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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Für alle, die’s genau wissen wollen: In diesem Blog blicken wir tiefer in Börsen und andere Märkte - meist mit wissenschaftlicher Hilfe

Meine Lieblingsökonomen

| 14 Lesermeinungen

Hier folgt eine kleine Aufzählung von aktiven Ökonomen, deren aktuelle Arbeiten derzeit mein Denken über Finanzmärkte, Banken, Geldpolitik und Globalisierung beeinflussen. Von Gerald Braunberger.

Von Gerald Braunberger

Der Wirtschafts- und Finanzjournalismus kann erheblich von der Arbeit von Ökonomen profitieren. Hier folgt eine kleine Aufzählung von aktiven Ökonomen, deren aktuelle Arbeiten derzeit mein Denken über Finanzmärkte, Banken, Geldpolitik und Globalisierung beeinflussen und dadurch Anlass zu Artikeln in der F.A.Z. gegeben haben. Die Auswahl ist subjektiv (auch wenn alle Genannten in ihrer Zunft hohes Ansehen genießen), in keiner Weise vollzählig, kann sich jederzeit ändern und sollte zudem zeigen, dass mich als Journalist an den Publikationen von Ökonomen Erkenntnisse und interessante Fragestellungen interessieren, aber keine Glaubensbekenntnisse und ideologisch oder politisch motivierte Pirouetten. Für Hinweise auf spannende Arbeiten anderer Ökonomen auf den genannten Fachgebieten bin ich jederzeit dankbar.      

Hyun Song Shin - Foto: ShinHyun Song Shin (Princeton)

Das Spezialgebiet des Koreaners ist die moderne Finanztheorie. Er hat – zum Teil zusammen mit Co-Autoren – in den vergangenen Jahren viel über die Funktionsweisen moderner Finanzmärkte publiziert. Shin hat sich dabei unter anderem mit der Wirkung von Geldpolitik auf Banken und Finanzmärkte, den Folgen einer expansiven amerikanischen Geldpolitik für den Rest der Welt, mit Regulierungsfragen und mit Expansionsstrategien internationaler Banken befasst. Über die Beschäftigung mit der volkswirtschaftlichen Rolle von Bankbilanzen hat Shin die Bedeutung von Geld- und Kreditmengen für die ökonomische Analyse wiederentdeckt. Stellvertretend für seine Arbeiten ist hier ein mit Tobias Adrian verfasster Beitrag genannt: „Financial Intermediaries and Monetary Policy„. Mein Kollege Philip Plickert und ich haben Shin vor einigen Monaten für die F.A.Z. interviewt. Zuletzt habe ich Teile seiner Mundell-Fleming-Lecture in der F.A.Z. vorgestellt. (An dieser Stelle vielen Dank an Otmar Issing, der mich dazu anregte, Shins Arbeiten zu lesen.)

Raghuram Rajan - Foto: Verena MüllerRaghuram Rajan (Chicago)

„Fault Lines“ gilt zurecht als eines der besten Bücher über die Finanzkrise. In ihm interessiert sich der Inder, der einige Jahre Chefökonom des Internationalen Währungsfonds war, weniger für Finanzprodukte und Finanztechniken, sondern eher für das amerikanische Wirtschafts- und Sozialmodell, dessen Ausprägungen Potential nicht nur für Reichtum, sondern auch für Krisen mit sich bringen. Legendär wurde Rajans Auftriit auf der geldpolitischen Konferenz von Jackson Hole im Jahre 2005, als er die Gefahr einer Krise als Folge einer expansiven amerikanischen Geldpolitik beschwor, während die meisten anderen Tagungsteilnehmer dem scheidenden Fed-Chairman Alan Greenspan huldigten. Rajans Spezialgebiet ist das Finanzwesen. Hier hat er zuletzt ein interessantes Papier über die Entstehung hoher Verschuldung in armen und reichen Ländern durch das Zusammenspiel kurzsichtiger Regierungen mit den Finanzmärkten analysiert. Sein Co-Autor ist Viral Acharja (New York), einer der führenden internationalen Experten der Bankenregulierung, dessen Arbeiten auf diesem Gebiet ebenso lehrreich sind wie jene von Markus Brunnermeier (Princeton) oder Jan Krahnen (Frankfurt).

