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Fazit – das Wirtschaftsblog

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Das Faszinierendste aus Wirtschaft und Finanzen. Prägnant beschrieben und kenntnisreich analysiert von Autoren der F.A.Z. und der Sonntagszeitung.

Bücherkiste (1): Wie uns Ökonomen vom Dunkel ins Licht führen – Anmerkungen zum neuen Buch von Sylvia Nasar

| 5 Lesermeinungen

Traditionell gilt die Ökonomik als "dismal science", als trostlose Wissenschaft. Sylvia Nasar erzählt die entgegengesetzte Geschichte: Den Ökonomen verdankt die Menschheit die Lösung "für das politische Problem der Menschheit: die Kombination dreier Dinge - wirtschaftliche Effizienz, soziale Gerechtigkeit und individuelle Freiheit" (John Maynard Keynes). Ihr Buch ist eine ermutigende Lektüre - gerade in Krisenzeiten. Von Gerald Braunberger.

Von Gerald Braunberger

“In Italien gab es unter den Borgias 30 Jahre lang Kriegszüge, Terror, Mord, Blutvergießen – und sie haben Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance hervorgebracht. In der Schweiz gab es brüderliche Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden – und was haben sie hervorgebracht? Die Kuckucksuhr.”

Aus dem Film “The Third Man”

Traditionell gilt die Ökonomik als “dismal science”, als trostlose Wissenschaft. Sylvia Nasar erzählt die entgegengesetzte Geschichte: Es ist dem Genius von Ökonomen zu verdanken, dass die Lösung “für das politische Problem der Menschheit: die Kombination dreier Dinge – wirtschaftliche Effizienz, soziale Gerechtigkeit und individuelle Freiheit” (John Maynard Keynes) für viele Menschen verwirklicht werden konnte. Ihr Buch ist eine ermutigende Lektüre – gerade in Krisenzeiten.

Keyn Sylvia Nasar: "Grand Pursuit"es und Agatha Christie, Ho-Tschi-Minh und Hayek, Dickens und Darwin, Schumpeter und George Bernard Shaw, Virginia Woolf und Beatrice Webb: Es ist eine weite, bunte und unterhaltsame Zeit- und Ortsreise, in die Sylvia Nasar die Leser ihres neuen Buches “Grand Pursuit: The Story of Economic Genius” mitnimmt. Sie beginnt in London, führt in die nordenglischen Arbeiterreviere des 19. Jahrhunderts ebenso wie in die Weiten des nordamerikanischen  Westens, nach Cambridge diesseits und jenseits des Atlantiks, nach Versailles, Kairo, Bretton Woods, Moskau und Washington, ins lebensfroh-zukunftsängstliche Wien des “Fin de siècle” ebenso wie ins gedemütigte Wien der frühen zwanziger Jahre und schließlich ins zerstörte Wien des Jahres 1945. Der Leser ahnt: Hier wartet nicht eine zwar weise, aber auch trocken geschriebene Geschichte ökonomischer Dogmen aus der Feder eines graubärtigen, gebeugt gehenden Gelehrten. Hier wartet eine Geschichte voller Leben, die immer wieder vorübergehend vom geraden Hauptweg abweicht, weil die Autorin von der Lust am Erzählen gepackt wurde.

Sylvia Nasar hat Wirtschaftswissenschaften studiert und als Wirtschaftsjournalistin gearbeitet. Seit einigen Jahren besitzt sie eine Professur für Journalismus in New York. Nasar ist in der Öffentlichkeit vor allem als Autorin der vielgerühmten Biografie des Nobelpreisträgers John Nash (“A Beautiful Mind”) hervorgetreten. Die Verfilmung des Buches wurde mit vier Oscars ausgezeichnet. Ausweislich der umfangreichen Liste der verwendeten Literatur und der Interviewpartner muss sie mehrere Jahre lang engagiert an ihrem neuen Buch gearbeitet haben. 

