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Die Zeitbombe der Bundesbank

02.02.2012, 20:45 Uhr  ·  Fast 500 Milliarden Euro sind als Target-Kredite in die Euro-Peripherie geflossen. Die Risiken steigen. Der Sonntagsökonom von Philip Plickert

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Fast 500 Milliarden Euro sind als Target-Kredite in die Euro-Peripherie geflossen. Die Risiken steigen. 

Von Philip Plickert

Noch mehr Kredite für angeschlagene Euroländer? EU-Währungskommissar Olli Rehn hält mehr öffentliche Hilfen für das praktisch insolvente Griechenland für nötig. Deutschland ist nicht begeistert. Kaum ein Bürger weiß aber, dass es neben den Kreditpaketen für Griechenland, Irland und Portugal sowie über die EZB-Anleihekäufe hinaus noch weitere Kapitalhilfe für die Euro-Peripherie gibt, einen heimlichen Megatransfer. Dieser ist seit Ausbruch der Krise auf mehr als eine halbe Billion Euro angeschwollen. Kein Parlament, kein Finanzminister hat diese Summe je genehmigt.

Illustration: Alfons HoltgreveDas Geld fließt still und ungefragt über die europäische Plattform zum grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr namens Target-2. Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und inzwischen Italien sind die größten Kreditnehmer. Sie stehen beim Euro-System inzwischen mit mehr als 500 Milliarden Euro in der Kreide. Umgekehrt hat die Bundesbank nun Forderungen an das Euro-System in fast dieser Höhe. Langsam beginnt man sich Sorgen zu machen, was das für Risiken beinhaltet. Sollte zum Beispiel Griechenland aus dem Euro ausscheiden, was immer mehr Ökonomen für nicht ausgeschlossen halten, bliebe die Bundesbank auf fragwürdigen Forderungen über zig Milliarden Euro sitzen, die zum Teil nur fragwürdig abgesichert sind. Es drohten ihr in diesem Fall hohe Verluste.

Target steht für “Trans-European automated real-time gross settlement express transfer system”. Dahinter verbirgt sich das sekundenschnelle Abwicklungssystem für grenzüberschreitende Zahlungen innerhalb des Euroraums, das über die Europäische Zentralbank (EZB) läuft. Ein Beispiel für seine Funktionsweise: Wenn ein Grieche ein deutsches Auto kauft, überweist seine Bank das Geld nach Deutschland. Diese Überweisung geschieht über das Target-System: von der griechischen Notenbank über die EZB an die Bundesbank, die es an die Bank des Verkäufers weiterleitet.

Fast alle Länder der Euro-Peripherie haben sehr hohe Leistungsbilanzdefizite. Sie importierten mehr Waren und Dienstleistungen, als sie exportierten. Dem standen aber – bis zur Krise – hohe Kapitalflüsse aus dem Euro-Kern in die Peripherie entgegen. Wegen dieses Kreditflusses war die Zahlungsbilanz ausgeglichen, die Target-Salden pendelten um die Nulllinie. Mit Ausbruch der Krise ist plötzlich Misstrauen gegen die Peripherie aufgekommen, es fließt kein privates Kapital mehr. Damit ist die Zahlungsbilanz dieser Länder tief ins Minus gerutscht. Die Lücke schließen nun Zentralbank-Kredite. Die griechische, irische oder spanische Zentralbank versorgt die heimischen Banken mit Geld und besorgt es sich von der Bundesbank.

Daraus resultieren die hohen Forderungen der Bundesbank im Target-System. 2007, vor Ausbruch der Krise, waren es nur wenige Milliarden, doch schon Anfang 2008 stieg der Saldo über 100 Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr sprangen die Target-Kredite in großen Sprüngen knapp an die Marke von 500 Milliarden Euro, im Dezember gingen sie nur leicht zurück. Daneben sind die Niederländer mit 140 Milliarden Euro zweitgrößte Target-Gläubiger.

Fast spiegelbildlich haben sich die Target-Verbindlichkeiten der Peripherieländer entwickelt. Die griechische Zentralbank schuldet dem Euro-System mehr als 100 Milliarden Euro, Irland gut 120 Milliarden Euro, Portugal 60 Milliarden Euro, Spanien nun 150 Milliarden Euro. Das Defizit von Italien ist jüngst auf mehr als 190 Milliarden Euro geschnellt. Insgesamt haben die Zentralbanken der angeschlagenen Euroländer nach den jüngsten verfügbaren Zahlen von November mehr als 550 Milliarden Euro Kredit über das Euro-System bezogen.

Zu den schärfsten Kritikern des Systems zählt Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, der die Target-Salden als erster problematisiert hat. Target sei eine gefährliche Fehlkonstruktion: ein Selbstbedienungsladen für die Peripherie, die sich damit ihre Leistungsbilanzdefizite finanzieren lasse. Es gebe “erzwungene Kapitalflüsse” von Deutschland nach Südeuropa. Anders als in Amerika, wo die Federal Reserve regionale Ungleichgewichte korrigiere, indem sie die Salden zwischen den regionalen Feds zweimal im Jahr glattstelle, türmten sich die Ungleichgewichte im Euroraum immer höher.

Unter Ökonomen hat Sinns Kritik eine heftige Debatte ausgelöst, was die Ursachen und Konsequenzen der explodierenden Target-Salden sind. Unklar ist, ob Außenhandelsungleichgewichte oder Bankenprobleme und Kapitalflucht die treibenden Faktoren sind. Und auch die wirtschaftlichen Folgen sind nicht unumstritten. Dass es zu einer Kreditverdrängung komme und am Ende hierzulande Kapital fehle, wie Sinn kritisiert, haben andere Ökonomen verneint.