Dani R Dani Rodrik - Foto: Rodrikodrik (Harvard)

In Fragen der Globalisierung und der wirtschaftlichen Entwicklung bietet der aus der Türkei stammende Harvard-Ökonom immer wieder eine erfrischende, weil zum Teil auch kontroverse Lektüre. Rodriks Grundeinstellung gegenüber Globalisierung und Freihandel lautet: „Ja, aber…“ Rodrik sieht den prinzipiellen wirtschaftlichen Vorteil von Freihandel (deshalb eignet er sich nicht als Stichwortgeber für Globalisierungsgegner), aber er fragt sich, welche Folgen Freihandel in unterschiedlichen Kulturen und Ländern mit unterschiedlicher institutioneller Ausgestaltung besitzt. In seinem jüngsten Buch „Das Globalisierungs-Paradox“ vertritt Rodrik die provozierende These, dass Demokratie, Nationalstaat und Globalisierung nicht zwingend vereinbar seien. (Hier eine Rezension.) Noch aktueller ist ein auf der Konferenz in Jackson Hole 2011 vorgetragenes Papier, das sich mit der wirtschaftlichen Konvergenz zwischen reichen und ärmeren Ländern befasst und in dem Rodrik die Vorstellung eines raschen Einholens Amerikas und Europas durch China und andere Schwellenländer für wenig wahrscheinlich hält. Rodrik sieht den gegenwärtigen Aufholprozess Chinas durch das starke Wachstum der Industrie befördert, aber er glaubt nicht, dass China die gegenwärtigen Wachstumsraten durchhalten kann. Mit der Bedeutung von institutionellen Regeln für langfristige Wachstumsprozesse befasst sich auch Daron Acemoglu (MIT), einer weiterer türkischer Ökonom, der an einer amerikanischen Elite-Universität lehrt.

Claudio Claudio BorioBorio (Bank für Internationalen Zahlungsausgleich)

Wer sich für Untersuchungen der internationalen Finanzmärkte interessiert, kommt an den Arbeiten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel nicht vorbei. Claudio Borio gehört zu jenen Ökonomen, die seit Jahren die Interaktion von Geldpolitik und Finanzmärkten untersuchen. Schon vor der Krise stand er der Auffassung, Geldpolitik habe sich nicht um Finanzstabilität zu kümmern, kritisch gegenüber. Zwei jüngere Arbeiten habe ich in der F.A.Z. kürzlich in einem Überblicksartikel über moderne Forschungen zur Geldpolitik verarbeitet. Die BIZ steht nicht alleine: Man findet auch in den Publikationslisten von Zentralbanken wie der EZB oder der Fed immer wieder interessante Beiträge, zum Beispiel von Marcel Fratzscher (EZB) oder Tobias Adrian und Gauti Eggertsson (bei New York Fed).

Volker Wie Volker Wieland - Foto: Wielandland (Frankfurt)

Ja ja, wird mancher Leser denken: Frankfurter unter sich. Sicherlich ist es für einen F.A.Z.-Journalisten angenehm, dass in rund 3 Kilometer mit dem „House of Finance“ der Goethe-Universität ein Forschungsschwerpunkt für Makroökonomik und Finanzmärkte existiert. Und es steht auch außer Frage, dass Wieland die Entwicklung des „House of Finance“ mit geprägt hat. Meine Erwähnung an dieser Stelle gilt aber eher seinen Arbeiten zur Geldpolitik sowie zur Rolle der Finanzpolitik in der aktuellen Krise: Zwei Beispiele hier und hier. Mir gefällt Wielands Ansatz gegenüber der modernen Makroökonomik. Er sieht ihre Probleme und arbeitet an ihnen, verdammt aber nicht gleich eine ganze Forschungsrichtung in Bausch und Bogen.

