Fazit – das Wirtschaftsblog

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Aufruhr in der Ordnungsökonomik! – Lars Feld kritisiert Altvordere und formuliert ein Programm

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Lars Feld ist als Professor für Wirtschaftspolitik in Freiburg, Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage ("Fünf Weise") und als Leiter des Eucken-Instituts in Freiburg einer der wichtigsten deutschen Ökonomen. Nun stellt er mit ungewöhnlicher Deutlichkeit die Defizite der jüngeren deutschen Ordnungsökonomik heraus. Von Gerald Braunberger

Von Gerald Braunberger 

Lars Feld ist als Professor für Wirtschaftspolitik in Freiburg, Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage („Fünf Weise“) und als Leiter des Eucken-Instituts in Freiburg einer der wichtigsten deutschen Ökonomen. Für das Eucken-Institut hat er mit seinem Mitarbeiter Ekkehard A. Köhler ein hoch interessantes Papier „Zur Zukunft der Ordnungsökonomik“ verfasst, das eine weite Verbreitung verdient und in der Zwischenzeit in der Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik erschienen ist. Darin skizziert Feld mit seinem Co-Autor nicht nur ein modernes Forschungs- und Arbeitsprogramm. Er stellt auch mit einer ungewöhnlichen Deutlichkeit die Defizite der jüngeren deutschen Ordnungsökonomik heraus. Die nachfolgende Zusammenfassung (mit wenigen eigenen Anmerkungen in Klammern) kann und soll nicht die Lektüre des Originalpapiers ersetzen.

1. Feld & Köhler (hiernach kurz als „Feld“ bezeichnet) beginnen mit der unter anderem von Herbert Giersch betonten Bringschuld der Ökonomen, die den Bürger über wirtschaftspolitische Zusammenhänge zu informieren haben. Mit Verweis auf Giersch und Karl Popper erwähnen sie aber auch die Möglichkeit eines „Wissenschaftsversagens“, das unter anderem durch „holistische Ansprüche“, die nicht einlösbar seien und häufig nur ideologische Standpunkte kaschierten, zustande kommen könne: „Die Wirtschaftswissenschaften können daher, wenn sie ernst genommen werden sollen, nicht die einzig gültige Wahrheit verkünden, sondern müssen zwischen empirisch fundierten Klugheitsargumenten abwägen…“ Hierzu bedürfe es eines Pluralismus der Methoden.

2. Feld stellt die These auf, dass die deutsche Ordnungsökonomik gerade im Moment ihres vermeintlichen Sieges, des Zusammenbruchs des real existierenden Sozialismus, ihre Zukunft für lange Zeit verspielt habe. Sein Argument ist ein methodisches: Er erinnert daran, dass es zuvor in den Wirtschaftswissenschaften allgemein akzeptiert gewesen sei, wirtschaftspolitische Handlungsempfehlungen durch externe Werturteile zu legitimieren. Für die Ordnungsökonomik verweist er auf Walter Euckens bekannte konstituierende Prinzipien der Wettbewerbsordnung als „Referenznorm“. Allerdings hätten spätestens zeitgleich mit dem Untergang des Sozialismus immer mehr Ökonomen von normativen Ansätzen in der Wirtschaftspolitik Abstand genommen, was unter anderem zu mehr empirischen Arbeiten Anlass gegeben habe. Diese Entwicklung, so Feld, sei an der Ordnungsökonomik vorüber gegangen: „In dieser Diskussion wurde jedoch weder eine methodische Reflexion angelegt, noch der Weiterentwicklung und Modernisierung des traditionellen Ansatzes der Ordnungsökonomik nähere Beachtung geschenkt…Dieser Umstand verzögerte die Modernisierung der Ordnungsökonomik erheblich und könnte ein Grund dafür sein, warum der jüngste Methodenstreit in der bekannten Art und Weise ausufern konnte.“ (Peter Bernholz hat in einem ähnlichen Zusammenhang vor einiger Zeit beklagt, dass die deutsche Ordnungsökonomik es versäumt habe, die in Amerika entwickelte und mittlerweile mit Nobelpreisen ausgezeichnete Mechanism-Design-Theorie angemessen zur Kenntnis zu nehmen.)

