball äußern, kaum jemand den Hauch einer Ahnung. Das schließt einige Erstligatrainer ein, ganz im Ernst. Vor allem aber schließt es so gut wie alle jener Kommentatoren ein, die sich auf allen Sendern tummeln, welche sich ihrerseits nicht zu schade sind, diesen den Lebensabend zu finanzieren. Oliver Kahn war schon ein einigermaßen überschätzter Torwart, aber seine Analysefähigkeit, zumal in der Kombination mit Frau Müller-Hohenstein (die sich intern dem Vernehmen nach "KMH" nennen lässt), unterbietet seine Strafraumbeherrschung noch um ein Vielfaches. Nicht zu reden von jemandem wie Peter Neururer. Oder Thomas Strunz, von dessen Kommentaren eine Zeitlang jedermann aus völlig unerfindlichen Gründen begeistert war. In diesem Fall mommt noch hinzu, dass sich niemand daran zu stören scheint, dass er im Hauptberuf Spielervermittler ist. Diesbezügliche Interessenkonflikte schienen aber schon weder den VfL Wolfsburg noch RW Essen davon abzuhalten, ihn als Sportdirektor (u.a. für Spielerverpflichtungen zuständig) zu stören.
Wie gesagt, ich sage nicht, ich durchblickte das alles viel besser als die von mir kritisierten so genannten Experten (oben übrigens wirklich nur die Schneeflocke auf der Spitze des Eisbergs). Aber schauen Sie sich doch nur eine einzige wirkliche Spielanalyse im englischen oder irischen Fernsehen an, da lernt man mehr über Fußball, als Udo Lattek während 500 Sendungen "Doppelpass" mit Jörg "Aber lassen Sie uns da nochmal nachhaken" Wontorra vor lauter Frühschuppen vergessen hat...

Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton der F.A.Z.