 

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14 Lesermeinungen

  1. Mein Lieblingsökonom ist ein...
    Mein Lieblingsökonom ist ein Historiker. Peter F. Drucker. Der Vater des modernen Managements. Ihm gelang die kluge Zusammenführung von Mikroökonomie, Geschichte und gesunder Menschenverstand. Wohl keiner hat die Managergeneration in den 70er und 80er so beeiflusst wie er.
    http://stockpress.de/2010/09/30/peter-drucker-der-grose/
    Übrigens, zudem ein großartiger Mensch zudem.

  2. @Iberges
    Die Ökonomie ist...

    @Iberges
    Die Ökonomie ist keine exakte Naturwissenschaft, sondern (wie Jura, Soziologie, Politilogie, Publizistik, Anthropologie etc.) eine Sozialwissenschaft: Gegenstand der Untersuchung ist der Mensch, die Beziehungen zwischen Menschen, die menschliche Gesellschaft und das Verhalten von Menschen.
    Und solange wir annehmen, dass Menschen einen freien Willen haben, dürfen wir uns auch nicht wundern, dass sie sich manchmal anders verhalten was wir vorher gedacht hätten.
    Darum hört die Ökonomie aber nicht auf, eine Wissenschaft zu sein
    .
    Abgesehen davon wäre es natürlich trotzdem ganz nett, wenn die Finanzmärkte neben dem Weltfrieden auch sichere Nachschubwege stabile Preise für Grundnahrungsmittel garantieren könnten.
    .
    http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/drogenkonsum-heroin-erobert-osteuropa-11529666.html

  3. Danke für die Auzählung und...
    Danke für die Auzählung und Auflistung dieser aktiven Ökonomen, deren aktuelle Arbeiten derzeit, wie erwähnt, das Denken und wohl einen Mainstream im Denken über Finanzmärkte, Banken, Geldpolitik und Globalisierung beeinflussen und deren Anstöße auch in die F.A.Z und in die FAS fließen. Da habe ich noch einiges zu lesen. Dennoch ein wenig Nachdenklichkeit: Wie oft wurde, auch in jüngster Zeit, die „Wissenschaft der Okonomie“ durch die Realität in Frage gestellt. Wie viele falsche und richtige „Gurus“ wurden eines Besseren belehrt. Wie wenige Vorhersagen erfüllten sich überhaupt!? Wieso entstanden die Finanzkrisen im Wesentlichen ohne echte Vorhersage?

  4. Immer wieder auffällig ist,...
    Immer wieder auffällig ist, das Ökonomen mit Lob überschüttet werden, die eine Entwicklung richtig vorausgesagt haben. Das rückt sie immer in die Nähe von Astronomen. Ob sie da vielleicht auch hingehören?
    Es ist mir auch ein Rätsel, dass Ökonomen, schon seit vielen vielen Jahren, völlig unterschiedliche Rezepte zur Lösung wirtschaftlicher Probleme & Krisen haben. Physiker und Chemiker sind da schneller in ihrem Metier, und selbst Mediziner finden nach 20 oder 30 Jahren einen Konsens wie bestimmte Krankheiten behandelt werden müssen (was nicht ausschließt, dass sie weiterforschen).
    Okönomen haben überhaupt keinen Konsens, wie die Eurokrise aktuell zeigt.
    Und in 5 Jahren wird der gelobt, der es korrekt vorausgesagt hat.
    Man sollte aufhören, die Wirtschaftswissenschaft eine Wissenschaft zu nennen.

  5. Wer wissen will, wo die...
    Wer wissen will, wo die Finanzkrise herkommt, sollte sich bei Ludwig von Mises erkundigen. Nur gibt es von dem kein aktuelles Foto.