3. Feld lässt als frühen Kronzeugen seinen Doktorvater Gebhard Kirchgässner (Sankt Gallen) auftreten – und das ist nicht ohne Pikanterie. Denn Kirchgässner hatte Ende der achtziger Jahre einen extrem kritischen Aufsatz über die Ordnungsökonomik veröffentlicht, der heftige Repliken der Angesprochenen zur Folge hatte. Feld schreibt: „Kirchgässners Kritik setzt insbesondere am normativen Anliegen der traditionellen Ordnungsökonomik an. Wenngleich viele Beiträge vordergründig werturteilsfrei gehalten seien, sei ihnen eine ‚kryptonormative‘ (alle Zitate innerhalb dieses Zitats sind von Kirchgässner) Argumentation zu Eigen, da wesentliche Argumente nicht als Werturteile gekennzeichnet seien, sie aber dennoch wertenden Charakter hätten. Wenn Werturteile in ordnungspolitischen Argumentationen so selbstverständlich verwendet würden, erwecke dies den Eindruck, dass hier ein überlegenes Wissen zur Verfügung stehe. Letztlich lehne sich die Ordnungsökonomik damit an die Figur des wohlmeinenden Diktators der Wohlfahrtsökonomik an und vernachlässige die theoretische Analyse politischer Prozesse. Die Ordnungsökonomik bleibt dadurch hinter dem Erkenntnisstand der Neuen Politischen Ökonomik zurück… Derart ‚dogmatische Diskussionen‘ kenne man nur aus der ‚Theologie, wo sie sicherlich ihren Platz haben‘ . Dies ’spreche […] für dessen Begründer, Eucken, aber nicht unbedingt für seine Nachfahren. Es könnte eher ein Indiz dafür sein, daß eine Weiterentwicklung dieser Theorie seit seinem Tode nicht mehr stattgefunden hat.‘. Dadurch tendierten Ordnungsökonomen dazu, in den ‚Ruf nach dem starken Mann‘ einzustimmen, der den ‚Mut zu einer langfristig angelegten Politik‘ aufbringt, um das ordnungspolitische Programm umzusetzen.“ Das war starker Tobak.

4. Die Zukunft der Ordnungsökonomik sieht Feld in einer größeren Nähe zur stark institutionenökonomisch geprägten Neuen Politischen Ökonomik, zu der unter anderem die Public-Choice-Theorie gehört, und zur Verfassungsökonomik Buchanans, die nicht zuletzt der frühere Leiter des Eucken-Instituts, Viktor Vanberg, nach Deutschland importiert hatte. Die gelegentlich vertretene Auffassung, die Grundlagen der deutschen Ordnungsökonomik und die Grundlagen der Verfassungsökonomik Buchanans seien in methodischer Sicht unvereinbar, teilt Feld nicht: „Die Ordnungsökonomik kann theoretisch und empirisch unter Berücksichtigung des institutionellen Umfelds untersuchen, wie gemeinsame Bürgerinteressen berücksichtigt werden können, um eine reagible demokratische Wirtschafts- und Staatsordnung auszugestalten. Diese Neuorientierung kann vom Ausgangspunkt der Rawls’schen Primärdefinition von Demokratie begonnen werden, wenn man ein demokratisches Gemeinwesen ‚als ein Unternehmen der Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil‘ (Rawls) versteht.“ Man könne auch von einer „Bürgergenossenschaft“ sprechen. „Wird die Ordnungsökonomik entlang des Kriteriums der Bürgersouveränität neu ausgerichtet, wird auch die alte freiheitliche Grundidee erneut in den Vordergrund gerückt, den Bürger zum Subjekt des politischen Prozesses und zum Souverän des Gemeinwesens zu ermächtigen.“

