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Die Verzweiflung des VfL…

08.04.2013, 14:01 Uhr  ·  ...Bochum und des Trainers Peter Neururer, der nach mehr als drei Jahren Arbeitslosigkeit den Club vor dem Abstieg in die Dritte Liga retten soll. Kann das gut gehen?

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Diese Meldung gehört ganz klar in die Rubrik: Nachrichten, mit denen ich in diesem Leben nicht mehr gerechnet hatte. Und vielleicht auch nicht in einem anderen Leben. Peter Neururer heißt der neue Trainer des VfL Bochum, und wer das für einen Witz hält, der kann ruhig alle möglichen seriösen Quellen prüfen.

Wie verzweifelt muss man sein in Bochum? Oder, anders gefragt: Ist der Markt der arbeitslosen Trainer wirklich so leer gefegt, dass man die zwar halbwegs traditionsgesättigte, aber deshalb nicht unbedingt perspektivreiche Lösung gewählt hat? Ob Jens Todt, der zusammen mit Trainer Karsten Neitzel in die Wüste geschickt wurde, Neururer verpflichtet hätte, braucht man jetzt nicht mehr zu fragen. Reicht es als Kriterium wirklich, dass der VfL der einzige Club ist, bei dem Neururer länger als zwei Jahre im Amt bleiben konnte, nämlich von Ende 2001 bis zum Sommer 2005?

Mir liegt es fern, schlechte Sprüche über Neururer  in die Welt zu setzen, dessen Trainingsmethoden ich nicht kenne aus eigener Anschauung, auch wenn ich hier und da gelesen habe, sie könnten schon seit einiger Zeit ein Update ganz gut vertragen. Ich frage mich nur, ob der Mann sich mit diesem Job einen Gefallen tut. Er muss so verzweifelt sein wie der VfL Bochum, und diese Liaison der Verzweifelten ist vermutlich nicht belastbar.

Mir war Peter Neururer, den ich immer für eine große Nervensäge gehalten hatte, vor kurzem durch den Artikel im „Spiegel“ fast sympathisch geworden, weil da ohne übliche „Spiegel“-Häme von einem Mann erzählt wurde, in dessen Tag ein gewaltiges Loch klafft, das kein Golfspiel und kein Clubhausgeplauder mit anderen arbeitslosen Ex-Fußballern stopfen kann; einem Trainer ohne Team, der in jeder zweiten Expertenrunde und Stammtischtalk auf Sport1 so verlässlich präsent ist wie das Senderlogo in der oberen Bildschirmecke, weil er die Leere so schwer erträgt, welche in dreieinhalb Jahren Arbeitslosigkeit zum Begleiter wird, der sich einfach nicht abschütteln lässt.

„Diese Freizeit, die war für mich Stress in den letzten Jahren“, hat Neururer jetzt im Interview gesagt, womit er indirekt den Herzinfarkt, den er im Juni 2012 erlitt, auf den Mangel an Beschäftigung schiebt – was sogar sein mag, aber nicht den Umkehrschluss erlaubt, er sei nun umso besser dem Stress auf der Trainerbank gewachsen. Das muss sein Arzt wissen. Aber es ist ja eben nicht nur eine Frage der körperlichen Fitness.

Als leidgewohnter Fan von Arminia Bielefeld wünsche ich einem Club wie dem VfL Bochum natürlich, dass er wenigstens die 2. Liga halten kann; die Entscheidung für Peter Neururer jedoch kommt mir dabei so hilfreich vor wie jener Kamikaze-Einsatz der Arminia, die 2009 angesichts des drohenden Abstiegs aus der Bundesliga für ein Spiel Jörg Berger verpflichtete. Er war vom 19. bis zum 24. Mai 2009 Trainer. Peter Neururer wird es wohl ein paar Tage länger sein, aber die Folgen dieses Engagements werden garantiert noch viel länger anhalten.

Mich erinnert das, was die Bochumer Verantwortlichen da machen, an einen Satz des Detmolder Dichters Christian Dietrich Grabbe, den der Philosoph Adorno besonders gerne zitierte: „…und nichts als nur Verzweiflung kann uns retten”. Mir hat dieser Satz nie eingeleuchtet. Und fußballtauglich ist er erst recht nicht.

 
 

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Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.