Nasar meistert zumindest die Grundlagen des Fachs, wie sich alleine an ihrer Fähigkeit zeigt, den Kern wichtiger Theorien in eine einfache, für interessierte Laien verständliche Sprache herunterzubrechen, wie man sie weiß Gott nicht in allen Lehrbüchern antrifft. Der unbefangene Blick der nicht im Elfenbeinturm beheimateten Außenseiterin erlaubt ihr, aus dem Werk berühmter Geister nur das herauszunehmen, was sie für ihre Arbeit benötigt. Dass durch diese Gewichtung mancher Ökonom etwas anders erscheint als in den üblichen Dogmengeschichten, muss nicht per se als Schwäche betrachtet werden. Was schadet ein frischer Blick auf alte Meister? Dass eine bewusst einseitige Schilderung mancher Gelehrter möglicherweise eine kaum verborgene politische Agenda transportieren soll, verlangt jedoch zumindest ein kritisches Hinterfragen. Kaum Nachsicht verdienen eine Reihe von Fehlern in Details, von denen jeder für sich hinnehmbar sein mag, die in ihrer Fülle irritieren. Nicht von der Verfasserin, sondern vom Verlag verantwortet wird ein zu grober Schnitt der Seiten – eigentlich sollte saubere Buchherstellung kein Geheimnis mehr sein.

Zum Inhalt: Nasar vertritt die Ansicht, dass die Geschichte der Ökonomik als einer Wissenschaft, die nicht im Dunkel verharrt, sondern ins Licht führt, an die Erkenntnis der umstürzenden Dynamik des Kapitalismus für das Leben aller Menschen gebunden ist. Diese Erkenntnis verortet sie mit Verweis auf Dickens und Marx etwa auf die Mitte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien und dementsprechend beginnt ihre farbenfrohe Geschichte im London jener Zeit. Damit fallen Klassiker wie Adam Smith, David Ricardo, Thomas Malthus und selbst noch John Stuart Mill als Männer von gestern aus ihrer – wie man sieht: freihändig komponierten – Geschichte gleich zu Anfang heraus. Nicht, dass diese Männer inkompetent gewesen seien, aber sie schrieben nach Nasars Wahrnehmung in einer Zeit geringer wirtschaftlicher Dynamik. Damit taugten ihre Theorien nur für eine statische und nicht für eine dynamische Welt. (Wir kennen mindestens eine Handvoll ehrwürdiger Professoren, die an dieser Stelle entrüstet in die Höhe fahren, in ihrer Bibliothek nach Ricardo greifen und sich die deprimierende Frage stellen dürften: War alles vergeblich?)

Der erste Teil des Buches, “Hope” genannt, beginnt mit Alfred Marshall, dem nach Nasars Ansicht ersten modernen Ökonomen. Diese Einschätzung mag jedem Studenten, der Marshall nur aus mikroökonomischen Lehrbüchern kennt, wunderlich erscheinen. Aber Nasar stellt auf andere Aspekte dieses britischen Ökonomen ab: auf seine Unterscheidung von kurz- und langfristigen Analysen, wobei seine langfristigen Analyse die durch innovativen Wettwerb unterstützten langfristigen Entwicklungspotentiale des Kapitalismus erkennt sowie Marshalls Neigung, durch das Studium der Lebensbedingungen in den Arbeiterrevieren den Sinn von Sozialpolitik früh erkannt zu haben. In diesem Zusammenhang erwähnt Nasar Marshalls Vertrautheit mit den deutschenÖkonomen der Historischen Schule.

Das nächste Kapitel ist den britischen Sozialreformern Beatrice und Sidney Webb, den Gründern der “Fabian Society”, gewidmet, in dem Nasar eingehend die Verwandlung der Unternehmertochter Beatrice Potter in jene Beatrice Webb schildert, die sich das Schicksal der armen Schichten zu eigen macht und darüber den Reformer Webb ehelicht, an dem sie, wie sie ihm vor der Heirat offen mitteilt, nur der Kopf interessiert. Die Herausstellung der Webbs, deren Bedeutung für Großbritannien nicht geleugnet werden soll, als Verkünder der Notwendigkeit von Sozialpolitik, zeigt die Verankerung der Autorin in der Geschichte der englischsprachigen Welt. Ein deutscher Autor hätte vermutlich eher auf Lorenz von Stein, Otto von Bismarck und die Kathedersozialisten abgestellt, vielleicht auch auf die Raiffeisen-Bewegung.

