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Die Ökonomik des Suizids

| 2 Lesermeinungen

Katholiken bringen sich weniger häufig um als Protestanten. Sie kalkulieren mit der Hölle. Der Sonntagsökonom von Werner Mussler

Von Werner Mussler

Das hat uns gerade noch gefehlt: eine ökonomische Theorie des Suizids. Sie ahnen, worauf sie hinausläuft: Das rationale Individuum wägt ab, ob Selbsttötung seinen Nutzen steigert oder nicht – und handelt entsprechend. Es wird genug Kritiker geben, die dieses neue Beispiel als endgültigen Beleg dafür nehmen, dass der ökonomische Imperialismus in den Sozialwissenschaften seine Grenzen erreicht hat – der Erklärungsmöglichkeiten wie des guten Geschmacks.

Illustration: Alfons HoltgreveNun können manche Ökonomen bekanntlich fast jedem Aspekt menschlichen Verhaltens ihren Homo oeconomicus als Erklärungsmodell überstülpen. Kriminalität, Religion, Ehe, Sex, Terrorismus, Wohltätigkeit: Was immer die Akteure tun, sie tun es, weil sie ihren Nutzen maximieren wollen. Sie wägen rational ab, ob eine Handlungsoption ihren Nutzen erhöht oder nicht, und handeln entsprechend. Zumindest wenn man an den Homo oeconomicus glaubt. Eine Theorie freilich, die jedes Verhalten (ex post) damit erklären kann, dass es nutzensteigernd wirkt, ist schnell inhaltsleer. Die experimentelle Ökonomik hat denn auch den Homo oeconomicus empirisch entzaubert. Und dennoch: Er bleibt ein simples und deshalb attraktives Modell.

So kann es nicht überraschen, dass es eine ökonomische Theorie des Suizids gibt. Und es überrascht auch nicht, dass sie auf zwei Veteranen des ökonomischen Imperialismus zurückgeht: Auf Gary Becker, der den Nobelpreis 1992 für seine „Ausdehnung der mikroökonomischen Theorie auf einen weiten Bereich menschlichen Verhaltens“ erhalten hat, und auf Richard Posner, den Mitbegründer der ökonomischen Analyse des Rechts.

Die Theorie ist denkbar simpel: Individuen vergleichen den erwarteten Nutzen des (Weiter-) Lebens mit dem des (durch eigene Hand zugefügten) Todes. Wenn Letzterer größer als Ersterer ist, begehen sie Selbstmord. Es lässt sich wahrlich darüber streiten, welchen Sinn das Modell hat. Einerseits ist es mehr als mutig zu behaupten, Suizid lasse sich überhaupt in Kategorien der Rationalität erklären. Aus medizinischer Sicht ist er Folge einer Depression, also einer Krankheit, die nichts mit rational und irrational zu tun hat. Andererseits erklärt das Modell sogar dann kaum etwas, wenn man sich auf die Prämisse einlässt, die Selbsttötung sei Ergebnis einer rationalen Entscheidung: Was ihren erwarteten Nutzen beeinflussen könnte, bleibt nämlich offen. Dieser Gedanke ist der Ausgangspunkt einer Studie der Ökonomen Sascha Becker und Ludger Wößmann, die sich seit längerem mit dem Einfluss der Konfessionen auf menschliches Verhalten beschäftigen. Ihre These lautet, kurz gefasst: Protestanten begehen eher Suizid als Katholiken. Genauer formuliert: Dass der Suizid einen positiven Nettonutzen stiftet, ist bei Protestanten wahrscheinlicher als bei Katholiken.

Das bedarf der Erläuterung. Die erste Überlegung der Ökonomen lautet, dass sowohl das Weiterleben als auch der Tod einen positiven Nettonutzen stiften können. Für Protestanten wie für Katholiken beruht der potentielle Nutzen des Todes darauf, dass es ein Leben danach gibt – aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Nach katholischer Lehre kann der Gläubige durch gute Taten Einfluss auf seinen „Eintritt in den Himmel“ (Becker und Wößmann) nehmen, seine Sünden kann er sich dagegen im Bußsakrament vergeben lassen. Der Suizid ist für den Katholiken im doppelten Sinne eine Todsünde: Der Katechismus der katholischen Kirche stuft den Verstoß gegen das fünfte Gebot („Du sollst nicht töten“) als Todsünde ein, welche – ohne vollkommene Reue und Buße im Bußsakrament – die Höllenstrafe nach sich zieht. Weil die Gewährung dieses Sakraments im Fall der Selbsttötung per Definition nicht (mehr) möglich ist, ist der Selbstmörder nach diesem Verständnis auf dem direkten Weg in die Hölle. Der erwartete Nutzen eines Suizids ist für gläubige Katholiken also (prohibitiv) negativ.