5. Die Vorstellung des Staates als „Bürgergenossenschaft“ wirft unter anderem die Frage nach der Rolle der Demokratie auf. Hier bezieht sich Feld wieder auf Kirchgässner und gemeinsame empirische Arbeiten: „Institutionen der direkten Demokratie könnten ein erhebliches Gegengewicht gegen den Einfluss von Interessengruppen auf die Politik bilden und so die positiven Ordnungsvorstellungen der Freiburger in einem Abstimmungstest legitimieren. Diese Argumente sind im Sinne der Verfassungsökonomik, da die Bürger in ihrer legitimatorischen Funktion institutionell berücksichtigt werden: ‚Gerade die Stärkung und nicht die Verringerung der demokratischen Rechte könnte somit zu Ergebnissen führen, wie sie von den Vertretern der Ordnungstheorie gewünscht werden‘ (Kirchgässner).“ (Demgegenüber thematisieren viele Hayekianer Probleme der Demokratie, die aus falschen Entscheidungen von Mehrheiten entstehen können. Nicht zufällig hat sich Kirchgässner schon vor vielen Jahren sehr kritisch gegenüber Hayeks Verfassungsmodell geäußert; so wie es angesichts einer Präferenz für die Neue Politische Ökonomik wohl auch kein Zufall ist, dass Hayek in Felds Text nur einmal kurz erwähnt wird.)

6. Eine Breitseite wie seinerzeit Kirchgässner feuert Feld im Rückblick auf Kombattanten des vor wenigen Jahren ausgetragenen „Methodenstreits“ ab, in dem er keine der beiden Parteien unterstützt hatte: „Der neuere Methodenstreit in der deutschen Volkswirtschaftslehre war längst überfällig, weil die Perspektiven zur Weiterentwicklung der Ordnungsökonomik – wie zum Beispiel die Überführung des traditionellen Forschungsprogramms der Freiburger Schule in die Verfassungsökonomik – nicht hinreichend wahrgenommen worden sind. …Analysiert man die Hauptaussagen dieses Methodenstreits auf die Frage hin, was die Ordnungsökonomik zukünftig zu leisten hat, stellt man fest, dass die Kritik der achtziger Jahre sowie die Weiterentwicklung der Ordnungsökonomik hin zur Verfassungsökonomik weit über das hinausgehen, was im jüngsten Methodenstreit geliefert wurde. Es wird wohl unbeantwortet bleiben, wie der jüngste Methodenstreit so losgelöst von dieser Debatte geführt werden konnte, deren gemeinsamer Nenner allenfalls in der notwendigen Berücksichtigung von Institutionen zu finden ist. Vermutlich liegt dies daran, dass sich die Ordnungsökonomen selbst mit dieser Diskussion nicht beschäftigt haben.“ Von seiner Kritik nimmt Feld ausdrücklich Vanberg und Kirchgässner aus. Kirchgässner hatte in einem Betrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vor einem „deutschen Sonderweg“ gewarnt. Wer Institutionenökonomik einfordere und dieses Ziel mit dem Ordoliberalismus verbinde, sollte darüber im Klaren sein, dass jene dort behandelten Fragen im Rahmen der modernen Institutionenökonomik bereits ausführlich diskutiert würden. (Die mehrfache Würdigung seines Vorgängers Vanberg beim Eucken-Institut ist auch nicht ohne „Geschmäckle“: Es hat nämlich in der jüngeren Vergangenheit deutsche Ordnungsökonomen gegeben, die hinter vorgehaltener Hand herablassend bemerkten, Vanberg sei ja „nur“ studierter Soziologe und nicht Ökonom. Überflüssig zu bemerken, dass Vanberg viele Jahre in Amerika mit dem Nobelpreisträger Buchanan gearbeitet und publiziert hat und ein Veröffentlichungsverzeichnis besitzt, das so manchen Vergleich mehr als locker aushielte.)