Abgeschlossen wird “Hope” mit zwei Kapiteln über den amerikanischen Ökonomen Irving Fisher, dem Nasar die Erkenntnis der Bedeutung stabilen Geldes sowie wichtige Erkenntnisse über Zins und Kapital zubilligt. (Auch da ließen sich Vorläufer finden, aber Fisher war fraglos ein sehr bedeutender Mann und überdies Amerikaner, was für ein zunächst für ein amerikanisches Publikum verfasstes Buch nicht unerheblich sein mag.) Schließlich tritt der junge Joseph Schumpeter auf, dessen recht kurzen Aufenthalt in Kairo Nasar eingehend schildert, wobei sie das Ägypten des frühen 20. Jahrhunderts als Brennglas für die Ausprägungen der ersten Globalisierung nutzt. Diese Passagen gehören zu den faszinierendsten des gesamten Buches. Eingeführt wird Schumpeter natürlich als Herold des schöpferischen Unternehmertums, das nicht von der Kontrolle von Raum oder Rohstoffen abhängt, sondern von der Entwicklung innovativer Gedanken, die zu Effizienzsteigerungen und damit zum Wohl der gesamten Wirtschaft führen. Am Ende des ersten Teils hat Nasar mit

1. der Erkenntnis von der segensreichen langfristigen Dynamik der Wirtschaft, die von
2. Wettbewerbsmärkten,
3. stabilem Geld und
4. innovativen Unternehmen unterstützt wird,
sowie
5. mit der Erkenntnis der Notwendigkeit begleitender Sozialpolitik

wesentliche Elemente jenes “ökonomischen Genius” zusammen, die von der Dunkelheit ins Licht führen.

Allein, diese Elemente genügen nicht, wie der zweite, “Fear” genannte Hauptteil des Buches erläutert. Er behandelt den Ersten Weltkrieg, der die Vorkriegsordnung nachhaltig erschütterte, die unruhige Zwischenkriegszeit und den Zweiten Weltkrieg – sprich, es geht um die Zeit von kurz vor Versailles bis kurz vor Bretton Woods. Neben Fisher und Schumpeter, die weiterhin tragende Rollen behalten, treten nun John Maynard Keynes und Friedrich von Hayek hell ins Scheinwerferlicht, ergänzt um ein paar Nachwuchskräfte wie die Keynes-Adepten Joan Robinson und Richard Kahn. Breiten Raum gibt die Autorin Versailles und der Rolle von Keynes, der aus Wut über die verheerende Rachsucht der Führer der Alliierten die Konferenz verließ, um sein berühmtes Buch “The Economic Consequences of the Peace” zu schreiben. Mit feinem Gespür für die gelegentliche Ironie der Geschichte erzählt Nasar, wie Keynes mit der britischen Delegation in den feinen Räumen des an den Champs-Elysées gelegenen Luxushotels Majestic residierte, während gleichzeitig in der Küche des Hotels ein junger Mann namens Ho-Tschi-Minh – der Jahrzehnte später Revolutionsführer des sozialistischen Vietnams wurde – Hilfsdienste verrichtete.

Noch eingehender als Versailles schildert Nasar die Vorgänge in Österreich. Hier lässt sie den Leser an der Rückkehr des ernüchterten Weltkriegssoldaten Friedrich von Hayek von der Front nach Wien teilhaben. Die katastrophalen Zustände in Österreich schildert sie dann ausführlich anhand der unruhigen Biografie Schumpeters, der als Finanzminister und als Bankier Schiffbruch erlitt. Die extravagante Persönlichkeit Schumpeters verlockt Nasar zur Erwähnung von dessen legendärer Kutschfahrt: Um das verbliebene Wiener Establishment zu schockieren, ließ sich Schumpeter bei einer Fahrt im offenen Wagen von zwei stadtbekannten Edelprostituierten, einer Blondine und einer Brünetten, begleiten. Ausgespart bleibt dagegen das für Schumpeters damalige Denkweise fraglos bedeutendere, ebenfalls legendäre Gespräch mit Max Weber über den Bolschewismus in einem Caféhaus, in dessen Verlauf der wutentbrannte Weber davon stürmte, obgleich Nasar die Quelle für dieses Gespräch, Felix Somarys hochinteressante Lebenserinnerungen, an anderen Stellen mehrfach zitiert.