Nach protestantischer Lehre hängt es dagegen einzig von Gottes Gnade ab, ob der Mensch in den Himmel kommt. Dieser kann sich die himmlische Gnade nicht nur nicht erkaufen, sondern auch nicht „erdienen“. Das bedeutet umgekehrt, dass ein Suizid auf sein Seelenheil keine Auswirkung hat. Becker und Wößmann verweisen auf Karl Barth: In seiner Dogmatik seien Fälle denkbar, in denen Gott die Selbsttötung geradezu verlange und in denen der Mensch im Frieden mit Gott Suizid begehen könne. Das mache es plausibel, dass sich Protestanten eher umbringen als Katholiken.

Die beiden Ökonomen haben ihre Vermutung empirisch überprüft. Sie greifen dabei auf Datenmaterial aus Preußen im 19. Jahrhundert zurück, das nicht nur genaue Angaben zu den Konfessionsanteilen in den jeweiligen Kreisen, sondern auch exakte Suizidstatistiken enthält. Die durchschnittliche Suizidrate unter Protestanten betrug demnach 18,4 je 100 000 Einwohner, unter Katholiken nur 6,5. Becker und Wößmann filtern in ihrem empirischen Modell andere Einflussfaktoren auf die Suizide wie klinische Ursachen oder Klima- und Wettereinflüsse aus. Deshalb lässt sich – zumal bei den signifikant unterschiedlichen Zahlen – ein eindeutiger kausaler Zusammenhang zwischen Konfession und Selbstmordrate herstellen.

Diesen Zusammenhang gibt es wohl tatsächlich. Es ist freilich nicht ersichtlich, warum man den Homo oeconomicus braucht, um ihn herzustellen. Mehr als fraglich bleibt, ob sich Suizid als rationale Entscheidung modellieren lässt. Auch wenn die Konfessionen unterschiedliche Einstellungen zur Selbsttötung hervorbringen: Diese verdichten sich wohl eher zu einer Art implizitem Wertekanon als zu einer rationalen Abschätzung potentieller Höllenqualen. Überhaupt schwindet der Einfluss der christlichen Lehre auf menschliches Verhalten – hätten Becker und Wößmann ihr empirisches Material im beginnenden 21. Jahrhundert gesucht, wären ihre Ergebnisse nicht so signifikant ausgefallen – mangels religiöser Überzeugungen.

Gary S. Becker, Richard A. Posner: Suicide: An Economic Approach, University of Chicago.

Sascha O. Becker, Ludger Wößmann: Knocking on Heavens Door? Protestantism and Suicide, CESIfo Working Paper No. 3499, Juni 2011.

Der Beitrag ist der Sonntagsökonom aus der F.A.S. vom 15.1.2012.

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2 Lesermeinungen

  1. Ist aber wieder typisch für...
    Ist aber wieder typisch für eine bestimmte Tricky-Ökonomie: wenn man es sich erspart, bestimmte andere Zusammenhänge zu berücksichtigen, kommt der Zusammenhang „signifikant“ heraus, den man gerne „beweisen“ wollte.

  2. Ach, ein Suizid ist also immer...
    Ach, ein Suizid ist also immer die Folge einer (geistigen) Erkrankung? Und es ist also vollkommern irrational, dass man z.B. bei unheilbarer, beginnender Demenz oder anderen unheilbaren Krankheiten auf die Idee kommt, dass ein Ende mit Schrecken besser ist, als ein Schrecken ohne Ende? Der Autor möge bitte sein Urteil auf nichterwähnte Prämissen und ideologische Vorurteile abklopfen. Eine Selbsttötung ist mitnichten per se irrational. Der unbedingte Selbsterhaltungs- und Überlebenswille dagegen ist tatsächlich irrational.
    Gruss,
    Thorsten Haupts

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