7. Zur Arbeitsweise einer erneuerten Ordnungsökonomik stellt Feld klar, dass Mathematik und empirische Arbeiten nicht alles sind, aber zur modernen Ökonomik gehören: „Die Frage nach der methodischen Ausrichtung der Ökonomik, insbesondere der Ordnungsökonomik hat viele Facetten. Natürlich wird ein Argument nicht dadurch überzeugend, dass es formal mathematisch vorgebracht wird. Aber die Mathematik ist eine Sprache, die aufgrund ihrer logischen Stringenz sehr viele Vorteile dahingehend hat. Sie zwingt Wissenschaftler, ihre Argumente auf Widerspruchsfreiheit und Konsistenz zu überprüfen sowie die Voraussetzungen für die Gültigkeit ihrer Hypothesen genau zu benennen. Es gilt jedoch, dass ein gutes Argument nicht notwendigerweise mathematisch vorgebracht werden muss. Es lässt sich trefflich ohne Mathematik theoretisieren… Will die Ökonomik ihre Bringschuld gegenüber der Gesellschaft einlösen, sollten Ökonomen in der Lage sein, ihre Argumente auch allgemein verständlich vorzubringen…Für jede Form der Theorie in den Realwissenschaften, die sich mit lebensweltlichen Phänomenen im weiteren Sinne befassen, ist es jedoch notwendig, im Popperschen Sinne falsifizierbar zu bleiben und gleichzeitig am Wissenschaftsmarkt bestreitbar zu sein. Gerade für eine überzeugende empirische Prüfung von Hypothesen sind mathematisch-statistische Methoden sehr hilfreich. Obwohl die Komplexität wirtschaftlicher Phänomene hinsichtlich der empirischen Analyse zu Vorsicht und Bescheidenheit mahnt, bleibt die empirische Überprüfung ordnungsökonomischer Hypothesen eine zentrale Herausforderung für die Ordnungsökonomik.“

Damit hat Lars Feld einen Stein in den ordnungsökonomischen See geworfen. Welche Wellen wird er erzeugen?

Als Ergänzung eignet sich vielleicht ein vor längerer Zeit von mir in der F.A.Z. über die Historie der Ordnungsökonomik verfasster Artikel. Er belegt, dass schon in den fünfziger Jahren junge deutsche Ökonomen wie Herbert Giersch und Rudolf Richter die Ordnungsökonomik wegen ihrer starken Prägung durch Werturteile anstatt durch Theorien zurückwiese

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3 Lesermeinungen

  1. Rüdiger Bachmann (Aachen)...
    Rüdiger Bachmann (Aachen) kritisiert die öffentliche Kritik an der VWL:
    http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,807029,00.html
    Die Ordnungsökonomik wird am Rande erwähnt:
    „Ich will nicht ausschließen, dass es an einigen deutschen Unis noch marktgläubige Ordoliberale der alten Schule gibt, die das FDP-Grundsatzprogramm herunterbeten – und das als ihre Aufgabe und als Wissenschaftlichkeit ansehen. Aber die Demografie sollte dieses Problem eigentlich weitgehend erledigt haben.“

  2. Update: Mein...
    Update: Mein Handelsblatt-Kollege Olaf Storbeck hat sich mittlerweile auch mit dem Papier von Feld/Köhler befasst:
    http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/01/09/hat-die-ordnungsokonomik-noch-eine-zukunft/

  3. "Obwohl die Komplexität...
    „Obwohl die Komplexität wirtschaftlicher Phänomene hinsichtlich der empirischen Analyse zu Vorsicht und Bescheidenheit mahnt…“
    Wieso „obwohl“? So wie sich der Sachverständigenrat in den letzten Jahren in eine offensichtliche falsche Politikberatung bezüglich eindimensionaler kreditfinanzierter Wachstumspolitik verrannt hat, ist „Komplexität wirtschaftlicher Phänomene“ genau das, was dieser Politikberatung an grundlegender theoretischer und methodischer Berücksichtigung fehlte.

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