Überhaupt lebt dieser Teil des Buches trotz oder vielleicht wegen der Düsternis der Zeit von kleinen Episoden. So schildert Nasar die völlig kritiklose Begeisterung der alternden Beatrice Webb für den Stalinismus auch noch in der Zeit der von millionenfachem Mord begleitenden Säuberungen. Als Keynes, der über Webbs Ansichten entsetzt war, gebeten wurde, zum 80. Geburtstag der alten Dame einen Aufsatz zu verfassen, lehnte er mit der Feststellung ab: “Ich könnte nur einen Satz schreiben: Mrs. Webb ist es im Unterschied zu sowjetischen Politikern gelungen, 80 Jahre alt zu werden.” Letztlich scheint es eine These Nasars zu sein, die grundlegenden ökonomischen Erkenntnisse in politischen Spannungszeiten entstehen zu lassen. Das galt schon für den ersten Teil, “Hope”, in dem sich der dynamisch entwickelte Kapitalismus mit der Furcht verband, die von Marx prophezeite systemverändernde Revolution könnte vielleicht doch stattfinden. Für die Zwischenkriegszeit, vor allem für die Jahre nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, galt die Furcht vor der Systemkrise erst recht. Was immer Nasar hier über ihre vier Hauptpersonen erzählt: Am Ende bleibt nur

6. Keynes’ Überzeugung, der Kapitalismus brauche eine Dosis gesamtwirtschaftlichen Managements,
 
als einzige wichtige zusätzliche Erkenntnis zu den im ersten Teil des Buches herausgearbeiteten wichtigen Elementen einer “Ökonomik des Lichts” (der Begriff stammt nicht von Nasar, sondern vom Rezensenten) übrig, wobei Nasar Keynes gegenüber Vertretern einer umfassenden Wirtschaftsplanung klar abgrenzt.

Zu den großen Rätseln dieses Buches gehört die Frage, warum der dritte Teil, “Confidence”, der die Nachkriegsentwicklung beschreibt, deutlich abfällt. Immerhin lässt die Autorin hier weitere wesentliche Elemente einer “Ökonomik des Lichts”  aufscheinen:

7. die (angesichts des Dramas der Zwischenkriegszeit offenkundige) Notwendigkeit internationaler Kooperation, hier dargestellt anhand der Konferenz von Bretton Woods mit Keynes in einer bedeutenden Rolle
8. der Bedeutung freier Preise für eine Marktwirtschaft, dargestellt anhand der Überzeugungen Hayeks mit einem viel zu kleinen Schlenker in die frühe westdeutsche Nachkriegsgeschichte (in der die Autorin zur Welt kam)
9. die konsequente Ablehnung totalitärer Systeme, dargestellt anhand Hayeks “Weg zur Knechtschaft”, vor allem aber anhand der erschütternden Blindheit der ehemaligen Keynes-Schülerin Joan Robinson gegenüber den fürchterlichen Verirrungen des real-existierenden Sozialismus
10. die Ausbreitung der im Westen entwickelten Prinzipien der “Ökonomik des Lichts” in die Schwellenländer, dargestellt anhand der Entwicklung und der wichtigsten Thesen des indischen Nobelpreisträgers Amartya Sen.

Aber nicht nur ist dieser Schlussteil in Teilen uninspiriert geschrieben, mit Ausnahme der Irrungen und Wirrungen der Joan Robinson und einer einfühlsamen Beschreibung Amartya Sens. Implizit enthält dieser Teil die Aussage, dass alle anderen ökonomischen Erkenntnisse und Debatten, die seit 1945 im Westen geführt wurden, letztlich ohne große Bedeutung im Vergleich zu den grundstürzenden Erkenntnissen der Altmeister gewesen sind. Man mag diese Ansicht vertreten (und sie ist nicht ohne Reiz), aber es wäre doch lohnend gewesen, sich mit einer solchen These auseinander zu setzen.