  6. Mein Lieblingsökonom ist der ...
    Mein Lieblingsökonom ist der charismatische Ex-Komiker Helge „Doc“ Schneider, den man den Mitlesenden gewiss nicht erst vorstellen muss: Die genialen geldpolitischen Maßnahmen („Helgonomics“), mit denen er 2008 als Chef der Federal Reserve das Vertrauen der Märkte ins sich selbst und den Dollar wiederherstellte (Bold Potential Yellow Investor’s Beautification Progam, Weekend Junk Xerox Tender, um nur die bekanntesten zu nennen), haben ihm weltweit den Ruf einer charismatischen Heilsfigur eingebracht. (Siehe de.indymedia.org/2008/09/227991.shtml)
    Umso merkwürdiger ist es, dass seine in den USA so erfolgreichen Methoden zur Geldwertstabilisierung (insbesondere: de.indymedia.org/2008/228041.shtml)
    von der community und den Qualitätsmedien im altne Europa totgeschwiegen werden. Dabei könnte Europa sie jetzt dringender gebrauchen als jemals zuvor.
    Dass ausgerechnet ein Jazz-Musiker aus dem Ruhrpott, der mit einem idiotischen Lied vom „Katzenklo“ berühmt wurde, die Patentlösung („die finanztechnische Entsprechung der Kernfusion“) gefunden haben soll, wie man gleichzeitig in beliebiger Menge Geld drucken und trotzdem die Währung stabil halten kann, nagt offenbar schwer an der Eitelkeit der Top-Ökonomen. Helges Idee gründet einerseits auf der historischen Erfahrung von 1923, dass eine Währung nicht unbedingt an Edelmetall oder Luft gekoppelt sein muß, sondern auch Roggen, Hafer und Rhabarber als Garantiegüter in Frage kommen, und andererseits auf den strategischen Vorteilen, die sich aus dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr ergeben. Fügt man beides zusammen, ist die Lösung verblüffend einfach: Der Koks-Standard: Die Zentralbank garantiert jedem Wirtschaftssubjekt, seine Euronen zu einem festen Kurs und den bekannten Schalteröffnungszeiten gegen sauberes Kokain einzutauschen. So bleibt nicht nur das Vertrauen in die Währungsstabilität erhalten, sondern auch die überflüssige Geldmenge wird aus den Banktresoren in Rekordzeit abgesaugt. Der einzige gravierende Nachteil des Koks-Standards ist darum auch die akute Deflationsgefahr. Dennoch erwarten zahlreiche Experten, dass die europäischen Politiker an diesem Instrument nicht vorbeikommen wird.

  7. Interessieren könnte Sie...
    Interessieren könnte Sie vielleicht auch die Dissertation von Heike Minich über Inflationsunterschiede in einer Währungsunion (http://www.peterlang.com/download/datasheet/62564/datasheet_262014.pdf). Mir scheint die Frage jedenfalls entscheidend für die Möglichkeiten eines Fortbestehens des Euro zu sein.

  8. @ trauringegoldschmiede

    QE...
    @ trauringegoldschmiede
    QE and QE2 (total USD 1,9 TRILLION?) were a very expensive flop – the Fed, Geithner panicked imo, and the US economy still won’t get up and run.
    And now if the Republicans and Democrats don’t come up with a plan very soon – in December – to reduce US debt (currently USD18,5 TRILLION, of which
    USD 6,5 T was run up by GWB, spent on wars and sustaining the American Way of Life?) then the next crisis could well be a DOLLAR crisis.
    Btw, US public debt amounts to 18% of USD GDP whereas currently Eurozone public debt amounts so far to only 2,7% of Eurozone GDP. Right?

  9. <p>In der Tat haben...
    In der Tat haben amerikanische Wissenschaftler häufig sehr stark die US Perspektive im Blick, die für die Bewältigung der Krise in Europa aufgrund der gänzlich anderen Ausgangssituation nur bedingt geeignet ist. In Europa mahlen die Mühlen nun mal anders und im Zweifel langsamer. Das sieht man u.a. an der Entscheidungsfindung, wie sie derzeit beim Rettungsschirm stattfindet. In diesem Zusammenhang sind die Ratschläge von US Ökonomen nur eingeschränkt sinnvoll. Dennoch Raghuram Rajan ist ein ausgezeichneter Ökonom und seine Vorhersagen waren sehr treffend!

  10. <p>Meine Lieblingsökonomen...
    Meine Lieblingsökonomen sitzen nicht in den USA. Ich bin für die Soziale Markwirtschaft und diejenige Oekonomen die aus Deutschland berichten haben auf mich einen sehr guten Eindruck gemacht. Die Reportagen sind immer sehr gründlich recherchiert.
    MfG
    fionn (CH/ZG)

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