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Bendtners Unterhose oder das Willkür-Regime der Uefa

19.06.2012, 12:42 Uhr

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Nachdem der Ärger über das Uefa-Weltbild mit einer gewissen Verspätung nun auch dessen Abnehmer bei ARD und ZDF erfasst hat, nachdem Tom Buhrow sogar in den „Tagesthemen” die lustige Löw-Episode mit dem Balljungen erwähnt und mannhaft zu Protokoll gegeben hat, sein Sender habe gegen diese Vortäuschung falscher Live-Tatsachen protestiert, nachdem selbst Béla Réthy gestern Abend darauf hinwies, dass Bilder brennender Feuerwerkskörper im kroatischen Block mit höchsteigenen ZDF-Kameras aufgezeichnet worden seien – nachdem das Ganze also schon fast das Ausmaß einer Staatskrise erreicht hat, da weiß man längst, dass trotz dieser Betriebsgeräusche nichts weiter passieren wird.

Die Uefa hat das gelobt, was sie für Besserung hält, was man aber nicht mit einer einfallsreicheren, weniger reflexhaft-eventfixierten und stärker journalistisch interessierten Bildregie verwechseln sollte. Sie will keine Konservenbilder mehr dazwischen schneiden oder sie zumindest als solche kennzeichnen. Aber ändern wird sie nichts Grundlegendes, weil sie letztlich doch in dem Irrglauben lebt, sie habe  mit der Europameisterschaft ein Produkt, eine Ware geschaffen, an der sie sämtliche Vermarktungsrechte besäße und die sie nach Gusto bewerben darf und so präsentieren darf, wie es ihr gefällt. Dass diese Fiktion (wie auch bei der Strategie der Fifa) funktioniert, das hat natürlich mit der absoluten Willfährigkeit der nationalen Fußballverbände sowie, im Fall der Übertragungsrechte, der Fernsehsender zu tun, die dann mal ein bisschen protestieren wie ARD und ZDF, aus deren sehr ermäßigten journalistischen Standards sich jedoch keine Gründe gegen das Uefa-Weltbild gewinnen lassen.

Und es ist deshalb auch sehr interessant, was die Uefa tut, wenn sie in ihren beinahe schon totalitär anmutenden Kontrollstrategien gestört wird. Der dänische Stürmer Niklas Bendtner, sicher nicht der sympathischste Spieler der Welt, musste das erfahren, als er beim Torjubel den Bund seiner Unterhose zeigte, was einem nun nicht so schlimm vorkommt, da jeder dritte Jugendliche ihn auch täglich vorzeigt, ohne dass sittliche Verwahrlosung drohte. Auf Bendtners Bund allerdings hatte sich ein irischer  Wettanbieter verewigt. Dafür, befand irgendeine Uefa-Instanz, müsse Bendtner 100 000 Euro Strafe bezahlen und werde ein Pflichtspiel gesperrt.

Es ist völlig egal, was Bendtner dazu bewog, sich so zu präsentieren; ob die Hose nun ein Glücksbringer war oder bloß ein Geldbringer. Die Anmaßung der Uefa, ihn dafür in diesem Unmaße zu „verurteilen” oder zu „bestrafen” – ich sträube mich ein wenig, diese Begriffe zu benutzen, weil sie in einem Rechtsstaat ihren angemessenen Ort haben, aber nicht in den willkürlich anmutenden Entscheidungen eines Vereins, der weit davon entfernt ist, eine öffentlich-rechtliche Institution zu sein -, diese Anmaßung zeigt, wie es der Verband mit Transparenz, öffentlicher Moral, Glaubwürdigkeit und vor allem mit seiner Geschäftidee hält.

Da röhrt Uefa-Präsident Michel Platini, der den langen Weg vom Ausnahmefußballer zum ordinären Funktionär erfolgreich zurückgelegt hat, zwar wohlfeil gegen rassistische „Arschlöcher” in Kroatien, es wird dann sicher irgendwann auch verhandelt und bestraft wie im Falle Russlands – doch der Umgang mit Niklas Bendtner zeigt, worum es der Uefa in Wirklichkeit geht: um den Schutz der lukrativen Werbeverträge, der wohlwollenden Kunden und der eigenen Rendite, aber nicht um den Fußball und schon gar nicht um eine auch noch so blässliche politische Haltung. Und es hat dabei seinen ganz eigenen Charme, wie blendend Platini sich mit den Angehörigen des obskuren ukrainischen Regimes und der dazu gehörenden Oligarchenschar versteht, weil die dem Geschäftsgebaren der Uefa deutlich mehr Verständnis entgegen bringen.

 
 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
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0 sorbas17 20.06.2012, 06:55 Uhr

Dieser Blog spricht mir aus...

Dieser Blog spricht mir aus der Seele. Die UEFA tritt auf wie ein internationaler Gerichtshof, um sich die eigenen Einnahmen zu sichern. Erstaunlich ist nur, warum kaum jemals ein Betroffener den Gang zu einem ordentlichen Gericht gewagt hat. Es kann nur daran liegen, dass die Verfilzung zwischen UEFA und den nationalen Verbänden schon soweit fortgeschritten ist, dass jeder, der vor einem ordentlichen Gericht gewinnt, trotzdem letztlich der Verlierer ist und sich der Macht der Verbände beugen muss. Wie sehr die Verbände dieses Willkürspiel der UEFA bis zur Absurdität mitspielen, zeigen die klaglos hingenommen gegen sie selbst verhängten Strafen, wenn sogenannte Fans Feuerwerkskörper zünden. Die UEFA ist als Ausrichter, Vermarkter, Abkassierer usw. der EURO 2012 auch für ordenliche Einlasskontrollen in den Stadien zuständig. Jetzt versagt die UEFA und bringt trotz sündteuerer Tickets keine vernüftigen Einlasskontrollen zustande. Dafür zahlen die nationalen Verbände Strafen und applaudieren fast noch dafür.

Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.