Freilich: Wiederum indirekt besitzt Nasar schon eine Vorstellung davon, wer in modernen Zweifelsfragen am ehesten zu konsultieren sei. Sie lässt nicht zufällig in einem weiteren Kapitel als Hauptperson den jungen Paul Samuelson auftreten, der mit seinem berühmten Lehrbuch mehr zur Verbreitung einer bestimmten Version von Keynesianismus beitrug als jeder andere. Sicherlich nicht zufällig zitiert sie einen Satz des frühen Samuelson, den der spätere Samuelson in dieser Form kaum mehr unterschrieben hätte: Es handelt sich um die Feststellung, wonach es “keine technische, keine finanzielle Begründung gibt, warum eine Nation, die sich einem fanatischen Deficit spending verschreibt, diese Politik nicht bis zum Ende unseres Lebens und darüber hinaus” betreiben solle. Das mag aus einer amerikanischen Sicht nachvollziehbar sein, aber vielleicht werden eines Tages nicht nur europäische Nationen, sondern auch die Amerikaner zu ihrem Schaden feststellen müssen, dass man selbst mit den größten Kanonen daneben schießen kann. Zur Einseitigkeit passt auch die Behandlung eines bekannten Liberalen: Milton Friedman taucht lang und breit als junger Ökonom mit keynesianischen Neigungen auf (die er damals zweifellos besaß), seine spätere Kehrtwende, die nicht nur wissenschaftlich, sondern auch politisch erhebliche Folgen besaß, wird nur am Rande erwähnt.

Gleichwohl: Zur Freiheit eines Autors gehört die Auswahl seines Sujets und dessen Komposition, und Nasar hat das Recht ihre Akzente so zu setzen, wie sie es für richtig hält. Das Buch ist nicht der große Wurf, als den ihn ein Teil der bisherigen Rezensenten in der englischsprachigen Welt bezeichnet hat. Aber wer einen eigenwilligen, eher journalistisch als wissenschaftlich geprägten, fraglos sehr gut und vor allem verständlich geschriebenen Blick auf die Entwicklung ökonomischen Denkens und die Zeitläufte der vergangenen 160 Jahre werfen will, ist mit diesem Buch nicht schlecht bedient.

Silvia Nasar: Grand Pursuit. The Story of Economic Genius. New York 2011 (Simon & Schuster). 576 Seiten. Listenpreis: 35 Dollar

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5 Lesermeinungen

  1. @g.mayer
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    Es freut mich, dass...

    @g.mayer
    .
    Es freut mich, dass Sie mir zustimmen!
    .
    Trotzdem ist der Artikel ein gutes Beispiel dafür, dass auch in einer soliden Buchrenzension das Faszinierendste aus der Welt der Wirtschaft und Finanzen prägnant beschrieben und kenntnisreich analysiert werden kann.

  2. Vielleicht hätte ein Hinweis...
    Vielleicht hätte ein Hinweis darauf, dass und warum die Ökonomie ein Kind der praktischen Philosophie ist, das Buch abgerundet. Zu Adam Smith fällt heute vielen nur die Frage ein, wieso er als Moralphilosoph “etwas über Wirtschaft” schrieb. Entgegen vielen heutigen Missverständnissen ergäbe dieser Ansatz auch eine Argumentationsbasis dafür, dass es uns trotz aller Richtungsdifferenzen und Vorlieben letztlich immer noch um das gute Leben im besten platonischen Sinn geht. – Und er gäbe uns einen Grund, bei der Beurteilung z.B. des Euro- und Bankenthemas die alten Gräben auf der Suche nach einer zeitgemäßen Theorie zu verlassen. Ich gebe gerne zu, dass ich in dieser Problematik zur Zeit auch kaum Systematisches erkennen kann. Mit den zahlreichen, divergierenden Ansichten der Fachkommentatoren bin ich damit aber in guter Gesellschaft.
    Zu meinem Fast-Namensvetter: Ja, über Sinn oder Unsinn der Bankenrettung würde ich auch gerne noch mehr Fundiertes lesen um mir eine abschließende Meinung zu bilden. Dass eine Kritik an diesem doch erheblichen Staats-Eingriff kommunistisch motiviert sein soll, leuchtet mir nicht ein. Die von Herrn Schäuble angedachte Reaktivierung des Soffin wurde – so war es vorhin in der Printausgabe der FAZ zu lesen – von den Liberalen prompt als freiheitsbeschneidend zurück gewiesen. Als Steuerzahler darf man sich dagegen schon einmal über eine finanzielle Zwangsbeatmung von privaten Akteuren ärgern, die jetzt als systemrelevant erkannt wurden, sich andererseits und in besseren Zeiten aber jede Einmischung verbitten. Als “Bank” dagegen steht man dumm da, wenn vormals sicher geglaubte Staatsanleihen jetzt Ramsch sind und, weil abzuschreiben, die Eigenkapitalbasis gefährden. – Oder hätte das Risikomanagement intern den griechischen Braten riechen müssen? Wie gesagt: das Thema ist noch nicht befriedigend ausdikutiert.