Aber im Kern hat der Ifo-Präsident völlig recht. Er legt den Finger in eine Wunde des Eurosystems. Die großen Ungleichgewichte werden durch die EZB finanziert, und die nötige Anpassung hinausgezögert. Den entscheidenden Hinweis auf die Target-Problematik erhielt Sinn übrigens vom früheren Bundesbank-Präsidenten Helmut Schlesinger, dem der Bilanzposten suspekt erschien. Schlesinger forderte im Sommer 2011 eine Obergrenze oder Strafzinsen für Target-Kredite. Sein Ruf verhallte ungehört.

Gibt es gar keine Grenze? Doch, meinen Aaron Tornell von der University of California in Los Angeles und Frank Westermann von der Universität Osnabrück – es gibt eine politische Grenze. Die Bundesbank gerät in die Klemme, weil sie – als Ausgleich für die Target-Kredite – andere Kredite verringert hat. Gold oder Devisenreserven will sie nicht verkaufen. Im Dezember sind nun die Kredite an die Geschäftsbanken an die Nulllinie gestoßen. Falls der Kapitalmarkt spüre, dass Target ausgereizt sei, könne das Euro-System zusammenbrechen, meinen Tornell und Westermann. Es könne “im Prinzip innerhalb eines Tages eine spekulative Attacke” drohen und die Währungsunion zerreißen.

Deshalb habe die EZB nun angefangen, die Geldpolitik noch expansiver zu gestalten. Wenn sich aber die Krisenländer nicht wie erhofft erholen, dann werde die Rechnung präsentiert: in Form höherer Inflation sowie hohen Abschreibungen auf die hinterlegten Sicherheiten für die Target-Kredite.

Der Text erschien am 29. Januar in der Rubrik “Sonntagsökonom” in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (4)
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0 Augenbraue 04.02.2012, 22:11 Uhr

Auf dieser Webseite wird die...

Auf dieser Webseite wird die Target2-Diskussion umfassend dokumentiert. http://www.robertmwuner.de/materialien_euro_literatur_target2.html Die Anzahl und der Inhalt der Beiträge macht klar, dass es sich um ein Problem handelt, das in der politischen Öffentlichkeit völlig unterschätzt wird. Gut und wichtig, dass sich die FAZ erneut damit beschäftigt.

1 ErnstLudwig 04.02.2012, 16:53 Uhr

Das Target-System war...

Das Target-System war ursprünglich für die Zahlungsabwicklungen zwischen den Euroländern erdacht worden als reines Verrechgnungskonto mit kurzfristigem Ausgleich. Mittlerweile wird es offensichtlich rechtswidrig zur Kreditbeschaffung eingesetzt. Die Politiker haben diese Mißgeburt erschaffen und sie hegen und pflegen sie nun als großartige Leistung. Fazit: Traue niemals einem Politiker - er ist dümmer und verschlagener als du dir vorstellen kannst.

1 tricky1 03.02.2012, 09:13 Uhr

Der vom maekeler genannte Text...

Der vom maekeler genannte Text von ifo (www.cesifo-group.de/.../1209833.PDF) sagt es auf S.9 unten klip und klar: . "Die Möglichkeit, Target-Kredite aufzunehmen, ist ein Kons- truktionsfehler des Euro als Gemeinschaftswährung, den die europäische Schuldenkrise schonungslos offengelegt hat. Sie lädt zur Selbstbedienung der kreditschwachen Mit- glieder des Euroverbunds auf Kosten der stärkeren Euro- länder ein, führt zu extrem hohen Außenschulden, verzerrt die Kapitalallokation und ..." . Es verwundert schon, dass die Euroländer bei der Einführung des neuen Währungssystems ein derartig riesiges "Schlupfloch" offen gelassen haben, denn ein Blick ins amerikanische System zeigt eine einfache und effiziente Lösung. . Einige Krisenländer haben sich in den letzten Jahren ganz offensichtlich schamlos bedient und es stellt sich sofort die Frage, warum die Finanzexperten der kreditgebenden Länder da nicht viel früher und deutlicher Alarm geschlagen haben? . Wenn es die Angst vor dem Eingeständnis eines früheren Versagens war ist es doppelt peinlich.

1 www.hendrik.maekeler.eu 02.02.2012, 22:09 Uhr

Neben den beiden Links im Text...

Neben den beiden Links im Text ist nicht zuletzt der ifo Schnelldienst 16/2011 (http://www.cesifo-group.de/portal/pls/portal/docs/1/1209833.PDF) zum Thema "Die europäische Zahlungsbilanzkrise" lesenswert. Helmut Schlesinger etwa faßt dort den Kern der Problematik so zusammen: "Es ist offensichtlich, dass für Länder mit hohen Zahlungsbilanzdefiziten der Zwang zum Abbau des Ungleichgewichts insoweit entfällt, als die Finanzierung des Defizits automatisch über das Target2-System ermöglicht wird. [...] Gleichwohl enthob die Finanzierung über Target2 lange Zeit die Defizitländer dem Anpassungszwang, der für alleinstehende Länder von den Marktkräften ausgeht. Ähnliches gilt für die Überschussländer, in denen es wegen der Zunahme der Target2-Forderungen zu keiner zusätzlichen Expansion der Geldmenge und damit zu keiner zusätzlichen Inlandsnachfrage kommt." (S. 11)

Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft in der F.A.Z.