  3. Ein anderer wichtiger Denker,...
    Ein anderer wichtiger Denker, den man vielleicht bald wieder entdecken wird, war Francois Quesnay, der Begründer der physiokratischen Schule.
    .
    Man könnte sagen, dass die Physiokraten so etwas waren wie die “Keynesianer des 18. Jahrhunderts”, weil sie als erste die Austeritäts-Dogmen des Merkantilismus und der Kameralistik überwanden — und insbesondere darauf hinwiesen, dass die Korn und Lebensmittel produzierenden Bauern selbst genug davon abbekommen müssen und nach Möglichkeit auch alphabetisiert werden sollten: Je besser es der Landbevölkerung geht, so argumentierte Quesnay, umso schneller wird sie sich und damit auch ihre Wirtschaftsleistung vermehren.
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    Als erster Ökonom überhaupt begriff Quesnay die Wirtschaft als Kreislauf und skizzierte so etwas wie ein Schema der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung.
    .
    Bei alledem zog Quesnay die Notwendigkeit (“Systemrelevanz” würden wir heute sagen) einer ansonsten ökonomisch funktionslosen feudalen Grundbesitzerkast niemals in Zweifel, während er ein Bankensystem für überflüssig hielt.

  4. Lieber Herr...
    Lieber Herr Braunberger,
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    herzlichen Dank für die schöne Buchrezension! Neben Adam Smith hätte vielleicht auf Friedrich List erwähnt werden können, der ja in gewisser Hinsicht vielleicht so etwas war wie ein Vorläufer der “Globalisierungskritiker”, der sich schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts GEdanken machte, wie sich rückständige Länder aus ihrer kolonialen oder halbkolonialen Abhängigkeit befreien können.
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    Daneben gestatten Sie mir vielleicht auch noch folgende Bemerkung: Ich finde es trotz allem ein wenig befremdlich, dass Sie und Ihre Kollegen zum derzeit politisch hochbrisanten Thema der Bankenrettung sich bislang noch nicht richtig geäußert haben, während im Feuilleton dazu fast täglich Artikel erscheinen.
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    Wollen Sie der kommunistischen Kritik an der Bankenrettung nicht doch irgendwann eine vernünftige Argumentation entgegensetzen, warum gerade die Lehre von der freien (bzw. der neuen sozialen) Marktwirtschaft die Rettung der BAnken aus Steuermitteln verlangt?
    .
    Die Dankbarkeit aller Leistungsträger und FAZ-Leser wäre Ihnen gewiß!
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    Mit freundlichem Gruß —
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    (Donnerstag, 8. Dezember, 18 Uhr 08)

  5. Zustimmung. Frau Nasar kann...
    Zustimmung. Frau Nasar kann wirklich sehr gut schreiben und es gelingt ihr, eine lesenswerte Tour de Force durch zwei Jahrhunderte Wirtschaftsgeschichte. Einen großen Wurf der Geschichte der Ökonomik schreiben zu wollen, ist sowieso vermessen und ich denke nicht, dass Frau Nasar dies beabsichtigt hat. Alles in allem sehr lesenswert und nach der Lektüre des Buches hat man Lust auf mehr. (Und man sollte auch mehr zu diesem Thema gelesen haben.)
    Ebenfalls Zustimmung zu den handwerklichen Fehlern des Buches. Die Bindungstechnik ist derart schlecht, dass ich mir ernsthaft überlegt habe, nicht doch auf die Paperback-Version zu warten. Soll wohl ein Antiquitäten-Gefühl erzeugen, ist aber letztendlich nur nervig und sieht schlampig aus.
    Was mir ebensowenig eingeht: warum schreiben anerkannt schlaue Leute immer “Hapsburg” für die Habsburger? Das ist schon in Reinhart/Rogoffs Buch so und ist aus europäischer Sicht einfach ziemlich peinlich. Warum das die Verlage auch nicht merken, verstehe ich auch nicht.
    Dennoch: für die Weihnachtstage ein gutes Buch!

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